Juli (2)

Und dann klopft es. Laut und Heftig. „Frieda? Hast du Zeit?“ Ole. Der Spuk ist vorbei. Die kleine fiese Stimme versucht sie unten zu halten, indem sie ihr zuflüstert, dass Ole nur gekommen ist um ihr zu sagen wie bescheuert er sie findet. Aber noch bevor die Stimme in ihrem Hirn richtig angekommen ist, reißt sie schon die Türe auf und Ole merkt nicht, wie das Grau nach draußen weht. Registriert es gar nicht. Steht da mit einem großen, gelben Schirm mit ADAC aufdruck. „Hast du was vor? Hast du schon was gegessen?“ Frieda merkt jetzt wie hungrig sie ist. Sie hatte nicht die Kraft etwas zu kochen oder sich auch nur eine Scheibe Brot ab zu schneiden. „Nein.“ sagt sie „ich habe nichts vor und ich habe richtigen Kohldampf.“

„Dann ist es jetzt so weit.“ Ole hält ihr den Arm hin und sie hackt sich ein. Die Katzen huschen mit nach draußen. Die Treppe runter ist es ein bißchen umständlich, aber der Weg durch den Garten ist sehr schön. So dicht an Ole, dass seine Körperwärme die kleinen Fetzen Grau, die noch in ihren Kleidern hängen geblieben sind, weg brennen. Sie gehen aus Friedas Gartentor raus und durch Oles Gartentor wieder rein. Das kleine Fenster, dass nach vorne zeigt ist hell erleuchtet. Sie gehen durch die frisch gestrichene Türe und Frieda ist sprachlos. Linker Hand ist eine kleine Küchenzeile mit Elektroherd und Beueler für heiß Wasser. So einen wie ihre Oma in der Küche hatte. Wo man das Wasser von außen kochen sehen kann. Vor dem gemütlichen Sofa steht ein Holzofen mit Scheibe, durch den man jetzt ein kleines Feuer tanzen sieht. Rechts steht ein großes Bett und direkt vor dem Bett ist eine Terrassentüre eingelassen. Wenn man sie ganz aufschiebt, liegt man sozusagen im Freien. Vor der Türe sieht sie einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen. Mehr schön als Bequem. Aber Frieda ist sehr angetan und Ole grinst sie an, als wäre das eine spezielle Überraschung nur für sie. Auf dem Herd stehen zwei Töpfe und auf dem Tisch steht eine Weinflasche, zwei bauchige Weingläser und ein dreiarmiger Kerzenständer der ein sanftes Licht verströmt. Gerade als Frieda ihre Worte wieder finden will, stößt Ole eine Türe auf und Frieda blickt in ein Badezimmer. Alles zurechtgestückelt, nichts neu. Aber ein Badezimmer. Mit Fliesen und LEDs über dem Waschbecken um sich im Spiegel ordentlich zu erkennen. Die Badewanne sieht schon recht mitgenommen aus und der Badezimmerofen hat einiges erlebt. Aber die Toilette ist aus schneeweißem, neuen Porzellan. Mit Spülkasten. Frieda ist ganz aus dem Häuschen. „Das ist so toll. Das hast du echt fantastisch zurecht geputzt. Hier fühle ich mich richtig wohl.“ „Sollst du auch.“ sagt Ole und grinst sie dabei an. Sie verlassen das Badezimmer und Ole schiebt Frieda aufs Sofa um dann in die Töpfe zu gucken. „Nudeln mit Tomatensoße?“ fragt er und Frieda nickt und ihr Magen knurrt und Ole nimmt zwei zusammenpassende Teller aus dem Schrank und füllt sie auf. Spiralnudeln. Ein Glück keine Spagetti. Er stellt den Teller vor Frieda hin und füllt auch gleich die Weingläser auf. Dann setzt er sich mit seinem Teller in der Hand direkt neben Frieda. Beide essen schweigend. Frieda merkt bei den ersten Bissen wie hungrig sie war. Das graue Loch hat alle Energie verschlungen und ein Loch im Magen hinterlassen. Sie merkt, das Ole sie beobachtet, aber auch zu sehr mit seinen Nudeln beschäftigt ist um Smalltalk zu halten. Frieda lässt sich ihren Teller noch ein mal auffüllen, bevor sie ihn leer und zufrieden auf den Tisch schiebt und sich seufzend nach hinten fallen lässt. Ole stellt die Teller weg und setzt sich wieder zu Frieda aufs Sofa. Die versucht sie Füße aufs Sofa zu ziehen. Sie hat immer noch nicht mehr an, als ihr Sommerkostüm und hat auch nicht registriert, dass sie ohne Schuhe hier rüber gegangen ist. Das war alles so aufregend und nun sitzt sie hier mit kalten und, wie sie mit Schrecken fest stellt, ziemlich schmutzigen Füssen, die sie so unmöglich aufs Sofa legen kann. Plötzlich beugt sich Ole nach vorne, greift ihre Füße und zieht sie zu sich. Hält sie warm in seinen großen Händen. Und Frieda liegt da, ausgestreckt, spürt die Wärme und würde am liebsten die ganze Nacht genau so liegen bleiben. Und Ole lässt einen Fuß los um ihr Weinglas rüber zu reichen, nimmt seins, trinkt einen Schluck, seufzt, lehnt sich zurück und hat immer noch Friedas Füße in einer Hand auf dem Schoß liegen.

„Tja, Frieda Flieder, hier lümmeln wir nun.“

„Mit einer Beinlänge Abstand.“ lacht Frieda.

„Ja, irgendwie war das ein ungeschicktes Manöver.“

„Ich finde es gerade gut so wie es ist.“

Ole trinkt noch einen Schluck „Das reicht dir also so wie es ist.“

„Jetzt gerade ja.“ sagt Frieda sanft und streckt den Arm aus um ihre Hand kurz auf Oles zu legen, die auf der Rückenlehne des Sofas liegt. Und tatsächlich. Sie fühlt sich ausgefüllt. Etwas mehr Gefühl und sie wird platzen. Ihr ganzer Körper steht unter Strom und Ole ist wie ein Magnet, aber irgendwas bremst sie beide. Denn wenn Ole jetzt irgendwas tun würde, könnte sie sich kaum wehren. Aber er tut auch nichts. Sitzt da, hält ihre schmutzigen Füße wie kostbare Handschmeichler in seinen großen, rauen und warmen Händen. Beide sitzen da und amüsieren sich über ihre Genügsamkeit und genießen das Knistern. So lange bis Frieda fast die Augen zu fallen und Ole sie dann, ohne sein Bett an zu bieten, rüber zu ihren Wagen bringt. Er hält ihre Hand, wie selbstverständlich. Vor ihrer Wagentüre nimmt er beide und sie stehen so dicht voreinander, dass Frieda kurz ihren Kopf auf seine Brust legen kann. „Du hast mich heute Abend gerettet.“ „Ja,ja.“ seufzt er „das kann ich. Die holde Jungfrau retten und dann weiß ich nicht mehr weiter.“ „Das muss eben der perfekte Moment sein.“ tröstet ihn Frieda „Wenn man so lange drauf wartet, dann muss alles stimmen. Ansonsten ist das, als wenn man fastet und als erstes eine Tüte Chips isst. Oder ein Jahr lang in ein Schweigekloster geht und das erste was man sagt ist was Gefluchtes.“ „Du hast recht Frieda Flieder.“ sagt Ole und küsst sie auf die Stirn. „Und wenn das dann zu Weihnachten unterm Mistelzweig ist, dann ist das eben so.“ Dann dreht er sich um und geht. Frieda zögert vor dem Wagen. Wartet die graue Welle da drinnen? Kommt sie jetzt vielleicht noch heftiger über sie gerollt, weil sie sich ihr eben so unverschämt entzogen hat? Aber im Wagen ist nichts. Und wenn was kommt, geht sie einfach rüber. Sie weiß, dass sie das könnte und Ole keine Fragen stellt.

Aber es ist nicht nötig. Sie fällt in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

*

Es gibt zu viele Bücher. Man kann sie gar nicht alle lesen. Und manche haben tatsächlich nur einen spannenden Umschlag. Frieda weiß meist schon während den ersten Seiten, was sie vom Rest erwarten kann und hört auf zu lesen, sobald sie merkt, dass sie nicht gefesselt werden wird. Die Phase mit den Liebesromanen nach dem Twilight Schema ist zum Glück vorbei. Vampirromane für erwachsene Frauen. Mit Titeln wie „einmal gebissen ist halb gefickt“ oder so. Frieda bekam ein paar Lektionen in Fremdschämen und konnte den Damen kaum in die Augen schauen, die ihr kichernd ihre Bücher zum bezahlen über den Tresen schoben. Genau wie die Shades of Grey Phase. Plötzlich wurden SM Romane und Anleitung zum Bondage gewünscht. Ihr Chef, der schon zu alt war um sich von dem Wechsel der verschiedensten Phasen aus der Ruhe bringen zu lassen überlegte sogar ein paar Meter Seil im Baumarkt zu holen und zusammen mit den Büchern als Bondage Set zu verkaufen. Frieda erinnert sich schmunzelnd als sie neue Bücher in die Regale einsortiert. Plötzlich stutzt sie und mit klopfendem Herzen hält sie ein Bildband in der Hand. Von Ole Sperling. Sie blättert im Buch, Tiere, Menschen, Stillleben, Stadtszenen, Dorfplätze und alles sieht wunderschön und fremd aus. Und nur ganz hinten ein kleines Foto von einem sehr, schmutzigen, viel zu dünnen und erschöpften, aber scheinbar sehr glücklichem Ole. Ihr gehen hundert Gedanken durch den Kopf. Peinlich, der erste ist das Buch zu beschädigen, damit sie es vergünstigt mit nach Hause nehmen kann. Der zweite ist das Buch zu verstecken, damit die ganzen Vampirromanfrauen ihn nicht entdecken. Nach dem dritten Gedanken stellt sie es ganz oben auf den Aufsteller mit Reiseliteratur. Daneben platziert sie einen Kaktus und eine Afrikanische Maske.

„Ich wollte das eigentlich unter Regionales stellen.“ Ihr Chef kommt um die Ecke und betrachtet ihr Werk. Frieda schaut ihn fragend an. „Regionales? Das ist ein Bildband über Afrika.“ „Ja aber der Fotograf kommt aus Halle.“ „Aber niemand der einen Bildband aus Afrika kaufen würde, guckt in diesem Regal.“ Der Chef gibt auf. „Da mögen sie wohl recht haben.“ und mit gesenkten Schultern geht er wieder nach hinten. „Herr Töpfer? Ist irgendwas?“ Schlurfend dreht er sich um. „ich frag sie nur ungern Frau Flieder, weil ich weiß, dass sie viel Zeit im Garten verbringen.“ er fühlt sich sichtlich unwohl. „Aber könnten sie vielleicht ein paar Stunden zusätzlich kommen? Meiner Frau geht es derzeit nicht gut.“ „Natürlich. Kein Problem. Was ist denn los?“ „Ach, Wasser in den Beinen und das Herz. Ich denke wir wollen uns auch bald zur Ruhe setzten.“ seufzt der alte Herr und Blickt dabei über die Buchregale. Natürlich, denkt Frieda, dass Rentenalter hat er doch schon längst erreicht. Und wirklich reich wird man mit einer Buchhandlung auch nicht. Irgendwann reicht es vermutlich. „Und was soll dann mit dem Laden passieren, wenn sie sich zur Ruhe setzten?“ Etwas niedergeschlagen schaut Herr Töpfer auf. „Wenn ihn niemand kauft, dann wird er zu gemacht. So einfach ist das. Kauft doch eh jeder viel lieber bei Amazon, und lässt es sich gleich an die Türe liefern.“ und damit tappt er müde in sein Büro. Frieda wird kurz flau im Magen. Wenn der Laden schließt, findet sie so eine Stelle nicht mehr so schnell. Das ist ihr klar. Und dabei steht sie so gerne zwischen den Holzregalen und sortiert Bücher ein. Sie würde es zwar etwas anders machen, Kaffeemaschine hin stellen, Sofa in die Ecke, Aotorenlesungen und Vorträge. Der Laden ist groß genug. Aber leider kann die Familie Töpfer sich nicht wirklich von irgendwas trennen. Frieda bezweifelt, dass es wirklich nötig ist, einen Raum, der fast genau so groß ist wie der Laden, als Lager zu benutzen. Die paar Dekosachen könnten auch oben in der Wohnung, die zum Laden gehört, gelagert werden. Aber Frau Töpfer besteht auf ein Wohnzimmer für Gut und auf zwei Gästezimmer für die Kinder, die immer an Weihnachten kommen. Sie selber nutzen nur die Wohnküche, das Fernsehzimmer und eben ein Schlaf- und Badezimmer. Die hatte Frieda allerdings noch nicht gesehen. Aber da Frieda kein Geld hat und auch keinen Kredit bekommen wird, schüttelt sie sich den Gedanken jemals einen Buchladen zu besitzen aus dem Kopf und sortiert weiter Bücher ein.

*

Schon drei Tage ohne Ole. So lange arbeiten macht unter diesen Umständen doch keinen Spaß. Wie soll denn da jemals der perfekte Augenblick zustande kommen? Wie soll der überhaupt sein? Das muss ein bißchen geplant werden, weil sie nicht so viel wirklich schöne Unterwäsche hat. Wenn sie die jetzt jeden Tag anzieht, falls der perfekte Augenblick kommt, dann kommt der womöglich erst, wenn alles getragen in der Wäschetonne liegt. Der perfekte Augenblick, ein laues Lüftchen, Blüten rieseln von den Bäumen, Friedas Beine sind rasiert und eingecremt, sie trägt die richtige Unterwäsche und die passenden Klamotten, kein Fleck und kein Fussel stört das Bild, so stellt sie sich das vor. Und sie ist schon wieder kurz davor im Drogeriemarkt halt zu machen und irgend was zu kaufen, das den perfekten Augenblick noch perfekter macht. Creme oder Puder oder Servietten. Aber sie hält nur kurz im Netto um sich Haferflocken, Sojasoße und ein Eis am Stiel zu holen. Sie schiebt ihr Rad durch die Freimfelder Straße und betrachtet Eis leckend die Graffitis, die zur Freiraumgalerie gehören. Auf halber Höhe bricht das Eis vom Stiel und fällt auf den Boden. Aber natürlich erst nachdem es über ihre Brust gerutscht ist. Seufzend schiebt sie sich den leeren Stil in den Mund um wenigstens noch Orangensaft Geschmack und schwingt sich auf ihr Rad.

Als sie ihren Lenker wieder los lässt, merkt sie wie klebrig ihre Finger sind. Beim Tor aufschließen bleibt Straßenstaub an ihren Eisfingern kleben und stirnrunzelnd betrachtet sie ihre dreckigen Pfoten. Sie schließt das Tor hinter sich und stellt ihr Rad ab. Der Ständer hält nicht, das Rad kippt um und hinterlässt eine Spur aus Kettenfett an ihrer Jeans. Sie lässt alles so liegen. Die Finger weit von sich gestreckt geht sie zur Regentonne, wo bestimmt genug Wasser drin ist um ihre Hände von den klebrigen Eisresten zu befreien. Auf Oles Seite brummt es laut. Und Ole schiebt mit konzentriertem Gesichtsausdruck einen Rasenmäher über seinen Rasen. Sein T-Shirt ist grün besprenkelt und sein Gesicht ebenso. Püriertes Gras hängt überall in seinen Barhaaren. Auch an den Beinen seiner abgeschnittenen Jeans und, wie Frieda mit Schrecken fest stellen muss, an seinen weißen Tennissocken, die viel zu weit hoch gezogen sind und viel zu hässlich in den komischen Turnschuhen aussehen. Als er sie sieht, nickt er nur kurz und schiebt den Mäher weiter über die Grünfläche. Sie kommt nah an den Zaun. Mit Kettenfett an der Hose, Eisflecken auf dem Kleid und stoppeligen, verschwitzten Achseln. Er schiebt den Rasenmäher in einer uneleganten Kurve auf den Zaun zu, bleibt davor stehen, und schaltet den Motor aus. Sie stehen am Zaun. Die Straßenbahn klingelt schrill im Hintergrund und Kinder plärren durch die Gartenanlage. Sie atmet tief ein. Es riecht kaum nach Sandelholz. Nur nach Benzin, Schweiß und Kaugummi. Sie blicken sich an und er umfasst ihren Kopf, zieht ihn zu sich hoch und während sie auf die Zehenspitzen geht, beugt er sich ein Stück runter und er küsst sie und sie küsst ihn und der Zaun drückt ihr wirklich unangenehm an die Brust und sie muss dringend aufs Klo und als sie die Arme hoch streckt um ihn zu umarmen riecht sie ihre Achseln und jemand ruft „Na, müssen wir einen Eimer kaltes Wasser holen oder was?“ Und sie kann es kaum glauben. Das ist der perfekte Augenblick. Wie auf einen Befehl lösen sie sich voneinander. Ole lässt den Motor seines Mäher wieder an, zieht ihn rückwärts wieder in die alte Spur, zwinkert ihr zu und schiebt weiter seine Bahnen. Und Frieda geht wortlos, aber ziemlich breit grinsend zurück zum Wagen. Sie holt den Spaten, gräbt ein paar Kartoffeln aus und sieht Ole der immer noch am Werk ist. Sie pflückt Tomaten, Zucchini und eine Aubergine. Als sie dabei ist das Gemüse zu putzen, kommt Ole mit dem Rasenmäher in ihren Garten. Er schiebt ihn über ihre kleine Wiese und noch bevor das Öl in der Pfanne richtig heiß geworden ist, ist er fertig und schiebt den Mäher wortlos wieder raus. Friedas Kopf brummt wie ein Bienenkorb. Ole säubert und verstaut den Rasenmäher, verschwindet im Haus und steht ein paar Minuten später vor ihr. Frisch geduscht und noch mit nassen Haaren. Er nimmt Frieda den Pfannenwender aus der Hand „Ich kann hier auch weiter machen, falls du duschen willst oder so. Siehst auch ziemlich durchgekaut aus.“ sagt er grinsend. Und Frieda springt in den Wagen, schnappt sich ihre Badezimmerkiste, ihre neue Unterwäsche und eine frische Jeans mit passendem Shirt und Hänger. Als sie ihre Außendusche ansteuert, ruft Ole sie zurück. „Es ist noch heißes Wasser im Boiler, die Türe ist auf.“ „Ich brauch dann aber länger.“ ruft Frieda, rennt rüber und stellt sich in einem gefliesten Badezimmer in eine Duschwanne und duscht mit heißem Wasser, rasiert sich die Beine und cremt sich mit Himbeercreme ein. Und als sie wieder kommt, duftend, frisch und auch noch mit feuchten Haaren, ist das Essen fertig. Sie holt zwei Teller und Besteck aus dem Wagen und Ole rennt rüber und holt eine Flasche Weißwein und eine Flasche Mineralwasser. Dann sitzen sie sich am Tisch gegenüber, prosten sich mit eiskalter Weißweinschorle zu, essen die Gemüsepfanne, die Ole mit Rosmarin und Thymian provenzalisch gewürzt hat und grinsen sich, die Beine ineinander verhakt, an.

Und wenn man bedenkt, dass Frieda den Fleck aus Kettenfett wieder spurlos weg bekommt und sie sich beim Beine rasieren nicht geschnitten hat und es einen perfekten Moment gab, dann ist das doch ein ziemlich guter Monat gewesen.

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Juli (1)

„Nicht dein Ernst.“ sagt Ute. „Nein ,wir kriegen irgendwie die Kurve nicht. Ich kann das nicht!“ sagt Frieda frustriert. „Soll ich fragen ob er mit mir gehen will oder was?“

Ute schüttelt den Kopf. „Ich dachte echt das hört irgendwann auf. Man könnte glauben es wäre euer erstes mal.“ „Daran will ich gar nicht denken. Das ist schon so lange her, das ist quasi wie das erste mal.“ „Meine Güte.“

In manchen Augenblicken ist Frieda froh, dass alles etwas langsamer passiert und in anderen wieder, liegen ihre Nerven blank. Sie sind mit den Rädern durchs Paulusviertel gedüst und bei der Steigung in der Ludwig-Wucherer-Straße ist er von hinten ganz dicht an sie ran gefahren, hat eine Hand auf die Schulter gelegt und hat sie geschoben. Das wäre zwar nicht nötig gewesen, aber Frieda hatte auch den Eindruck, dass er das macht um ein bißchen Nähe zu gewinnen um besser mit ihr plaudern zu können. Im Cafe setzte sich Frieda eine Bank am Fenster und Ole setzte sich daneben um ihr Bilder auf dem Smartphone zu zeigen, die er während seiner Tour fotografiert hat. Witzige Kneipenschilder, Straßennahmen, Menschen oder Ähnliches. Beide nahmen ein Stück Rohkosttorte die zum Umfallen lecker war und tranken schwarzen Kaffee dazu. Gerade als Frieda ihr letztes Stück Nussdattelboden mit Chasewcreme in den Mund schob, holte Ole ein kleines Tütchen aus der Hosentasche. Er hatte bei einem Straßenhändler ein Freundschaftsbändchen für sie gekauft. Es war rosa und orange und eine kleine Hand Fatimas war zwischen die Bänder geflochten.

Sie hielt ihm ihr rechtes Handgelenk hin, was er ablehnte, er wollte das linke, wegen der Nähre zum Herzen, wie er mit verschmitztem Gesichtsausdruck sagte. Während Daumen und Zeigefinger versuchten den kleinen Verschluss auf zu machen, lagen die restlichen Finger federleicht an ihrem Handgelenk und bei jeder Bewegung strichen sie ganz sachte drüber. Als das Armband am dann an seinem Platz war hielt Ole noch eine Weile ihre Hand fest, was er so aussehen ließ, als wenn er das Armband bewundern wollte. Und Frieda, die nur noch ganz flach atmen konnte, ließ die Hand einfach in seiner liegen und erst als man sie fragte ob sie noch was möchten, stoben sie auseinander, als wären sie bei etwas erwischt worden. Auf der Rückfahrt hing jeder seinen Gedanken nach, überlegte Fieberhaft wie es nun weitergehen soll. Aber keiner fand die richtigen Worte. Am Tor bedankte sie sich artig und er hielt sie kurz im Arm, sie atmete seinen Geruch ein und suchte sein Gesicht ab, nach irgendwas, dass ihr missfallen würde, wenn nicht jetzt, dann nach ein paar Wochen. Nasenhaare, Haare auf den Ohrläppchen, Schuppen auf den Schultern des schwarzen T-Shirts, gelbe Zähne, irgendwas. Das war tatsächlich auch alles vorhanden, stieß sie aber nicht ab, sondern brachte ihn näher zu ihr. Ohnehin waren diese ganzen alltäglichen Makel in ehe Homöopathischen Dosen vorhanden. Sie verabschiedeten sich dann aber mit einem unverbindlichen „bis später“ und lächeln sich an, wenn sie sich im Garten sehen, was ja ständig ist bei dem Wetter. Um so besser. Aber manchmal kommt Ole an den Gartenzaun und beginnt ein Gespräch. Solche vertrauten kleinen Gespräche, als würde man zusammen wohnen. Gestern erst fragte er sie, als wäre es das natürlichste von der Welt. „Ich fahre in den Baumarkt, brauchst du was? Oder willst du gleich mit kommen.“ Frieda lehnte ab und als sie ihn weg fahren sah, klatschte sie sich die kleine Gießkanne vor den Kopf.

Nach Feierabend macht Frieda einen kleinen Umweg über den Marktplatz. Vor Karstadt schließt sie ihr Rad an und betritt zügig das Kaufhaus. Sie ärgert sich ein bißchen über ihre Schwäche, hat sich aber ganz bewusst dafür entschieden ihr jetzt nach zu geben. In der Abteilung für Unterwäsche steht sie vor den Ständern, die mit roten Schildern zeigen, dass hier der alte Preis nach unten geschraubt wurde. Ihre praktischen Höschen, in bunten Farben und weicher Baumwolle die sie immer im Dreierpack kauft, sind keine Liebestöter. Aber eben auch nicht so richtig toll. Wenigstens ein mal, oder auch zwei mal, möchte sie so ein Set haben, wo BH und Slip zusammen passen. Die Sets mit String übersieht sie einfach, so was würde ihr nie über den Hinter kommen. Sie schaut nach einer ganz normalen Schlüpferform und einem BH wo ihre Brüste beim husten nicht raus hüpfen. Sie findet ein Set blau weiß gestreift, mit ganz wenig blauer Spitze und einem kleinen silbernen Anker zwischen den Brüsten. Alle Teile gibt es auch einzeln zu kaufen und deswegen kauft sich Frieda den passenden Schlüpfer gleich zwei mal dazu. Falls es den einen Abend nicht klappt, kann sie es am Abend danach gleich noch mal probieren. Beim raus gehen entdeckt sie noch ein einzelnes Set, das aus einem Pinken Panty mit orangenen Bündchen und Blumen und dem passenden BH besteht. Es hängt ganz unten und Frieda bittet das Universum um die passende Größe und das Universum hat ein Einsehen. Der BH passt und das Höschen wird sich schon dehnen. Sieht halt erst mal knackig aus. Zufrieden steckt sie ihre Einkäufe in eine Baumwolltasche und tritt den Heimweg an. Um einfach durch die Fußgängerzone zu fahren ist zu viel los und so schiebt Frieda ihr Rad den Boulevard hoch und nutzt die Gelegenheit zu einem Schaufensterbummel. Leider gibt es nichts, was sie so richtig aus den Schuhen hebt. Schuhläden, Klamottenläden, Handyshops und das Ritterhaus mit seinen Läden. Die wirklich interessanten Läden gibt es hier nicht. Junge Unternehmer, die was innovatives Aufbauen möchten, können sich die Mieten hier in der Straße wahrscheinlich gar nicht leisten. In den beiden Ulrichstraßen gibt es tolle Läden oder aber eben irgendwo in der Stadt verteilt. Man muss eben ein bißchen mit offenen Augen durch die Stadt fahren und dann kann man das ein oder andere von Hand genähte Einzelstück ergattern. Second Hand Läden mit tollen, alten Kleidern sucht man hier vergeblich. Die Menschen die hier aus zweiter Hand kaufen, wollen meistens einfach nur Geld sparen und ansonsten sich nicht von denen unterscheiden die sich die Sachen aus der Boutique leisten können.

Irgendwann verläuft sich die Menschenmenge ein wenig und Frieda steigt aufs Rad um nach Hause zu fahren.

*

„Frau Flieder?“ Frau Kirschner steht mit Verschränkten Armen vor ihrer Gartentüre.

„Was gibt’s?“ Aber Frau Kirschner gibt ihr mit einem nicken zu verstehen, dass sie ans Tor kommen soll. „Das Tor ist auf, sie können ruhig rein kommen.“ Seufzend öffnet Frau Kirschern das Tor und betritt den Garten. Die erste Schlacht ist gewonnen. Frieda springt nicht wenn sie ruft und sie befinden sich auf Friedas Territorium. Und ein ungutes Gefühl im Bauch sagt ihr, dass es ein unangenehmes Gespräch werden könnte. Frau Kirschner steht jetzt vor Frieda, die zwischen ihren Tomaten hockt und schon einen Korb voll gepflückt hat. Mit bedacht erhebt sich Frieda und baut sich auch vor ihrer Nachbarin auf, mit einer fliesenden Bewegung straft sie den ganzen Körper über die Schultern bis zum Kinn. Mit festen Blick in zwei schmale Augen. „Sie sind ja gar kein Doktor.“ bemerkt Frau Kirschner. Frieda stutzt. „Nein, natürlich nicht. Wer hat das behauptet?“ „Na wie können sie denn meine Schwiegertochter behandeln wenn sie gar kein Psychiater sind?“ Was für eine dumme, boshafte, erbärmliche Frau denkt Frieda und laut sagt sie „Ich arbeite als Lebensberaterin. Weil ihre Schwiegertochter ein paar Entscheidungshilfen benötigte. Wie kommen sie denn drauf, dass Jenny einen Psychiater braucht?“ „Ach und sie denken sie könnten ihr sagen was sie jetzt tun soll?“ „Nein Frau Kirschner, so etwas tue ich ganz bestimmt nicht. Ich helfe Menschen nur einen klareren Blick zu bekommen, alles ab zu wägen, ihre Angst ein bißchen hinter sich zu lassen und eine fällige Entscheidung nach besten Wissen und Gewissen selber zu treffen.“ „Und was sie da kaputt machen das interessiert sie dann nicht? Dann kann man völlig egoistisch Entscheidungen treffen, ohne sich Gedanken um andere zu machen, weil das Fräulein Flieder denkt das wäre richtig so.“ Frieda schäumt vor Wut. „Na Frau Kirschner, ich glaube nicht, dass es ein psychischer Schaden ist, wenn man keine Lust hat, sein ganzes Leben einer Bande von Egoisten zu widmen. Sie scheinen sich ja die Miete in ihrem Haus ganz schön teuer bezahlen zu lassen. Und wenn man so viel arbeitet und dann noch nicht mal ohne zu fragen ein Fläschen Nagellack kaufen kann, dann läuft da was falsch. Und ich glaube auch nicht,“ und jetzt rückt Frieda ihr Gesicht ganz nahe „Das ein Psychiater gesagt hätte, dass sich Jenny bitteschön wie gehabt von der Familie ihres Mannes benutzen lassen soll.“ Frau Kirschners Augen werden feucht. „Aber mein Mann hat das alles für die Kinder gemacht, das Unternehmen aufgebaut.“ „Mein Gott“ unterbricht sie Frieda laut. „Es ist eine Versicherungsbude. Keiner will die. Christian hat kein Bock da drauf und glaubt ihr wirklich, dass eure Enkel Lust haben das zu machen und wenn müssen sie sich halt ihr eigenes Ding aufbauen. Ihnen geht es doch nur darum Macht zu haben. Sie können es doch nicht ertragen, dass sich Jenny jetzt ihrer Kontrolle entzogen hat und sie noch nicht mal mehr die Möglichkeit haben sich überall ein zu mischen.“ Still und resigniert starrt Frau Kirschner Frieda an. „Na, da haben sie wenigstens was schönes zu erzählen in der Nachbarschaft.“

„Sie meinen so wie sie in der Nachbarschaft erzählt haben, wie Herr Sperling betrunken auf der Männertagsfeier ihres Sohnes randaliert hat? Oder wie sie in der Nachbarschaft erzählt haben dass hier perverse wohnen weil hier sogar Schwule ein und aus gehen? Oder wie sie in der Nachbarschaft erzählt haben ich würde ihrem Mann schöne Augen machen? Oder ich hätte ihre Rosenkugel geklaut?“ Mit tiefrotem Gesicht blickt Frau Kirschner zu ihren grünen Gartencloks runter. Und Frieda legt noch einmal nach. „Nein Frau Kirschner, ich müsste zwar keine Geschichten erfinden um die Nachbarschaft zu unterhalten, aber trotzdem wäre das ihr Niveau und so weit nach unten kann ich nicht ohne ein Loch graben zu müssen. Auf Wiedersehen.“ Zügig verlässt Frau Kirschner den Garten und als ihre Gartentüre ins Schloss fällt, schält sich Oles Kopf aus den Büschen seines Gartens.

„Du machst das voll gut.“ Frieda fährt erschrocken rum. „Du hast doch jetzt nicht gelauscht die ganze Zeit? Ich glaube ich spinne.“ sagt sie ärgerlich. Ole hebt entschuldigend die Hände. „Ich habe hier ganz normal die Rasenkannte geschnitten und ihr wart dann so in Fahrt, dass ich nicht mehr einfach hätte aufstehen können ohne euch den Eindruck zu vermitteln, ich wäre hier hingeschlichen und dass hätte den Erzählfluss beeinflusst.“ „Und dann hast du dich auf dem Rasen zusammengekauert und hast gewartet bis der Sturm vorbei gezogen ist?“ spekuliert Frieda. „Genau das hat der Herr Sperling gemacht.“ Er kommt näher an den Gartenzaun, und stützt sich locker auf die Bretter. „Und du bist also Lebensberaterin ohne Doktortitel, die Menschen sagt was sie tun sollen?“ Frieda kommt nahe an den Zaun, ihre Gesichter nur eine Hand breit voneinander getrennt. „Sozusagen. Ich helfe bei Problemen.“ „Krieg ich einen Termin?“ Frieda rollt die Augen „Was hast du denn für ein Problem?“ „Unentschlossenheit.“ schmunzelt Ole „Vielleicht auch ein bißchen Feigheit.“ Ole greift zu Friedas Nase und klemmt sie zwischen seine Finger, nur kurz. Dann lässt er wieder los, seufzt „Ich muss weiter machen. Stell dich mal drauf ein, dass wir bald in meiner Hütte was zusammen trinken.“

Frieda schielt zur Hütte. Da ist so einiges passiert. Sie kann aber nicht sehen was. Aber so viel Bauschutt und Müll wie weg gebracht und so viel Baumaterial und Pakete wie angeschleppt wurden, kann es sich nur um ein komplett neues Haus handeln.

„Ich bin gespannt.“ sagt sie und geht zurück in ihren Garten.

*

Frieda steht wieder in der Außenküche. Ihre Haare unter einem Kopftuch versteckt, es ist warm und sie steht wieder vor ihren blubbernden Töpfen, die nicht für Erfrischung sorgen. Sie war den ganzen Vormittag damit beschäftigt, Knoblauch zu zerreiben, Zwiebeln und Kräuter zu hacken und Tomaten zu Häuten. Auf dem Tisch stehen sehr viele, sehr saubere Gläser zum befüllen bereit und der Topfinhalt verbreitet einen würzigen Duft. Pikante Tomatensoße und Ketchup werden heute eingekocht. Die Tomatensoße ist fantastisch für faule Tage. Einfach ein Glas auf drehen und über die heißen Nudeln kippen. Und selbst im tiefsten Winter flutscht ein bißchen Sommer aus den Glas und Frieda steht für ein Bruchteil einer Sekunde wieder im Shirt in der Außenküche, schwitzt und muss die Augen wegen dem hellen Sonnenschein zusammen kneifen.

Als die Gläser mit Hilfe eines Trichters fast kleckerfrei eingefüllt und die Deckel aufgeschraubt sind, holt sie ihre Etiketten-Box aus dem Wagen. Am liebsten beklebt sie die Gläser mit selbstgebastelten Schildchen. Aber sie hat wieder ganz wunderbare zum Geburtstag bekommen. So ein ganzes Heft mit verschiedenen Motiven und Aufschriften. Früher, hatte sie solche Schildchen immer aufgehoben und nur auf Gläser geklebt, die sie verschenken wollte. Was dazu geführt hat, dass die meisten davon am Ende weg geworfen wurden, weil sie nicht mehr gescheit geklebt haben. Und irgendwann hat sich Frieda auch gedacht, es gehört dazu sich selbst Wert zu schätzen, dass man seine Sachen auch maximal verschönert. Und sie liebt es ihre ganzen Vorräte zu betrachten, wenn niedliche Schilder und manchmal sogar Bänder oder Hauben über die Gläser gespannt sind. Agnes hat ihre Vorräte schon ziemlich oft fotografiert, bei Pinterest gepostet und immer eine Menge Zuspruch bekommen. Auf die Gläser mit der Tomatensoße kommen kleinkarierte Schildchen, die an Tischdecken italienischer Restaurants erinnern und auf den Ketchup kommen Klebetomaten. Auf jeden Deckel noch ein „Home made“ Klebchen und fertig ist alles für die Vorratskammer.

„Entschuldigung. Hallo.“ ruft es vom Tor her.

Eine junge Frau mit langen, dunkelblonden Haaren steht dort und presst ihr Gesicht zwischen die Stäbe. Sie sieht nicht gefährlich aus, deswegen bittet Frieda sie rein. „Tor ist offen, komm einfach rein.“ Keine Ahnung was sie will. Sieht nicht aus wie jemand von den Zeugen Jehovas, ehe wie eine Umweltaktivistin, hoffentlich niemand der Geldspenden sammelt.

Aber da steht die Frau schon vor ihr und guckt sie mit großen, dunklen Augen an. „Ich bin Lucy.“ „Ich bin Frieda. Wie kann ich dir helfen Lucy?“ „Ich gehe hier schon so lange vorbei und wollte einfach schon immer mal hier richtig gucken. Ich finde deinen Wagen so schön, darf ich mich hier mal ein bißchen umschauen?“ Mit einem prüfenden Blick scannt Frieda den Menschen vor ihr ab. Merkwürdiges Anliegen. Aber eigentlich auch nicht verwunderlich. Für sie mag es inzwischen schon was alltägliches sein, aber für die meisten Menschen sind sie und ihr Wagen schon recht exotisch. Und diese junge Frau mit den merkwürdigen Tatoos und dem Nasenring würde wahrscheinlich gut in einen Wagen passen. Ein scharf geschnittener Mund verrät, dass auch ihr Wagen kein Dreckstall wäre, wo Punks irgendwelchen Müll verbrennen und die ganze Zeit ein Höllenlärm veranstalten. „So richtige Wagendörfer gibt es hier ja gar nicht, oder?“ fragt Lucy „In Leipzig soll es eins geben hab ich gehört. Hier in Halle habe ich noch keins mitbekommen.“ „Was sagen denn die Nachbarn? Ich habe mal in einer Doku gesehen, dass die oft geräumt werden und sich viele Beschweren.“ Frieda lächelt. Am Anfang haben die Gatennachbarn fast einen Herzinfarkt bekommen. Weil sie natürlich genau das erwartet haben. Verwilderter Garten, illegale Plumsklos mit Sickergrube, ständig zu große Lagerfeuer und Partys, freilaufende Hunde und freie Liebe. Es hat über ein Jahr gedauert, bis es überall angekommen ist, dass hier nichts illegales oder ungesetzliches passiert. „Ich habe diesen Platz gepachtet und deswegen wird es hier schwer mit einfach räumen. Allerdings, wenn ich hier noch mehr Wagen aufstellen würde und es würde aussehen wie ein Lager, dann würde ich hier nicht so toleriert werden, glaube ich.“ Lucy schlendert durch den Garten. Bewundert hier und da die kleinen versteckten Dinge, die Frieda schon lange übersieht. Ein Stein mit einem Spruch, eine bunte Scherbe, ein Windspiel aus Besteck, die Vogelhausgitarre. „Falls du irgendwann mal jemanden suchst, der hier auf deinen Garten aufpasst, wenn du in den Urlaub fährst oder so, dann sag Bescheid wenn ich mal wieder hier vorbei komme und durchs Tor schmachte.“ lacht Lucy. Frieda schmunzelt. „Das wird vielleicht höchstens mal im Winter sein. Dann muss man aber hier mit Holz heizen und es ist kalt.“ „Macht mir nichts aus.“ sagt Lucy selbstbewusst und Frieda glaubt ihr das auf Anhieb. Sie unterhalten sich noch ein wenig und Frieda öffnet sogar die Türe des Wagens, damit Lucy sich auch mal drinnen umsehen kann. Durch ihre Begeisterung wird Frieda mal wieder klar, in welchem Luxus und Fülle die Leben darf. Deswegen bittet sie Lucy vorbei zu kommen wann immer sie mag und schenkt ihr ein Glas Tomatensoße. „Danke, ich bin aber erst mal ein Jahr unterwegs. Ich mache ein Freiwilliges Soziales Jahr und gehe raus aus Deutschland.“ Jetzt ist Frieda neugierig. So etwas hätte sie auch gerne gemacht. Nach der Schule ein Jahr in einem fremden Land klar kommen, dass prägt bestimmt und man lernt eine Menge um erwachsen zu werden. Sie wünschen dich alles gute, umarmen sich und Lucy muss Frieda versprechen in einem Jahr wieder zu kommen um zu erzählen wie es ihr ergangen ist. Als sie Lucys gestreiftes Shirt verschwinden sieht, wird ihr schwer ums Herz. Vom Alter her, hätte das ihre Tochter sein können. Wenn sie bei der Männerwahl nicht immer so daneben gegriffen hätte, wäre es tatsächlich Möglich. Aber würde sie dann hier in der Sonne stehen und Tomatensoße einkochen? Und so leben? Oder in einer Dreiraumwohnung mit Flachbildschirm vorm Familiensofa, Fitnessgerät im Schlafzimmer und einem scheiß Thermomix in der Einbauküche. Nein, alles gut so wie es ist. Zufrieden stellt sie ihre neuen Vorräte in den Erdkeller, bis auf drei Gläser Tomatensoße. Auf eines klebt sie ein Regenbogen pupsendes Einhorn, dass ist für Micha und Holger. Auf das Andere klebt sie Manni das Mammut von Ice Age, für Agnes. Ihr wurde auf einer Party unter Alkoholeinfluss unterstellt, eine Beziehung mit der original Mammut Nachbildung im Naturkundemuseum zu haben. Wegen dem Rüssel. Ein sehr flacher Witz von Holger, aber seit her bekommt Agnes immer mal so einen kleinen Scherz um die Ohren gehauen.

Das dritte Glas ist für Ole und Frieda kratz gerade das zweite Schild ab, weil es dann doch nicht so gewirkt hat. Am Ende entscheidet sie sich für ein Oval aus Tafelfolie, das sie dann mit Kreide beschriftet und auf den Deckel kommt ein runder Aufkleber, wo auf einer Peperoni „scharfe Sachen“ steht.

*

Frieda sitzt auf der Schwelle ihrer Wagentüre. Den Rücken an den Türrahmen gelegt und die Beine locker zur anderen Seite des Türrahmens ausgestreckt. Ihre pinken Fußnägel leuchten und lassen die Haut ihrer Füße noch dunkler wirken und der weiße Streifen Haut, den ihre FlipFlops zurückgelassen haben macht das Bild geradezu bunt. So sehen ihre Füße aus wenn Sommer ist. Versonnen lauscht sie den prasseln des Sommerregens und dem fernen grollen eines Gewitters. Die Katzen sitzen im Wagen dicht neben ihr und starren raus, als wenn sie was dramatisches erwarten würden. Die Luft riecht schwer und süß. Frieda hat sich in eine bunte Strickjacke gewickelt und ist glücklich. Was für ein schöner Sommer. Nicht zu oft zu warm, nicht zu oft zu kalt. Ihr Wagen riecht nach Kräutern und Gewürzen und im Garten riecht es nach Regen, nach feuchter Erde und Blumen.

Friedas Herz ist ganz leicht, ein kleines Gewicht hängt dran, sie kann aber nicht orten warum. Ist doch alles gut so wie es ist. Seit acht Jahren wohnt sie mittlerweile hier. In ihrem Wagen, in ihrem Garten. Aber sie muss sich auch eingestehen, dass sich bald irgendwas verändern muss. Sie weiß aber nicht was und nicht wie. Und sie weiß noch nicht, ob sie das überhaupt will, weil sie doch glücklich ist. Sie beobachtet die glitzernden Lichter von den Autos die vorbei fahren, hört Motoren brummen und Straßenbahnen schrill klingeln und nimmt nur am Rande wahr, dass es immer dunkler wird. Der Wind wird schärfer und ihre Füsse sind inzwischen kalt. Schweren Herzens und mit ein bißchen Rückenschmerzen, löst sie sich von der Türe, steht mit knackenden Knien auf und schließt die Türen von innen. Unentschlossen setzt sie sich auf den Schaukelstuhl. Betrachtet ihr Bett, ihre Miniküche, den kalten Herd, den rosa Küchenschrank, die Kräuter die von der Decke hängen und sie fühlt sich immer noch glücklich, aber auch noch irgendwie anders. Irgendwas graues ist da, sie überlegt und als sie es plötzlich benennen kann, als sie diesem Gewicht, das an ihrem Herzen zieht einen Namen gibt, wird es noch schwerer und das grau breitet sich aus. Hilflos muss sie mit ansehen wie sie ins Dunkel gezerrt wird. Sie ist alleine. Und die Welle schwappt über ihr zusammen, nimmt ihr den Atem und sie kann nicht einfach zum Telefon greifen und ihre Freunde anrufen, weil ein kleines, fieses Monster plötzlich in ihrem Kopf sitzt und davon überzeugt ist, dass es nicht deren Problem ist und sie kann niemanden von zu Hause weg holen, nur weil sie plötzlich mit der Situation, die sie selbst so gewählt hat, vollkommen überfordert ist. Die fiese Stimme zeigt ihr Bilder. Micha am Telefon, der auflegt und mit den Augen rollt und ein Holger der fragt „Was hat se denn schon wieder?“ und ein Micha der sagt „Wahrscheinlich nur einen Quer sitzen, aber ich spring doch nicht jedes mal wenn sie sich einen einspinnt.“ und ein Bild von Agnes, die augenrollend das Handy weg legt, nachdem sie Friedas Namen auf dem Display gelesen hat. Friedas Atem geht schwer und das Gewicht zieht ihr Herz runter auf den Boden. Sie rutscht vom Schaukelstuhl und legt sich auf den Fußboden um näher bei ihrem Herz zu sein. Da liegt sie dann. Ganz still. Wartet bis die graue Welle weg ist.

Juni (2)

Am Abend sitzt Frieda dann mit Micha auf der Treppe vor dem Bauwagen. Hat sich so ergeben. Sie war gerade am gießen, er kam mit Bier in der Kühltasche durchs Tor, hat sich auf die Treppe gesetzt um ihr bei der letzte Gießkanne, die immer ihr Liebesbeet wässert, zu zusehen und jetzt sitzen beide da und finden es viel zu gemütlich um auf zu stehen.

„Ich versteh das nicht.“ sagt Micha „Wie kann man so bescheuert sein und sich das alles gefallen lassen.“ „Na sie hat ja selber gesagt, aus Bequemlichkeit. Man muss es ja Anfangs gar nicht so schlimm gefunden haben. Vielleicht auch ganz angenehm. Wenn die großen Rätsel des Erwachsenwerdens los gehen, ist man vielleicht auch erleichtert, wenn einem so ein paar Entscheidungen abgenommen werden. Keine Ahnung.“

„Aber warum hat man dann Angst? Vor was? Vor Prügel? Wohl kaum.“

„Ich denke mal, aber man weiß es halt nie, dass sie sich unterbewusst die Schuld für die schlechte Stimmung gibt. Also bei Kirschners brennt die Luft und sie ist Schuld. Weil ihr nach einer halben Ewigkeit plötzlich einfällt sich zu wehren. Und vorher wurde noch nicht mal bemerkt, dass sie überhaupt Bedürfnisse und Wünsche hat. Aber nicht nur weil die ganze Familie aus ignoranten Arschlöchern besteht, sondern auch weil sie nie gelernt hat das mal zu sagen.“

„Also wer hat dann Schuld?“ fragt Micha und Frieda meint „Die Schuldfrage ist eigentlich scheißegal. Alle haben da dran mitgearbeitet. Aber Christian und seine Eltern haben sich jahrelang dran gewöhnt jemanden wie Jenny zu haben und geben diesen Luxus natürlich nicht gerne wieder ab. Und gewöhnen sich natürlich nicht gleich ab sie immer wieder benutzen zu wollen, haben sie sich das doch über Jahrzehnte angewöhnt. Und Jenny ist bei ihren Großeltern aufgewachsen. Vermutlich auch ein bißchen Konservativ erzogen worden.“ Micha wird nachdenklich „Also muss sie das jetzt aushalten und stark bleiben?“

„Ja klar.“ erwidert Frieda. „Und ich greife ihr dabei ein bißchen unter sie Arme. Obwohl ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich schon Schadenfroh bin. Und das auch gerne mache um Christian ein wenig das Leben schwer zu machen und der ollen Kirschner das große Maul zu stopfen.“ „He, so kenne ich dich gar nicht.“ gibt Micha erstaunt zu. „Ach das erinnert mich so an meine Büro Zeit. Es gibt immer eine oder einen, der sich benimmt wie die Axt im Walde, ungefragt seine Meinung zu allem sagt und wenn man dann sauer ist, weil man aufs übelste beleidigt wurde, dann ist man dann überempfindlich. Und man darf nie eine Entschuldigung erwarten, weil sie am nächsten Tag einfach so tun als wenn nichts gewesen wäre und man muss das dann so hin nehmen, weil die halt so ist. Und wenn man das nicht tut, dann ist man dann an der versauten Stimmung schuld, wird isoliert und ist am Ende das personifizierte Böse und die anderen solidarisieren sich meistens mit der Schnotterschnauze, weil die halt meistens ganz witzig ist, so lange sie andere attackiert kann ja jeder drüber lachen und keiner will sich mit ihr anlegen weil sie so cholerisch ist.“ „Ah, du plauderst aus dem Nähkästchen, sehr interessant. Aber was hat das jetzt mit Kirschners zu tun?“ Frieda blickt verwirrt „Äh, habe ich den Faden verloren, ne, ach ja. Das schlechte Gewissen und die Angst. Sie könnte seiner Mutter die Stirn bieten, wenn sie wenigstens eine Person aus der Familie hinter sich hätte. Aber die Kirschners sind ein fester Team und alle haben von Jenny profitiert und jetzt will sie plötzlich Veränderung. Also bekommt sie die Schuld und die werden sie das spüren lassen.“ „Boa ist das fies.“ schüttelt sich Micha. „Hört sich an wie ein Storry aus einem alten Nachkriegsfilm.“ „Ja, krass, aber der Job im Callcenter tut ihr glaube ich ganz gut. Der Laden in der Grenzstraße hat ja keinen schlechten Ruf. Und bei so vielen Leuten sind mit Sicherheit ein paar Kollegen dabei, mit denen man sich gut versteht und die sie so ein ein Stück mit nehmen.“

Fledermäuse fliegen über den Wagen und durch den Garten als Holgers Auto vor dem Tor parkt um Micha an zu holen. Sie verabschieden sich mit einer Umarmung und Holger bekommt einen Luftkuss durchs Tor.

Abends im Bett schreibt sie Ole eine Nachricht. „Alles schick im Garten.“ „Na endlich meldest du dich mal. Ich hatte doch keine Nummer von dir.“ „War denn was los?“ „Ich vermisse den Garten und so.“ „Und so?“ „;-)“ „Gute Nacht Ole“ „Gute Nacht Frieda Flieder.“

Mit klopfendem Herzen schläft sie ein.

*

Im Garten riecht es nach Erdbeeren. Auf dem Tisch neben dem Gaskocher stehen heiß abgespülte Gläser und im Topf blubbert Erdbeermarmelade. Holger und Micha sitzen bei Frieda und malen mit Buntstiften Etiketten. Micha schielt zu Holger rüber „He, warum malst du überall so fette Knutschlippen drauf?“ „Holger hält seine Kunstwerke hoch. „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund Vielleicht?“ Micha wirft einen Radiergummi gegen Holgers Kopf. „Erdbeermund am Arsch.“ „Ich setzt euch gleich auseinander.“ „Frieda du kannst Holger ausladen. Der braucht gar nicht zu deinem Geburtstag kommen, der ist Hetero.“ sagt Micha schmollend. Holger schmollt zurück. „Ich meine deinen Erdbeermund. Der unter deinem Bart.“ „Ach so, Frieda kannst Holger wieder einladen.“ Gerade als Frieda die kochend heiße Erdbeermarmelade vorsichtig in Gläser einfüllt klingelt ihr Telefon. „Geht mal bitte einer ran, ich kann jetzt nicht.“

„Hallo Ole Frühstücksmann.“ hört sie Holger in ihr Mobiltelefon plärren. „Frühstücksmann ist ja ein doofer Name. Ja, so steht es hier auf dem Display. Hat Frieda dir erzählt das sie nächste Woche Geburtstag hat. Ja am 26. Das ist Sonntag, wir feiern rein.“ Frieda versucht mit dem Marmeladenlöffel nach ihm zu schlagen, tropft sich dabei die heiße Soße über die Hand. Ihr Herz bleibt fast stehen. Und Holger fasst die Situation langsam. „Ich habe den Bogen gerade überspannt. Bitte ignoriere das einfach. Und leg ein gutes Wort für mich ein, sonst bringt sie mich um, sobald sie aufgelegt hat. Er legt das Telefon in Friedas vor Wut zitternde Hand. „Ja?“ „Frühstücksmann?“ „Erkläre ich dir irgendwann mal.“ „Beim Frühstück?“ Frieda muss schon wieder lächeln. „Wo bist du gerade?“ „Irgendwo in Bayern. Gerade angekommen und Montag habe ich meinen letzten Vortrag mit Gesprächsrunde in einer Uni. Aber ich bin ja eh nicht eingeladen.“ „Aber du dürftest kommen.“ „Wie alt wirst du denn?“ „Dreiundvierzig.“ „Küken.“ lacht Ole. „Bis dann.“ „He Moment. Warum rufst du denn an?“ „Wollte nur mal hören. Bis bald.“ Als sie sich mit einem Grinsen umdreht, hat Micha unbemerkt alle Gläser gefüllt und die Marmelade die verspritzt wurde, abgewischt. Schuldbewusst guckt er Frieda an. „Tschuldigung. Willst du ihm in die Eier treten? Ich halte ihn fest.“ „Alles gut.“ lacht Frieda.

*

Die Zeit ohne Ole verging trotzdem wie im Flug. Dafür füllt sich der Erdkeller langsam wieder. Himbeermarmelade, Himbeersirup, Holunderblütengele, Holunderblütensirup, Erdbeermarmelade und Erdbeerlimes stapeln sich in den Regalen. Johanniskraut, Brennesseln und Schafgabe hängen von der Wagendecke. In alten Tomatenketchup Flaschen ist ein Vorrat an Spitzwegerich Hustensaft eingekocht und Lindenblütentee ist in Blechdosen verpackt.

Als nächstes kommen dann Tomaten und Paprika, Zucchinis und Bohnen an die Reihe. Aber erst mal bekommt sie heute Abend Gäste. Der letzte Tag ist für die Vorbereitungen drauf gegangen. Und für zwei Telefonate die jedes mal fast eine Stunde gedauert haben. Ole wollte genau wissen was sie tut, den rotton der Tomaten und das Geräusche der Zuckererbsenschoten beim aufknacken genau beschrieben haben. Und sie wollte wissen welche Fragen gestellt wurden, wie er sie beantwortet hat und was er sieht wenn er aus dem Fenster guckt. Deswegen ist der Biskuitboden für den Erdbeerkuchen etwas dunkler als sie es sich gewünscht hätte. Trotzdem streicht sie mit einem verzückten Lächeln Vanillepudding auf die knusprige Fläche. Der Vanillepudding ist mit Kokosmilch gekocht worden und mit Speisestärke und einer richtigen Vanilleschote zubereitet. Darauf kommen dann die Erdbeeren. Eine Schüssel besonders schöner Erdbeeren mit Stiel, hat sie in heiße Schokolade getaucht und kurz in zerstoßenem roten Pfeffer gestippt. Eine Leckerei. Genau wie die Pizzakekse, die sie gestern gebacken hat. Auf dem Tisch stehen Bohnenburger und vorgekochte Kartoffeln, die in einer würzigen Marinade eingelegt sind. Sie liegt gut in der Zeit. Bestimmt kann sie noch unter die Dusche springen bevor alle komme.

Ein klopfen am Türrahmen der weit geöffneten Wagentüren lässt sie hoch fahren. Jenny steht in der Türe. „Kann ich rein kommen und dir was helfen?“ Sie trägt ein buntes T-Shirt und eine abgeschnittene Jeanshose und wirkt damit für ihre Verhältnisse regelrecht flippig. Ihre Lippen sind geglosst. „Eigentlich ist gar nicht mehr so viel zu tun.“ „Trotzdem, ich mag gerade nicht mehr drüben sein.“ „Wie läuft es?“ „Ach ich weiß nicht. Ich sag was ich zu sagen habe und dann dreh ich mich um und gehe. Eigentlich laufe ich weg, aber es scheint so anzukommen, als wenn mein Standpunkt so fest steht, dass es nicht ausdiskutiert werden muss.“ „Und Christian?“ „Der tut mir richtig leid. Ich glaube das schlechte Gewissen hat er auch. Seit Heidi bei mir auf taube Ohren stößt setzt sie ihn unter Druck. Jetzt ist er schuld, dass er das zulässt, dass ich das tue und er traut sich natürlich kein Machtwort zu sprechen.“ „Darf er jetzt doch nicht nochmal studieren?“ „Ne, sein Vater will ja jetzt, dass er im Laden bleibt und ihn übernimmt. Da hat Christian aber keine Lust drauf.“ Frieda ist genervt. „Meine Güte, der macht gerade so als hätte er ein Familienimperium, dass über Generationen weiter gegeben wird. Er hat ne Versicherungsbude. Soll er das verkaufen und sich noch ein paar schöne Tage machen. So was blödes.“ Jenny grinst. „Genau das habe ich ihm auch gesagt. Danach ist er so ausgerastet. Ich hab mich wieder umgedreht und bin einfach gegangen und Christian ist mir hinterher gekommen und weißt du was er gemacht hat?“ „Gesagt dass du dich entschuldigen sollst?“ „Er hat mich in den Arm genommen und gemeint er wäre froh, dass ich die Hosen an habe.“ Frieda freut sich. Von Draußen kommt Applaus. „Na, dann ist der Scheißer vielleicht nur dämlich und nicht superdämlich.“ sagt Micha. Frieda starrt streng aus dem Wagen raus. „Und deswegen wird er heute Abend auch behandelt, als wenn er ein toller Kumpel wäre.“

Sie greift zu ihrer Badezimmerbox. „Übernehmt ihr hier? Dann kann ich mich mal aufbrezeln.“ Als sie hinter dem Duschvorhang verschwindet, hört sie geschäftiges treiben. Flaschen werden klirrend in den großen Zementbottich unter dem Fliederbusch gestellt. Frieda hat ihn heute morgen schon beim gießen mit Wasser gefüllt, das im Schatten recht kalt geblieben ist. Micha kümmert sich um den Grill, stellt alles in Position und holt Holz für den Feuerkorb herbei. Als sie fertig ist, ist der Wagen schon leer geräumt, deswegen kann sie sich auch ohne Störung eincremen und anziehen. Sie hat eine rosa orange gestreifte kurze Leggins für heute raus gelegt. Die ist neu. An solchen Farbkombinationen kann sie einfach nicht vorbei gehen. Darüber kommt ein blassrosa Schürzenkleid, mit Rosen in verschiedenen Rottönen. Ein rosa Haarband noch und alles ist schick. Als sie aus dem Wagen kommt sind Agnes, Steffi und Jakob auch schon da und Ute kommt gerade durch das Tor. Als sich alle umarmt und begrüßt haben, wird Bier verteilt und Frieda holt eine Schüssel Erdbeerbowle aus dem Kühlschrank. Der Grill wird angeworfen und alle stehen rum, tratschen. Sehr schön. Im Wagen läuft Musik, die draußen dezent zu hören ist und Jenny geht schnell rüber um Christian zu holen. Und als er da steht und verschämt durch seine Brille glotzt, könnte Frieda ihm eine scheuern. Sie werden keine Freunde. Aber sie denkt auch daran, dass er ein Opfer der Umstände und Erziehung ist und nun mal der Mann von Jenny und ziemlich oft nebenan ist. Deswegen ist es ok, wenn man sich mal ein bißchen bemüht.

Es wird langsam dunkel, die Burger sind alle und jeder pickt nur hin und wieder an den vorzüglichen Salaten. Die Schüssel Knüppelkuchen-Teig hat Frieda wohl für umsonst gemacht. Alle sind satt. Micha entzündet den Feuerkorb und Frieda und Ute gehen herum und zünden die Laternen und Gartenfackeln an. Plötzlich kommt ein zaghaftes „Hallo“ vom Tor. Alle blicken in die selbe Richtung und Bernd kommt mit Inge, seinem grauen Zopf und einem Strauß voller Rosen im Arm auf Frieda zu marschiert. „Bitte ruf ihn morgen an und sage ich hätte ihn dir Punkt Mitternacht vorbei gebracht.“ Frieda lacht. „Wie wäre es, wenn du einfach hier bleibst und ihn mir dann um Mitternacht gibst?“ „Darauf haben wir gehofft.“ grinst Inge. Beide nehmen Platz und bekommen auch noch was zu essen und Frieda freut sich, dass ihr Herz fast stehen bleibt. Die obere Hälfte von Utes Kopf läuft Gefahr, ab zu fallen, so breit wie sie grinst. „Das ist sooo süß“ formen ihre Lippen lautlos als sich ihre Blicke treffen. Micha und Holger gucken zufrieden, der Rest leicht irritiert. Kurz vor Mitternacht kommt der Hefeteig am Stiel doch noch zum Einsatz. Und Frieda geht in den Wagen um den Sekt aus dem Kühlschrank zu holen. Sie blickt durchs Fenster zur Feuerstelle. Micha, Holger und Bernd sind im Gespräch vertieft, genau wie Steffi, Christian und Jakob ausgelassen diskutieren und Jenny sich mit Ute unterhält und Inge und Agnes durch den Garten spazieren. Voll schön. Und dann guckt sie auf ihr Smartphone, Ein Foto ist im Postfach. Ole wie er ein Schild in der Hand hält. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Frieda Flieder steht drauf. Es ist eine Minute nach Mitternacht und nach einem erneuten Blick aus dem Fenster sieht Frieda, dass die Gespräche zum erliegen gekommen sind und alle erwartungsvoll zum Wagen starren. Mit einer Sektflasche in jeder Hand geht Frieda raus zu den anderen.

*

Von der Party ist nichts mehr zu sehen. Neben ihrem Bett steht der Strauß mit 43 Rosen in einem kleinen Putzeimer, weil sie kein Glas in dieser Größe hatte. Nachdem sie sich am Sonntag von Salatresten, die immer noch lecker waren ernährt hatte und immer wieder Gartennachbarn vorbei kamen, die mit Keksen und Muffins abgefüllt wurden, ist sie heute froh, dass die Girlanden, Lampions und Fackeln wieder dezimiert und alles abgewaschen wurde. Jetzt könnte wieder Normalität eintreten. Wenn da nicht der tägliche Anruf von Ole wäre. Frieda steht auf den Knien vor ihrem Bett und wühlt in einer Kleiderkiste. Ganz unten kramt sie das Frühstücksgeschirr hervor. Sie bewundert jedes einzelne Teil ausgiebig. Es wird demnächst zum Einsatz kommen. Davon ist sie fest überzeugt. Vorsichtig wird es abgewaschen und in den Schrank gestellt. Dort kann es auf seinen Einsatz warten. Sie setzt sich an den Küchentisch um noch ein mal ausgiebig ihre Geschenke zu bewundern, bevor sie an ihren zukünftigen festen Platz kommen. Ein handgebundenes Buch mit leeren Seiten für Rezepte. Auf dem dicken Pappeinband sind Muster eingebrannt und Gräser sowie Blattgold aufgebracht. Sehr schick und sehr edel. Bunte Stumpfwolle aus irgend einem Hanfgemisch, Rosenwasser, Zimtstangen, eine Packung Fleur de sel, Spinat Saatgut, das Gärtnermesser, dass sie sich gewünscht hatte, Brotgewürz, bunte Pfefferkörner ein Haarband und einen kleinen Rosenstock im Topf. Den pflanzt sie in ihr Liebesbeet. Da steht er gut. Bis zum Abend schwebt Frieda durch den Garten. Zupft hier, hackt dort, rückt hier einen Stein zurecht, hängt da ein Windspiel um. Den ganzen Tag fühlt sie sich ein bißchen mit Kloß im Hals und hat Gänsehaut von innen. Abends rückt sie den Schaukelstuhl so, dass sie direkt aus der Türe raus schauen kann. Sie löscht alle Lichter und nur in dem blauen Muschelbeet steht eine Laterne in der ein Teelicht leuchtet. Sanft schaukelt sie, in eine Decke gehüllt und lauscht dabei den Stadtlärm der immer leiser wird. Als sie gegen zwei wach wird, erkennt sie im einen Schatten der in der Türe steht. „He.“ flüstert sie. „Ich bin wieder da. Hast du auf mich gewartet?“ Frieda antwortet nicht. Ole beugt sich zu ihr runter um sie auf die Stirn zu küsse. „Leg dich schlafen, wir gehen morgen frühstücken. Ich lade dich ein.“ Frieda ist zu müde um zu widersprechen. „Oke. Gute Nacht. Gut das du wieder da bist.“ „Ich finde es auch schön wieder hier zu sein.“ sagt Ole leise und verschwindet auch schon wieder durch die Türe.

*

Aber wenn man bedenkt, dass Frieda Geschenke bekommen hat, es warm ist und Ole zwar mit ihr im Paulusviertel Kuchen essen war aber sie immer noch nicht geküsst hat und Frieda immer noch was hat worauf sie sich freuen kann, dann ist das ja wohl ein ziemlich guter Monat gewesen.

Juni (1)

Frieda Flieder schiebt ihr Rad über den Hof. Heute ist es doch etwas anstrengend gewesen. Kindertag sollte eigentlich ein Tag sein, wo sich ein paar Gedanken über Kinderrechte und so was gemacht wird. Bei den meisten ist es tatsächlich zu einem neuen Tag verkommen, wo man einfach fröhlich kauft und verschenkt. Und dann werden Kinder mit Schokolade beschenkt, die in anderen Ländern von Kindern geerntet wurde. Pervers. An solchen Tagen macht Frieda einen Kniefall vor sämtlichen Göttern, dass sie selbst kinderlos geblieben ist. Zwar ungewollt, weil sich einfach nie jemand gefunden hat, aber nach so einem Tag würde sie auch mit dem tollsten Mann an ihrer Seite kein Kind haben wollen. Ihr kommt immer die Galle hoch wenn Teenager in den Laden rein marschieren und den Gutschein ausbezahlt haben möchten, der vorher, meist sind es die Großväter, mit bedacht eingekauft wurde, weil man sich wünscht, dass mehr gelesen wird. Die anderen lösen den Gutschein ein für Comic Heftchen wo Dickbusige Mädchen in kurzen Röcken bescheuerte Abenteuer bestehen und der ganze Scheiß wird auch noch vor rechts nach links gelesen. Aber eins von zwanzig Kindern kommt zur Türe rein und sucht nach Tintenherz, Harry Potter oder den goldenen Kompass. Und Frieda muss sich immer zusammen reisen, dass sie diesen Kindern oder Jugendlichen nicht alles schenkt und obendrein die ganze Zeit mit ihnen verquatscht. Einmal ist ihr eine kleine Querulantin begegnet, die sich jämerlichst beschwerte, dass der Hobbit in der Verfilmung so gewaltig vom Buch abweicht. Als sie mit wutverzerrtem Gesicht anprangerte, dass die Liebesgeschichte zwischen einer Elfe und einem Zwerg total unrealistisch sei, hätte sie Frieda gerne adoptiert. Aber, das kommt nicht so oft vor und deswegen ist sie jetzt erleichtert, dass Feierabend ist.

Sie stellt ihr Rad ab und geht durch den Garten um nach ihrem Gemüse zu sehen. Natürlich nicht wegen Ole. Aber sie sieht Ole trotzdem. Und er steht da, eine Hand am Gartenzaun, die andere in die Hüften gestützt, den Blick entrüstet in Kirschners Garten gerichtet. „ Na du hast dich ja schon gut eingelebt. So wie du da stehst geht es wohl gleich mit Tratschen los.“ lacht Frieda. Ole sieht sie kopfschüttelnd an. „Komm mal hier her wo ich jetzt stehe und guck dir das an bitteschön.“ Frieda tritt ganz nah an Ole und muss eigentlich nichts mehr anschauen, weil sie betäubt ist von seinem Geruch nach Sandelholz und Moschus, von seinen Häärchen auf den Handrücken, den buschigen Augenbrauen, die so einen wundervollen sexy Knick haben, von den grauen Stränchen in den Koteletten. „Guck dir das Arschloch an.“ reißt Ole sie aus der Starre. Und Frieda guckt in die selbe Richtung um wenigstens eine Gemeinsamkeit mit Ole zu haben. Und sie kann direkt auf den Gartentisch von Kirschners blicken. Außer den beiden Arschlochkindern sitzt da noch Christian und alle drei haben ein kleines Paket auf dem Teller liegen. Solche Paketchen wie man sie früher von Kindergeburtstagen mitgebracht hat. Eine Serviette mit Süßigkeiten, oben zusammen gebunden. Um den Hals trägt er tatsächlich einen Lolli in Schnullerform. Als er merkt, dass er angestarrt wird, erhebt er sich von seinem Platz und steuert auf das Gartentor zu. „Was glotzt ihr so?“ Ole guckt fast mitleidig. „Alter, du gehst doch auch fast auf die vierzig zu. Das kann doch nicht dein Ernst sein hier?“ Christian schaut etwas verlegen. „He, das mach ich wegen meiner Mutter, ok.“ Und diese Mutter kommt nun mit an den Zaun um zu sehen wer ihren Jungen da belästigt. Sie will ihm den Rücken stärken und deswegen legt sie die Hand an seine Wange und sagt laut, damit es auch ja alle mitkriegen „Und er wird immer mein Kind bleiben, egal wie alt er wird.“ „Und deswegen muss er sich auch wie ein Kind benehmen oder was?“ fragt Christian ungläubig. „Lass den, komm an den Tisch.“ sagt die Mutti zum Christian und versucht ihn hinter sich her zu ziehen. Der löst sich unsanft, weil er noch irgendwas sagen will, was ihn besser da stehen lassen soll.Während er noch verzweifelt überlegt, wie er hier noch die Kurve kriegen soll kommt Frieda ein erschreckender Gedanke. „Sag mal, zu deinen Kindern habe ich noch gar nicht die passende Frau gesehen, oder sind es Klone, die deine Mutter in Auftrag gegeben hat?“ „Jenny ist lieber für sich. Sie mag es hier im Garten nicht.“ Sagt Christian zerknirscht. Plötzlich fällt ihm ein wie er eventuell Schlagfertig sein könnte. „Ich muss nicht die ganze Zeit mit meiner Frau rum hängen unsere Beziehung ist ziemlich locker. Wir tun und lassen was wir möchten. Wie ist das so mit euren Beziehungen oder Ehen?“ lacht er hönisch und geht zurück zu seiner gefüllten Serviette wo er tatsächlich noch mal einen Tätschler von seiner Mutter bekommt.

„Wir sollten heiraten.“ sagt Ole. „nur um ihm eins auszuwischen.“ Jajaja, denkt Frieda. Laut sagt sie „Und die ganze Zeit glücklich und zufrieden sein, nur um ihn zu ärgern.“ „Und du musst mir dann aber schon zum Frühstück ein Serviettenpäckchen auf den Teller legen.“ „Junge, du kriegst zum Frühstück und zum Abendbrot ein Päckchen auf den Teller gelegt.“ „Und ich will dann aber auch so getätschelt werden.“ „Natürlich wirst du getätschelt. Aber ich will auch getätschelt werden.“

„Ne du wirst gewuschelt.“ Und Christian greift über den Gartenzaun und wuschelt Frieda durchs Haar und Frieda greift über den Gartenzaun und tätschelt Oles Kopf. „Wir habens drauf.“ sagt Ole, „einer glücklichen Ehe steht nichts mehr im Weg.“ „Du bist ja auch ein guter Wuschler.“ sagt Frieda und beide ziehen ihre Hände zurück und Ole steckt seine in die Hosentasche um sie gleich darauf wieder vor zu ziehen. „Hier.“ sagt er „Kannst du mir einen großen Gefallen tun?“ „Jeden.“ sagt Frieda und meint es ernster als es Ole versteht. „Ich fahre morgen früh weg und komme erst nächsten Monat wieder. Ich habe eine richtige Turne mit meiner Dia Show über Australien. Das ist jetzt recht Spontan gekommen, aber ich brauche das Geld.“ Friedas Herz setzt kurz aus. Einen ganzen Monat.

„Kümmere dich nur ums gießen. Das Haus ist eh zu. Wir verschieben unser Trinkgelage auf Juli..

„He, kein Problem. Natürlich mach ich das.“ sagt Frieda und greift nach dem Schlüssel und Ole nimmt ihre Hand und hält sie fest. Guckt ihr in die Augen und greift mit der anderen Hand zu ihrem Kopf. Der liegt auf einmal in seiner große Hand, die eine Temperatur kurz vor dem Siedepunkt zu haben scheint. „Danke Frieda Flieder.“ sagt er leise und seine Hand zieht ihren Kopf zu sich ran und drückt ihr mit rauen Lippen einen Kuss auf die Stirn. „Bis in einem Monat.“ und er dreht sich um und geht in sein Gartenhaus.

Frieda taumelt in den Wagen. Er hat nicht die Mitte getroffen. Der Kuss ist ehe auf der rechten Stirnseite gelandet und diese fühlt sich jetzt schwerer an als die linke. Deswegen muss sie sich auch erst mal hin legen. Oder soll sie einfach zurück gehen und fragen ob er ihr links auch noch einen aufdrückt? Die Hand fühlt sie immer noch auf ihrem Kopf wie eine zu enge Kappe. Sie schließt die Türe hinter sich, lehnt sich dagegen und hebt die Tätschelhand zur Nase. Sie versucht seine Haare zu erschnüffeln und mit viel Einbildung riecht sie da etwas Sandelholz. Sie drückt die Lippen auf die Fingerspitzen und nimmt dann die Hand runter. Kopfschüttelnd geht sie durch den Wagen, öffnet die Fenster weit und lässt die warme Sommerluft herein. Sie schneidet sich zwei Scheiben Brot ab und nimmt sich ein Glas Avocado-Humus und zwei Tomaten aus dem Kühlschrank und setzt sich an den Tisch. Warum hat er jetzt schon Tschüß gesagt? Ist es jetzt komisch wenn sie sich trotzdem noch mal begegnen? Wann fährt er überhaupt? Wenn sie jetzt rüber geht und danach fragt, sieht das womöglich so aus, als wenn sie sich nochmal küssen lassen will. Seufzend ruft sie sich ihr Alter ins Gedächtnis, stellt ihr Abendbrot auf ein Tablett, legt ihr eBook dazu und geht damit raus zur Feuerstelle. Dort setzt sie sich an den Tisch, als sie ein klappern am Briefkasten hört. Sie guckt um die Ecke und Ole entfernt sich gerade wieder von ihrem Tor um in seinen weißen Golf zu steigen. „He.“ ruft Frieda und er sieht, dass er gesehen wurde. „Ich muss jetzt los.“ ruft er rüber. „Ich habe dir meine Nummer und den Schlüssen, den du eben vergessen hast in den Briefkasten geworfen. Ruf an wenn was ist. Oder um mich auf dem Laufenden zu halten wenn der Spinner was anstellt.“ Er hebt die Hand zum Gruß, schwingt sich in sein Auto und fährt weg.

*

„Der steht voll auf dich, aber so was von.“ grinst Ute und ihre Augen blitzen fröhlich. „Das würde ich auch so sehen. Aber vielleicht ist er einfach nur komisch und ich spinne mir einen ein.“ sagt Frieda und ordnet dabei den Ständer mit den Lesezeichen und den mit den kleinen Minibüchern, die oft nur genommen werden um den Betrag voll zu bekommen ab dem man mit Karte zahlen kann. Ute gluckst. „Ja klar, vielleicht ist er einfach nur normal komisch.“ „Na vielleicht interpretiere ich auch zu viel rein. Ach ich weiß nicht.“ abgenervt sortiert Frieda die Flyer, die auf der Ablage vor dem Tresen liegen, als der nächste Kunde den Laden betritt. „Habt ihr das gesehen?“ fragt er, als wenn er Frieda oder Ute kennen würde. Beide schauen ihn fragend an. „Die ganze Straße entlang sind die Hauswände angesprayt und die Mülltonnen umgekippt.“ Frieda zuckt mit den Schultern. Ist ihr nicht aufgefallen. Sie hat da inzwischen einen eingebauten Filter, der so was ausblendet. „Das kommt davon,“ weiß der Herr zu berichten „Das hier in dieser scheiß Stadt nichts für Jugendliche gemacht wird. Nur aus Langeweile passiert das.“ Ute guckt fragend Frieda an die immer noch einen Stapel Veranstaltungskalender in der Hand hält. „Ja was halt ich den hier in den Händen meine Güte?“ sie winkt mit den Kalendern „Hier wird total viel angeboten, an jeder Ecke ist irgendwas. Man muss halt auch mal hingehen.“ „Ja aber wenn man noch nicht mal Geld fürs Freibad hat?“ „Dann geht man an den Hufeisensee oder an den Kanal. Und wenn die Dreckschweine nicht überall ihre Einweggrille rumliegen lassen würden, dann könnten die am nächsten Tag sogar nochmal hin gehen ohne im eigenen Dreck sitzen zu müssen.“ Das ist ein Thema wo Frieda jedes mal Sodbrennen bekommt. Langeweile wird als Begründung für Vandalismus genommen. Als wenn die Stadt dafür zuständig ist, pubertierende Kinder zu bespaßen. Für die Kleinen gibt es Ferienhort und Ferienspiele und die Größeren haben da eh keine Lust zu und hängen lieber zusammen rum, ohne Aufsicht. Es gibt Theater Projekte und alles Mögliche. Aber man muss halt mal den Arsch in Bewegung setzten und etwas tun. Grußlos pfeift der Herr wieder ab. „Was war das jetzt?“ „Keine Ahnung, wollt nur rumknären. War wahrscheinlich sein eigenes Kind.“ Frieda legt den Stapel fein säuberlich auf seinen Platz.

„Ich habe Morgen ein Kummergespräch am Hufeisensee. Da riecht es manchmal nach Verwesung, weil keiner sein Zeug was er zum grillen mitgebracht hat auch wieder mit nimmt. Das könnt ein traumhaftes Plätzchen sein, wenn sie es nicht hinterlassen würden wie eine Müllhalde.“ „Ist er nicht gesperrt weil da ein Golfplatz gebaut wird.“ „Ja, man kommt gar nicht mehr richtig rum. Und da wird sogar Sonntags gebaggert und Spektakel gemacht. Die wollen ihn irgendwie ganz schnell fertig kriegen.“ „Warum? Wer spielt den in Halle Golf?“ „Ich hoffe keiner, aber ich kann mir vorstellen, dass wird erst mal ein Golfplatz und wenn der sich nicht rentiert, was er ganz bestimmt nicht macht, dann wird das als Bauland umgeschrieben und dann werden da schöne Häuser hingesetzt, irgend jemand bekommt Fördergelder in den Arsch geblasen und Halle hat wieder ein Stück Natur für die Allgemeinheit weniger.“ „Traurig.“ schüttelt Ute den Kopf. „Dämlich.“ sagt Frieda.

*

Frieda ist unterwegs zum Parkplatz am Hufeisensee. Sie kommt recht früh an und es ist noch nicht viel los. Allerdings steht bereits ein weißer Bus mit Blumenaufkleber auf dem Parkplatz, ein grünes Sonnensegel ist zwischen Bus und Baum gespannt, ein Hund der am Bus angeleint ist guckt Neugierig zu ihr rüber. Eine Frau mit kurzen, dunklen Locken sitzt mit einer Tasse Kaffee unter dem Sonnensegel und nickt ihr freundlich zu. „Guten Morgen.“ sagt Frieda „Das sieht aber Gemütlich und Entspannt aus.“ sagt Frieda. „Ja.“ erwidert die Frau in den grün gestreiften Pluderhosen „Ich bemühe mich.“ lachend geht Frieda weiter und da sitzt ihre Klientin. Sie mag das Wort nicht. Aber Jakob sagt es wäre das richtige dafür. Und diese Frau die da steht kommt Frieda bekannt vor. Und noch bevor ihr einfällt woher steht sie schon vor ihr. Und die Frau sieht zufrieden aus. Als wenn sie was Großartiges vor hat und sie sich sogar ein wenig amüsiert. Der leicht spötische Zug um ihren Mund ist das einzig Interessante in ihrem Gesicht. Sie ist jemand den man übersieht. Füllmenge. Aber irgendwas gribbelt in ihr und Frieda spürt ein ganz leichtes Summen, so als wenn eine Leitung unter Starkstrom steht. Es scheint, als wenn die graue Hülle in Bälde abexplodieren könnte und Frieda befürchtet und hofft gleichermaßen, dass sie die die Lunte zünden soll. Frieda breitet die mitgebrachte Decke unter einem Baum aus und beide nehmen Platz. Und Jenny scheint ganz scharf drauf zu sein alles los zu werden.

Jennys Geschichte

Die erste Erinnerung an meinen Mann ist die, dass wir zusammen im Bett seiner Eltern lagen. Meine Großeltern, bei denen ich aufgewachsen bin und seine Eltern feierten irgendwas und tranken Bowle und wir lagen im Bett und hörten eine Märchen Kassette zum einschlafen. Der Rekorder stand auf dem Nachttisch auf seiner Seite und als der Knopf mit einem Knall hochsprang, weil die erste Seite vorbei war, drehte er sie nicht um, sondern kreischte nach seiner Mutter, die im Nullkommanichts angesprungen kam. Er hätte das selber machen können. Aber er machte nie was selber. Seine Mutter machte alles für ihn. Selbst die Freundin aussuchen. Ich wuchs quasi mit der Prophezeiung auf „Das die beiden mal heiraten.“ und tatsächlich hat es sich dann auch irgendwann ergeben, dass sie sich leicht angetrunken nach der Jugendweihe zum ersten mal geküsst haben. Damit war es dann auch beschlossene Sache für meine Großeltern und seinen Eltern Seine Mutter nahm mich unter ihre Fittiche, damit ich alles lerne um ihrem Jungen das Leben zu erleichtern. Ich fand das nicht schlimm. Im Gegenteil, es war ok. Alles war vorhersehbar. Wir hingen eh immer zusammen. Und er war ok. Witzig und eigentlich auch cool. Wir haben zwei Kinder. Die sind vom Leben gelangweilt und werden ihrem Vater von Tag zu Tag ähnlicher. Wir wohnen bei seinen Eltern im Haus, damit sie mich unterstützen kann. Aber eigentlich mischt sie sich nur in alles ein. Die Kinder sind jetzt groß genug, ich wollte dann auch mal arbeiten. Ich habe nur bei seinem Vater im Betrieb geholfen und nie richtiges Geld dafür bekommen. Sie sagten nur immer, dass ist für die Miete. Aber ich habe manchmal mehr als 8 Stunden am Tag gearbeitet, während seine Mutter meine Kinder verwöhnt hat und das nur für die Miete? Er meinte nur ich könnte doch einfach sagen wenn ich was brauche und dann würde er mir das Geld geben. Die Kinder werden immer schrecklicher. Gerade jetzt in der Pubertät. Sie wissen wie sie ihren Willen bekommen können und mir sind sie total fremd geworden. Irgendwann hat es mir dann gereicht. Ich habe gefragt was sie an Geld für Miete haben will, dass ich die Miete nicht mehr in Arbeitszeit, sondern in Geld bezahlen möchte. Da sind sie aus allen Wolken gefallen. Ich arbeite jetzt in dem Callcenter hier in der Grenzstraße und komme zum ersten mal unter Menschen die meine Familie nicht kennen. Wenn wir in den Pausen da sitzen und jeder erzählt was über seine Familie, schäme ich mich richtig. Was ich mir so alles gefallen lasse. Wir lachen total viel und unterhalten uns auch so ganz oft. Aber bisher habe ich nur einer erzählt wie es bei uns zuhause ist. Und die meinte ich sollte meinen Mann verlassen. Aber was sollen dann alle von mir denken. Das ich meine Familie für die Kariere im Stich lasse? Ich war dieses Jahr noch nicht ein mal bei seinen Eltern im Garten. Weil ich das gar nicht mehr aushalte, wenn seine Mutter meinen Mann wie ein kleines Kind behandelt. Und jetzt sind sie der Ansicht ich sollte kündigen. Callcenter wäre nichts für mich. Außerdem braucht sein Vater Hilfe im Betrieb, weil mein Mann studieren will. Er ist fast vierzig und hat nur ein ganz schlechtes Abitur. Wie kommt er darauf, dass er jetzt Medien Design studieren will? Aber ich will das nicht. Ich will nicht im Versicherungsbüro arbeiten. Mir gefällt das was ich jetzt tue. Und was will der Idiot plötzlich studieren? Und seine Mutter meint nur, ich müsse ihn unterstützen.

Jennys Unterlippe zittert vor Wut und Frieda fällt es wie Schuppen von den Augen.

„Ich kann dir nicht helfen Jenny.“

„Was? Warum nicht?“

„Ich bin nicht neutral und vollkommen Befangen. Du bist Jenny Kirschner, stimmts?“

Verblüfft registriert Frieda ein kleines boshaftes Lächeln als Jenny nickend zustimmt.

Dann nimmt sie zwei Hundert Euro Scheine, streckt sie Frieda entgegen. „Als ich zum ersten mal Theater gemacht habe, weil ich nicht wieder bei seinem Vater anfangen will, meint er nur vollkommen selbstgefällig, vor den Kindern, ich sollte mal zum Therapeuten gehen und hat mir die entgegen geworfen. Wie ein Almosen. Ich brauche aber keinen Therapeuten. Ich behalte meinen Job und werde mit den Stunden hoch gehen.“

„Aber warum bist du denn hier, wenn alles klar ist?“

„Na vielleicht brauch ich doch jemanden der mir ein bißchen Mut macht und mich daran hindert zurück zu gehen. Weil es fühlt sich komisch an und ich habe Angst. Obwohl ich nicht sagen kann vor was.“ dann stiehlt sich klammheimlich das kleine Boshafte Lächeln zurück auf ihr Gesicht. „Außerdem lach ich mich kaputt über das Gesicht seiner Mutter, wenn sie mitbekommt, dass ich bei dir war und du jetzt Bescheid weißt, dass bei Kirschners nicht immer alles so harmonisch verläuft.“

Lächelnd steckt Frieda das Geld ein. „Dann können wir auch bei mir weiter reden. Da gibt es wenigstens Kaffee.“ Kichernd beißt sich Jenny auf die Unterlippe und nickt entschlossen.

Sie heben Friedas Rad ins Auto und setzen sich schwungvoll in die Sitze. Beiden ist ganz kickerig zu Mute. Nach einer kurzen Fahrt hält der Wagen am Parkplatz der Gartenanlage. Und als beide aussteigen haben sie Herzklopfen. Frieda schiebt ihr Rad. „Wir gehen durchs Gartenürchen rein. Dann haben wir es hinter uns.“ „Oh Gott, ich könnte kotzen. Die wissen, dass ich einen Termin bei einer Lebensberaterin habe.“

Jenny greift kurz nach Friedas Hand und drückt sie. Frieda drückt lachend zurück. Plötzlich fängt Jenny an laut zu reden. „Und sie meinen als Frau Flieder ich sollte unbedingt meine Unabhängigkeit bewahren?“ Aus dem Augenwinkel bemerkt Frieda den Kopf von Christian und den seiner Mutter, mit Gesichtern, als würden sie kurz vor einem Herzinfarkt stehen. Christian frisst schon wieder irgend einen Kuchen den er von seiner Mutter serviert bekommt, die beiden Arschlochkinder sind mit ihren Smartphones beschäftigt. Und interessieren sich einen feuchten Dreck um ihre Mutter oder ihren Vater, der ziemlich blass und sehr ungläubig unter seinen Brillengläsern blinzelt. „Frau Kirschner, sie sollten auf keinen Fall den Narzissmus ihres Mannes noch weiter bedienen und schon gar nicht zu einem so hohen Preis. Geben sie ihm endlich mal eine Chance erwachsen zu werden.“ Als die kleine Gartentüre hinter Frieda und Jenny ins Schloss fällt und beide zur Feuerstelle in den anderen Gartenteil gegangen sind, der nicht mehr so leicht einzusehen ist, nehmen sie sich kurz an die Hände und hüpfen geräuschlos auf und ab. Frieda stürmt in ihren Wagen um Kaffee zu machen. Durchs Fenster beobachtet sie Jenny, die ganz komisch da steht. Die Knie leicht eingeknickt, die Arme erhoben, sehr zögerlich. Was hat sie vor? Und dann springt sie nach vorne, lässt sich auf die Hände fallen, reißt die Beine wenig elegant in die Luft und lässt sie auf der anderen Körperseite wieder runter plummsen. Jenny hat ein Rad geschlagen. Und sie schlägt gleich noch eins. Diesmal sind die Beine schon etwas mehr durch gestreckt und die Arme auch gerader. Und noch eins. Sie sehen immer besser aus. Frieda greift zu ihrem Smartphone und schreibt eine Nachricht an Micha. „Heute Abend bei mir. Bring Bier mit.“ Das wird sie nicht für sich behalten. Das wird sie Micha alles haarklein erzählen und Ole auch. Ist das eine Nachricht wert? Oder sollte sie ihm das alles erzählen wenn er wieder da ist. Ja, das erzählt man besser unter vier Augen. Extra deswegen anrufen, dass sieht so aus als wenn sie tratschen wollen würde. Aber sie will auch tratschen. Unbedingt. Sie beschließt sich das nächste mal die Nummer von Ute geben zu lassen. Ja, eigentlich ist sie nur Stammkundin im Buchladen, aber in lezter Zeit kommt sie recht oft, nur um zu hören was es neues von Ole gibt und noch nie hat sie irgend einen Tipp gegeben. Sie wird sie zum Geburtstag einladen. Sie hat es zwar verdrängt aber nächste Woche wird sie 43. Und sie ist froh, dass Ole nicht da ist. So kann sie ganz unbefangen mit ihren Freunden einen trinken, ohne darauf achten zu müssen, dass es irgendwie mit Anspielungen und Bemerkungen ausartet. Frieda bezweifelt, dass Ute einen ganzen Abend neben Ole sitzen könnte, ohne dass man es ihr von der Stirn ablesen kann, dass sie was weiß, was alle anderen auch interessieren würde.

Der Kaffee ist fertig und als Frieda mit zwei Kaffeetassen raus kommt, schlägt Jenny ihr letztes Rad und bleibt keuchend und lachend vor Frieda stehen.

„Es ist tatsächlich alles gesagt.“ lacht sie. „Dein Satz eben auf dem Weg ist alles was ich wissen wollte. Aber was mache ich gegen das schlechte Gewissen?“ „Da musst du dich dran gewöhnen. Also nicht an dein schlechtes Gewissen, sondern an die Tatsache, dass du nicht nur dazu da bist um anderen das Leben zu erleichtern. Tu was für dich. Alles andere wird schon.“

Sie nippen zeitgleich am heißen Kaffee. „Und? Verlässt du ihn?“ Jenny schaut in den Himmel, zum Wagen, rüber zum Garten wo ihr Mann sitzt und dann zu Frieda. „Nein.“ sagt sie. „Er ist auch ein Produkt meiner Bequemlichkeit. Ich habe seine Mutter jahrelang unterstützt ein immer größeres Arschloch aus ihm zu machen. Weil ich keine Lust hatte dagegen an zu kämpfen. Und jetzt kann ich die arme Made nicht im Stich lassen. Nur weil ich mich plötzlich verändere. Aber es wird sich einiges ändern.“ sagt Jenny mit fester Stimme. Und das wird damit Anfangen, dass ich ein paar Regeln auf stelle. Sie wird uns den Wohnungsschlüssel geben. Es geht nicht, dass sie ohne zu klingeln oder sich sonst wie an zu melden plötzlich in meiner Küche steht. Die Kinder nehmen nur nach Absprache mit mir an Mahlzeiten teil. Es kann nicht angehen, dass ich koche und dann heißt es nur, wir haben schon bei Oma gegessen. Geschenke werden auch mit mir abgesprochen. Die Kinder werden nicht mehr mit jedem Müll zugeschüttet, den sie haben wollen und, und das ist das wichtigste, Christian kann jeden zweiten Sonntag gerne zu seinen Eltern zu Mittag essen gehen, gerne auch mit den Kindern. Am besten wenn ich arbeite. Aber wenn ich mal frei habe, dann werde ich was mit meiner Familie unternehmen und die besteht mit mir aus vier Personen.“ Entschlossen steht Jenny auf. „Und ich mache diese Ankündigung am besten noch mit der Energie, die ich jetzt gerade habe.“ Sie nimmt Frieda in den Arm und Frieda bemerkt das leichte Zittern. Als Jenny den halben Weg durch den Garten hinter sich gelassen hat ruft Frieda ihr zu und Jenny dreht sich noch mal um. „Jenny, ich feiere nächste Woche Freitag meinen 43. Geburtstag. Ich würde mich freuen wenn du kommst. Mit Christian. Ohne Kinder.“ Jenny strahlt übers ganze Gesicht. „Gerne.“ dann fällt die Gartentüre hinter ihr zu und Frieda sieht ihren Rücken hinter einem Rhododendron verschwinden.

Mai (2)

Die Eisheiligen marschieren durch den Garten und hinterlassen Jammern und Wehklagen. Ungerührt blickt Frieda durchs Fenster. Ihre Oma hat schon immer gesagt Vor Bonifaz kein Sommer, nach der Sophie kein Frost.“ Und Frieda hat diese Regel nur einmal mißachtet und die Konsequenzen teuer bezahlt, indem sie ihre angezogenen Tomatenpflanzen wegwerfen und neue Stecklinge im Baumarkt holen konnte. Aber zu Pfingsten wollen es alle in ihren Gärten schön haben und werden übermütig und dann werden Frost und kälteempfindliche Pflanzen schon raus gesetzt, nur weil man schon ein paar Tage im T-Shirt rumlaufen konnte. Böse Falle. Als das Gejammer auch aus dem Kirschner Garten kommt, huscht ein Lächeln über Friedas Gesicht. Nach Männertag kam Frau Kirschner tatsächlich zu ihr rüber um sie als Zeugin zu akquirieren. Der Betrunkene aus Sperlings Garten soll die Party vom Christian massiv gestört haben und es wäre fast zum Hausfriedensbruch gekommen. Man sollte doch besser mal zum Gartenvorstand gehen um das zu melden, damit so was nicht noch mal vorkommt. Als Frieda versuchte die Sachlage aufzuklären, wollte Frau Kirschner nicht mehr zuhören und als dann noch Gärtner aus den anderen Lauben kamen um alles richtig zu stellen war sie richtig eingeschnappt.

Von Ole hatte sie nicht viel gesehen. Man hört ihn hämmern und bohren und manchmal fluchen. Wenn er draußen mal eine Zigarette am Gartenzaun raucht, dann plaudern sie vertraut miteinander und Frieda hatte schon Überlegungen angestellt, ob man es dabei belassen soll. Es fühlt sich gut an. Kann es noch besser werden? Wäre mehr Nähe nicht zu viel? Sie hat mit ihm den ersten Rhabarber-Streuselkuchen des Jahres gegessen. Am Gartenzaun. Er kommt nicht rüber, er hat nie Zeit und Frieda liegt es fern ihn zu locken. Nach dem Stück Streuselkuchen kam sie sich schon blöd genug vor. Sie hat sich vor ein paar Tagen dabei ertappt, wie sie im Buchladen in einem Kochbuch mit Liebesmenüs geblättert hat. Aphrodisierende Gewürze zu einem leichten Gemüsecurry wollte sie im Gedanken sogar schon ausprobieren. Als eine Kundin über ihre Schulter blickte und fragte, ob sie das Buch empfehlen könnte, kam sie wieder zu sich und versenkte es schnell im Regal.

Und jetzt rollt eine Kältewelle durch die Gärten, passend zu ihrem Gemüt. Steffi und Agnes hatten sie eingeladen und sie hat beide abgesagt. Sie mochte es ohnehin nicht, zu dieser Zeit den Garten zu verlassen und jetzt schon gar nicht. Sie konnte keine Gelegenheit verpassen, Ole durch ihr Fenster zu beobachten, wenn er raus kam um eine zu rauchen. Und sie wollte auch keinen Besuch haben. Weil sie sich nicht rechtfertigen wollte, warum sie mehrmals am Tag mit angehaltener Luft aus den Fenster starrt und danach im Wechsel sehr gut oder sehr schlecht gelaunt ist. Micha hatte eh schon grinsend bemerkt, dass ihr Garten so Unkraut frei wie nie ist und vor allem die Teile von denen man den Sperlingsgarten im Blick hatte.

Sie legt noch ein Stück Holz nach und greift nach ihrer Stricksocke als sie feste Schritte auf ihrer Treppe hört. Unbekannte Schritte. Jemand steht vor der Türe. Steht vor der Türe und – was macht er da? Nach langem zögern klopft es an. Friedas Herz klopft bis zum Hals. Sie legt sie Socke beiseite und geht zur Türe, schickt einen Wunsch ans Universum und öffnet sie.

Draußen steht Ole, sichtlich verlegen. „Du Frieda, kannst du mir einen Gefallen tun, das ist mir jetzt echt peinlich.“ Frieda starrt ihn an, verliert sich in deinen Augen und dem Dreitagebart. „Ich habe vor lauter rumtun verpasst das wir schon wieder einen Feiertag haben. Ich habe gestern die letzten Reste gegessen, weil ich heute morgen einkaufen wollte und jetzt ist Pfingstmontag und es ist auch keiner zu Hause. Alle sind unterwegs.“ Und während Ole an der Türe steht und wundervoll und hilfebedürftig aussieht, trompeten Engel in Friedas Kopf. Während ein Teil ihres Gehirns verzweifelt versucht das Rezept des Liebesmenüs zu rekonstruieren, geht ein anderer ihre Vorräte durch und zum vernünftig Kommunizieren bleibt nur ein kleiner Rest Grütze. Der ist gerade ein bißchen überfordert. Deswegen zerrt sie Ole wortlos in ihren Wagen. „Oh du hast es hier schön warm, Hätte nicht gedacht, dass es nochmal so kalt wird.“ „Ich wollte gleich kochen.“ nein das wollte sie eigentlich nicht. Sie hätte sich maximal ein paar Kartoffeln in ihren Ofen geworfen. „Und vorher noch eine Tasse Kaffee trinken.“ nein, sie hatte schon genug Kaffee gehabt. „Soll ich dir gleich eine mitmachen und du kriegst ein Stück Kuchen und Plätzchen?“ Das Hirnteil, was sich bis eben noch ums Rezept gekümmert hat, fängt an Frieda zu ohrfeigen. Will sie ihm vielleicht gleich noch die Brust geben? Sie will doch nicht seine Mutti sein, oder was? Seufzend lässt sich Ole auf einen Stuhl fallen. „Gerne. Du hast es hier echt gemütlich drinnen. Das gefällt mir total. Ich habe dafür kein Händchen. Wenn bei mir alles fertig ist, kannst du mir ja mal ein paar Tipps geben.“ Friedas verstand klammert sich verzweifelt an ihre Zunge, bitte sag jetzt am besten nichts. Deswegen stellt sie nur verheißungsvoll lächelnd einen Teller mit einem Kuchen und ein paar Keksen hin.

*

Frieda hat die erste Kartoffelstaude ausgegraben und einen kleiner Eimer erdverschmierte Frühkartoffeln erbeutet. Es war ihr gerade egal, ob die noch ein bißchen in der Erde hätten bleiben können. Sie wird Ole nichts schrumpeliges oder gekauftes anbieten. Nicht beim ersten gemeinsamen essen. Sie pflückt ein paar Erdbeeren und Rucola. Zuckererbsen, Radieschen, ein paar Stiele Mangold und Kräuter wandern in ihren Korb und es fühlt sich verdammt gut an. Die kleinen Frühkartoffeln werden abgeschrubbt gekocht. Frieda muss die Türe von ihrem Wagen aufmachen, sie hat den Herd so angeheizt, dass es langsam ein bißchen warm wird. Die Zuckerschoten werden leicht angebraten und später mit den Rucola und den Erdbeeren als Salat serviert. Ein Dressing aus Himbeeressig, Olivenöl, Rosensalz und rotem Pfeffer steht schon in einer kleinen Karaffe im Kühlschrank. Sie brät die gekochten Kartoffeln in der Pfanne an, zusammen mit Zwiebeln, Knoblauch, Tofuwürfeln und dem in Streifen geschnittenen Mangold. Die Radieschen passen nicht so recht zu irgendwas, trotzdem stellt sie sie in einer kleinen Schüssel auf den Tisch, ohne vorher Rosen draus zu schnitzen. Während das ganze in der Pfanne schmurgelt, geht Frieda mit klopfendem Herzen raus um Ole Bescheid zu sagen.

Sie steht am Zaun und lutscht noch ein bißchen auf Oles Namen rum. Bevor sie ihn vorsichtig aus ihrem Mund gleiten lässt. „Ole.“ ihr Grinsen wird breiter. „Essen ist fertig.“

Dann dreht sie sich schnell um und geht. Er weiß ja wo es lang geht. Sie stellt für Ole einen Teller hin mit Neonfarbenen Madruschkas und sich selber einen mit Goldfischen. In einem albernen Anfall von Eifersucht tauscht sie die Teller schnell um dann die Madruschkas zurück in den Schrank zu verbannen und statt dessen einen Teller mit einem röhrendem Hirsch zu nehmen. Gerade, als sie anfängt zu überlegen, ob Hirsche nicht nur während der Brunft röhren und ob man das jetzt Missverstehen könnte, kommt Ole zur Türe herein und setzt sich sichtlich erleichtert an den Tisch. „Es tut mir so leid, dass ich dich hier so störe. Das mache ich irgendwann wieder gut.“ Er riecht nach Baustaub, Schweiß und Rauch. Frieda schließt sie Augen und atmet tief ein. Sie ist froh, ja geradezu dankbar, dass er so riecht, ansonsten wäre die noch mal unter die Dusche gesprungen und hätte mehr Zeit in die Auswahl eines passendes Schlüpfers investiert als ins Essen kochen. Tatsächlich findet sie seinen Geruch sogar irgendwie aphrodisierend.

Sie nimmt die Pfanne und gibt eine Menge Kartoffeln auf Oles Teller und sich nur drei Stück. Die anderen wird sie nachher essen wenn er wieder weg ist. Da ist sie entspannter und sieht auch nicht so verfressen aus.

Ole scheint sich nicht zu interessieren, ob er verfressen aussieht. Die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und die Gabel fest in der Hand schaufelt er mit andächtiger Miene Kartoffeln in sich rein. „Sorry.“ sagt er mit vollem Mund. „Das ist so verdammt lecker und ich habe echt Kohldampf ohne Ende.“ Frieda hat eine Kartoffel gegessen, da blickt Ole erwartungsvoll von seinem leeren Teller auf. Frieda nickt zur Pfanne rüber und Ole füllt den Teller wieder auf. Er scheint tatsächlich Hunger zu haben und fängt auch gleich wieder an zu schaufeln. Diesmal pickt er aber auch mal am Grünzeug. Mit hochgezogenen Augenbrauen nickt er anerkennend. „Der Salat hat was von >>Haute Cuisine<<.“ Frieda wird ganz flau im Magen, so sehr freut sie sich. Selbst als Ole noch mal die Pfanne in die Hand nimmt und sie fragend ansieht, nickt sie nur grinsend. „Mach leer.“ Was solls. Der Ofen ist eh an. Dann haut sie sich später eben noch ein paar schrumpelige Kartoffeln in die Röhre. Aber sie ist auch gar nicht so hungrig. Sie guckt sich satt. An den tollen Menschen der da vor ihr sitzt. „Noch Kaffee?“ „Gerne.“ Das Wasser ist heiß genug und so kann sie gleich eine kleine Kanne aufbrühen. Mit einem Stoßseufzer schiebt Ole den leeren Teller von sich und fährt mit dem Handrücken über seinen Mund. Frieda erstarrt innerlich. Sie kennt das von Jakob und Holger und auch von vielen anderen Männern. Nach dem essen, seufzen, zurücklehnen und dann, mit etwas Glück, unterdrücktem Aufstoßen. Aber aus Oles Richtung kommen keine Körpergeräusche. Juhu.

Sie sitzen sich gegenüber und nippen an ihren Kaffeetassen.

„Ich bin gerade sozusagen im Endspurt, deswegen vergesse ich immer mal die Zeit.“

„Was machst du denn alles? Deine Oma hat im Sommer auch fast in ihrem Garten gewohnt. Da muss doch schon alles da gewesen sein.“

„Ja, aber meine Oma ist auch Kriegsgeneration. Sie geht also auch auf ein Plumpsklo und wäscht sich in einer Plastikschüssel. Und sie hat kein Problem damit an einem rauchenden Ofen zu sitzen und trotzdem zu frieren. Ich kann das auch aushalten, ohne Probleme, werde es aber nicht, solange ich nicht muss. Diese Woche sollten meine Solarpaneels kommen. Wenn die dann auf dem Dach sind, brauche ich nur noch ein oder zwei Tage zum schick machen und dann,“ er blickt ihr tief in die Augen „dann kommst du rüber und dann trinken wir einen.“

Frieda bekommt eine leichte Gänsehaut im Nacken und ihr Gesicht prickelt. Sie muss sich gar nicht fragen ob sie rot wird. Sie weiß, dass sie inzwischen wie eine Rote Beete Knolle aussieht. Aber das ist nicht schlimm. Ole hat Nasenhaare. Und so wie er sie ansieht scheint es ihm egal zu sein wie rot ihr Gesicht ist. Er guckt ein bißchen verliebt. Beide sitzen also da und gucken sich an und keiner weiß so recht was er jetzt tun soll und als Frieda Schritte hört, ist sie gleichermaßen wütend und froh. Sie hätte aus dieser Situation nicht mehr raus gefunden. Es klopft und Micha stürmt durch die Türe, sobald Frieda herein gerufen hat.

Ole und Micha starren sich an. Da die einzigen beiden Stühle besetzt sind, schlendert Micha betont gleichgültig zum Schaukelstuhl und nimmt da Platz. Dann streckt er seine Hand in Richtung Ole aus. „Micha.“ „Ole.“ „Na,“ fragt er und guckt beide abwechselnd an „Was gibt’s neues?“ „Ole wohnt jetzt nebenan.“ sagt Frieda, damit Ole nicht denkt, Micha würde schon über alles Bescheid wissen, weil sie pausenlos davon redet. Aber dann fällt ihr ein, als wenn es jetzt aussehen würde als wäre er bisher noch nicht mal eine Erwähnung wert gewesen. „So, ich muss wieder rüber. Weitermachen. Danke Frieda.“ Ole steht auf, greift zu Friedas Schulter um sie kurz zu drücken, verabschiedet sich und geht.

„Und den findest du jetzt gut?“ sagt Micha, kaum dass man sicher sein kann, dass Ole außer Hörweite ist.

„Wie kommst du da drauf?“

„Du hast dich in den letzten Tagen ein bißchen rar gemacht und wirkst verschlossener. Und beim letzten mal ist mir schon aufgefallen, dass du oft rüber guckst.“

„Was? Nein! Ich guck halt immer mal so rum.“ Frieda versucht betont verwirrt in Michas grinsendes Gesicht zu gucken. Aber es klappt nicht. „Ja gut. Ich finde ihn schon ziemlich klasse.“ gibt sie seufzend zu.

„Das ist doch cool. Warum gehst du nicht einfach rüber und sagst es ihm.“

Frieda bereut sofort was gesagt zu haben. Es geht gleich los. Warum gehst du nicht einfach rüber, warum machst du nicht dies oder das. Du musst mal dieses und jenes und deine nackten Brüste über den Gartenzaun hängen, blablabla.

„Ich möchte ab jetzt, keine Frage mehr darüber gestellt und keinen Vorschlag diesbezüglich bekommen.“ sagt sie streng und blickt Micha dabei fest in die Augen. Wenn ich denke, dass ich Hilfe brauche, dann frage ich jemanden. Vielleicht sogar dich.“

„Ist ja schon gut.“ sagt Micha verwirrt.

„Das ist es wirklich.“

„Kommt er am Freitag mit?“

Nun guckt Frieda fragend. „Was? Wohin am Freitag?“

„Agnes feiert rein. Im Evergreen.“

„Ach so stimmt.“ zerknirscht muss sich Frieda eingestehen, dass sie es vollkommen vergessen hat. „Natürlich kommt er nicht mit.“

Grinsend schweigt Micha weiterhin zum Thema Gartennachbar und erleichtert stellt Frieda eine Musikliste zusammen. Micha wollte für Agnes eine CD brennen mit Liedern, die sie durchs Leben begleitet haben und Frieda, die schon zusammen mit ihr eingeschult wurde, kennt sich da am besten aus. Offiziell hatten Frieda und Agnes natürlich nur Feeling B und ähnliches gehört. Trotzdem konnte Agnes auf ihrer Wandergitarre auch „Alt wie ein Baum“ spielen und wer hatte nicht zu „Am Fenster“ von City getanzt?

*

Die Eisheiligen waren jetzt vorbei, die Temperaturen stiegen und Frieda konnte Ole und Bernd beim anbringen der Solarpaneels beobachten. Sie zupfte jede grüne Erscheinung zwischen ihren Erdbeeren weg und hatte deswegen eine gute Sicht auf Ole in Jeanshosen und wenn er die Leiter hoch stieg, dann rutschte das T-Shirt hoch und die Hose runter und so durfte sie mehr als einmal sein prächtiges Bauarbeiter Dekolletee bewundern. Das ging so lange gut, bis sie bemerkte, wie Bernd grinsend zu ihr schaute und zu allem Überfluss noch zwinkerte, als sie mit halbgeöffnetem Mund und seufzend Oles Rückseite anschmachtete. Aber auch später war an Ole Verhalten keine Veränderung zu bemerken. Sein Freund schien es für sich behalten zu haben. Und jetzt ist Frieda ziemlich gut drauf und fährt mit dem Rad die Ludwig Wucherer Straße hoch um es vor dem Evergreen anzuschließen. Gerade als sie ihre Luftpumpe in der Tasche verstaut halten die Räder von Holger und Micha direkt neben ihr. Zusammen betreten sie die Gaststätte, wo Agnes schon am Fenster sitzt.

Als die ersten großen Biergläser vor ihnen stehen, stoßen sie an. Agnes erzählt von ihrem Tag im Museum. Wenn nicht irgendwelche Schulklassen durch randalieren ist das meist ziemlich kurz. Dann kommen noch Kollegen von Agnes. Der Abend wird recht nett. Frieda ist gerade im Gespräch mit Holger vertieft als sie mit einem halben Ohr ein „Frieda ist unser überzeugter Single.“ hört.

„Was?“ Ein Kollege von Agnes, David, den sie von vielen Abenden bei Agnes schon recht gut kennt, sieht zu ihr rüber. Neben ihm Claudia, die sich vor zwei Monaten von ihrem Mann getrennt hat und nun überhaupt gar nicht mit dem allein sein klar kommt. Von Agnes weiß Frieda aber, dass sie schon fast ein Jahr eine Affäre hatte und sich auch deswegen von ihrem Mann getrennt hat. Dumm nun, dass die Affäre nur so leidenschaftlich schien, weil es ein verbotenes Geheimnis war und der Männliche Teil dieser Konstellation kein Interesse daran hatte, eine alltagstaugliche Beziehung daraus zu machen.

„Ich hab Claudia gerade erzählt, dass du auch schon voll lange glücklich Single bist und damit klar kommst.“ „Wer sagt denn das ich damit glücklich bin?“ Micha und Holger schielen auf Friedas Deckel. Drei Bier. Also ist sie im Diskussions-Modus, sagen sich die Blicke, die sie sich grinsend zuwerfen. David guckt entgeistert. „Na wer so lange Single ist, der scheint doch ganz zufrieden damit zu sein.“ „Nein.“ Sagt Frieda mit fester Stimme. „Ich hasse es. Aber ich finde keinen passendes Gegenstück und mit irgend einem zusammen zu sein, nur damit ich nicht mehr alleine bin, würde ich noch mehr hassen. Ich habe mich mit dem allein sein arrangiert. Aber ich bin damit nicht zufrieden und glücklich.“ Agnes blickt betroffen. „Ich wusste nicht, dass du so unglücklich bist.“ „Bin ich auch nicht.“ entgegnet Frieda lachend. Aber ich bin auch nicht glücklich und überzeugt.“ Und schon ist eine wilde Diskussion am Gange. Das für und wieder. Und Claudia fühlt sich immer elender. Denn tatsächlich scheint eine Beziehung nicht nur aus Händchenhalten und Sex zu bestehen. Auch das für jemanden da sein, dass jemand am Leben des anderen Teil nimmt. Ja, man kann als Single gehen und kommen wann man will. Aber nicht, weil man Frei ist, sondern weil niemand da ist, den es interessiert. Das kann man dann Freiheit nennen. Vor drei Tagen hatte Frieda wieder mit Ute im Buchladen gesessen um sie auf dem Laufenden zu halten. Und dann hat Ute zu ihrem Handy gegriffen, drauf geschaut und meinte sie müsste jetzt mal los weil Henning schon zu Hause wäre und sie sollte noch ein Brot mit bringen. Und Frieda hat sie wirklich von ganzem Herzen beneidet. Irgendwann während dem Gespräch verlässt Claudia die Kneipe und man kann sie von drinnen beobachten, wie sie telefoniert und sehr angespannt aussieht. Irgendwann stürzt sie wieder rein, küsst Agnes verabschiedet sich mit einer kurzen Entschuldigung, greift sich ihre Tasche und verschwindet im Laufschritt. „Nanu.“ sagt David. Aber die anderen sind genauso ratlos und zucken mit den Schultern. Die Kellnerin kommt mit einem Tablett voller Sektgläser. Holger hat das vor zwei Stunden bestellt. Zum reinfeiern gehört Sekt. Und vor lauter Schnatterei haben sie gar nicht bemerkt, dass Agnes schon seit zwei Minuten 43 ist. Die Gläser klingen und Frieda schließt im Kopf die Wette mit sich ab, dass ein Dussel gleich „frohes Neues“ ruft und tatsächlich ist es Holger, der sich diese Gelegenheit nicht entgehen lässt. Seufzend blickt Micha zu Frieda. „Mit ist halt besser als ohne.“ sagen seine Augen und Frieda kann sich ein Lachen nicht verkneifen.

Gegen Ein Uhr Nachts fährt Frieda über die Berliner Brücke. Sie bleibt kurz stehen. Es ist mühsam angetüttelt zu fahren. Sie bewundert kurz den Blick auf den Bahnhof. Die beleuchtete Stadt. Nicht schön, aber irgendwas hat es. Dann fährt sie weiter und ist verdammt froh, endlich am Wagen zu sein.

Sie schließt das Tor sorgfältig hinter sich ab, stellt ihr Rad an seinen Platz und geht noch mal durch den Garten. Bei Ole brennt noch Licht. Zu Spät merkt sie, dass neben dem Fenster auch noch ein kleiner orangener Punkt leuchtet. „Gnabend.“ Sagt eine warme Stimme. Frieda merkt, dass sie ordentlich einen im Tee hat. „Hi, find ich gut, dass du im Haus nicht rauchst.“ Friedas Verstand schlägt verzweifelt die Hände vors Gesicht.

„Find ich gut, dass du nebenan wohnst.“ sagt Ole „Gute Nacht Frieda Flieder.“ und dann geht er in sein Gartenhaus.

Aber wenn man bedenkt, dass jetzt die Eisheiligen rum sind, nichts kaputt gefroren ist, Ole nichts von Tieren isst und sie zu mögen scheint, dann ist das ja wohl ein ziemlich guter Monat gewesen.