Dezember (2)

Frieda hatte tatsächlich noch mal einen Termin im Nähkaffee bekommen. Vor Weihnachten ist das immer etwas schwierig. Sie hat nicht nur sehr schöne Geschirrtücher in Beutel verwandelt, sondern auch noch Bezüge für die beiden Bänke im Camper genäht. Beim aufräumen hatte sie tief unterm Bett noch zwei wirklich schöne Tischdecken mit einem sehr freundlichen Blumenmuster gefunden.

Und als sie Abends dann den Schaumstoff damit bezogen hatte, sah das ganze schon mehr aus, als wenn sie dort wohnen würde. An den Haken an denen Cremfarbene Gardinen hingen, hängt jetzt eine Lichterkette die mit Solar funktioniert. Ein paar Gartenmenschen aus der Nachbarschaft kamen vorbei um sich das Mobil näher zu betrachten. Selbst Herr und Frau Kirschner, die nach Oktober nicht mehr in den Garten gehen, kamen vorbei. Verwirrt nahm Frieda ein Pfund Kaffee und zwei Päckchen Fliederfarbene Sockenwolle entgegen und stand amüsiert draußen, während Frau Kirschner lautstark ihre Bewunderung kund tat. Herr Weide kam auch kurz, brachte Schokolade und stand kurz am Wagen und nickte anerkennend hinein.

Und nun rührte Ute draußen im Kessel, der am Dreibein über einer Feuerschale hing, während sie mit Jenny erzählte. Agnes und Inge sitzen hier bei Frieda im Wagen, die damit beschäftigt ist, die letzten Brotteller aus dem Offen zu holen. Ole sitzt mit Bert, Holger und Christian im Haus und Thomas hält mit Micha den Kopf in den Motorraum des Campers. Alle sind zufrieden, obwohl auch allen kalt ist, trotz Glühweinbecher den jeder mit sich rumschleppt. Irgendwann brüllt Frieda übers Gelände und alle finden sich ein um sich einen Brotteller zu schnappen und ihn am Kessel mit einer wunderbar duftenden Dal Suppe füllen zu lassen. Es ist zu kalt zum setzen, deswegen steht jeder löffelnd um den Feuerkorb und Frieda ist froh, dass die Brotteller dicht sind. Der Kessel wird leer und jeder knabbert noch an den Resten seiner Brotteller, als Frieda das Wort ergreift „So, normalerweise war es ja die letzten Jahre so, dass wir diese Abschiedsparty etwas später gemacht haben und es war nur ein Abschied vom Wagen, weil ich danach eine Weile zu meinen Freunden gezogen bin, die immer Angst hatten ich würde zwischen den Jahren erfrieren. Dieses Jahr ist das anders. Dafür sind es auch ein paar Menschen mehr auf der Party, ich weiß jetzt auch nicht was ich sagen soll, ich hab den Faden verloren. Ich hol jetzt eure Geschenke.“ Allgemeines lachen und dann Neugierige Blicke von den Menschen, die dieses Ritual noch nicht kennen. Sichtlich berührt nehmen Jenny und Christian, Bernd und Inge, Thomas und Ute ihren Beutel mit Plätzchen entgegen. Agnes, Holger und Micha kennen das und freuen sich trotzdem. Beklommen registrieren alle, dass ein Beutel übrig bleibt. Keiner traut sich nach zu fragen. Und nach und nach verlassen alle den Platz. Bepackt mit Marmelade und Tomatensoße. Es ist zu wenig Platz um mit allen rein zu gehen und zu kalt um weiter draußen zu stehen. Jenny und Christian würden sie am Montag noch mal sehen. Das Sofa von Ole steht bereits im Lager des Buchladens, aber morgen wird der Rest, der nicht mit verkauft wird in Friedas Wagen geräumt und dann ist die große Übergabe. Jenny quickt jedes mal wenn sie „das Haus“ sagt. Sie freut sich unglaublich drauf und Christian, der sich in den letzten Monaten weiter entwickelt hat, freut sich auch und Frieda hat auch keine Angst mehr ihn als Gartennachbar zu haben. Dienstag sind noch ein paar Wege zu erledigen, Waschhaus, Stadtbad und Frieda hat einen Friseurtermin und Mittwoch geht es los. Ganz früh.

Agnes drückt sie mit feuchten Augen an sich, beide stehen lange da und drücken sich, sagen sich wie gerne sie sich haben und dass sie sich nie aus den Augen verlieren. Dann sieht Frieda wie Thomas seine Hand auf Agnes Schulter legt und sie sanft auffordert jetzt mit zu kommen. Er drückt Frieda kurz und verabschiedet sich von Ole mit Handschlag und Schulter klopfen. Ute geht, dann Bert und Inge. Zum Schluss sind nur noch Holger und Micha da. Ole wird unsanft aufgefordert gut auf zu passen und Frieda ja wieder zurück nach Halle zu bringen. Mit einer festen Umarmung gehen beide und Frieda hätte sich am liebsten in Tränen aufgelöst.

Ole und Frieda reden fast die ganze Nacht durch. Frieda muss ihm immer wieder versichern, dass sie wirklich mit will, dass sie die Entscheidung nicht bereut und alles so gut findet und daran glaubt, dass es noch besser wird. Und Fantastisch und spannend. Allerdings auch ungewohnt und ungewiss und deswegen darf sie auch traurig sein. Und wenn Micha, Holger und Agnes sich jetzt ein Wohnmobil kaufen würden um mit zu kommen, wäre sie wirklich total abgenervt davon. Wirklich. Die müssen hier die Stellung halte, immer wieder mal berichten, Bilder vom Weihnachtsmarkt schicken und nach dem Wagen gucken. Es ist alles gut so. Sie hat nur ein ganz kleines Gewicht am Herzen hängen.

*

Das Gewicht ist über Nacht nicht wirklich verschwunden. Trotzdem geht Frieda in Stadtbad nicht unter, als sie mit Ole ihre Kreise durchs Becken zieht. Sie hatten sich ein Frühstück im Waschhaus gegönnt und zum Ärger aller anderen gleich sämtliche Waschmaschinen besetzt. Ole hatte ein kleines schlechtes Gewissen, aber Frieda winkt ab. Sie waren nun mal als erstes da und als der nächste nach ihnen waschen wollte, ist die Maschine schon eine halbe Stunde gelaufen. Jetzt musste er halt, egal wie er in seinen Bart grummelt, noch eine halbe Stunde warten. Und das passte Frieda besser als wenn zwei Maschinen eine halbe Stunde leer stehen und sie selber dafür dann eine Stunde warten muss. So war alles mit einem Waschgang durch, konnte in die Trockner verteilt werden und zwei Stunden später lagen die Wäschesäcke im Auto und sie konnten sich im Frauenbecken durchs warme Wasser gleiten lassen. Also Frieda genoss das warme Wasser und die Ruhe. Ole fing irgendwann an zu kraulen und zog mit einer solchen Geschwindigkeit seine Kreise in dem viel zu kleinen Becken, dass fast ein Strudel entstand der alle Omas mit Poolnudeln und Blümchenbadekappen auf den Grund des Beckens gerissen hätte. Der Bademeister machte dem mit einer Trillerpfeife ein Ende und jetzt schwimmt Ole wieder neben Frieda, leise und langsam, wie zwei Seekühe.

Mit einem Kuss verabschieden sie sich. Ole steigt ins Auto, fährt in den Garten und Frieda geht zum Friseur und kommt dann zu Fuß nach. Oder nimmt die Straßenbahn.

Jetzt wird es Zeit. Heute und morgen müssen die ganzen Sachen eingeräumt werden. Wenn es Mittwoch wirklich ganz früh los geht.

Sie ärgert der Gedanke ein bißchen nicht alles mitnehmen zu können. Kartoffeln zum Beispiel. Also natürlich nimmt sie welche mit. Aber mehr als nur ein paar sprengt die Vorratsschränke und dann muss was gekauft werden, dass hier im Erdkeller schrumpelig wird. Aber Agnes und Micha haben versprochen jede Woche zu gucken ob was weg muss und das dann bei sich zu Hause zu verbrauchen. Sie hat inzwischen hundert Listen gemacht. Aber Ole weigert sich beharrlich diese zusammen mit ihr durch zu gehen. Er scheint die Wichtigkeit der genau geplanten Menge an Lebensmitteln nicht so ernst zu nehmen.

*

Es scheint doch ganz einfach zu sein. In Frankreich frühstücken sie kein selbstgemachtes Müsli. Da werden sie sich Croissants holen. Deswegen reicht eine Tüte selbstgemachtes Müsli und ein Glas Erdbeermarmelade und eins mit Pflaumenmus. In Spanien werden sie wohl frühstücken wie die Spanier und da gibt es Tomaten und Oliven. Und dort werden sie auch Olivenöl kaufen und deswegen muss nur ein ganz kleines Minifläschchen mitgenommen werden.

Und in Spanien gibt es wohl in jedem kleinen Laden Soja oder Reismilch. Also beschließt Frieda sich zu entspannen und alles auf sich zukommen zu lassen. Gemüsebrühe braucht man wohl auch nur ein kleines Glas. Und Schokopuddingpulver nimmt sie auch nur zwei Tüten mit. Aber ihre Teekräuter finden auf alle Fälle einen Platz.

Sie kann sich nicht entscheiden welche Klamotten eingepackt werden sollten. Sie nimmt fast alles mit und stellt fest, dass sie weniger Kleidung hat als Ole. Es soll kalt werden Nachts. Sie ist gespannt. Und gerade als sie zum wiederholten male alle Schranktüren aufreißt um nachzuschauen ob alles vorhanden und gut weg gepackt ist, hört sie das Hoftor quietschen. Und ihr Kopf ist gerade voll mit Gedanken, dass es doch nicht so einfach sein kann seine Sachen zusammen zu packen, dass sie was wichtiges vergessen haben muss, anders kann es ja wohl nicht sein, da sieht sie einen Schatten in der offenen Türe stehen. Strahlend dreht sich Frieda zur Türe. Es ist der Schatten auf den sie die letzten Tage gewartet hat. Ihr Schatten seit 43 Jahren. Und in der Türe steht Steffi, langweilig wie immer. Pikiert guckt sie in den Camper, natürlich würde sie in so was nicht mal eine Woche Urlaub an der Ostsee machen. Aber Frieda ist das gerade egal. „Na Frau Flieder, alles schick?“ begrüßt Frieda ihre Schwester. „Es muss,“ antwortet diese traditionsgemäß „und selbst Frau Flieder?“ „Immer so weiter.“ beide lächeln sich an. „Magst du einen Kaffee mit mir trinken?“ fragt Frieda „Und drinnen liegen auch noch deine Weihnachtsplätzchen, wenn sie dir nicht zu popelig sind.“ Steffi boxt Frieda auf den Oberarm und beide gehen rein. Frieda bereitet Kaffee zu, während Steffi in ihren Beutel anschaut. Brezeln und Brötchen in Kreuzstichen verzieren das Geschirrtuch. Steffis Finger gleiten andächtig über die Stickerei. „Hast du das auch gemacht?“ fragt sie vorsichtig. Frieda setzt sich mit zwei Tassen ihr Gegenüber. „Ja.“ sagt sie knapp. „Das du dir Zeit für so was nimmst.“ sagt sie mit einer Mischung aus Anerkennung und Spott.

Dann schaut sie Frieda direkt in die Augen. „Ich versteh dich nicht. Ich könnte das auch nicht. So ungeplant zum Tag rein leben und nehmen was kommt. Die Zeit vertrödeln mit Plätzchen und Beuteln und sticken und stricken, dass kommt mir so sinnentleert vor.“

Frieda schaut mit festem Blick zurück. „Das siehst du so. Aber ich mache etwas, was mir Spaß macht, für Menschen die ich mag. Und es tut mir leid. Aber dein Leben kommt mir so sinnentleert vor, dass ich manchmal um dich geweint habe. Aber ich sag das nicht, weil es mich nichts angeht und es auch dein Leben ist und wenn du glücklich damit bist, dann habe ich gar nicht das Recht dazu etwas zu sagen.“ Steffi blickt betroffen unter sich. „Das hat meine Therapeutin auch gesagt.“ fragend guckt Frieda ihre Schwester an, davon hatte sie noch nichts gewusst, dass die tolle Steffi eine Therapie machen muss. „Ich bin seit einem Monat krank geschrieben.“ erzählt Steffi weiter. „Ich werde frühestens im Februar wieder arbeiten können. Ich hatte einen totalen Burn Out.“

Herausfordernd guckt Steffi zu Frieda. Beide legen sich synchron zurück. „Beneidenswert.“ sagt Frieda spöttisch. „Jakob ist ausgezogen.“ sagt Steffi, und bricht in Tränen aus.

Alles egal, alles vergessen, sie werden nie auf einen Nenner kommen. Wenn stört das? Sie Streiten seit über 40 Jahren. Aber weinen darf keiner. Frieda nimmt ihre Schwester in den Arm die haltlos ihre Schürze vollschluchzt. Es ist faszinierend das Maß der Unzufriedenheit an der Menge der Kritik an anderen Lebensstilen zu erkennen. Und während Steffi in ihren Augen alles richtig macht und ein guter, deutscher Bürger ist, viel arbeitet, konsumiert, versichert und viel Steuern zahlt, fühlt sie sich jeden Tag unglücklicher und musste ihrer kleine Schwester beim glücklich sein zu gucken und dann noch beobachten wie sie noch glücklicher wird und obwohl sie sich kaum um gesellschaftliche Normen schert auch noch viel beliebter ist als sie selber. Das frisst an einem. Klar. Aber Frieda kann doch auch nichts dafür. Und Steffi tut es leid, sie wischt sich mit einem vom Friedas Stofftaschentücher über die Augen. Betrachtet dann das feine Baumwolltuch. „Wer nimmt denn noch Stofftaschentücher?“ „Ich.“ sagt Frieda. „Und Ole.“ Steffi lacht, dann peelt man sich immer gleich die Nase beim schnäuzen. Kein Wunder, dass du immer so rosige Haut hast.“

„Kannst du behalten.“ sagt Frieda, als Steffi ihr das Tuch zurück geben will.

„Ich fliege übrigens nach Spanien über die Weihnachtsfeiertage und zu Silvester. Zu Mama und Papa. Keinen Grund hier zu bleiben wenn du nicht kommst.“

„Dann sehen wir uns da bestimmt. Wir wollten da vorbei fahren.“

Steffi freut sich und Frieda findet es auch viel besser, als wenn sie alleine mit Ole ihren Eltern entgegen treten muss.

„Ich muss jetzt los.“ sagt Steffi und steht auf. Verschämt zieht sie ein kleines Päckchen aus ihrer Jacke. „Das hier ist noch für dich. Wir sehen uns dann in Spanien.“ sie nimmt Frieda fest in den Arm, küsst sie auf beide Wangen und verlässt schnell den Wagen.

Frieda sitzt auf ihrem Küchenstuhl, nimmt noch einen Schluck Kaffee und öffnet dann die kleine Schachtel. Sie ist mit blauem Samt bezogen und drinnen mit weißem Satin ausgelegt. Im Satinbett liegt eine silberne Kette mit einem kleinen silbernen Medaillon. Mit einem Kloß im Hals öffnet es Frieda vorsichtig. Aus einem kleinen ovalen Rahmen blicken sie zwei Mädchen mit Zöpfen an. Die größere hat vorne Zahnlücken ein Halstuch um den Hals und das kleinere Mädchen auf dem Schoß. Und obwohl die kleine eine Fratze macht und die Zunge fast bis zum Kinn raus gestreckt hat, hat die Große beide Arme um sie gelegt und drückt sie liebevoll an ihre weiße Ponierbluse.

*

Sie merkt nie, wie Morpheus sie sanft aus seinen, zurück in Oles Arme schiebt. Ihr wird bewusst, dass sie wach sein muss, weil sie das ticken der Uhr und seinen gleichmäßigen, ruhigen Atem hört. Erst dann bemerkt sie ihre kalte Nasenspitze und ihr kaltes Gesicht. Langsam öffnet sie die Augen die als erstes nach ihrem Orientierungspunkt suchen. Das kleine Fenster ist durch die nahe Straßenlaterne hell erleuchtet und durch die gelb-orange Vorhänge sieht es mit ein bißchen guten Willen aus wie warmer Sonnenschein. Aber das kleine Bullauge lässt gerade genug Licht herein um ihre beiden Atemwölkchen schön sichtbar vor ihren Augen gen Dach steigen zu lassen. Und wie jeden Morgen versucht sie ein paar Sekunden Atemkringel zu machen. Aber es hilft nichts. Frieda Flieder ist jetzt wach. Der Kuckuck über der Türe unterstützt sie mit einem geröcheltem „Kuckuck“, gleich sechs mal hintereinander. Sechs Uhr, eine gute Zeit um wach zu werden. Mit einem leisen Seufzer windet sich Frieda aus Oles Arm, einer Wolldecke und ihrer Bettdecke hervor, greift zu ihrem gefütterten Morgenmantel und schlüpft hinein. Im Küchenherd ist noch Glut. Sie betätigt den Hebel am Aschenkasten und die Glut leuchtet noch mal auf. Allein vom Anblick wird ihr warm und sie merkt wie ihre Nasenspitze auftaut. Rasch wirft sie das passenden Holz in die Luke und beobachtet, wie schnell es Feuer fängt und bald ist ein regelrechtes Inferno in dem kleinen Ofen. In der kleinen Küchenecke befüllt sie ihren grünen emaillierten Wasserkessel mit kaltem Wasser und rückt ihn auf die Herd Platte. Das Feuer wirft seinen warmen unruhigen Schein durch die Ringe des Herdofens und es zeichnen sich glutrote Kringel an der Decke ab. Frieda wird bewusst, dass sich ihr ganzer Körper vor Glück zusammengekrampft hat. Sie schaut auf ihr Thermometerhäuschen, dass neben der Türe hängt, das Schwarzwaldmädel mit den roten Bommeln am Hut steht lächelnd vor dem kleinen Haus und das Thermometer steht auf 5 Grad. Frieda blickt nochmals seufzend zu Ole der in ihrem Bett liegt, steigt in ihre Moonboots, lässt ihre Schultern ein paar mal locker kreisen und öffnet ihre Türe.

Fast andächtig sitzt sie auf ihrem Thron in dem kleinen Holzhaus. Der Kronleuchter wirft seinen glitzernden Schein an die Wände und Frieda überlegt, wie er sich wohl im Badezimmer im Haus machen würde. Sie saugt alles noch mal mit ihren Blicken auf.

Wieder drinnen lehnt sie sich kurz an den Ofen um ihren Po wieder auf zu wärmen. Ole streckt sich seufzend unter der Decke und blinzelt verschlafen zu ihr rüber. Frieda füllt zwei Tassen mit Kaffeepulver und setzt sich in ihren Schaukelstuhl bis der Kessel singt. Sie lacht über Ole dem das Außenklo viel mehr zu schaffen macht als ihr und sich deswegen warm flucht bevor er einen Schritt vor die Türe macht. Als Ole rein kommt sagt er lächelnd. „Setz noch mal Wasser auf. Besuch.“ und noch bevor Frieda fragen kann stehen Micha und Agnes mit einer Brötchentüte, Marmelade und Schokoaufstrich in der Hand im Wagen.

„Wir haben überlegt, dass es einfacher für dich ist, wenn du gleich mit einsteigen und weg fahren kannst. Wenn du alleine da stehst, in der Kälte und das Tor hinter dir zuschließen musst, dann fängst du bestimmt mit Flennen an.“ erklärt Micha. Agnes nickt. „Deswegen könnt ihr gleich fahren, wir räumen alles weg und machen alles dicht.“

Zusammen frühstücken sie, reden über dies und das, bis die Brötchen, der Kaffee und die Gesprächsthemen alle sind. „Wir sollten dann fahren.“ sagt Ole. Es dämmert bereits, als er mit Micha raus geht um beide Torflügel zu öffnen. Fahrig schaut sich Frieda um. „Du hast nichts vergessen.“ beruhigt sie Agnes. „Komm, es wird Zeit.“ und Frieda zieht ihre Jacke an und geht nach draußen. Ole, der gerade Micha umarmt hatte, geht jetzt zu Agnes und nimmt sie auch kurz in den Arm, bedankt sich und öffnet dann die Fahrertüre. Die drei stehen in der Kälte, die sie kaum spüren und sehen das Licht, dass die Fahrerkabine kurz in ein warmes Licht taucht.

„Nun Frieda Flieder, es wird wohl Zeit für was anderes.“ sagt Micha trocken und nimmt sie in den Arm. „Machs gut, melde dich, komm gesund wieder.“ Frieda sagt nichts, Tränen laufen ihr still über die Wangen und hinterlassen brennende Spuren. Agnes wischt ihr die Tränen aus dem Gesicht, obwohl sie selber weint. „Es sind nur scheiß drei Monate. Nun ist aber auch mal gut. Tschüß.“ Sie drückt sich feste an Frieda. Es sind nicht nur drei Monate, es ist was vollkommen anderes. Es ist ein Abenteuer, dass einen neuen Lebensabschnitt einläutet. Sie ist ja nicht wirklich traurig. Und mit Ole zusammen ist sie auch nicht wirklich ängstlich. Aber ihr Leben war so ereignisreich, so kostbar und voller Fülle, da kann sie ruhig ein paar Tränen vergießen. Sind ja auch mehr Tränen der Rührung. Der Motor läuft schon als Frieda einsteigt, sie strahlt Ole mit ihrem verweinten Gesicht an und er strahlt zurück, drückt kurz ihre Hand und dann die Kupplung in den Rückwärtsgang. Micha rudert mit beiden Armen um Ole aus dem engen Tor raus zu lotsen und dann stehen sie auf der Straße. Agnes wirkt etwas verloren wie sie da so auf dem Gehweg steht. Micha schließt das Tor, legt dann einen Arm um Agnes und beide winken in Richtung Wohnmobil. Ole hupt, Frieda wirft Kusshände zu ihren Freunden und dann fahren sie auch schon los. Als sie an der Kreuzung Freimfelder Straße, an der Ampel stehen, blickt Ole vorsichtig zu Frieda, registriert erleichtert, dass ihr Gesicht trocken ist und ihre Augen glücklich blitzen. „Alles in Ordnung?“ fragt er und drückt ihre Hand. „Alles in Ordnung.“ sagt Frieda und beide wissen, dass es tatsächlich so ist.

Und man kann wohl sagen, dass ist ein ziemlich gutes Jahr gewesen.

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Dezember (1)

Frieda, Agnes und Micha sitzen im Wagen auf Friedas Bett. Mit Kissen und Decken haben sie sich ein Riesennest gebaut. Der Ofen verströmt wie immer eine anheimelnde Wärme ein Topf Glühwein steht am Rand. Es riecht nach Zimt und Bratapfel. Die bunten Lichterketten an den Fenstern sehen aus wie kleine Feuerwerke und eine Mini Weihnachtspyramide lässt bei Kerzenschein Schäfer, Schafe, einen Esel, einen Ochsen und die heiligen drei Könige um die heilige Familie rasen. Sie bekommen erst ein gesetzteres Tempo, wenn die Kerze fast runter gebrannt ist. Obendrein ist das Windrad, das mit Kerzenwärme läuft falsch aufgebaut, so das sie rückwärts laufen. Sie nimmt sich seit Jahren vor die Windradflügel zu drehen, aber dann vergisst sie es immer wieder und inzwischen ist es auch schon zur Tradition geworden, das Micha irgendwann „Circle Pit„ schreit und alle gebannt auf die Figuren gucken und Wetter abschließen wann die erste kotzt. Aber dann ist der Glühweintopf meist schon alle. Jetzt gerade halten alle ihre Nikolaus Strümpfe in der Hand. Micha und Agnes, ihre besten und ältesten Freunde sind die einzigen die wirklich jedes Jahr ein paar geschenkt bekommen. Und jetzt natürlich noch Ole. Aber der hatte seine heute morgen bekommen und es war ihm sichtlich peinlich, dass er nicht im Traum daran gedacht hat, Friedas Stiefel mit irgendwas zu füllen. Zerknirscht verließ er sie. Er meinte er hätte ahnen müssen, dass Frieda so ein Nikolausstrumpf Typ ist. Wäre doch klar gewesen, bei den Lichterketten, Kerzen und so. Mit vielen Küssen konnte sie ihn aber beruhigen. Ich war klar, dass er eben nicht der Nikolausstrumpf Typ ist. Von daher hat sie tatsächlich nichts erwartet.

„Wird es dann überhaupt eine Weihnachtsfeier geben?“ fragt Micha, den Blick nach innen gerichtet, als wäre ihm die Antwort egal und er nur was gesagt haben wollte, damit keine Langeweile aufkommt. „Na, es wird wie jedes Jahr eine Abschiedsfeier. Nur das ich mich nicht vom Wagen verabschiede, sondern von euch.“ lächelt Frieda ihre Weggefährten an. „Kommen auch Freunde von Ole?“ fragt Agnes ganz offensichtlich desinteressiert. „Na Bernd, Inge und Thomas.“ grinst Frieda und bemerkt ein verstohlenes Zucken um Agnes Mundwinkel.

„Auf jeden Fall,“ führt Frieda weiter aus, „werden wir jetzt am Wochenende eine große Sause machen, nur, dass mich danach keiner mitnehmen muss. Fahren tun wir dann mitten in der Woche. Es muss noch einiges geklärt werden, ein paar Sachen von Oles Haus in den Wagen geräumt werden und spätestens am 15. also genau Mitte Dezember, fahren wir dann ganz früh los. Wir wechseln uns ab und halten erst wieder in Frankreich.“

„Du bist seit Jahren kein Auto mehr gefahren.“ kichert Agnes. Frieda guckt etwas verzweifelt. „Ich weiß, aber ich denke ich krieg das hin. Ich über vorher einfach am Parkplatz vorm Einkaufcenter.“

„Meinst du Steffi kommt auch?“ fragt Micha und alle verfallen in kurzes Schweigen. Frieda ist immer noch wütend. Sie hat noch lange mit Ole geredet und dann mit Micha und Agnes, weil die Steffi schon gekannt haben, als sie noch Jugendliche waren. Und tatsächlich ist es raus gekommen, dass Steffi schon immer etwas genervt hat. Mit so einer überheblichen erwachsenen Art. Natürlich war es immer praktisch, sich nach der Disco von jemandem abholen lassen zu können, aber die ewigen Vorträge. Diese überheblichen Standpauken. Micha hatte mal gemutmaßt, dass Steffi als Wendeopfer zu betrachten wäre. Steffi war jemand, der sein blaues Halstuch sogar in der Schule getragen hat und dann das Rote, Sie war mit Leib und Seele Thälmann Pionier und dann Mitglied der freien deutschen Jugend. Nach der Wende war dann eben ihre kleine Schwester nach den Pioniergeboten zu erziehen. Da sie selbst keine Gruppen leiten konnte, wie es mal ihr Traum war. Aber Frieda war schon als Grundschülerin kein Mehrwert für die Gemeinschaft. Viel zu verträumt, viel zu verpeilt und zu individuell um mit der Masse mit zu laufen. Und als nach der Wende die Pionierwerte mit Füßen getreten wurden, machte Frieda da nicht mit, ging aber ihren eigenen Weg. Und der priorisierte Alkohol, Gras, Rock Musik und Jungs.

Frieda atmet einmal durch „Natürlich kann sie kommen. Aber wenn sie wirklich der Ansicht ist, dass sie arm dran ist, weil sie sich ja immer um mich kümmern muss und dafür nur gammeliges Gemüse bekommt, dann kann sie mir auch gestohlen bleiben. Also echt mal. Also ich werde nicht zu ihr gehen und sie bitte zu kommen. Nach dem Auftritt kann sie schön zuerst kommen.“

„Ich frag mich echt was die geritten hat.“ überlegt Micha laut „Also ich kann mich erinnern, dass sie sich quasi aufgedrängelt hat, dass Jakob und sie dir alleine helfen beim Holz stapeln. Weißt du noch?“ er tippt Agnes an den Arm „Sie meinte wir sollten nicht kommen, weil es sonst so viele Leute wären, die sich gegenseitig auf die Füße trampeln würden.“ „Stimmt.“ erinnert sich Agnes. „Das war an dem Abend als Holger den Feuerkorb mit Brennspiritus anmachen wollte und dann keine Augenbrauen mehr hatte.“

Alle kichern, und reden nicht mehr über Steffi.

Ein tiefes Brummen schreckt sie auf. Sie hören das Tor quitschen und dann Ole, der drausen ruft ob ihm mal jemand helfen könnte.

Frieda öffnet die Türe und chekt die Lage vor dem Wagen. Ole hat beide Seiten des Tores geöffnet. Die Räder stehen im weg und noch ein paar andere Sachen. Vor dem Tor steht ein Ungetüm von Campingbus.

Frieda, Agnes und Micha ziehen sich an um Räder, Blumenkübel, Bänke und den Feuerkorb zur Seite zu rücken und Ole fährt den Camper durch das Tor. Obwohl es nicht so ausgesehen hat, passt er auf den Hof und es ist Platz das Tor wieder zu schließen und um den Camper herum zu gehen.

Still stehen die Freunde Schulter an Schulter. Die Stille die sich ausbreitet, als der Motor ausgeschaltet wird, saugt auch alle anderen Geräusche von der Straße auf. Das Licht im Innenraum geht an als Ole die Tür öffnet um aus zu steigen. Er geht um den Camper, begrüßt Agnes und Micha freundlich und schließt Frieda in seine Arme. „Ich hab ihn schon mal spontan mitgebracht. Ich dachte, du brauchst bestimmt ein bißchen Zeit um ein Zuhause draus zu machen.“ zu Micha und Agnes gewandt grinst er „Und außerdem muss ich sie ablenken, damit sie es sich nicht doch noch mal anders überlegt.“ Frieda windet sich aus seinen Armen und rüttelt an der Türe des Wohnmobils. Ole öffnet und Frieda geht mit kurz angehaltenem Atem rein. Geradezu sind zwei gepolsterte Bänke die sich an einem Tisch gegenüberstehen. Der Bezug ist braun mit orangen und beigen Streifen. Der Tisch, wie alles andere im Raum mit abgegriffenem Buchefurnier. Rechts von der Sitzecke geht es ins Fahrerhaus, das mit einem dicken Vorhang abgetrennt ist und darüber befindet sich ein recht großer Stauraum. „Das war mal ein Doppelbett, weil der Wagen ist eigentlich für vier Leute.“ erklärt Ole als er Friedas Blick sieht. Links ist auf der Türseite eine kleine Küchenzeile. Ein Zweiflammiger Gasherd, ein kleiner Backofengrill und ein Kühlschrank von dem Frieda geradezu entzückt ist, weil sie seine Aufteilung so praktisch findet. Die Schränke sind bestückt mit Melamin Geschirr in bunten, bereits leicht verblassten Farben Gegenüber der Küchenzeile befindet sich praktisch aufgeteilter Stauraum und am Ende , neben einer Falttüre, die jetzt offen steht und eine Toilette, Waschbecken und Dusche verbergen soll, steht ein Bett. Groß genug für zwei, mit einem Bullauge darüber. Also kann man im Camper liegen und sich von der Sonne wecken lassen, wenn man richtig geparkt hat. Micha und Agnes stehen dicht hinter Frieda. „Voll schön.“ sagt Agnes anerkennend. „Ja, Toll.“ sagt Micha „Lass uns wieder rein gehen. Hier ist zu kalt.“ Agnes und Micha steigen wieder aus dem Camper um sich im Wagen wieder auf zu wärmen und Ole drückt sich durch die Türe. Ganz dicht steht er vor Frieda. „Und? Kannst du es dir vorstellen hier mit mir für drei Monate zu hausen?“ „Ich finde es wirklich schön.“ sagt Frieda und legt die Arme um Ole. „Hier gibt es auch eine Standheizung mit Gas. Also in Frankreich und Spanien ist es ja auch Winter. Zumindest Nachts.“ „Das wird gemütlich.“ beruhigt Frieda Ole und beide gehen in den Bauwagen, wo der Herd eine behagliche Wärme verbreitet und Agnes und Micha schon wieder mit einem frischen Becher Glühwein auf dem Bett sitzen. Ole setzt sich auf den Schaukelstuhl und bekommt auch einen Becher Glühwein und Frieda setzt sich wieder zwischen ihre Freunde. Sie reden noch ein bißchen, wie die Fahrt von Dresden nach Halle war, ob der Camper viel verbraucht und ob man damit auch durch spanische Dörfer fahren kann. Irgendwann geht Ole rüber, nicht ohne Frieda vorher noch mal zu küssen. „Ach schläfst du jetzt immer drüben? Fragt Micha. „Tagsüber sind wir lieber hier, aber Nachts, ich bitte dich, da drüben gibt es ein Klo im Haus. Und es passiert echt oft, dass ich gegen zwei aufs Klo muss und gerade jetzt um die Zeit ist das schlimm.“ „Dann ist Frieda Flieder also nur noch bei schön Wetter hier an zu treffen?“ seufzt Micha. „Vermutlich.“ bestätigt Frieda. Bald darauf kommt Holger durch die Türe um Agnes und Micha ab zu holen. Den Camper im Hof scheint er gar nicht zu bemerken. Erst als er von Micha drauf aufmerksam gemacht wird, dreht er staunend ein paar Runden drumherum.

Frieda schließt hinter ihren Freunden das Tor ab, räumt im Bauwagen ein bißchen auf, spült die Becher und stellt die Kissen wieder fluffig auf. Dann schließt sie ab und geht rüber. Lächelnd schaut Frieda auf die bunte Lichterkette und den kleinen Stern, mit denen sie Oles Fenster geschmückt hat. Jetzt sieht es da auch ein bißchen gemütlicher aus. Sie schaut durchs Fenster und Ole sitzt wieder auf dem Bett, über seinen Laptop gebeugt. Er trägt eine gestreifte Haushose und einen schwarzen Hoodie mit „Sea Shepherd“ Logo. Die Schmetterlinge in Friedas Bauch drehen eine Runde. Es wird jeden Tag schlimmer. Und dieser Mann will mit ihr zusammen sein. Und läutet das mit einem dreimonatigen extremen aufeinander hocken ein. Frieda kann ihr Glück kaum fassen. Schnell betritt sie das Haus, steigt aus ihren Schuhen und wirft sich aufs Bett. Ole, der in dem Moment angefangen hat zu strahlen, als sie die Türe öffnete, klappt den Laptop zu, legt ihn zur Seite und zieht Frieda an sich. Hält sie fest um sie zu küssen, bis sie kaum mehr Luft bekommt. Knabbert an ihren Augenbrauen, Ohren, Wangen und Lippen, seine Augen leuchten und sein Bart kratzt ein wenig. Aber wirklich nicht viel, nur so, dass Frieda immer eine frische rosige Gesichtsfarbe hat. Er zuckt kurz zusammen , als Frieda ihre sehr kalten Finger unter seinem Hoodie schiebt und die nackte Haut seines Rücken berührt. Er nimmt ihre Finger in seine Hand, reibt sie kurz und schiebt sie dann wieder unter seinen Pullover, direkt auf seine Brust, wo Frieda sein Herz etwas schneller schlagen, spüren kann.

Eng umschlungen liegen sie unter mehreren Decken. Es ist trotzdem zu kalt um nackig zu schlafen. Sie blicken sich kurz in die Augen und lösen sich seufzend voneinander. Mit etwas Bedauern steigen sie in ihre Schlafanzüge. Danach blicken sie sich beim Zähneputzen durch den Spiegel an. Ob es Frieda ertragen könnte irgendwann mal zu sehen, wie er sein Gebiss raus nimmt und in ein Glas legt? So schnell noch nicht. Sie versucht sich vorzustellen wie sie beide aussehen mit 70. Wenn die Haare nicht mehr nur grau meliert sind. Ob Ole dann immer noch so dichtes Haar hat? Oder ob dass dann alles glatt ist? Ob sie sich dann aus Spaß eine Blauspühlung in die Haare macht, um Ole damit zu verkaspern, oder ob sie es macht und gar nicht merkt, dass sie hellblau leuchtet. Ole trocknet sein Gesicht ab, greift zu Friedas Kopf und reibt ihr die Schläfen. „Denk nicht immer über Blödsinn nach.“ sagt er lächelnd und verschwindet ins Bett. Sekunden später schiebt sich Frieda neben ihn. Klammert sich an ihn, als hätte sie Angst, dass er ihr durch die Finger rinnt. Er dreht sich auf den Rücken, legt Friedas Kopf in seinen rechten Arm, starrt an die Decke. Seine Augen sehen ganz munter aus. Jetzt so um fast ganz dunklen fühlt er sich plötzlich wieder hell wach. Deswegen beginnt er zu erzählen.

Oles Geschichte

Reisen war eigentlich nie mein Ziel. Ich habe immer nach einen noch schöneren Ort gesucht. Den Ort wo diesmal alles perfekt laufen sollte. Aber kaum war eine gewisse Routine, da wurde es auch schon langweilig. Und die Frauen, die Frauen sind immer Anfang Zwanzig geblieben und sind auch mit jedem Ortswechsel ausgewechselt worden. Aber das schlimmste war, was ich mir selber nicht eingestehen konnte, ich wollte bereits nach einem Jahr am liebsten nach Hause. Aber das ging doch nicht. Entweder hatte ich überhaupt kein Geld oder bin einem Erlebnis nach dem anderen hinterhergejagt. Manchmal war es so, dass ein Tag an dem man nicht eine Lagerfeuerparty am Strand, einen Fick unter einer Palme hatte, oder zumindest Delphine gesehen hat, was kein richtiger Tag. Alle haben gedacht, der Ole, der macht schwer Asche da unten. Und selbst wenn ich dann doch so fertig war, dass ich mal am Telefon gesagt habe, wie gerne ich wieder zu Hause wäre, dann bekam ich nur ein „So ein Quatsch, hier ist es so kalt und es regnet immer, du hast es doch gut da unten.“ zu hören. Selbst Schuld, wenn man nur Fotos verschickt wie man breit grinsend Bananenstauden über den Strand schleppt oder irgendwas trinkt was in einer Kokosnuss mit Strohhalm serviert wird. Am 90. von meiner Oma, wo ich mir die schwersten Vorwürfe anhören konnte weil ich nicht mal nach Deutschland geflogen bin, lag ich mit Malaria in Krankenhaus. In einem Krankenhaus, dass hier nicht mal als Tierklinik durchgehen würde. Und es wusste keiner. Weil ich nicht hören wollte, sie hätten es mir gleich gesagt. Oder mich jemand nach Hause holt. Mit 40 Jahren, noch mal bei Mutti einziehen. Aber wenn ich es in all den Jahren mal geschafft habe, genug Geld hatte nach Hause zu fliegen, dann dachte ich schon nach ein paar Tagen daran, dass es das ja jetzt wohl nicht gewesen sein kann. Und dann habe ich von einem Job in Westafrika gehört, wo Weiße ordentlich was verdienen können. Büroarbeit auch noch. Auf einer Kakaoplantage. Ich spreche deutsch, französisch und englisch und war am PC fit. Wir hatten zwar in erster Linie nur mit Zwischenhändlern zu tun, aber am Ende war klar, dass wir alle Großkonzerne mit Kakao Bohnen versorgen, die Süßigkeiten her stellen. Also wenn du dir hier einen Schokoriegel reingepfiffen hast, der nicht vom Transfair Zeichen geschmückt ist, dann war der wohl aus Kakaobohnen, die ich verwaltet habe. Also die Zahlen der Kakao Bohnen sind zumindest über meinen Tisch gegangen. Ich habe nicht viel erzählt, hatte keine Fotos von Kindern oder einer Frau im Portmonee oder auf dem Schreibtisch stehen, deswegen haben die mich wohl irgendwann für einen eiskalten Hund gehalten. Außerdem habe ich zu dem Zeitpunkt schon viel zu viel gesoffen und habe mehr vertragen als alle anderen. Irgendwann haben sie mich im Jeep mitgenommen, wollten mir mal die Plantage zeigen.

Auf der Plantage haben Kinder gearbeitet. Das Alter konnte man gar nicht schätzen. Vom Gesicht her 70. Vom Körperbau her würde man sie hier noch nicht mal einschulen. Kleine Jungs, in viel zu großen Plastiksandalen und kurzen Hosen, die Giftfässer auf den nackten Rücken geschnallt bekommen und die Kakaopflanzen spritzen müssen. Das Gift rinnt ihnen über die Haut und sie bekommen davon so einen Ausschlag, dass es unsagbare Schmerzen sind, wenn sie am nächsten Tag wieder das Fass angeschnallt bekommen. Kleine Mädchen gibt es auch. An ihren Gesichtern und ihrer Körperhaltung konnte man sehen, dass ihr Leid nicht mit dem Arbeitstag aufhört. Die Kakaoschoten werden von Hand geöffnet. Kinder sitzen da, vor einem Berg von Kakaoschoten halten eine Schote in der linken Hand und in der rechten eine Machete. Das sieht bei den meisten ganz leicht aus. Zwei feste Hiebe und die Kakaobohnen brasseln raus. Aber wenn du richtig guckst, dann siehst du zu viele Kinder, die an der linken Hand nur noch Daumen und Zeigefinger haben. Und mein Kollege lacht und erklärt, dass das Neulingen oft passiert, wenn die Messer frisch geschärft sind. An den Hälsen sind Male vom Würgen an Hand- und Fußgelenken Male von Ketten. Ich habe danach Recherchiert und Fotos gemacht. Ich wollte nach Hause, aber ich bin drei Jahre lang gereist Elfenbeiküste, Ghana, Togo, Kamerun, ich habe mit Organisationen Kontakt aufgenommen, die so was aufdecken. Versuchen Firmen wie Nestlé oder Mars zur Rechenschaft zu ziehen. Die können zwar jetzt nicht mehr sagen, dass sie davon nichts gewusst haben, behaupten aber, sie können nichts dafür, die Politik dort müsste halt die Gesetze ändern. Und ich wette, dass auf jeden Politiker der da was ändern könnte drei Lobbyisten kommen, die schon mit kleinen Geschenkchen dafür sorgen, dass sich da nichts ändert. Manchmal könnte ich im großen Strahl kotzen.

„Wir sollten solche Vorträge im Buchladen halten. Und Alternativen aufzeigen.“ sagt Frieda nachdenklich. „Das wäre schön.“ sagt Ole leise. Dann etwas lauter „Und überhaupt sollten Vorträge gehalten werden wie man ohne diese Riesen Verbrecher Konzerne durchs Leben kommt. Man hat ja manchmal den Eindruck, man könnte sich gar nicht wehren, weil die alles in der Hand haben, oder so.“ Frieda sagt mehr zu sich selbst. „Das wäre wirklich sinnvoll. Man muss sich ja nicht komplett selbst versorgen, aber wie man sich so ein Stück Leben wieder in die eigene Hand holt, dass interessiert doch bestimmt mehr Leute.“

Ole setzt sich auf. „Hab ich doch gesagt, kochen am offenen Feuer, einmachen, Wein machen, Brot backen.“ Frieda guckt ungläubig „Na wie will man denn das im Laden machen?“ und dann dämmert es ihr. „Der Bauwagen, wenn ich den Schaukelstuhl mit her nehme und den Küchenschrank, dann ist da Platz genug um mit mehreren Leuten um den Herd zu stehen.“

„Das Bett bleibt aber.“ sagt Ole bittend „Ab und an wollen wir bestimmt noch im Garten schlafen. Wenn wir ein bißchen gefeiert haben und so.“ Frieda reibt ihre Nasenspitze an Oles. „Na Klar“ „Siehste, deswegen wollte ich dich haben. Seit mir Ansgar mal ein Foto von Oma gemailt hatte wo du gerade übern Gartenzaun guckst weil du dich wohl mit ihr unterhalten hast. Da wusste ich gleich, dass man mit dir alles machen kann. Das du niemand bist der sagt, dass der eine Schokoriegel oder die eine Plastiktüte nun auch nichts schlimmer machen. Du bist niemand der sich durch geschmeidige Werbefilmchen dazu verleiten lässt sich fett gefressen aufs Sofa zu zu legen um zu erwarten, dass die Sintflut nach ihm kommt.“ „Das hast du alles auf einem Foto gesehen?“ fragt Frieda. „Na ich hab doch auch mit meiner Oma einmal die geskypt und da hat sie mir erzählt, wie die verrückte von Nebenan so drauf ist. Die Mitten in der Stadt lebt wie in den 50ern im Harz. Gab ja auch immer neue Geschichten von Frieda Flieder. Also Geschichten die Omas halt interessieren. Sie hat dich schon arg gemocht und wo sie mitbekommen hat, dass wir uns gut finden, – ich glaube sie hat sich totgegrinst.“

Frieda lacht aber ein ganz klein wenig wird ihr auch ein bißchen schwer ums Herz. Den rosa Küchenschrank aus dem Wagen? Ihr Schaukelstuhl? Aber der Gedanke, das alles in einer richtigen Wohnküche stehen zu haben gefällt ihr auch. Und den Küchenschrank der oben in der Küche steht, könnte man weiß streichen und in den Laden stellen und dort dann die Kochbücher und so was präsentieren. Sie sieht es schon vor sich. Dann spürt sie Ole Atem auf ihrer Wange. Er hat seinen Kopf ganz nah an Friedas gelegt und grinst sie an. „Du bist gar nicht mehr hier, oder?“ Sie dreht den Kopf zur Seite, küsst ihn sehr leidenschaftlich. „Gib Ruhe ich muss nachdenken.“ Aber dann schläft sie schneller als Ole ein. Deswegen merkt sie auch gar nicht, wie er wieder die Decke über ihre Schultern zieht, sie warm einpackt und das Paket feste an sich drückt, bevor auch er einschläft.

November (2)

Festliche Weihnachtsmusik tönt aus ihren kleinen Lautsprechern und Frieda hat Rückenschmerzen.

Da die Weihnachtszeit für sie dieses Jahr sehr verkürzt ist hat sie Plätzchen backen vor verlegt.

Sämtliche Blechdosen sind angefüllt mit Haferkeksen, Erdnusskeksen, Bananenkeksen, Nussplätzchen, Pizzacrackern, Pralinen und Karamellcokies. Vier Lebkuchenhäuser stehen auf dem Tisch. Wobei nur die von Steffi und Agnes nach Knusperhaus aussehen. Das für Micha und Holger sieht aus wie ein Turm aus irgend einem Super Mario Spiel und das für sie und Ole sieht aus wie ein Wohnwagen. Erschöpft wirft sich Frieda auf einen Küchenstuhl. Sie freut sich immer ganz gewaltig aufs Plätzchen backen zu Weihnachten. Aber dann bekommt sie tagelang nichts Süßes mehr runter.

Ole ist mit Thomas und Bernd unterwegs, deswegen ist sie auch milde erstaunt als es an ihrer Türe klopft. Steffi steht unangekündigt davor und Frieda freut sich wirklich sehr. Sie hat zu ihrer zwei Jahre älteren Schwester ein sehr gutes Verhältnis. Sie mögen sich sehr und nehmen auch Anteil am Leben der anderen. Doch beide sind so verschieden, dass sie sich trotz aller Zuneigung manchmal ein wenig fremd sind. Steffi ist jetzt 45 Jahre alt. Trotzdem misst sie dem Altersunterschied immer noch so viel Gewicht bei, wie vor vielen Jahren, als Steffi eingeschult wurde und vor der Schule ihre kleine Schwester an die Hand nehmen musste um sie in den Kindergarten zu bringen. Frieda hat ihr zwar schon ein paar mal gesagt, dass diese zwei Jahre nicht so viel Lebensweisheit ausmachen. Aber Steffi ignoriert das immer ganz gut. Natürlich braucht die Kleine ihren Rat. Sie selber arbeitet ja, wie es jeder normale Mensch tun sollte, wohnt mit einem passenden Mann in der passenden Wohnung, jeder fährt ein Auto und beide zusammen in den Urlaub. Und wenn Frieda ihre Schwester im Kostüm hinter dem Schalter der Volksbank sieht, tut sie ihr immer so leid. Aber Steffi kann darüber nur lachen. Sie wäre wie der Fuchs dem die Trauben zu hoch hängen und der sich dann einredet, dass sie einfach nur zu sauer wären. Steffi kann sich einfach nicht vorstellen, dass jemand wie Frieda sie nicht beneiden könnte.

Sie umarmen sich herzlich. Und Steffi bekommt auch gleich eine Tasse Kaffee und ein Schälchen mit Keksen hin gestellt. Frieda wird unruhig. Steffi hat schon wieder diesen „große Schwester weiß Bescheid“ Blick aufgesetzt. Und tatsächlich wartet Steffi nicht lange, sondern fällt gleich mit der Türe ins Haus. „Weißt du Frieda, ich finde es schon schade, dass du nie was gesagt hast. Jakob und ich wir hätten dir auch helfen können.“ Was meinst du?“ fragt Frieda misstrauisch. Steffi antwortet „Du hättest hier nicht leben müssen. Ich hätte dir helfen können, bei der Jobsuche. Du hättest auch erst mal bei uns einziehen können bis du was vernünftiges eigenes findest.“ Frieda nimmt am Tisch genau gegenüber Platz. „Wovon redest du Steffi, wie kommst du jetzt auf den Mist?“ Steffi guckt wütend ihre jüngere Schwester an. „Du willst mir immer noch erzählen du würdest hier gerne leben, wie ein Penner, ohne ein Badezimmer, ohne warmes Wasser, in der Kälte, ohne Waschmaschine, zum baden ins Stadtbad gehen?“ Frieda wundert sich sichtlich. „Na ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass es gelegentlich nervt oder schwer ist. Aber du willst doch jetzt nicht behaupten, dass es hier ungemütlich oder so was wäre.“ Steffi wird unwirsch. „Ach komm, hier ist es eng und es sieht aus wie in einem Kinderzimmer. Und dafür das das liebe Fräulein Freigeist ach so gerne im Zigeunerwagen haust, ist es aber dann doch recht schnell gegangen mit irgend einem Typen in ein Haus zu ziehen.“ Frieda ist nun genervt. „Wir ziehen frühestens im März zusammen. Und falls wir uns nicht aushalten bin ich ab März auch wieder im Bauwagen. Was ist dein Problem?“ Steffi tippt sich an die Stirn. „Mit einem Campingbus nach Afrika, so was komplett idiotisches und verantwortungsloses.“ Frieda wird nun etwas lauter. „Was ist dein fucking Problem?“ Steffi schaltet auch einen Gang hoch. „Du musst langsam mal erwachsen werden. Du lebst hier zum Tag rein wie Pipi Langstrumpf kurz vor den Wechseljahren und ich kann es wieder ausbaden, wenn es dumm läuft.“ „Wann“ brüllt Frieda „hast du irgendwas ausgebadet?“ „Na wo hast du denn deinen Weihnachtsurlaub verbracht? Bei uns im Gästezimmer? Und wer hat dir immer geholfen Holz machen? Jakob und ich? Und dein Gemüse und dein Eingekochtes Zeug, brauch ich nicht. Weißt du, ich kann mir das nämlich kaufen. Ich verdiene nämlich Geld.“ Friedas Augen werden schmal, ihr Lippen pressen sich aufeinander und ihr Herz wird schwer. „Weißt du, du hättest es einfach sagen müssen. Anstatt „bleib doch noch“ zu sagen und mich dabei an zu lügen, hättest du einfach sagen können, dieses Jahr passt es nicht, oder ich möchte das nicht. Wenn du das nicht gemacht hast, weil du dich aus irgend einem Grund verpflichtet gefühlt hast, dann ist das nicht meine Baustelle. Aber ich weiß jetzt Bescheid wie du darüber denkst und hiermit entbinde ich dich noch einmal von deinen schwesterlichen Verpflichtungen, die im übrigen nie bestanden haben. Wenn du nicht los lassen kannst, dann such dir einen Therapeuten und das machst du dann besser gleich, ich will dich nicht aufhalten. Und du bist bestimmt froh wenn du aus dem Kinderzimmer verschwinden kannst.“ Damit stand sie auf und öffnete die Wagentüren. Wortlos und mit gesenkten Blick läuft Steffi an ihr vorbei raus in den kalten Wind. Frieda guckt ihr nicht nach sondern schließt die Türe noch während Steffi auf der Treppe steht.

*

Frieda kocht vor Wut. Ole erkennt sie gar nicht mehr wieder. Sie sitzen In Oles Haus und lassen sich einen Linsenbraten im Teigmantel schmecken. Besser gesagt, nur Ole lässt es sich schmecken, denn Frieda hat kaum einen Bissen runter bekommen, als sie Ole ohne Punkt um Komma ihren Streit erzählt. Ole hört ihr zu. Beruhigt sie nicht, stimmt ihr nicht zu, wertet nicht. Erst als Frieda zum vierten mal ruft, dass sie das ja wohl nicht fassen könnte, schiebt er den Teller von sich und zieht Frieda auf seinen Schoß. „Frieda, wann hast du meinen Bruder schon mal gesehen oder seine Frau oder meine Neffen?“ „Auf der Beerdigung?“ „Richtig und ansonsten nicht. Weil es bei Ansgar und mir das gleiche ist. Er hat nach seinem Abi studiert, arbeitet jetzt irgendwo als Vermögensberater und das Geld von Oma hat er in Wertpapieren angelegt. An der Börse spekulieren ist sein Hobby. Also er macht da nie dicke Gewinne, nur immer mal so einen Tausender. Und er setzt auch nur Geld ein, dass er an der Börse gewonnen hat. Das sagt schon alles über ihn aus, was man wissen sollte. Er hat ein Haus und die Kinder jedes ein Zimmer und die Frau ein Auto und Sonntag laden sie unsere Eltern zum Essen ein und dann stehen Blumen auf dem Tisch. Das gleiche in Grün.“ Frieda guckt missmutig „Aber das ist doch kein Grund sich aus dem Weg zu gehen? Oder sich zu streiten.“ Ole ahnt aber, dass es doch so sein kann. „Wer sich ganz konform an alle gesellschaftlichen Regeln hält und alles so macht, wie sich die Wirtschaft das wünscht, also schön konsumieren und die Kinder zu Konsumenten erziehen, der ist vielleicht trotzdem unzufrieden, weil ihm so viel entgangen ist. Also der Weg zum Wohlstand, Zweitwagen und Ferienwohnung ist ja ziemlich steinig. Während Ansgar studiert hat, habe ich ihm Briefe aus Bali geschickt, Fotos von mir in kurzen Hosen und einem Affen im Arm. Zur Taufe seines ersten Kindes kamen alle im Anzug, alles war voll edel und ich kam im geliehenem Hemd. Seiner Meinung nach mach ich also immer alles kaputt, weil ich mich nicht an die Regeln halten will., weil ich unbedingt, ohne Rücksicht auf andere anders sein möchte.“ Frieda fällt ein, dass Steffi ihr das auch mal vorgeworfen hatte. Irgendwann an Weihnachten. Sie hatte ihren Eltern Ein Jahresabo fürs Opernhaus geschenkt und mit einer Flasche uraltem Wein verschenkt und Frieda hatte für alle Pulswärmer gestrickt. Während die Opernkarten mit einem kurzen – das freut uns aber, vielen Dank – abgenickt wurden, ließ sich ihre Mutter lang und breit über die kunstvolle Anfertigung der Pulswärmer aus. Zwar auch nur um ihr dann gleich zu sagen sie solle doch bitte versuchen damit Geld zu machen, einen DaWanda Shop, oder so etwas, aber Steffi war trotzdem angenervt. Aber richtig. Und es war ihr an dem Abend auch total egal, ob sich Frieda unter Druck gesetzt fühlt, weil sie sofort aus allem was sie gut kann ein Business machen soll. Ole küsst sie auf die Stirn. „Das ist einfach Neid mein Herz. Wir machen was wir wollen und haben plötzlich eine Weltreise und ein Haus und ein Buchladen, obwohl wir uns eigentlich nicht den Arsch abgearbeitet und nicht von der Hand in den Mund gelebt haben. Wir haben immer gemacht was wir wollen und uns um uns gekümmert und jetzt gibt es noch eine Schippe Glück obendrauf. Das verkraften die nicht.“

„Aber Moment mal.“ Frieda ist irritiert, „Das klingt, als wären wir die totalen Egomanen. Aber wenn sich andere unbegründet Sorgen machen, dann kann ich doch nichts dafür. Also wenn ich immer heulend hier im Wagen gesessen hätte und ganz oft bei Steffi hätte übernachten wollen, immer zu ihr gekommen wäre zum duschen oder Wäsche waschen, dann könnte ich das nachvollziehen. Aber so war es doch nie. Also ich bin zufrieden und ich dachte ich hätte das gezeigt.“ „Trotzdem bist du von der Norm abgewichen und deswegen machen sich die Menschen die uns Lieben Sorgen. Vor allem wenn es sie selber ankotzt in der Norm zu bleiben. Vermutlich denken sie im Unterbewusstsein, dass wir es nicht geschafft haben und deswegen was anderes machen.“

Frieda windet sich aus Ole Arm „Aber Moment mal. Die Weltreise ist nicht auf dem Sonnendeck der Aida, sondern im Camper, das Haus ist keine voll sanierte Jugendstilvilla oder ein durchgeplanter Neubau sondern ein sehr altes Stadthaus, wo noch richtig viel zu tun ist und der Buchladen wird auch noch viel Arbeit erfordern.“

„Ja aber das wird jetzt gerade nicht so gesehen.“ Ole zieht Frieda wieder an sich und beide liegen auf dem Sofa, halten sich im Arm und unterhalten sich. Irgendwann wäscht Ole das Geschirr ab und Frieda trocknet ab und während sie Ole beobachtet, wie er den Tisch sauber wischt, drängt sich ihr der Gedanke auf, dass sie so viel Glück vielleicht gar nicht verdient hat und deswegen wird sich das irgendwann rächen. „Möglicherweise.“ sagt Ole lachend. „Aber was sollen wir dagegen machen. Uns selbst kasteien, damit wir schon mal an ein bißchen Unglück gewöhnt sind?“ er schlägt mit dem Wischtuch nach ihrem Hintern „Na gut, damit es dir nicht zu gut geht liegst du heute oben.“

lachend fallen sie sich in die Arme.

*

Frieda und Agnes sitzen seit langem mal wieder im Waschhaus. Beide löffeln die Tagessuppe und Agnes erzählt, dass sie jetzt öfters Stundenlang im Treppenhaus steht um mit Thomas zu reden. Lachend berichtet sie, wie er die Handy Bilder von der Mofa, dass er im Hinterhof gefunden hat, hergezeigt hat wie die Bilder von einem Erstgeborenem. Frieda schmunzelt. Ole musste ihn bremsen, damit Herr Töpfer nicht mitbekommt, dass da was wertvolles auf dem Hof steht. Er meinte zu Thomas, wenn das Teil ohne Komplikationen in seinen Besitz übergeht, mit dem restlichen Inventar, könnte es Thomas natürlich haben.

Agnes lässt sich alles über den Streit mit Steffi berichten und hat sogar ein bißchen Verständnis für sie. Allerdings bestätigt sie auch Oles Thesen. Über den Tisch hinweg nimmt sie beide Hände ihrer Freundin. „Mach dir keine Sorgen. Du hast das verdient was dir gerade passiert. Auch wenn du dich nicht arm und unglücklich gefühlt hast, du hast dich gefügt und hast aus deinem Leben das für dich maximale raus geholt. Und damit warst du auch ein ganz großartiges Beispiel. Und Ole und dich zu sehen, das kann schon nerven. Nicht nur wenn man Single ist, sondern auch wenn man eine Beziehung hat, die nicht so läuft wie man sich das wünschen würde.“ „Meinst du Steffi und Jakob haben Stress?“ Agnes lacht etwas höhnisch. „Das würde denen womöglich mal gut tun. Jakob ist der langweiligste Typ, den ich je gesehen habe. Der blüht nur immer ein bißchen auf, wenn coolere Typen um ihn rum sind. Ist dir das noch nie aufgefallen? Innerhalb einer halben Stunde, ahmt er Gesten, Gesichtsausdrücke und Sprüche von dem Coolsten auf dem Platz nach.“ „Ist mir noch nie aufgefallen.“ „Echt nicht? Auf deinem Geburtstag, da saß er erst genau so da wie Micha, hat die Bierflasche genau so gehalten und nach jedem Satz von Micha so hustend gelacht.“ Frieda ist irgendwie peinlich berührt.

Aber wenn man bedenkt, dass Frieda so viele Plätzchen gebacken hat, dass sie bis nach Afrika reichen, dass sie die Wohnung in die sie bald einziehen werden wirklich sehr schön findet und das Ole ihr die Macht über den Herd zugestanden hat, dann ist das ja wohl ein ziemlich guter Monat gewesen.

November (1)

Frieda sitzt auf dem Flickenteppich vor ihrem Herd, der seine gemütliche Wärme im ganzen Wagen verteilt. Aus der Backröhre riecht es nach Koriander und Fenchel. Der Duft macht Appetit auf das frische Fladenbrot das gerade in der Röhre backt. Auf dem Tisch steht ein Blech mit Crackern, die mit Schwarzkümmel gewürzt perfekt zur indischen Linsensuppe passen werden die es heute Abend geben wird.

Frieda wickelt gerade die gebastelte Pinnwand in eine alte Straßenkarte von Dessau und verziert das Paket mit bunten Wollresten. Sie ist glücklich, aber auch etwas melancholisch. Am liebsten würde sie nun jede freie Minute im Wagen verbringen, sich ein letztes mal verbarrikadieren. Hier drin versinken im glutroten Schein des Herdes, zusammen mit ihren bunten Sachen und die Welt draußen lassen. Sie schüttet sich siedendes Wasser aus ihrem Kessel auf einen Teebeutel in ihre Tasse, von der sie bunte Eulen freundlich anblinzeln. Sie greift zu einem Schokloladenkeks der auf einem Teller mit bunten Matroschkas liegt. Sie schielt auf die Uhr und schiebt den Suppentopf mit dem Entenmotiv auf den Herd. In zwei Stunden wird Micha sie abholen, mit Brot Suppe und Cracker. Normalerweise wäre sie einfach schon am frühen Mittag zu ihren Freunden in die Wohnung gefahren und hätte da alles erledigt. Auf dem Elektroherd. Aber Frieda will jede Minute bewusst genießen. Draußen putzt Ole gerade ihre Gartengeräte um sie für den Winter zu verstauen. Fruchtmumien sind aus den Bäumen gepflückt worden, Blütenstände abgeschnitten und Beete umgegraben. Und Frieda ist sich auch voll im Klaren darüber, wie sehr viel mehr Spaß es gemacht hat, zu Zweit den Garten Winterfertig zu machen, ohne, dass man auf willige Freunde warten musste. In manchen Jahren war sie so erschöpft und zerkratzt, dass sie die Abende apathisch in ihrem Schaukelstuhl verbracht hat. Jetzt bekam sie kleine Kratzer gepustet und geküsst und hatte Abends genug Kraft um sich alle möglichen Leckereien auszudenken und auf ihrem Holzherd anzufertigen. Da, so bekocht, Oles Hosen am Bund immer enger wurden, stürzte er sich freiwillig in die Gartenarbeit, die ein willkommenes Workout war und bekam dafür von Frieda auch gerade ein schönes paar Socken gestrickt. Allerdings mit bunten Streifen weil sie es einfach zu langweilig findet Socken für so große Füße in nur einer Farbe her zu stellen.

Ächzend steht sie auf. Die Zwiebeln und der Knoblauch sind im Topf glasig gedünstet, jetzt werden die vorbereiteten Kartoffelstückchen und die Packung rote Linsen mit angebraten und das ganze dann mit Wasser und Kokosmilch abgelöscht. Während alles vor sich hinköchelt, nimmt sie das Brot aus dem Ofen und schiebt die Cracker rein. Hochzufrieden betrachtet sie das Ergebnis.

Ole poltert die Türe rein, zieht Jacke und Schuhe aus und lässt sich auf den Schaukelstuhl fallen. Er seufzt „Alles geschafft. Ich glaube das war es erst mal. Ich habe auch mal die Windspiele aus den Bäumen genommen und in die Hütte gehängt.“

Frieda bedankt sich mit einem Kuss und schmiert selbstgemachten Humus auf zwei Scheiben frisches, weiches Brot, stellt eine kleine Schale eingelegte Gurken dazu . Ole greift dankbar zum Teller ohne die Füße vom Ofen weg zu nehmen. „Ich bin so froh, dass die Wohnung über der Buchhandlung einen Berliner Ofen hat. So einen richtig großen mit Bank drum herum.“ „Wusste ich nicht.“ sagt Frieda erfreut. „Er hat den Ofen nicht mehr angehabt, seit die Zentralheizung eingebaut wurde. Im Keller liegen noch Kohlen und Holz, dass ist so alt, da könnten Splitter vom Kreuz dabei sein.“ Frieda runzelt sie Stirn „Die Heizung ist fast gleich nach der Wende rein gebaut worden, warum hat er den Ofen nicht benutzt?“ „Woher soll ich das wissen? Weils zu unmodern ist. Und er nicht zwei Schornsteine kehren lassen wollte, keine Ahnung. Da ist auch noch eine Menge dran zu tun. Also so schnell wird da kein Feuer mehr brennen. Der ist mit Altpapier voll gestopft, die Schamottsteine sind gerissen und der Schornstein seit 100 Jahren nicht gefegt. Aber Thomas mein er kriegt das hin. Und,“ Oles grinsen wird breit „Mit ein bißchen Glück kriegt Thomas auch den Herd in der Küche hin. Da steht einer wie der da, nur eben richtig alt. Ist gerade nicht angeschlossen.“ Frieda schnappt nach Luft. Mit nackten Füßen im Winter aufs Klo gehen und trotzdem ein Herdfeuer haben. Das ist eigentlich zu viel des Guten.

„Wolltest du nicht noch duschen? Bevor Micha uns abholt?“ Wie im Traum steht Frieda auf und verlässt den Wagen um rüber zu gehen. Als sie unter der Dusche steht und warmes Wasser in ihren Nacken prasseln lässt, steht sie immer noch neben sich. Kann das sein, dass alles so läuft. Sie hat ihr Leben wirklich immer für perfekt gehalten. Nie hat sie gedacht, dass sie etwas anderes genau so perfekt und richtig finden könnte. Hat sie sich vorher vielleicht nur eingeredet, dass es gut lief. Aber sie denkt an ihren gemütlichen Wagen, an ihr Kräuterbeet, an die Rosen, den Flieder und Lavendel, an die Abende am Feuerkorb, an die Windspiele und Flitteranhänger in den Bäumen. Das ist immer noch sehr perfekt. Sie muss mit Ole aber scheinbar eine neue Stufe Leben beschreiten, die für sie alleine gar nicht perfekt gewesen wäre. Zu Zweit sind eben andere Umstände. Sie cremt sich ein und tuscht sich die Wimpern. Lippenstift lässt sie in letzter Zeit lieber weg, weil es nie lange dauert und Ole hat ihn um den Mund geschmiert und das sieht mit seinem graumelierten Schwarzbart irgendwie gruselig aus. Als sie rüber geht, steht Michas Auto schon an am Tor und er sitzt mit Ole drinnen. Sie begrüßen sich mit einer innigen Umarmung und dann wird der Topf, Brot und Cracker eingeladen, das Geschenk hat Ole in einem selbstgenähten Beutel und schon geht es, ganz vorsichtig zu Micha und Holger in die Wohnung.

Im Aufzug geben sie bestimmt ein merkwürdiges Bild ab. Ole, der mit einem Topf auf dem Gänse watscheln in den Händen da steht und Micha und Frieda hinter ihm, mit je einem Brotkorb in der Hand. Es müsste so ein bißchen aussehen, als wenn sie irgend wem eine Opfergabe dar bringen wollten. Aus der Wohnung tönt Manowar, Frieda guckt seufzend zu Ole, der sieht aber ganz zufrieden aus. Alle drei stehen völlig perplex im Flur. Durch die Tür sieht man Luftschlangen und Ballons von den Lampen hängen. „Was ist hier passiert?“ fragt Micha streng, als Steffen mit einem Glas Sekt in der Hand aus dem Wohnzimmer springt. „Das war ich. Holger kann nichts dafür.“ „Steffen ist einer von Michas langjährigen Freunden. Er ist Bassist in einer Drag Queen Band und hat blonde Haare in einer Länge um die ihn jede Frau beneiden würde.

Agnes kommt mit Holger aus der Küche und nimmt Ole den Topf Suppe aus der Hand, damit der sich die Jacke ausziehen kann. Frieda hält Holger die Brotkörbe entgegen. Langsam trudeln andere Gäste an. Michas Schwester ist Frau Nummer drei im Bunde. Ansonsten kommen nur Männer durch die Wohnungstüre. Als Frieda in der Küche noch einmal die Suppe umrührt und das Buffet noch ein bißchen sortiert, steht plötzlich Ole hinter ihr. „Sind das alles Schwule?“ raunt er leise in ihr Ohr. Mit einem Blick registriert Frieda wer alles da ist. „Nö, Steffen natürlich und Frank. Der andere ist der Typ der unten drunter wohnt, der mit der Mütze ein Arbeitskollege von Holger und die anderen beiden sind mit Micha und mir in eine Klasse gegangen.“

Die Wohnung ist mit zusammen gewürfelten Möbeln eingerichtet. Allerdings hat keiner der beiden die Geduld aufgebracht zu warten, bis was passenden gefunden wird. Nein, beide hatten seit ihrer ersten Wohnung die gleiche Eigenschaft, Möbel von verstorbenen Verwanden weiter zu verwenden. Deswegen ist vieles Eiche rustikal furniert und sieht erbärmlich aus. Teilweise hatten sie sogar die gleichen prachtvollen Stücke. Beim zusammenziehen hatten tatsächlich gleich zwei Schreibsekretäre, ehemals von Neckermann ihren Platz ins Wohnzimmer gefunden. Kurzerhand wurden die klappbaren Schreibplatten raus gerissen um Boxen ein zu bauen, die jetzt auf Ohrhöhe Spektakel machten wenn beide auf einer Türe, die über zwei Sägeböcke gelegt wurde, an ihren Computern zockten, oder versuchten Musik zu mischen.

Der Abend wird nett. Und Nett ist eben nicht die kleine Schwester von Scheiße. Nett bedeutet nett. Nicht sehr aufregend oder spektakulär. Alle sitzen rum, lassen sich die Suppe und die Salate, Canapés und Tapas schmecken, erzählen, lachen. Kurz vor Mitternacht verschwindet Holger in der Küche und kommt mit einem Tablett voller Sektgläser wieder. Sie Stoßen an, gratulieren und überreichen Geschenke. Frieda findet das ein bißchen traurig für Holger. Der hat erst in zwei Wochen und bekommt zwar seine Geschenke vorher, aber direkt an seinem Geburtstag hat er nichts zum Auspacken. Als sie das laut ausspricht, nimmt Holger sie in den Arm und drückt sie an sich. „Mach dir mal keinen Kopf, ich werde bestimmt was zum auspacken kriegen.“ sagt er und zwinkert Micha zu, der ziemlich schmutzig lacht.

Gegen zwei Uhr Morgens steigen Ole und Frieda in ein Taxi. Es ist zu kalt um zu laufen und Straßenbahnen sind um diese Zeit nicht mehr so regelmäßig unterwegs wie man sie brauchen könnte. Ole hält Frieda die Türe auf und rutscht hinter sie auf die Rückbank. Er hält ihre Hand bis sie vor dem Gartentor stehen, bezahlt und hält ihr wieder die Türe auf. Sie gehen gleich durch, in seinen Garten. Das Gartenhaus hat einen enormen Magnetismus bei diesen Temperaturen. „Gute Nacht Bauwagen“ ruft Frieda ihrer Festung zu. „Schlaf schön, bis morgen.“ ruft Ole und zieht Frieda feste an sich, damit sie nicht friert, ausrutscht oder irgendwelche schrecklichen Sachen, auf dem Weg in die Wärme, geschehen.

*

Frieda betrachtet ihre Kräutervorräte. Was kommt mit auf die Reise? Dank einer Freundin mit Kleinkind von Steffi hat Frieda unzählige Pappdosen, wo mal Teegranulat drinnen war. Die sind perfekt für ihre Teemischungen, sie sind leicht, unzerbrechlich und sie klappern nicht in den Regalen herum wenn man fährt. Also füllt sie welche mit ihrer Hausteemischung, ihrem spezial Erkältungstee, oder einem Beruhigungstee aus Lavendel, Johanniskraut und Melisse oder Tee gegen Magenverstimmung der überwiegend aus Schafgarbe besteht. Hübsche Etiketten verzieren das ganze. Danach mischt sie Gewürze für ihre verschiedenen Brot Rezepte. Wird sie in Afrika dazu kommen Brot zu backen? Also wenn sie eines die Woche backt, dann sind das 12 Stück in der ganzen Zeit. Brauch man dazu Gläschen oder Döschen. Kurzerhand bastelt sich Frieda viele kleine Papiertütchen die sie mit einzelnen Portionen abfüllt. Suppengewürzpulver hat sie dieses Jahr besonders fantastisches. Sie hat fast alles, was beim Gemüse putzen übrig geblieben ist, in den Trockner gegeben. Da er nur mit Sonnenlicht läuft, hat sie fast alles getrocknet, was irgendwie einen erkennbaren Wasseranteil hatte. So ist aus getrockneten Karottenschalen, Seleriestücken, Paprika, Lauch und Zwiebeln ein buntes Granulat geworden, das mit Salz vermischt eine ziemlich fantastische Gemüsebrühe wird. Puddingpulver aus Stärke, Zucker, Kakao und Schokoladenstückchen werden in größere Tüten gepackt, Mischungen für Salat dürfen auch nicht fehlen. Nach Stunden konzentrierter Arbeit hat Frieda Zahllose Tütchen mit eigenen Fertigprodukten vor sich liegen. Stolz sortiert sie immer wieder die Tütchen. Mal nach Größe, mal nach Thema, mal nach Alphabet.

Ole drückt sich in den Wagen. Bemüht die Türe so wenig wie möglich zu öffnen. Bewundernd betrachtet er Friedas Tagewerk. „Das ist so krass Frieda. Ich finde das absolut toll.“ Frieda freut sich wirklich. Es hat sie wahnsinnig gemacht, wenn sie zum Beispiel ein Brot gebacken hat und dann von Freunden nur die blöde Bemerkung, dass man sich schneller eines kaufen könnte und das wäre sogar noch geschnitten, kassierte. Oder als sie anfing Zahnpuder selber zu mischen und manchen nur dazu einfiel, dass sie sich jetzt mit Dreck die Zähne putzen würde. Ole wusste das zu schätzen was sie tat. Und dafür war sie unendlich dankbar. „Aber Frieda jetzt mal im Ernst, auch wenn es solche Bücher schon zu genüge gibt, ich denke, du solltest wenigstens mal mit meinem Onkel reden. Ein Koch und Backbuch extra für Camper. Was man tun könnte um so gesund, autark und nachhaltig wie möglich unterwegs zu sein.“ Ole klingt überzeugt. „Mit Schnittmuster für Brötchenbeutel.“ „Was?“ ruft Frieda „Jetzt hör aber auf. Ein Schnittmuster für einen Brötchenbeutel. Wozu brauch man da ein Schnittmuster. Jeder kann ja wohl ein Geschirrtuch zusammen nähen, ohne dazu eine Anleitung zu brauchen.“ „Das sagst du so.“ schmunzelt Ole. „Ich wäre noch nicht mal auf die Idee gekommen ein Geschirrtuch zu nehmen.“ Jetzt schmunzelt auch Frieda. Ole macht eine ausladende Bewegung „So ein Arbeitsbuch, wie diese Bücher die früher zur Jahrhundertwende junge Bräute bekommen haben.“ Frieda lacht jetzt laut „Na dann muss ich aber auch ein paar Worte zur Ehehygiene schreiben.“ Ole lacht „Wollen wir gleich mal zusammen unter die Dusche.“ „Ja sicher, ich brauche noch Anwendungsbeispiele.“ lacht Frieda.

„Ok, ich geh rüber, heize ein, bereite was zu essen vor und wenn du hier fertig bist, dann kommst du einfach rüber. Lass dir ruhig Zeit.“ Er küsst sie und drückt sich dann wieder zurück nach draußen, wobei er aufpassen muss, dass ihm der Wind nicht die Türe aus der Hand reißt.

Frieda legt alle Tüten in einen Karton. Sie will mit Ole beratschlagen, was alles mitgenommen wird.

Sie nimmt immer zu viel mit. Egal wohin sie geht. Ob an Klamotten oder Wolle zum stricken, oder Bücher. Ein Campingbus verleitet natürlich noch mal einen drauf zu setzten. Aber in Spanien gibt es bestimmt viel Obst. In Afrika erst recht. Sie wird wohl kaum Schokoladenpudding löffeln, wenn man da unten Orangen pflücken kann und weiß der Geier was alles da unten wächst. Drachenfrucht vielleicht? Oder Papayas? Sie hat ein Rezept für eine Papaya-Karotten Suppe. Das hat sie nie ausprobiert, weil hier Papayas zu teuer sind. Wachsen da unten dann überhaupt Karotten? Oder Mangold? Rosenkohl? Der braucht Frost. Da unten gibt es bestimmt keinen Rosenkohl. Allerdings sollte man, wenn man auf engstem Raum in einem Camper unterwegs ist vielleicht ohnehin Kohlgerichte vermeiden. Seufzens löscht Frieda das Licht, nimmt eine Tasche mit Kleidung und verschießt sorgfältig ihren Wagen.

Ole war richtig kreativ. Sonst gibt es Nudeln und heute hat er ein altes Fladenbrot mit Tomatensoße und einem Glas Pizzabelag verziert und einen Mandelkäse gezaubert um das ganze zu überbacken.

„Das sieht lecker aus.“ sagt Frieda. Ole guckt verschämt. „Du hast das Brot gebacken, die Tomatensoße und den Belag eingekocht. Eigentlich hast du gekocht.“ „Quatsch. Der Mandelkäse ist fantastisch.“ sagt Frieda bestimmt. „Ist aus deinem Kochbuch.“ Frieda schmiegt sich von hinten an ihn. Umschlingt seinen Oberkörper „Das wird nicht zur Gewohnheit mein Lieber. Ich bin für konventionelle Rollenverteilung. Was bedeutet, ich habe die Hoheit über Herd und Topf.“ „Ich trete in Demut zurück.“ sagt Ole und macht einen Schritt zurück, mit gesenktem Blick. Dann stellt er sich hinter Frieda, schiebt sie an den Herd und lässt die Hände unter ihrem Shirt verschwinden. „Prima, jetzt ist alles am richtigen Platz.“ murmelt er in Friedas Haare. Frieda kichert „Agnes würde mir den Kopf abreißen, wenn sie mitkriegen würde ich mir hier anhöre ohne dir den Kopf ab zu reißen.“ Schwungvoll schleudert Ole Frieda rum und nimmt sie hoch. Sie liegt in seinen Armen. „Na dafür trag ich dich doch auf Händen.“ sagt er und trägt sie zum Sofa um sie dort in die Kissen gleiten zu lassen. Danach nimmt er die Pizza aus dem Ofen, achtelt sie und stellt einen Teller vor Frieda. Anschließend holt er noch ein Glas Rotwein herbei. Und Frieda denkt, dass sie es sehr beruhigen würde, wenn ein Meteorit auf sie stürzen würde, damit sie es endlich hinter sich hat. Aber vermutlich ist es so. dass wenn man sich wirklich immer nur das nimmt, was einem zu steht, dass man dann irgendwann mehr geschenkt bekommt, als man erwartet. Und Frieda ist bereit das Geschenk an zu nehmen.

*

Frieda ist aufgeregt. Weil Ole gleich kommt und zusammen wollen sie sich ihre Wohnung anschauen. Frieda kann nicht von ihrer Wohnung reden ohne mit den Fingern Anführungszeichen anzudeuten. Sie prüft gerade den Wareneingang. Postkarten mit der Marktkirche drauf und Kühlschrankmagneten mit Händel. Sehr einfallsreich. Aber in den anderen Kartons werden die ganzen neuen Weihnachtssachen stecken. Über den Buchregalen hängen schon falsche Tannengirlanden mit Weihnachtsbaumschmuck, den Herr Töpfers Tochter vor 30 Jahren gebastelt hat, behängt. Frieda kann es kaum erwarten die Dekorationen des Ladens selbst in die Hand zu nehmen. Als erstes werden die lustlos ausgeschnittenen Sterne aus Goldpapier entsorgt. Und die angemalten Kiefernzapfen die mit Watte und roten Filzdreiecken beklebt wohl Wichtelmänner darstellen sollen. Frieda wird Lichterketten aufhängen, Keksförmchen mit rotweißer Schnur und Fröbelsterne aus Packpapier .

Mit den Gedanken im nächsten Jahr, hängt sie versonnen Minibücher an einen Ständer. Ein kleiner Fetzen ihres Hirns versucht sie immer noch von den Gedanken ab zu bringen. Um sie zu schützen. Was ist wenn das alles nicht so wird. Was ist wenn du nächstes Jahr dann doch im Bauwagen sitzt. Alleine und ohne Arbeit, weil das mit dem Buchladen voll daneben geht. Frieda hat Ole von diesen Gedanken erzählt. Und zusammen haben sie die schlimmstmöglichen Alternativen durchgesponnen. Selbst wenn der Buchladen nicht gleich die erwünschten Erfolge verspricht, schaffen sie mit Erspartem eine ziemlich lange Durststrecke und würden danach auch einen Kredit bekommen. Und natürlich wird der Ofen repariert. Und natürlich wird sie die Möbel bekommen die sie braucht und wenn sie ihren rosa Küchenschrank lieber in der Wohnung haben möchte, dann wird er auch da rein gestellt. Alles kein Problem.

Die Tochter vom Chef kommt aus dem Büro. Marianne greift lachend nach Friedas Arm. „Ich bin so gespannt, was ihr draus macht.“ sagt sie. „Ich hoffe ich komme nächstes Jahr hier rein und sehe eine wirklich gute Weihnachtsdeko.“ „Soll ich dir die Sterne einpacken? Ich meine ist ja eine Erinnerung.“ bietet Frieda an. Aber Marianne blickt nur einmal mit den Augen Richtung Decke und dann zu Frieda. „Klar. Meine Mutter hat auch schon gesagt, dass du mir bestimmt einen Stern zur Erinnerung geben würdest. Aber ich könnte bestimmt nicht alles kriegen, weil du ja auch noch Deko Sachen brauchst.“ „Das glaubt sie wirklich.“ Marianne nickt. „Ich fürchte ja. Du wirst auch noch allerhand gute Tipps bekommen was die Kunden so alles gut finden und am liebsten kaufen. Und wie man zu den verschiedenen Jahreszeiten schön dekoriert.“ Frieda seufzt. Marianne gibt ihr einen Tipp. „Ich rate dir da gleich Tacheles zu reden. Sonst kann es dir passieren, dass sie immer dann, im Laden steht und ihre Hilfe anbietet, wenn sie denkt, dass es Zeit wird zum umdekorieren. Und dann wirst du sie nicht los.“ Frieda nickt. „Ok das mach ich.“

Marianne blickt sich um. „Ok, dann kommt dein Mann heute mit Anwalt und dann wird alles in trockene Tücher gepackt und dann geht der Ausverkauf los.“

„Ja, den Buchbestand wollte Ole nicht mit kaufen. Deswegen versucht dein Vater alles los zu kriegen und den Rest gibt es dann so dazu.“

„Ab wann sind dann die Handwerker im Haus?“

„Februar.“ sagt Frieda. „Das ist ein Freund von Ole, der wird sich ab Februar um alles kümmern, damit wir im März wenigstens schon mal ein Bett rein stellen können und uns einen Kaffee machen. Der Laden wird im Mai eröffnet.“

„Sportlich.“ staunt Marianne.

Und dann übernimmt sie, weil Ole in der Türe steht. Zusammen gehen sie durch Töpfers Büro, eine Treppe hoch in die Wohnung. Hier war sie erst wenige male. Im Treppenhaus ist auch die eigentliche Haustüre, durch die ist sie noch nie durch gegangen. Jetzt geht sie mit einem ganz anderen Augen durch als das letzte mal wo Herr Töpfer sie zu seinem Geburtstag auf ein Stück Kuchen in sein privates Wohnzimmer gebeten hat und seine Frau in der Küchentüre stand und sie genau im Visier hatte, so das sie sich nicht umsehen konnte. Im Treppenhaus verschwinden vor ihrem inneren Auge die gerahmten Spitzweg Kalenderblätter und Blumen blühen an den Wänden.

Die braune Wohnungstüre wird weiß lasiert. Der dunkle Flur, der ihr damals eng und drückend erschien, wird licht und hell, wenn erst mal die ganzen Garderobenschränke raus sind. Sie biegt gleich rechts ab in die Küche. Auch hier ist alles voll gestellt. Es ist Platz für ein Sofa und ein alter Küchenschrank steht da auch. Ähnlich ihrem im Wagen. Allerdings auch dunkelbraun gestrichen. Ansonsten Reihen weißer Hängeschränke. Unter einer Tischdecke ist der Küchenherd versteckt, und der Elektroherd sieht aus wie neu. Aber das, was wirklich fantastisch ist, ist eine Balkontüre, die auf eine Terasse führt. Auf dieser ist Platz für Blumen, dem Grill, Wäscheständer und Möbeln zum draußen sitzen. Gras wächst zwischen den Fliesen durch und sehr viele Balkonkästen hängen ungepflegt und vertrocknet am Geländer. Ole kommt dazu und legt den Arm um sie. „Hier kommt mein Strandkorb hin.“ sagt er mit einer ausholenden Geste. „Der steht seit Jahren bei meinen Eltern im Garten. Ich hatte nie Platz dafür.“ Ein Strandkorb. Frieda hat das Gefühl knapp überm Boden zu schweben. Als sie wieder rein gehen ist da noch eine Türe. Erfreut öffnet Frieda den Vorratsraum. Der Gedanke im Winter nicht mehr in den Erdkeller runter steigen zu müssen um ein Glas Tomatensoße zu holen gefällt ihr sehr gut. Im Wohnzimmer steht der grün gekachelte Berliner Ofen, mit Holzbank. Eine geradezu abartige Anbauwand, natürlich in kackbraun furniert, verdeckt zwei komplette Wände. Aber dazwischen stehen auch immer wieder Schätze. Ein Nierentisch hier oder ein Ohrensessel da. Alles ist bedeckt mit Schonbezügen und auf jeder waagerechten Stelle stehen Trockengestecke. Frieda wird mit Freuden und voller Inbrunst, alles aus dem Fenster schmeißen. Sie dreht sich zu Ole „Und er will alles hier lassen?“ „Ja, aber ich habe ihm schon erklärt, dass ich ihm das nicht extra abkaufe, sondern für ihn entsorgen werde. Ich fürchte dein Chef überschätzt den Wert von seinem Mobiliar ein bißchen.“ Das Badezimmer ist hellblau gefliest aber die Armaturen und alles aus Porzellan stammen aus diesem Jahrhundert, deswegen ist hier nicht so viel zu machen. Die Badewanne ist recht klein. Frieda registriert, dass es zu zweit recht eng wird. Dann gibt es noch ein kleines Schlafzimmer, in das sie nur kurz schauen, weil Zwei riesen Kleiderschränke jeder Vorstellungsvermögen kastrieren. Aber das Fenster ist groß und geht zum Hinterhof, Boden und Wände sind gerade, alles passt. Die Wohnung oben besteht nur aus einer kleinen Küche und einem Zimmer von dem eine Türe abgeht, direkt zur Toilette. Ein Waschbecken ist angebracht, das scheint es gewesen zu sein. Zum vermieten wohl ehe nicht geeignet. Frieda und Ole steigen wieder runter. Ole sieht Frieda fragend an. „Und, gefällt es dir ein bißchen? Meinst du, du wirst es hier mit mir aushalten?“ Sie drückt sich fest an ihren Lieblingsmenschen. Atmet Sandelholz ein, spürt den weichen Pullover an ihrer Wange und seinen Atem auf ihrem Scheitel. „Ich denke es wird gehen.“ grinst sie.

„Moin.“ Thomas steht in der Türe und Herr Töpfer mit einem sehr geschäftlich aussehendem Mann. „Guten Tag.“ begrüßen die beiden älteren Herren die Anwesenden. Jetzt soll es also zur Sache gehen. Kaufvertrag. Danach ist es amtlich. Frieda gibt Ole einen Kuss. Der Anwalt ist von Oles Vater, sie braucht also nicht dabei bleiben um Seelisch oder Moralische Unterstützung zu leisten.

Sie geht mit Thomas runter und betritt das Lager.

„Ach du Scheiße.“ sind seine Worte. „Hier werdet ihr einen Container brauchen. Alles rein und auf den Müll. Wird das beste sein.“ Frieda kann ihm nur recht geben. Sie gehen durch die Türe in einen kleinen Innenhof. Halb verrottete Paletten und Reste von verschiedenen Fahrrädern stehen dort rum, teilweise mit löcheriger Plane abgedeckt. Zwischen den roten Backsteinen und dem Geröll wächst Farn und Löwenzahn. Frieda ist ganz aufgeregt. „Aus den Paletten kann man Prima Sofas zimmern und in so einem schattigen Hinterhof wächst bestimmt auch ganz gut Clematis.“ Thomas lacht. „Na das du das hier schnuckelig machst, daran habe ich keinen Zweifel.“ und dann wird er blass. Plötzlich knallrot und gleich darauf wieder blass. Wie im Traum geht er über den kleinen Hof und hebt eine alte Plane hoch. Darunter liegt Schrott. Frieda versucht zu erkennen was Thomas so sprachlos macht. „Eine Schwalbe.“ keucht er „eine alte Simson Schwalbe.“ Frieda ist davon gänzlich unbeeindruckt, kann aber nachvollziehen, dass es für Jungs was ganz besonderes sein muss. „Ich muss sofort mit Ole reden, ich will die.“ sagt Thomas und flitzt wieder vom Hof. Frieda genießt noch eine Weile das Bild vom Innenhof in ihrem Kopf und geht dann auch wieder rein. Marianne möchte sicher auch nicht den ganzen Tag im Laden stehen. Vor allem weil sie das ja eh tun muss, wenn Frieda mit Ole auf Reisen geht.

Ein Glück ging das so einfach, dass sich Marianne frei stellen lassen kann, um das letzte mal mit ihren Eltern im Buchladen zu stehen.

„Und gefällt dir die Bruchbude?“ lacht Marianne sie an, als sie wieder in den Ladenraum kommt.

Frieda kann nur sehr zufrieden nicken.

Oktober (2)

Ole hält ihr die Türe auf, denn er hat gewartet, bis das Tor knarrt und Frieda ankündigt.

Er steht da, mit einem Handtuch, dass er ihr beim reinkommen schon über den Kopf wirft um ihre Haare ab zu trocknen. Auf dem Wohnzimmertisch steht ein Teller mit Nudeln und Spinatsoße. „Ich habe schon gegessen, hatte so einen Hunger.“ entschuldigt sich Ole. Ein Feuerchen brennt im Ofen und eine Teelicht brennt in einem bunten Glas auf dem Tisch.

„Mein Wagen tut mir so leid.“ sagt Frieda zu Ole. Ole lacht nicht, erklärt sie nicht für doof und muss auch nicht fragen, wie sie das meint. Er guckt Ernst. „Wir können auch rüber gehen.“ und er meint es ernst. Aber Frieda reicht es über ihr Gefühl zu reden. Sie liebt diesen Wagen. Aber sie wird es dem Menschen ihres Herzens nicht zumuten die Nacht im schlecht isolierten Bauwagen zu verbringen und Nachts durch Wind und Regen auf eine Komposttoilette zu gehen, nur damit der Bauwagen sich besser fühlt. Das erklärt sie Ole zu und er zieht sie liebevoll an sich. „Ich danke dir.“ „Aber wie soll das dann mal werden?“ fragt Frieda. Ich dachte, dass es eher ein Spaß ist das Haus und den Wagen zusammen zu stellen. Aber jetzt seh ich gar keine andere Möglichkeit.“

Ole atmet ein, als wenn er was sagen wollte, stutzt dann und sagt nur „da gibt es vielleicht noch eine andere Lösung oder noch eine zusätzliche Option. Aber da reden wir später mal drüber. Ich muss da noch ein bißchen drauf rum denken und ich muss noch jemanden mit Ahnung herbei holen. Ich will keine Pferde scheu machen und hinterher stellt sich alles nur als großer Gehirnschiß raus.“

Frieda lacht „Ok, Thema Wechsel. Wie war denn dein Tag?“ Und dann reden sie und hören sich zu. Und zwar nicht nur so lange bis der andere eine Pause macht, damit man endlich selbst was sagen kann, sondern so lange wie der andere was zu erzählen hat. Und das klappt so gut, weil sie sich wirklich füreinander interessieren. Und solche Begegnungen passieren wenn man sich das nimmt was man verdient und nicht faule Kompromisse eingeht, nur um nicht mehr alleine zu sein. Und wenn man jetzt im dunklen Garten stehen würde, könnte man durch das hell erleuchtete Fenster sehen. Und man würde zwei Leutchen sehen. Die eine mit einer am Hinterkopf zerdrückten Frisur die schon viel zu viele graue Strähnen hat und ein bißchen in die breite gelaufenen Eyliner. Der andere mit einer graumelierten Unfrisur, ein bißchen Bauchansatz unterm engen Shirt und fusseligen Socken. Zwei Menschen die sich ansehen, als wäre das Gegenüber das schönste auf der Welt.

Als Frieda Nachts kurz wach wird, liegt sie mit Ole Rücken an Rücken, die Beine verhakt. Der Regen prasselt gedämft aufs Dach und der Wind versucht durch die Thermofenster zu pfeifen, weil ers ja so gewohnt ist, Frieda zu nerven. Aber er hat keine Chance zu ihr ins Haus zu kommen und Frieda gefällt der Gedanke, dass er durch die Fenster in den Wagen rein pfeifen kann, damit dieser nicht mehr so alleine ist. Mit dem Bild von einer Windhexe in ihrem Schaukelstuhl, die sich vom Stundenlangen rasen ausruht, schläft sie wieder ein.

*

„Das macht nicht wahnsinnig! Aber ich will auch nicht, dass er denkt ich wäre neugierig.“

„Aber du bist neugierig.“ sagt Ute und reicht ihr neuen Kalender an. „Der hier ist schön mit den Küchenkräutern.“

Frieda steht am Ständer für Kalender und versucht sie thematisch zu ordnen, Frauen halbnackt, Autos, Trucks und Landschaften auf eine Seite, Männer halbnackt, Blumen, Rezepte, Katzen, Hunde und Pferde auf die andere. Und dazwischen die Kalender mit mehreren Spalten für die ganze Familie. „Aber ich kann das auch verstehen, dass er es lieber mal alleine durchdenkt.“ mault Frieda weiter. „Aber was ist wenn er dabei irgendwann eine falsche Richtung einschlägt. Dann wäre es doch besser, wenn wir uns gleich zusammen Gedanken machen.“

Und dann klingelt die Ladentüre und Ole kommt mit festen Schritten in den Laden, hinterdrein Thomas. Beide grüßen freundlich und klopfen an Töpfers Bürotüre, werden gleich rein gerufen und sind auch schon wieder weg. Utes Mundwinkel ziehen sich breit auseinander. „War er das?“ „Der erste, der am besten aussieht.“ „Und du weißt nicht was die da jetzt machen?“ „Nein.“ motzt Frieda.

Ute geht irgendwann, nicht ohne Frieda das Versprechen abgenommen zu haben, sie auf dem Laufenden zu halten und Frieda lädt sie gleich zum Abgrillen fürs Wochenende ein. Aber bitte ohne Halloween Kostüme. Micha musste sie erst ans traditionelle Abgrillen erinnern. Sie hätte es fast vergessen. Und eigentlich macht sie es auch nur, weil es die letzte Chance ist Agnes und Thomas mal zusammen zu bringen.

Sie steht gerade bei einem Kunden der sich für ein Bildband mit Oldtimer interessiert. Als Ole und Thomas wieder raus kommen. Was hatten die da zu besprechen? Alle sehen zufrieden aus und Ole verabschiedet sich mit einem flüchtigen Kuss von Frieda. „Ole.“ ruft sie ihn, bevor er durch die Türe verschwindet, „Ich möchte es heute Abend wissen.“ Ole grinst und Thomas lacht sogar laut auf. „Das glaub ich dir.“ ruft er zurück. Weg ist er.

Atemlos kommt Frieda zuhause an. Im Wagen brennt Licht und der Ofen ist angeheizt. Eine Gemüsesuppe brodelt auf dem Herd und Ole sitzt lächelnd am Tisch. „Schlafen tun wir aber bitte drüben. Ich wollte dir aber alles hier erzählen, ich dachte du fühlst dich sicherer auf deinem Territorium. Nicht so überrumpelt.“

Frieda setzt sich hin und will nicht erst essen. Erlaubt es aber, dass ihr Ole ein Glas Wein einschenkt. „Ich werde das ganze Haus kaufen.“ sagt Ole schnell, wie als wenn man ein Pflaster abreißt. „Thomas war mit um sich das an zu gucken, der hat da richtig Ahnung von. Die Heizung muss neu gemacht werden und sämtliche Elektrik. Deswegen konnten wir den Preis noch ein bißchen drücken.“ „Was willst du denn mit einem ganzen Haus?“ fragt Frieda verwundert. Ole schaut auf „Unten den Laden, oben drin wohnen.“ „Und dein Haus?“ „Verkaufe ich an Christian und Jenny wenn sie es noch haben wollen. Frieda brennen Tränen in den Augen. Sie dachte irgendwie, dass es immer so weiter gehen könnte. Dass sie irgendwann den Zaun zwischen ihren Gärten abreißen würden und dann den Wagen als Sommerhaus nehmen könnten, oder wenn sie mal Platz brauchen. Ole wedelt aufgeregt mit den Händen „Und höre mir erst zu bevor du nein sagst. Aber ich möchte, dass du ein bißchen mit dem Kopf entscheidest. Ich weiß der Platz hier ist deine Festung und Zuflucht und ich weiß, was er dir bedeutet.“ Ole geht zu Frieda rüber und zieht sie an sich. „Ich möchte im Sommer gerne mit dir hier Urlaub machen oder am Wochenende hier schlafen. Aber ich möchte auch, dass wir über den Laden ziehen. Mit deinen bunten Tellern und Töpfen und Kisten und Kästchen. Die Wohnung ist groß genug, aber auch nicht so groß wie gedacht, weil eine ziemlich große Terrasse dazu gehört, die mich ziemlich überrascht hat.“

Frieda ist sprachlos, weiß nicht was sie sagen soll. Sie kommt sich blöd vor, weil sie nichts dazu beitragen kann. Sie hat kein Geld und das sagt sie auch so. Ole sieht ihr in die Augen „Frieda ohne dich schaffe ich das nicht. Und ich will das gar nicht ohne dich machen. Ich will nichts ohne dich machen. Nicht einschlafen und nicht aufstehen und schon gar nicht Frühstücken. Ich bin doch dein Frühstücksmann, schon vergessen.“ Er nimmt sie fest in den Arm „Und wenn es nicht klappt, dann kannst du wieder zurück in deinen Wagen. Und Christian ist ja nun nicht mehr das schlimmste was passieren kann als Gartennachbar. Ich habe ihm schon Bescheid gesagt wegen Grillen am Wochenende. Dann kann ich ihm gleich das Haus versuchen an zu drehen. Hoffe er hat genug Geld.“

Frieda muss kurz raus, eine Runde um den Block und Ole wartet.

Sie geht durch die Straßen, es ist kalt und windig. Sie geht durch die ganze dunkle, leere Gartenanlage. Ihr Herz schlägt. Sie weiß doch was sie will. Genau das. Woher kommt der Widerwille? Angst vor dem Stress wenn es doch nicht klappt? Wird sie sich danach nicht mehr so frei fühlen wie jetzt? So als Hausbesitzer muss man ja Schnee schippen und Gehweg sauber halten und aufpassen, dass keine Rieseneiszapfen von Dach runter fallen und Passanten aufspießen.

Aber die denkt auch an einen Teppich, an ein Laminat, im Winter mit nackten Füssen zum Klo gehen und im Schlafanzug frühstücken. An warmes Wasser aus dem Wasserhahn, an eine Badewanne mit Schaum und Kerzen auf einem Fensterbrett. Und als sie wieder in den Wagen kommt und Ole sie fragend ansieht wirft sie sich in seine Arme. „Alles ok.“ sagt sie „Ich mach da mit, wenn du denkst ich wäre eine Bereicherung in deinem Leben, dann lasse ich es gerne drauf ankommen.“ Warm schaut er sie an. „Ich weiß was es für dich bedeutet. Ich danke dir.“ Und Frieda fühlt sich glücklich.

*

Agnes kommt mir einer dicken Jacke zum Wagen rein. „Ziemlich spät für grillen. Aber besser spät als nie. Draußen stehen dick eingepackt, weil das Wetter wirklich nicht mehr schön ist, Ute, Inge und Bernd, Jenny und Christian, Holger und Micha, Steffi, Jakob hat abgesagt und Ole der am Grill rum bastelt. Nur Thomas fehlt noch, was Frieda gerade richtig abnervt. Obwohl Ole gesagt hat, das er die verkuppel Nummer daneben findet, weil Thomas eine Zumutung für alle Frauen wäre. Frieda war deswegen ganz froh, dass Steffi ohne Jakob gekommen ist, dann sieht es nicht so aus als wären nur Pärchen da. Wenn Thomas das mitkriegen würde, wäre er schneller wieder weg als man gucken könnte. Aber dazu müsste er erst mal kommen. Bernd meinte er wäre beim Training bei diesem Streetcombat Verein. „Wir warten noch auf einen Freund.“ sagt Frieda verheißungsvoll zu Agnes. „Der ist gerade beim Boxtraining bei Streetcombat.“ „Ah,“ sagt Agnes unbeeindruckt. „Der Schuppen in der Glauchaer Straße. Da trainiert der Vollhorst aus meinem Haus auch.“ „Hätte ich den vielleicht einladen sollen?“ fragt Frieda lachend. Sie weiß nicht viel über diesen Typen. Nur das Agnes und er sich gegenseitig bei der Hausverwaltung anschwärzen. Sie weil er ein blöder Proll ist, der die Musik zu laut macht und sein Motorrad im Hof parkt. Er sie, weil sie angeblich stinkend kocht, dass man es im ganzen Treppenhaus riecht und ihr Fahrrad im Treppenhaus abschließt.

„Ich hab jetzt hunger und die anderen auch. Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss essen was übrig bleibt.“ sagt Agnes, nimmt die Schüssel mit den Saitanwürstchen und eingelegten Sojasteaks und trägt sie raus. „Dauert noch ein bißchen bis die Kohlen durchgeglüht sind.“ sagt Ole der ihr auf der Treppe begegnet. Dann steht er hinter Frieda, die versucht ihre selbstgebackene Brötchen nett im Brotkorb an zu ordnen, ohne das die Hälfte raus fällt, und umschließt sie mit seinen Armen. Das Kinn auf ihre Schulter gelegt sagt er gefasst. „Ok, nur noch mal, damit ich das noch mal höre. Du stimmst im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte zu, im Dezember mit mir zusammen bis März weg zu fahren und wenn wir uns nach drei Monaten in einem engen Camper immer noch so mögen wie jetzt, dann ziehen wir zusammen in das Haus am Eselbrunnen und ich darf sagen, dass es unser Haus ist, ohne das du mich jedes mal daran erinnerst, dass es nur mein Haus wäre. Und du fühlst dich immer noch frei genug um das länger aus zu halten. Du kommst dir nicht irgendwann wie Besitz vor und wenn doch, dann sagst du es sofort, damit wir das ausdiskutieren können. Und das können wir auch so unseren Leuten sagen.“ Frieda nicht lächelnd und zuversichtlich. „Und wenn ich dann sage, dass wir zusammen ziehen krähst du nicht dazwischen, dass du dir hier den Wagen behältst, für alle Fälle.“ Frieda dreht sich zu Ole, legt ihm die Arme um den Nacken „Nein.“ sagt sie und küsst ihn zwischen die Augenbrauen. „Ich steh dahinter.“ Dann nehmen sie den Brotkorb, küssen sich und bekommen fast die Türe vor den Kopf, weil Agnes rein stürmt. „Das ist nicht tatsächlich dein Ernst. Ich dachte du machst Spaß vorhin.“ Frieda schaut verwirrt „Was? Was meinst du?“ Agnes zeigt auf Thomas, der gerade mit einem Sixpack Bier vor dem Wagen steht. „Du hast doch wirklich den kleinen Pisser eingeladen?“ „Hi Thomas.“ ruft Ole, „Das war ich.“ sagt er zu Agnes. „Ich darf meine Kumpels einladen. Frieda hats erlaubt.“ Frieda sieht Agnes entschuldigend an und zuckt mit den Schultern „Ist Oles Freund, ich mag ihn.“ wutschnaubend geht Agnes aus dem Wagen und Thomas geht ihr hinterher und Frieda und Ole können gerade noch hören wie Thomas „Na auf dich blöde Fuchtel hab ich mich ja den ganzen Abend gefreut.“ zu Agnes zischt.

Lachend guckt Ole zu Frieda. „Jetzt habe ich dich in der Hand Frieda Flieder. Wenn du mal durchdrehst, erzähle ich denen wozu dieser Abend eigentlich dienen sollte.“ Lachend legt er einen Arm um Friedas Schulter „Es kann nicht immer alles so laufen wie man sich das mit rosa Buntstift ausgemalt hat.“ Dann gehen beide raus um ihren Freunden von ihren Plänen zu erzählen.

Agnes, Holger und Ute haben Kreisch und Hüpfanfälle bekommen. Inge ist in Tränen der Rührung ausgebrochen, Micha ist Frieda um den Hals gefallen und Bernd und Thomas haben nur Oles Schulter abgeklopft. Steffi findet die ganze Sache immer noch zu überstürzt und Jenny und Christian haben sich nur still mit gefreut, bis Ole sie gefragt hat, ob er das Haus abkaufen möchte. Daraufhin ist Jenny auch kreischend auf und ab gehüpft und Christian hat Oles Schulter  abgeklopft. Nachdem alles Grillgut verzerrt war ist Christian mit Jenny rüber zu Ole geganngen um sich das ganze mal genauer an zu gucken, Thomas ist mit, um Agnes aus dem Weg zu gehen und Holger und Micha sind auch mit rüber gegangen, weil sie meinten es wäre zu schwul, wenn sie jetzt bei den Weibern sitzen bleiben würden. Inge und Bernd waren zu durchgefrohren um länger bleiben zu wollen

Ute, Agnes und Frieda saßen noch am Feuerkorb. Steffi zog unruhig ihre Kreise um die Flammen. „Find ich nicht gut. Ihr seid erst ein paar Wochen zusammen, schon so was zusammen zu machen. Was ist, wenn ihr es da unten nicht mehr miteinander aushaltet. Dann sitzt du fest und dann?“ Agnes rollt die Augen „Es gibt nie eine Garantie. Auch nach Jahren nicht. Und vielleicht ist das der einzige Zeitpunkt so was zusammen zu machen, weil man sich noch nicht so an den gemeinsamen Alltag gewöhnt hat.“ Ute möchte auch was dazu sagen „Ich glaube das passt. Das wird ganz toll, das wette ich.“ Frieda drückt ihre neue Freundin und Lieblingskundin kurz an sich. „Und Außerdem,“ sagt sie in Richtung ihrer Schwester „bin ich alt genug und wenn ich was überstürzt machen würde, dann würde ich schon längst mit irgend einem Typen in einer schönen Dreiraumwohnung mit Balkon sitzen, Wandtatoos mit Sonnenblumenmotiv im Flur haben und schöne Scheibengardinen vor den Fenstern.“ sie steht auf. „Ich habe lange genug gewartet und denke mir schon selber alles kaputt. Dafür brauche ich keine Hilfe. Aber wenn du mir helfen würdest das Bier ins Haus zu schleppen, dann wäre ich sehr froh. Kommt so lange die Bude noch Ole gehört.“ Und sie gehen rüber. Wo Jenny verzückt auf dem Sofa sitzt. „Das wäre schön. Wenn das klappen würde.“ „Das klappt.“ sagen Ole und Christian wie aus einem Mund.

Erst gehen Steffi und Ute, dann möchte Agnes nach Hause und fragt zum erstaunen aller, ob Thomas mit ihr fahren möchte. Thomas bejaht und zwar so, als wenn er ihr ein Gefallen tun würde und beide verabschieden sich. „Lasst unterwegs die Finger voneinander.“ ruft Ole hinterher und das letzte was sie hören ist ein zweistimmiges, sehr verächtliches Grunzen.

Zum Schluß gehen Christian und Jenny. Im Dezember wird Ole den wenigen Kram den er hat, zu Frieda in den Wagen stellen und das Sofa, von dem er sich nicht trennen möchte, kann schon im Buchladen ins Lager und dann können Jenny und Christian schon hier rein.

Wer hätte das gedacht.

Nach der Verabschiedung räumt Ole Gläser und Flaschen zusammen und Frieda wäscht alles ab. Das fühlt sich so herrlich normal an. Während Frieda sich im Bad fertig macht, legt Ole noch mal im Ofen nach und als sie raus kommt, liegt er schon unter der Decke und hält sie auf ihrer Seit hoch. Schnell rutscht Frieda Flieder auf ihren Platz neben ihrem Frühstücksmann.

Und wenn man bedenkt, dass sich alle Freunde für sie gefreut haben, dass sich Möglichkeiten aufgetan haben, an die sie vor einem Jahr noch nicht mal im Traum dran gedacht hätte, dass sie die Auberginen gegrillt und in Öl eingelegt hat und das sehr, sehr lecker geworden ist, dann ist das ja wohl ein ziemlich guter Monat gewesen.

Oktober (1)

Der Oktober zeigt sich sehr deutlich als Herbst. Es regnet und die Temperaturen rutschen in den einstelligen Bereich. Frieda feuert zum ersten mal ihren Ofen schon tagsüber an. Nicht um zu kochen, sondern um den Wagen warm zu halten.

Sie sitzt auf dem Boden, hat den Schaukelstuhl ganz an den Rand geschoben, damit das gefärbte Bettlaken ausgebreitet werden kann. Vorgestern hat sie es fest zusammen geknittert und dann in einer Schüssel mit türkiser Stofffarbe unregelmäßig gefärbt. Zwischendurch entknittert und immer wieder eingetaucht und jetzt liegt ein Stück Stoff vor ihr das nach wilden Wellen und schaumigem Meer aussieht. Mit Schneiderkreide umzeichnet Frieda den abgegriffenen Schnittbogen ihres Schürzenkleides. Dieses bekommt eine Tasche, wo man zu beiden Seiten rein greifen kann. Auf die Tasche wird sie dann ein Fisch aus Frottee applizieren. Oles Mutter hatte Wäsche von seiner Oma vorbei gebracht. Sie wollte nichts davon hören, dass er nicht so viele Handtücher braucht und kein Mensch zehn paar Bettwäsche benötigt. Deswegen nahm Ole dankend an und kaum hatte seine Mutter dem Garten den Rücken gekehrt, machte er sich auf den Weg zum Altkleidercontainer. Frieda warf sich ihm in den Weg und konnte ihm ein paar Stücke entreißen. Vor allem Bettlaken aus Damast und ein Küchenhandtuch mit bunten Fischen drauf. Eine ganz niedlich geblümte Tischdecke war auch dabei, aus der Frieda Beutel für den Markt nähen wird. Erleichtert beobachtete Ole wie sie den Stoff in kleine Ecken schnitt.

Inzwischen hat Ole bemerkt, dass er von den Laken und der Tischdecke nichts mehr zu befürchten hat und das er keine Angst mehr haben braucht, irgendwann in sein Haus zu kommen und ein geblümtes Unding bedeckt seinen Tisch. Deswegen sitzt er jetzt auch ganz entspannt an Friedas Küchentisch und hackt wie immer auf seinen Laptop ein.

Zur absoluten Gemütlichkeit würde jetzt noch ein Katzenschnurren fehlen. Aber so wie die beiden Tiere irgendwann vor Friedas Wagentüre standen und sich aufführten, als wenn sie hier wie selbstverständlich hin gehören, so sind sie jetzt weg. Sie hatten sich den ganzen Sommer über schon rar gemacht und nun waren sie seit Tagen nicht mehr da. Ole hatte Frieda angeboten bei der Suche zu helfen und sie mussten mit ansehen, wie sie durch das Fenster eines Nachbarhauses sehr arrogant taxiert wurden. Von Miezbert und Leisemiep. Beide hatten scheinbar genug vom Wagen und vom Garten und haben sich ein neues Zuhause gesucht. Frieda schaute eine Weile zu ihnen hoch, wie sie sich auf der Fensterbank lümmelten, zuckte dann mit den Schultern und ging wieder nach Hause. Ein Teil von ihr war ein bißchen traurig über diese undankbaren Tiere, aber sie sah das auch als Zeichen, dass sie beruhigt den Wagen verlassen kann um in wärmeren Gefilden zu überwintern.

Aber jetzt wo sie hier auf dem Boden sitzt, Ole in reichweite, der Kessel summt, es riecht nach Kuchen und Kürbissuppe brodelt auf dem Herd, da möchte sie gar nicht daran denken hier weg zu gehen, wo alles ist was sie braucht. Bald ist Bauernmarkt, da freut sie sich drauf. Sie wollte sich irgendwann mal eine Rückenkiepe kaufen und dort ist immer ein Korbflechter, vielleicht hätte sie sich dieses Jahr dazu überwunden, den durchaus berechtigten, Preis zu zahlen. Töpfermarkt ist auch am Ende des Monats. Als sie diesen bei Ole erwähnte, meinte er nur trocken, dass sie wohl genug Schüsseln und Schälchen hätte und deswegen musste sie ihm lang und breit erklären, dass es, nicht oft, aber manchmal so ist, dass sich ein besonderes Muster zum Beispiel und ihr Herz, wie magisch anziehen. Sie geht also nur auf diesem Markt um sich das zu holen, was ihr eh schon irgendwie gehört.

„Hast du überhaupt eine Nähmaschine?“ fragt Ole „Oder wolltest du das alles mit der Hand zusammen nähen?“

Frieda blickt kurz auf. „Ich geh ins Nähcafé, hier in der Reilstraße. Da kann man die Stundenweise mieten und die haben da vernünftiges Zeug stehen. Richtige Profiteile, die könnte ich mir gar nicht leisten und ich habe auch kein Platz dafür.“

„Praktisch.“ murmelt Ole „Aber meine Mutter meinte du könntest die Nähmaschine von Oma haben. Das wird aber kein Profiteil sein.“

„Gerne.“ freut sich Frieda. „Für Beutel und Kleinigkeiten wird sie schon zu gebrauchen sein. Ich muss nur einen Platz dafür finden.“

Ole guckt sich um „Kann ja erst mal bei mir stehen. Wozu brauchst du eigentlich so viele Beutel?“

„Luftige Stoffbeutel sind der beste Aufbewahrungsort für mein getrocknetes Obst und Gemüse. Seit mir mal ein ganzer Bohnenvorrat vergammelt ist, pass ich da besser auf. Dann verschenke ich ja oft Sachen aus dem Garten und den pack ich am liebsten in Stoffbeutel oder wenn wir zum Markt gehen, ist dir bestimmt schon aufgefallen, dass ich noch nie eine Plastiktüte genommen habe, sondern alles in meine bunten Stoffbeutel packe.“

„Stimmt.“ sagt Ole. „Das ist eine wirklich gute Sache und sieht auch viel besser aus. Macht das jeder mit?“

„Na auf dem Markt gab es schon mal schräge Blicke, wenn man Obst hin reicht zum abwiegen und es ist nicht eingepackt. Aber man sagt dann einfach, dass man keine Tüte nehmen möchte, oder nimmt das Zeug wieder raus und schüttet es in seinen Beutel. Bei Kirschen oder Erdbeeren wäre das vermutlich etwas unpraktisch, aber so was kaufe ich ja fast nie.“

„Aber du hast ja auch Sachen, die nicht im Garten wachsen.“ interessiert sich Ole

„Na weißt du wie viele Obstbäume hier rum stehen? Wo das Obst runter fällt und vergammelt? Ich habe Kiloweise Mirabellen und Brombeeren rund um den Hufeisensee gepflückt“

Ole guckt interessiert und ein bißchen Bewunderung liegt in seinem Blick.

„Dann gibt es da noch eine Internetseite, wo man raus kriegt, wo Bäume stehen wo jeder ran kann.“

Ole greift zum Kessel und schüttet sich Wasser in seine Tasse auf einen von Frieda selbst befüllten Teebeutel und setzt sich neben sie auf den Boden. „Ich finde das so richtig krass. Du machst alles selber und dann noch auf einem Holzherd mit so wenig Platz. Ich weiß gar nicht, wie viele Leute ich kenne, die haben sich einen Kredit aufgenommen um sich eine super Einbauküche mit Thermomix, Mikrowelle und selbstreinigendem Backofen zu kaufen und dann wird ein Kuchen aus einer Backmischung und eine Mahlzeit aus zwei Dosen und einer Tüte zusammengerührt. Vielleicht solltest du auch ein Buch schreiben?“

Frieda lacht. „Gibt es doch alles schon. Woher glaubst du weiß ich das alles. Das ist nicht bei uns in der Familie von Mutter zu Tochter weitergegeben worden. Youtubevideos mein Herz. Da findest du alles.“ Ole grinst „Jetzt hast du das entromantisiert. Ich habe dich gerade als kleines Mädchen vor mir gesehen, wie du im Schürzchen deiner Mutter beim Brot backen zuguckst.“

„He, ich bin in den 80ern aufgewachsen. Mich hat nichts interessiert wenns nicht im Westfernsehen gezeigt wurde. Und meine Mutter hat in Leuna gearbeitet. Die hat kein Brot gebacken. Vielleicht mal nen Kuchen zum Geburtstag oder zum ersten Mai. Das hier hat sich so mit der Zeit entwickelt. Und ohne Internet wäre auch vieles gar nicht möglich geworden. Ich hätte nie die Ideen und Tricks gefunden und der ganze Kram mit Tauschbörsen oder Kleinanzeigenmärkte, Termine für Märkte und den ganzen Kram. Also einfaches Leben ja, aber nicht ohne W-lan.“

Frieda, die gerade ihren Schürzenstoff hoch hält um ihr Werk zu überprüfen, bekommt es sanft aus der Hand genommen. Starke Arme umschlingen sie und ziehen sie hoch. „Na, dann können wir ja beruhigt durch die Gegend reisen wenn du aus Wurzeln und Blättern Kaffee und Kuchen kochen kannst und mir aus Schilfgras einen Schlüpfer klöppelst.“

Frieda wird aufs Bett geworfen und Ole legt sich dazu. Sie knutschen rum wie die Wilden. Der Kessel summt, die Kürbissuppe blubbert immer noch. Frieda löst sich von Ole um den Topf vom Herd zu schieben. Er reißt sie wieder an sich. „Du denkst an alles.“ Dann rollen sie sich im Bett rum und als sie Hunger bekommen und sich an den Tisch zum essen setzen, ist die Suppe schon fast zu kalt und Frieda muss schon wieder ein extra Kissen unterlegen.

*

Mit ungeduldigem Blick steht Frieda hinter dem Tresen. Am Tisch für Kinder liegen ein paar PopArt Bücher für Halloween. Monster, Gespenster oder Schlösser bauen sich beim auseinanderklappen der Seiten auf, überall sind Türchen auch Papier zu öffnen, Rädchen zu drehen oder Laschen zu ziehen. Zwei mal ist es schon vorgekommen, dass ganze Bücher unbrauchbar gemacht wurden, weil Eltern, die in den Buchregalen stöbern, ihre Kinder unbeaufsichtigt lassen. Das Zweijährige von diesen bunten, dicken Bilderbüchern magisch angezogen werden ist vollkommen normal. Das man es aber zulässt ein Buch, das Aufgrund der Handhabung auch gar nicht für das Alter geeignet ist, zu nehmen und kaputt zu machen, geht über Friedas Verständnis und Toleranzgrenze. Und hier steht sie wieder. Die Mutti in Jack Wolfskin Jacke und Schuhen aus dem Waschbärversand. Während sie unbekümmert zwischen Ratgebern von Schüsslersalzen rum fingert, kniet ihr Kind auf dem Boden und guckt fasziniert ein Buch mit Monstern an. Das er auf dem unteren viertel des Buches kniet merkt er gar nicht und das jedes mal beim blättern die Seiten ein wenig einreißen auch nicht. Seine Mutter sollte es schon bemerkt haben, denn ab und an guckt sie ob er nicht vielleicht in Lebensgefahr schwebt. Vor dem kleinen begeisterten Gesicht bauen sich auf jeder neuen Seite witzige Gruselmonster auf. Deswegen hat er auch auf jeder Seite schon deutlich sichtbare Spuren der Zerstörung hinterlassen. Hier ein ausgedrehtes Auge, eine eingedrückte Nase, ein abgerissener Zahn. Er zieh fest an einer Lasche, die Mäuse unter einem Schrank hervorkommen lässt, hat plötzlich die Lasche in der Hand und zeigt sie erstaunt seiner Mutter. Sie nimmt ihm die Lasche aus der Hand, steckt sie ins Buch, klappt es zusammen und will es mit den Worten „Komm Schatz, leg das mal zurück, dass ist nichts für dich.“ wieder auf das Regal zurück legen, wo sie es vorher runter genommen hat.

Frieda lächelt sehr freundlich, als sich ihre Blicke treffen. Verlegen hält die Mutter das Buch hoch „Er ist noch zu jung dafür, vielleicht später mal.“ Frieda bleibt sehr freundlich. „Natürlich ist er zu jung dafür. Es ist ja auch ein Buch aus dem Regal für Leseanfänger.“ Die Mutter lacht. „Ja, das ist erst in vier Jahren.“ Friedas Augen werden schmal und die Stimme etwas fester. „Na, vielleicht ist ja ein Kind im Bekanntenkreis das sich darüber freut, oder sie heben es so lange auf. Frisst ja kein Brot.“                              „Ich will das nicht kaufen.“                                                                                                          „Das glaube ich gerne. Das will keiner mehr kaufen. Das will noch nicht mal mehr jemand angucken, weil alles was das Buch ausgemacht hat kaputt ist.“ Die Frau nimmt ihren Jungen hoch, trägt ihn zum Buggy und zurrt ihn dort fest. Frieda trägt ihr das Buch hinterher hält es ihr lässig hin „Das macht 14,95€.“ Wütend zerrt die Frau einen Schein aus ihrer Börse. „Das ich hier nochmal her komme, das glauben sie ja wohl nicht.“ zickt sie Frieda an. „Das glaube ich nicht nur nicht, das hoffe ich auch. Sie kommen zwar mindestens einmal die Woche hier her, aber ich kann mich nicht daran erinnern, schon mal erlebt zu haben, dass sie ein Buch gekauft hätten.“ Frieda ist wütend. Sie hat es schon ein paar mal erlebt, dass genau diese Person, ganze Kochbücher oder Bastel- und Strickanleitungen mit ihrem Smartphone abfotografiert während ihr Kind den Laden auf den Kopf stellt.

Sie muss sich über sich selber wundern. Ihr verhalten war gerade etwas kopflos. Wenn sich das rum spricht. Frieda zuckt mit den Schultern, wenn es ihr eigener Buchladen wäre, hätte sie die Frau schon beim ersten mal hochkant raus geworfen, als sie beim abfotografieren erwischt wurde. Aber Herr Töpfer sieht das nicht so streng. Gerade als Frieda emotional wieder runter fährt klingelt die Landeglocke erneut und Ole steht zwischen den Regalen. In seinem Fahrwasser kommen aber noch ein paar andere Kunden, die sich gleich wie Statisten im Laden verteilen, deswegen vermeidet sie den Sprung um den Hals und den Griff in seinen Schritt. „Herr Sperling, sie hier?“ „Ja, Frau Flieder ich suche ein Geschenk für meine Frau. Wo steht den die Kiste mit den Sonderangeboten? „Hier drüben Herr Sperling.“ „Wunderbar Frau Flieder. Hier, ein Buch mit Tipps wie man Halstücher auf verschiedene Arten bindet. Ich glaube das würde ihr gefallen.“ sagt Ole und hält ein Buch hoch, das nicht ein einziges mal verkauft wurde. Frieda geht zu einem Regal und ruft „Ich glaube ihrer Frau würde das hier besser gefallen.“ dabei zieht sie das Kamasutra hervor und wedelt provozierend vor Ole damit rum. Als sie merkt, wie flach der Witz ist, stellt sie es schnell wieder zurück ins Regal.

„Wann kommst du nach Hause, was glaubst du wie lange dein Gespräch geht?“ fragt Ole.

„Kann ich nicht sagen.“ Frieda hat ihre Kummergespräche auf den Feierabend gelegt. Das ist zwar anstrengend, aber sie will nicht mehr die einzigen freien Tage dazu verwenden um erschöpfend anderer Leute Probleme zu wälzen. Auch wenn sie es nur ein mal die Woche macht und es gut bezahlt wird. Und heute Abend wird sie sich jemandem im Evergreen treffen.

Herr Töpfer schlurft aus seinem Büro und begrüßt Ole freundlich. Der schüttelt ihm die Hand. „Zu ihnen wollte ich Herr Töpfer, haben sie etwas Zeit, oder sollte ich wann anders kommen.“ Aber die Bürotüre wird mit einer einladenden Geste bereits aufgehalten. Ole verschwindet mit Friedas Chef und zurück bleibt eine sehr neugierige Frieda. Aber die wird schnell aus ihren Überlegungen gerissen, den ein fündig gewordene Kunden möchten zahlen, oder brauchen noch etwas Entscheidungshilfe. Frieda glaubt nicht daran, dass Herr Töpfer doch noch vermietet. An dem Haus ist so viel zu tun und er könnte es bestimmt nicht ertragen, wenn er noch oben drüber wohnen würde und hier würde alles auf den Kopf gestellt werden. Allein die schäbigen Dekosachen, die seine Frau im Lager verstaut hat und die er hütet wie seinen Augapfel, weil er sie tatsächlich noch für brauchbar hält. Im wäre es zuzutrauen, dass er den Raum voll Geraffel als Wertsteigerung anrechnet. Nein, das würde nicht funktionieren. Aber am Ende wäre es dann Oles Entscheidung.

Fröhlich schwatzend kommen die beiden Männer aus dem Büro. Ole küsst die überraschte Frieda vor einer Kundin, die mit zwei Arztromanen an der Kasse steht. „Bis heute Abend.“ sagt er und ist schon durch die offenen Ladentüre verschwunden während Herr Töpfer ihm lächelnd hinterher Blickt „Einen sehr feinen Menschen haben sie sich da geangelt Frau Flieder.“ sagt er und geht nickend wieder in sein Büro.

Den feinen Menschen trägt sie im Kopf und im Herzen als sie die Ludwig Wucherer Straße hoch fährt um ihren Kummer Menschen zu treffen. Als sie das Evergreen betritt, sitzt genau an dem Tisch, wo sie zum Gespräch bestellt hat ein Typ. Vielleicht zwanzig Jahre alt. Frieda blickt sich verwundert um. Aber der junge Mann, knetet seine Hände und guckt auch nicht so, als wenn er mit Kumpels zum trinken verabredet wäre. Er nicht vorsichtig in Friedas Richtung als wollte er ganz unverbindlich Grüßen. Vorsichtig kommt sie näher. „Hatten wir eine Verabredung?“ er überlegt kurz und nickt dann. Er windet sich vor Verlegenheit. „Mein Onkel hat den Termin für mich gemacht. Der hat auch schon mal mit ihnen geredet.“ dann bestellt er sich ein Bier und fragt Frieda ob sie auch eins will. Eigentlich nicht, aber eins wird gehen, auch nur damit er sich besser fühlt.

Das Bier kommt, sie stoßen an, er trinkt das Glas mit einem Zug halb leer, gibt dem Kellner ein Zeichen und erzählt.

Konrads Geschichte

Also ich werde nächstes Jahr mit meinem Abitur fertig und das wird richtig schlecht. Aber mein Dad hat gesagt hauptsache das Abi in der Tasche. Das ist erst mal das wichtigste. Ich wollte gar kein Abi machen. Also ich glaube nicht, dass man zu dem was ich machen will überhaupt ein Abi braucht oder was man studieren sollte. Aber ich weiß auch gar nicht, was ich überhaupt studieren soll. Aber mein Dad sagt, erst mal was studieren, am besten BWL. Ich glaube er weiß gar nicht so richtig was das sein soll. Er ist Hausmeister. Aber er ahnt, dass man bei BWL Geld machen kann. Aber ich glaube nicht, dass ich, wenn ich mit dem Abi überhaupt ein Studienplatz kriege, dass ich ein guter BWLer werde. Also ich habe gar keine Lust auf so was. Ich habe mich auch gar nicht groß erkundigt. Das schlimme ist, ich weiß gar nicht was ich machen soll. Ich habe auf so vieles Bock. Aber auf nichts richtig genug, das ich mir vorstellen kann, den Rest von meinem Leben eine Sache zu machen. Ich habe keinen Plan. Aber ich will nicht irgendwas studieren. Ich dachte daran erst mal durch die Welt reisen. Zumindest durch Europa. Ich habe es nicht geschafft so viel zu sparen. Aber ich könnte ja für Kost und Logis arbeiten. Aber ich kann ja nichts. Also wenn ich das so recht überlege. Ich habe keine Ahnung irgendwas zu bauen, zu verlegen oder zu graben. Das habe ich alles noch nie gemacht. Wenn ich meinem Vater mal so zugucke, der verlegt hier Fliesen, zieht Kabel durch die Wohnung und baut eine Steckdose ein. Stückelt was zusammen, wenn es irgendwo nicht passt. Der kann alles. Und will von mir, dass ich irgendwas mit Computer mache, weil man nichts verdient wenn man Sachen kann die wichtig sind. Also das habe ich jetzt gesagt. Aber sag doch mal selber, meine Eltern schaffen zusammen alles, die könnten ein Haus bauen und einen Garten davor anlegen. Die können alles einfach so. Und ich kann gar nichts. Zocken vielleicht. Ich würde so gerne mehr können aber dafür ist es bestimmt zu spät.

Ach ja, denkt Frieda. Konrad erzählt noch ein bißchen was seine Eltern einfach so können und überlegt sich eine Strategie. Kann man hier mit der „Was ist dein Problem“ Frage kommen? Er weiß genau was sein Problem ist. Er kann nichts. Und das ist ja tatsächlich ein Problem. Und er weiß nicht, was er machen soll. Er muss also raus finden wo seine Talente außerhalb eines PCs liegen.

Und dann fällt Frieda ein, dass da im Sommer eine junge Frau durch ihren Garten gebummelt ist. Freiwilliges Soziales Jahr. Das ist vielleicht die Lösung. Aber kann sie ihm die so präsentieren und ihm dann 100€ aus der Tasche ziehen? Obwohl, bezahlt ja der Onkel.

„Konrad, du bist ja der Ansicht, dass du nichts kannst. Überlege bitte was du tun müsstest um die ganzen Fertigkeiten zu lernen.“

„Na, ne Lehre als Tischler, Maurer, Maler, Elektriker und alles.“ sagt Konrad voller Überzeugung.

„Ok, deine Eltern haben wie viele Ausbildungen?“

Konrad überlegt „Eine, er ist Elektriker und meine Mutter Kindergärtnerin.“

„Ok, und warum glaubst du, können deine Eltern alles?“

Konrad guckt verwirrt. „Na, keine Ahnung. Haben ihren Eltern geholfen oder so was.“

„Also Konrad ich fasse es noch mal zusammen. Dein Problem ist, dass du der Ansicht bist, dass du nicht die Fähigkeiten besitzt, die du gerne hättest, wobei du Menschen um dich hast, denen du jederzeit über die Schulter schauen könntest um diese Fähigkeiten zu erlernen.“

Und so geht es weiter. Konrad muss lernen, dass alles seine Zeit braucht. Mag sein, dass man beim Zocken, an einem Tag die Fähigkeiten drauf hat, die man braucht. Aber bevor man ein Zimmer so tapeziert, dass es richtig gut aus sieht, muss man damit fertig werden, dass es vorher mindestens ein Zimmer gibt, was nicht so geküsst aussieht. Aber dann legt man die ersten Bahnen da, wo mal ein Schrank steht. Nichts klappt gleich. Alles braucht Übung. Und solche Fertigkeiten lernt man auch nicht, indem man ausschließlich darüber liest. Man muss es in die Hand nehmen. Allerdings gehört Konrad zu einer Generation, der man am liebsten jedes Versagen aus dem Weg räumt. Keine Sieger an denen man sich orientieren kann. Kein wirklicher Wettbewerb, den Preise haben auch die Verlierer bekommen. Kein angebrannter Pudding, kein selbst zusammengebautes Regal, das krachend in sich zusammen gefallen ist, keinen Hammerschlag auf den Daumen, der einen darauf vorbereiten konnte, dass nicht immer alles klappt.

Und Frieda denkt an die Zeit, die sie verschwendet hat um Zeit zu sparen. Und am Ende sitzt sie trotz Aus und Weiterbildungen in einem Bauwagen und noch nicht mal das scheint das Ende zu sein. Aber sie glaubt sich zu erinnern, dass sie in dem Alter auch gedacht hat, dass es das jetzt war. Also das alles in einer geraden Bahn läuft. Und mit zwanzig ist sie sich schon erwachsener vorgekommen als jetzt, wo sie doppelt so alt ist. Die erste eigene Wohnung mit dem ersten richtigen Freund, den den man auch auf Geburtstage der Eltern mit nimmt, das fühlt sich schon verdammt erwachsen an. Und man kann sich dann nicht richtig vorstellen, dass sich daran irgendwann mal was gravierendes ändert.

Und wie viele Sachen kaputt gehen und eingesaut werden, weil man sich auf einmal daran gewöhnen muss, dass ist jetzt nicht mehr basteln, das ist richtig was machen und es kostet Geld wenn du es versaust und du kannst auch nicht bis in alle Ewigkeiten damit warten. Aber Eltern nehmen manchmal ihren Kindern zu lange alles aus der Hand. Meist selbst aus Zeit und Geldgründen.

„Schon mal was von einem FSJ gehört?“ fragt Frieda

Konrad winkt ab. „Na ich weiß nicht.“

Frieda versuch sich zu erinnern, was ihr Lucy im Sommer alles darüber gesagt hat. Das man das auch im Ausland machen kann und sich verschiedene Projekte aussuchen könnte. Zwar hört Konrad interessiert zu, guckt aber dann doch missmutig drein. „Ja ich weiß ja nicht was das bringen soll, wenn ich noch ein Jahr rumhänge.“ Frieda ist etwas genervt. „Wenn du eh nicht weißt was du machen sollst, dann kannst du auch so was machen, um vielleicht neuen Input zu bekommen. Du lernst dann bestimmt Sachen kennen, wo du jetzt noch nicht mal daran denken würdest, dass sie dir Spaß machen könnten. Du hast dann einen ganz anderen Horizont.“ und deine Mama kann dir nicht mehr den Arsch hinterher tragen, denkt Frieda noch.

Sie bemerkt, dass Konrad jetzt regelmäßig auf die Uhr guckt. „Keine Angst, ich knöpfe dir nicht mehr Geld ab wenn wir eine halbe Stunde länger brauchen.“ Darum geht’s nicht“ sagt Konrad verlegen. „Ich bin gleich mit Kumpels im Diebels verabredet.“

Ach so, denkt Frieda. Na man muss halt Prioritäten setzen. „Dann lass uns noch mal zusammen fassen. Was hat dir das Gespräch jetzt gebracht?“ „Ich weiß nicht, dass ich ein FSJ machen soll und so.“ Friedas Hals schwillt an. Der Junge sitzt mit dem Kopf schon bei seinen Freunden in der Kneipe. Und sein Onkel hat es vermutlich gut gemeint und ihm die 100€ wahrscheinlich sogar spendiert. In der Hoffnung, dass er danach einen Plan hat. Er hat schon Pläne. Die sollten nur am besten ohne Komplikationen und sehr effektiv um zu setzen sein. Und natürlich Zeitnah. Nun, ihr soll es recht sein. Zu Hause wartet ein fantastischer Mensch auf sie.

„Ok, Konrad. Wenn du jetzt weg musst.“ Sie hält sie Hand auf und Konrad legt zwei 50€ Scheine rein. „Tu dir nur einen Gefallen und verschwende keine Zeit damit Zeit zu sparen.“ Er guckt verwirrt, ist aber schon weg, noch bevor sie die Jacke wieder anziehen kann. Draußen ist es schon sehr Dämmrig geworden und ein leichter Nieselregen lässt die Straßen glänzen. Beschwingt fährt sie durch die Kälte, über die Berliner Brücke zum Garten. Als sie das Hoftor schließt, zieht es ihr Herz zusammen. Oles Haus ist hell beleuchtet, aber ihr Wagen, ihre Festung und ihr Zufluchtsort steht dort leer, dunkel und kalt. Sie geht kurz hin, streichelt mit der rechten Hand über die Wände, legt kurz die Stirn an das bunte, regenfeuchte Holz und leistet kurz Abbitte. Sie weiß, dass das albern ist und das der Wagen sie nicht für eine Verräterin hält. Aber so fühlt sie sich. Gute Nacht mein Heim. Du wirst immer mein Lieblingswagen bleiben, denkt sie noch und ist auch schon unterwegs in den Nachbargarten.

September (2)

Ole ist nicht da. Sie öffnet den Dehydrator, den Ole ihr letzte Woche aus einem alten Schrank, ein paar Leisten, Teichfolie und einer Glasscheibe gebastelt hat. Alle Beeren die sie heute morgen eingefüllt hat, sind trocken und verschrumpelt. Sie holt saubere Blechdosen aus dem Wagen und füllt vorsichtig die Beerenmischung ein. Sieht recht hübsch aus und wird sich auch gut im Müsli machen. Ihre Kräuter trocknet Frieda nach wie vor lieber im Wagen, von der Decke hängend, da man bei Oles Konstruktion nicht die Temperatur regeln kann. Es trocknet einfach nur mit heißer Luft aus. Frieda erntet ihren Mangold ab. Entfernt sie Blattrispen und verteilt die grünen Blätter auf den Einschüben des Trockners. Wenn morgen die ganze Zeit die Sonne auf die Teichfolie unter der Glasplatte scheint, dann könnte der Mangold so trocken werden, dass man ihn zu Pulver zerreiben kann und damit lassen sich bestimmt leckere Sachen anstellen. Und wenn sie nur Kartoffelbrei eine interessante Note gibt.

Frieda werkelt konzentriert. Sie steigt in ihren Erdkeller und bewundert ihre Vorräte um anschließend einen kleinen Hokaido Kürbis zu ernten und ein paar Kartoffeln aus zu graben.

Es kühlt sich merklich ab und Frieda beschließt heute zum ersten mal seit langer Zeit den Ofen an zu werfen. Sie nimmt Papier und Holzspäne und kurz drauf prasselt ein Feuerchen im Küchenherd. Ja, in Oles Ofen wäre das alles schneller gegangen, aber sie hat Zeit und enorme Lust auf ein bißchen Gemütlichkeit. Den Ole ist nicht da und langsam fängt sie an sich zu wundern. Ist er bei Bernd oder Thomas? Sie putzt das Gemüse, schneidet Kartoffelecken und Kürbisspalten, bepinselt alles mit Kräuteröl und füllt es in ihre Auflaufform. Aus ihrem Muschelbeet pflückt sie einen Zweig Rosmarin, den sie über das Gemüse legt und schiebt dann alles in den Ofen, der zwar noch nicht die richtige Temperatur hat, aber auf dem besten Weg ist. Dann setzt sie den Kessel auf. Tee hatte sie schon lange nicht mehr gehabt. Sie nimmt einen Zweig frische Pfefferminze. Aus ihren getrockneten Kräutern wird sie sich wieder eigene Mischungen machen. Am Anfang hat sie immer im Reformhaus die Zutatenlisten von den Sonnentor Tees abfotografiert und nach gemischt. Inzwischen hat sie aber selber ein paar gute Mischungen für Erkältungs-, Entspannungs- und einfach nur leckere Haustees kreiert. Von den Haustees bekommen dann alle Freunde schön bemalte Tüten aus Packpapier zum Nikolaus. Zusammen mit einer Schachtel Plätzchen. Frieda erschrickt. Ist sie diesen Dezember dann noch da? Also wenn sie überhaupt mit fährt, was ja noch gar nicht fest steht. Jetzt wo sie vor ihrem prasselnden Herd sitzt und der Kräuterduft ihres Abendessens durch den wagen zieht, findet sie den Gedanken weg zu gehen, auch nur einen Tag ihre Festung zu verlassen vollkommen absurd. Aber wo ist Ole jetzt gerade. Sie schaut auf ihr Telefon. Soll sie nachfragen? Wirkt das Neugierig? Als würde sie ihn kontrollieren wollen? Sie fasst sich ein Herz und tippt „Alles in Ordnung bei dir?“ Es soll locker aber ein wenig besorgt rüber kommen. Und es kommt auch gleich eine Antwort. „Sorry, nein. Nichts ist in Ordnung. Melde mich später.“

Die Konzentration auf alle Vorhaben ist hin. Frieda kann nicht stricken, oder lesen. Ihr Kürbis Kartoffel Essen bleibt ihr im Hals stecken. Zum Ende stellt sie es zur Seite, öffnet eine Flasche Rotwein, überlegt noch wie dumm das ist, sich mit Alkohol ruhig zu stellen und schenkt sich dann ein Glas ein. Sie versucht wütend auf Ole zu sein, sie mit so einer blöden, nichtssagenden Aussage ab zu fertigen. Wo doch jedem klar ist, dass man sich nach so einer Nachricht voll sorgen macht. Liegt er im Krankenhaus weil er einen Unfall hatte oder ist einfach nur das Projekt geplatzt. Aber sie schafft es nicht wütend zu werden. Sie macht sich nur Sorgen, schließt sie Augen und schickt ihr Herz zu Ole, wo immer er auch ist.

Ihr Schlaf ist leicht und unruhig. Und sie erkennt Oles Auto am Brummen als er an der Straße parkt.Plötzlich ist sie hellwach. Aber er kommt nicht zu ihr. Sie springt aus dem Bett. Sie hat ja wohl ein Recht drauf zu erfahren was los ist. Sie gehören doch zusammen, oder? Sonst würde er sie wohl kaum mitnehmen wollen auf seine Reise, oder? Dann kann er doch jetzt nicht so machen, als wenn es sie nichts angeht, wenn es ihm nicht gut geht. Mit nackten Füssen und im Schlafanzug huscht Frieda rüber. Als sie durch Oles Garten läuft stößt sie fast mit ihm zusammen. Er steht im Dunkeln und man sieht nur die Glut seiner Zigarette leuchten. Er fängt sie ab, drückt sie fest an sich und küsst ihren Scheitel. „Ich bin nicht so gut drauf.“ seine Stimme ist ganz belegt. „Vielleicht bist du heute im Bauwagen besser aufgehoben.“ „Wenn du das willst meinetwegen. Aber wenn es dir nicht gut geht, dann ist mein Platz wohl bei dir, oder?“ Er drückt und küsst sie wieder. „Das musst du aber nicht.“ murmelt er in ihr Haar. „Ich will das aber.“ sagt sie und er drückt seine Zigarette aus und schiebt sie, mit einer Hand an ihrem Rücken ins Haus.

Frieda zerreißt es das Herz als sie Ole bei Licht sieht. Rotgeränderte Augen verraten, dass er geweint haben muss. Schwer setzt er sich aufs Sofa und Frieda schlingt sie Arme um seinen Hals, drückt seinen Kopf an ihre Brust und küsst ihn jetzt ihrerseits auf den Scheitel. „Was ist den nur los?“ „Ach.“ er schiebt sie ein Stück von sich und versucht verlegen zu grinsen. „Meine Oma ist gestorben.“ „Frau Sperling?“ fragt Frieda entsetzt? Ole nickt, zieht die Nase hoch und seufzt schwer. Friedas Augen werden feucht. Sie hätte die alte Dame gerne noch mal gesehen. Nicht ein mal hat sie sie besucht. Frieda schweigt betroffen. Ole winkt ab. „Sie war jetzt 95 Jahre, ist bis vor einem Jahr im Garten rumgewuselt. Als sie das nicht mehr konnte ist es einfach bergab gegangen. Und alle standen da, haben genickt und gesagt, dass 95 ein schönes Alter wäre. Und dann ist sie einfach eingeschlafen.“ Frieda lässt die Finger durch Oles Haare gleiten. „Einfach einschlafen hört sich gut an. Ich hätte sie mir nicht vorstellen können, wenn sie gewaschen und gefüttert werden muss. Ehe wie sie im Altenheim den Schwestern zur Hand geht.“ Ole nickt lachend. „Ja, alles in allem ist es wohl gut so.“ Er schluckt schwer. „Was mich wirklich fertig macht ist aber was ganz anderes. Du kennst meine Oma. Sie hat Schürzen und Kleider getragen, die kannte ich alle noch von meiner Kindheit. Sie hat immer im Garten gestanden, immer ein Bonbon in der Tasche gehabt. Kein Urlaub, kein Zeitungsabo, keine frischen Brötchen, immer nur das Brot vom Vortag in der Bäckerei gekauft. Ich glaube ihre einzige Leidenschaft war guter Bohnenkaffee und immer mal ein neues Knäuel Wolle zum stricken. Und für wen hat sie gestrickt für Ansgar und mich.“ Ole schüttelt den Kopf. „Das haben wir nie so mitgekriegt. Sie sah immer so zufrieden aus, als hätte sie alles.“ Frieda, die nicht aufgehört hat Oles Kopf zu streicheln erwidert „Sie sah nicht nur so aus. Sie war das einfach. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“ Überzeugt von dem was sie gesagt hat ruft Frieda das Bild von Frau Sperling in ihrem Kopf auf. Glückliche Knopfaugen und Apfelbäckchen. Sie hat so gelebt wie sie es wollt. Denkt Frieda und spricht es laut aus.

Ole blickt ihr fest in die Augen.

„Frieda.“ er versucht seine Stimme ruhig klingen zu lassen. „Sie hat über 40 Jahre lang, jeden verdammten Pfennig für meinen Bruder und mich gespart. Wir haben die Sparbücher gefunden.“

Er guckt unglücklich „Und jetzt weiß ich gar nicht ob ich mich überhaupt freuen darf. Ich komme mir so reudig vor. Wie so ein kaltherziger, berechnender Banker.“ er seufzt „Das klappt mit der Buchhandlung, aber so was von. Ich muss noch nicht mal einen Kredit aufnehmen. Wenn wir zurück kommen, dann kann ich los legen. Und es bleibt sogar noch was übrig.“

Dann sagt Ole einen Betrag, der ein weißes Rauschen bei Frieda erzeugt. Zu hoch um für ihr Hirn fassbar zu sein. Aber eine kleine Faser ihres Gehirns meint diesen Betrag in ähnlicher Höhe schon mal gehört zu haben. Allerdings als Kaufpreis.

*

Frieda sitzt draußen am Tisch und sägt konzentriert Weinkorken in Scheiben. Vor ein paar Tagen hatte sie von einem Sperrmüllhaufen einen Bilderrahmen mitgenommen. Ganz einfach, aber aus Holz. Der liegt jetzt auf dem Tisch. Schwarz angemalt mir einem weißen Muster, dass aussieht, als wäre eine Filmrolle um den Rahmen gespannt. Wenn sie jetzt die Korkscheiben mit der Heißklebepistole noch rein geklebt hat, ist das eine praktische, hübsche Pinnwand. Auf die wird dann ein Umschlag mit einer DVD, die es manchmal kostenfrei in Zeitungen gibt, gepinnt. Dazu noch eine Tüte Popcornmais und zwei Tüten Brause. Für einen Kinoabend zu Hause.

Das Tor quitscht und ein vorsichtiges „Frieda, bist du da?“ kündigt Agnes an. Nach einer Umarmung rutscht sie neben ihre Freundin um ihr Machwerk zu begutachten. „Ist das für Micha und Holger zum Geburtstag?“ Frieda nickt. „Ist zwar erst im November, aber ich hatte heute mal die Muse rum zu basteln.“ Agnes guckt sich um „Ole ist gar nicht da?“ „Er hilft gerade seinen Eltern. Mit Papierkram und so. Seine Oma ist gestorben.“ Agnes guckt betroffen „Frau Sperling? Och das ist schade. Die war gut drauf.“

Frieda geht in den Wagen und macht erst mal Kaffee. Holt Kuchen aus der Kuchenbox und baut alles vor Agnes auf. „Wie geht’s dir so? Was gibt es neues?“ fragt sie ihre Freundin.

Die guckt etwas mürrisch. „Ja, wir haben uns nicht so oft gesehen, in letzter Zeit. Jetzt wo du mit Ole zusammen bist.“ „Na du meldest dich auch nicht so oft.“ gibt Frieda zurück. Agnes versucht freundlicher zu gucken „Ja, die Pärchenscheiße geht mir auf den Kranz.“ „Das kann ich verstehen, das weißt du, ich habe bis vor kurzem im gleichen Boot gesessen. Aber was soll ich denn nun machen? Ich habe auch keine Lust so zu tun als würde es Ole nicht geben. Ich versuche ja schon nicht darüber zu reden. Aber wir machen halt recht viel zusammen.“ Agnes schnaubt verächtlich „Ja, ihr hängt nur noch aufeinander rum.“ Friedas Augen werden schmal „Wir sind ein Paar. Ich glaube da bringt es das mit sich, dass man viel gemeinsam macht. Also von zusammen aufwachen, zusammen essen und zusammen einschlafen mal abgesehen. Und wenn ich dir erzähle, das Ole und ich Holz gestapelt haben und dir es schon zu viel wird, dass ich seinen Namen erwähne und ich lieber so tun soll, als hätte ich das alleine geschafft, dann weiß ich gerade nicht, wie ich damit umgehen soll. Es ist ok, wenn du dich nicht für mich freuen kannst. Aber es ist nun gerade so wie es ist und da wird sich, wenn es nach mir geht auch erst mal nichts dran ändern. Im Gegenteil.“ Agnes horcht auf. „Wollt ihr zusammen ziehen oder was?“ Frieda winkt ab und erzählt von ihren Reiseplänen. „Verrückt.“ sagt Agnes. „Aber cool verrückt. Bringst du mir was mit?“ Frieda umarmt ihre Freundin „Na klar. Kümmerst du dich um den Wagen?“ „Na klar.“ sagt Agnes. Und alles ist eigentlich wie vorher. Und Frieda will unbedingt mit Ole sprechen, wegen Thomas. Kuppeln ist zwar peinlich und eigentlich eine Unverschämtheit. Aber sie sollten sich wenigstens mal kennen lernen. Am besten beim Abgrillen nächsten Monat.

*

Eine Beerdigung ist eine wirklich blöde Gelegenheit die Familie seines Freundes kennen zu lernen. Die Stimmung ist gedämpft, aber auszuhalten. Man ist traurig, aber auch froh, dass es Victoria Sperling auf die andere Seite geschafft hat, ohne lange in einem Bett zu liegen und auf Pflege angewiesen zu sein.

Ole hat es schlichtweg für idiotisch befunden, als Frieda ein schwarzes Kleid kaufen wollte. Aber da sie nichts in dunklen Farben hatte, stand sie nun auf dem Gertraudenfriedhof, in Jeans und einem schwarzen Hemd von Ole. „Das hätte sie nicht gewollt.“ hat ihr Ole gesagt „Das du Geld für Sachen ausgibst, die du danach nie wieder an ziehst. Sie hat deine bunten Sachen immer am besten gefunden.“ „Echt?“ wundert sich Frieda. „Ja echt.“ sagt Ole. „sie hat immer von ihrer Gartennachbarin erzählt, die so bunt ist wie ein Papagei und immer fröhlich aussieht. Sie hat gesagt, wenn sie mal schlechte Laune hat, bräuchte sie einfach nur rüber in deinen Garten gucken und dann wäre sie wieder gut gelaunt.“

Das glaubt Frieda zwar nicht, freut sich aber trotzdem über das Kompliment.

Etwas verlegen schüttelt sie Oles Eltern und seinem Bruder die Hände. Ein „schön sie kennen zu lernen“ ist irgendwie unangebracht auf einer Beerdigung. Alle bringen die Zeremonie gefasst hinter sich und fahren dann essen.

Mit jedem bissen Kuchen wird die Traurigkeit runter geschluckt und alle erinnern sich an irgend welche Eigenarten von Frau Sperling und sogar Frieda kann ein paar Geschichte beisteuern. Wie Frau Sperling ihr gezeigt hat Strümpfe mit ordentlicher Spitze zu stricken, worauf Oles Mutter sagt „Na Ole da hast du doch dann jemanden, der dir Strümpfe strickt.“ als Frieda dann sagte „Der hat aber so große Füße.“ wurde gelacht und als dann noch die Geschichte kam, wie Frau Sperling die Männertagsfeier bei Kirschners Christian vor 5 Jahren sprengte um anschließend noch Frau Kirschner die Meinung zu geigen, war die Stimmung am Tisch geradezu ausgelassen.

Der Abschied war herzlich und Ole fuhr mit Frieda Richtung Garten und hielt immer ihre Hand wenn er nicht gerade schalten musste.

*

Ole liegt im Bett als Frieda aus dem Bad kommt. In grauweiß gestreiften Pyjamahosen und einem weißen Tshirt. Er sieht so verdammt gut aus, dass Frieda einen richtigen Kloß im Hals hat, als sie ihn sieht. Sie selber trägt ein Nachthemd in blau mit rosa Sternchen. Als Ole Frieda sieht, legt er sein Buch weg und streckt den Arm aus, so kann sich Frieda in die perfekte Armkuhle kuscheln. Er zieht die Decke noch mal richtig über ihre Schultern und küsst ihren Scheitel.

„Wann lerne ich eigentlich deine Eltern kennen, oder darf ich nicht?“ Frieda lächelt „Natürlich darfst du. Wenn sie mal wieder nach Deutschland kommen. Allerdings wird das erst an Weihnachten sein. Sie verbringen ihre Rente in Spanien.“ Ole ist erstaunt. „Und da besuchst du sie nicht mal?“ „Nö, wir haben uns ein bißchen auseinandergelebt, weil mein Leben etwas anders aussieht, als sie sich das für mich gewünscht hat. Wir telefonieren sporadisch, sehen uns an Weihnachten bei Steffi und da gehen sie mir schon gewaltig an die Nerven.“ Ole streichelt ihre Schultern „Das tut mir leid.“ Frieda drückt sich fester an ihn „Nö, das geht schon in Ordnung. Sie können sich halt nicht vorstellen, dass es mir gut geht und versuchen mich ständig zu retten. Ich bin froh, dass sie in Spanien leben. Jetzt kann keiner mehr mit irgendwelchen Stellenangeboten aus dem Wochenblatt vor der Türe stehen.“

„Aber wir können bei ihnen vorbei fahren wenn du magst.“ Ole versucht Blickkontakt zu bekommen, denn er auch kriegt. Er erklärt gleich weiter „Wir fahren hier los, runter nach Spanien, setzen da über nach Afrika. Wir lassen uns Zeit, fahren jeden Tag nur 500 km und gucken uns auch was von der Gegend an. Wird im Dezember und Januar nicht so prall sein, aber egal.“

„Mit dem Auto nach Afrika?“ fragt Frieda verwirrt. „Nein, mit einem Campingbus. Wir fahren durch Europa, bis zu Bucht von Gibraltar, wo es hoffentlich ein Fluch der Karibik Museum gibt und ich rasiere mich auch jetzt nicht mehr und die Haare lass ich auch lang wachsen. Und für die Schifffahrt kaufe ich mir einen Dreispitz. Dann werden wir in Marokko rumgurken, arbeiten und Ende Februar, Anfang März, kommen Bernd und Inge, übernehmen den Bus, wir fliegen heim und die fahren die Gurke wieder hoch.“

„Das hört sich gut an.“ muss Frieda gestehen. „Ist das nicht alles zu teuer?“ „Die Spesen übernimmt die Organisation für die ich da unten die Kontrollfahrt mache. Der Verlag der sich für die Plantagengeschichte interessiert, übernimmt die Kosten für das Wohnmobil.“ Ole guckt plötzlich ganz beschämt. „Na eigentlich ist es mein Onkel der mir seinen alten Camper überlässt und auch noch zufällig Verleger ist. Also ich bin nicht so fame. Alles Vitamin B fürchte ich.“

Frieda streicht liebevoll über Oles Wangen „Ach du, wenn dein Onkel Geschäftsmann ist, würde er das bestimmt nicht finanzieren, wenn er sich nicht davon versprechen würde sein Geld wieder raus zu bekommen.“

Ole zieht Frieda fester an sich um sie besser küssen zu können. „Da hast du auch wieder recht.“

„Ja und deine Bilder sind ziemlich schön und bunt.“

„Ich steh auf schön und bunt.“ sagt Ole. „Und wenn wir wieder zurück sind und uns noch leiden können, dann musst du deinen Wagen dichter an mein Haus stellen. Damit du nicht mehr so weit weg bist.“

„Wir können auch eine Wand weg reißen und ein Loch in den Wagen schneiden, dann ist das wie ein großes Haus, wenn man es ganz dicht zusammen stellt.“ lacht Frieda.

Ole murmelt müde „Und alles mit einer schönen Silikonwurst abdichten, könnte klappen.“ Und dann ist er auch schon eingeschlafen und Frieda, die vom sanften auf und ab seiner Brust geschaukelt wird, ist nur ein paar Sekunden später in tiefen Schlaf versunken.

Aber wenn man bedenkt, dass Frieda überhaupt noch schlafen kann, obwohl so viel Neues und Ungewisses nur halb angeplant vor ihr liegt und noch unzählige Fragen offen sind, dann ist das ja wohl ein ziemlich guter Monat gewesen.