November (2)

Festliche Weihnachtsmusik tönt aus ihren kleinen Lautsprechern und Frieda hat Rückenschmerzen.

Da die Weihnachtszeit für sie dieses Jahr sehr verkürzt ist hat sie Plätzchen backen vor verlegt.

Sämtliche Blechdosen sind angefüllt mit Haferkeksen, Erdnusskeksen, Bananenkeksen, Nussplätzchen, Pizzacrackern, Pralinen und Karamellcokies. Vier Lebkuchenhäuser stehen auf dem Tisch. Wobei nur die von Steffi und Agnes nach Knusperhaus aussehen. Das für Micha und Holger sieht aus wie ein Turm aus irgend einem Super Mario Spiel und das für sie und Ole sieht aus wie ein Wohnwagen. Erschöpft wirft sich Frieda auf einen Küchenstuhl. Sie freut sich immer ganz gewaltig aufs Plätzchen backen zu Weihnachten. Aber dann bekommt sie tagelang nichts Süßes mehr runter.

Ole ist mit Thomas und Bernd unterwegs, deswegen ist sie auch milde erstaunt als es an ihrer Türe klopft. Steffi steht unangekündigt davor und Frieda freut sich wirklich sehr. Sie hat zu ihrer zwei Jahre älteren Schwester ein sehr gutes Verhältnis. Sie mögen sich sehr und nehmen auch Anteil am Leben der anderen. Doch beide sind so verschieden, dass sie sich trotz aller Zuneigung manchmal ein wenig fremd sind. Steffi ist jetzt 45 Jahre alt. Trotzdem misst sie dem Altersunterschied immer noch so viel Gewicht bei, wie vor vielen Jahren, als Steffi eingeschult wurde und vor der Schule ihre kleine Schwester an die Hand nehmen musste um sie in den Kindergarten zu bringen. Frieda hat ihr zwar schon ein paar mal gesagt, dass diese zwei Jahre nicht so viel Lebensweisheit ausmachen. Aber Steffi ignoriert das immer ganz gut. Natürlich braucht die Kleine ihren Rat. Sie selber arbeitet ja, wie es jeder normale Mensch tun sollte, wohnt mit einem passenden Mann in der passenden Wohnung, jeder fährt ein Auto und beide zusammen in den Urlaub. Und wenn Frieda ihre Schwester im Kostüm hinter dem Schalter der Volksbank sieht, tut sie ihr immer so leid. Aber Steffi kann darüber nur lachen. Sie wäre wie der Fuchs dem die Trauben zu hoch hängen und der sich dann einredet, dass sie einfach nur zu sauer wären. Steffi kann sich einfach nicht vorstellen, dass jemand wie Frieda sie nicht beneiden könnte.

Sie umarmen sich herzlich. Und Steffi bekommt auch gleich eine Tasse Kaffee und ein Schälchen mit Keksen hin gestellt. Frieda wird unruhig. Steffi hat schon wieder diesen „große Schwester weiß Bescheid“ Blick aufgesetzt. Und tatsächlich wartet Steffi nicht lange, sondern fällt gleich mit der Türe ins Haus. „Weißt du Frieda, ich finde es schon schade, dass du nie was gesagt hast. Jakob und ich wir hätten dir auch helfen können.“ Was meinst du?“ fragt Frieda misstrauisch. Steffi antwortet „Du hättest hier nicht leben müssen. Ich hätte dir helfen können, bei der Jobsuche. Du hättest auch erst mal bei uns einziehen können bis du was vernünftiges eigenes findest.“ Frieda nimmt am Tisch genau gegenüber Platz. „Wovon redest du Steffi, wie kommst du jetzt auf den Mist?“ Steffi guckt wütend ihre jüngere Schwester an. „Du willst mir immer noch erzählen du würdest hier gerne leben, wie ein Penner, ohne ein Badezimmer, ohne warmes Wasser, in der Kälte, ohne Waschmaschine, zum baden ins Stadtbad gehen?“ Frieda wundert sich sichtlich. „Na ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass es gelegentlich nervt oder schwer ist. Aber du willst doch jetzt nicht behaupten, dass es hier ungemütlich oder so was wäre.“ Steffi wird unwirsch. „Ach komm, hier ist es eng und es sieht aus wie in einem Kinderzimmer. Und dafür das das liebe Fräulein Freigeist ach so gerne im Zigeunerwagen haust, ist es aber dann doch recht schnell gegangen mit irgend einem Typen in ein Haus zu ziehen.“ Frieda ist nun genervt. „Wir ziehen frühestens im März zusammen. Und falls wir uns nicht aushalten bin ich ab März auch wieder im Bauwagen. Was ist dein Problem?“ Steffi tippt sich an die Stirn. „Mit einem Campingbus nach Afrika, so was komplett idiotisches und verantwortungsloses.“ Frieda wird nun etwas lauter. „Was ist dein fucking Problem?“ Steffi schaltet auch einen Gang hoch. „Du musst langsam mal erwachsen werden. Du lebst hier zum Tag rein wie Pipi Langstrumpf kurz vor den Wechseljahren und ich kann es wieder ausbaden, wenn es dumm läuft.“ „Wann“ brüllt Frieda „hast du irgendwas ausgebadet?“ „Na wo hast du denn deinen Weihnachtsurlaub verbracht? Bei uns im Gästezimmer? Und wer hat dir immer geholfen Holz machen? Jakob und ich? Und dein Gemüse und dein Eingekochtes Zeug, brauch ich nicht. Weißt du, ich kann mir das nämlich kaufen. Ich verdiene nämlich Geld.“ Friedas Augen werden schmal, ihr Lippen pressen sich aufeinander und ihr Herz wird schwer. „Weißt du, du hättest es einfach sagen müssen. Anstatt „bleib doch noch“ zu sagen und mich dabei an zu lügen, hättest du einfach sagen können, dieses Jahr passt es nicht, oder ich möchte das nicht. Wenn du das nicht gemacht hast, weil du dich aus irgend einem Grund verpflichtet gefühlt hast, dann ist das nicht meine Baustelle. Aber ich weiß jetzt Bescheid wie du darüber denkst und hiermit entbinde ich dich noch einmal von deinen schwesterlichen Verpflichtungen, die im übrigen nie bestanden haben. Wenn du nicht los lassen kannst, dann such dir einen Therapeuten und das machst du dann besser gleich, ich will dich nicht aufhalten. Und du bist bestimmt froh wenn du aus dem Kinderzimmer verschwinden kannst.“ Damit stand sie auf und öffnete die Wagentüren. Wortlos und mit gesenkten Blick läuft Steffi an ihr vorbei raus in den kalten Wind. Frieda guckt ihr nicht nach sondern schließt die Türe noch während Steffi auf der Treppe steht.

*

Frieda kocht vor Wut. Ole erkennt sie gar nicht mehr wieder. Sie sitzen In Oles Haus und lassen sich einen Linsenbraten im Teigmantel schmecken. Besser gesagt, nur Ole lässt es sich schmecken, denn Frieda hat kaum einen Bissen runter bekommen, als sie Ole ohne Punkt um Komma ihren Streit erzählt. Ole hört ihr zu. Beruhigt sie nicht, stimmt ihr nicht zu, wertet nicht. Erst als Frieda zum vierten mal ruft, dass sie das ja wohl nicht fassen könnte, schiebt er den Teller von sich und zieht Frieda auf seinen Schoß. „Frieda, wann hast du meinen Bruder schon mal gesehen oder seine Frau oder meine Neffen?“ „Auf der Beerdigung?“ „Richtig und ansonsten nicht. Weil es bei Ansgar und mir das gleiche ist. Er hat nach seinem Abi studiert, arbeitet jetzt irgendwo als Vermögensberater und das Geld von Oma hat er in Wertpapieren angelegt. An der Börse spekulieren ist sein Hobby. Also er macht da nie dicke Gewinne, nur immer mal so einen Tausender. Und er setzt auch nur Geld ein, dass er an der Börse gewonnen hat. Das sagt schon alles über ihn aus, was man wissen sollte. Er hat ein Haus und die Kinder jedes ein Zimmer und die Frau ein Auto und Sonntag laden sie unsere Eltern zum Essen ein und dann stehen Blumen auf dem Tisch. Das gleiche in Grün.“ Frieda guckt missmutig „Aber das ist doch kein Grund sich aus dem Weg zu gehen? Oder sich zu streiten.“ Ole ahnt aber, dass es doch so sein kann. „Wer sich ganz konform an alle gesellschaftlichen Regeln hält und alles so macht, wie sich die Wirtschaft das wünscht, also schön konsumieren und die Kinder zu Konsumenten erziehen, der ist vielleicht trotzdem unzufrieden, weil ihm so viel entgangen ist. Also der Weg zum Wohlstand, Zweitwagen und Ferienwohnung ist ja ziemlich steinig. Während Ansgar studiert hat, habe ich ihm Briefe aus Bali geschickt, Fotos von mir in kurzen Hosen und einem Affen im Arm. Zur Taufe seines ersten Kindes kamen alle im Anzug, alles war voll edel und ich kam im geliehenem Hemd. Seiner Meinung nach mach ich also immer alles kaputt, weil ich mich nicht an die Regeln halten will., weil ich unbedingt, ohne Rücksicht auf andere anders sein möchte.“ Frieda fällt ein, dass Steffi ihr das auch mal vorgeworfen hatte. Irgendwann an Weihnachten. Sie hatte ihren Eltern Ein Jahresabo fürs Opernhaus geschenkt und mit einer Flasche uraltem Wein verschenkt und Frieda hatte für alle Pulswärmer gestrickt. Während die Opernkarten mit einem kurzen – das freut uns aber, vielen Dank – abgenickt wurden, ließ sich ihre Mutter lang und breit über die kunstvolle Anfertigung der Pulswärmer aus. Zwar auch nur um ihr dann gleich zu sagen sie solle doch bitte versuchen damit Geld zu machen, einen DaWanda Shop, oder so etwas, aber Steffi war trotzdem angenervt. Aber richtig. Und es war ihr an dem Abend auch total egal, ob sich Frieda unter Druck gesetzt fühlt, weil sie sofort aus allem was sie gut kann ein Business machen soll. Ole küsst sie auf die Stirn. „Das ist einfach Neid mein Herz. Wir machen was wir wollen und haben plötzlich eine Weltreise und ein Haus und ein Buchladen, obwohl wir uns eigentlich nicht den Arsch abgearbeitet und nicht von der Hand in den Mund gelebt haben. Wir haben immer gemacht was wir wollen und uns um uns gekümmert und jetzt gibt es noch eine Schippe Glück obendrauf. Das verkraften die nicht.“

„Aber Moment mal.“ Frieda ist irritiert, „Das klingt, als wären wir die totalen Egomanen. Aber wenn sich andere unbegründet Sorgen machen, dann kann ich doch nichts dafür. Also wenn ich immer heulend hier im Wagen gesessen hätte und ganz oft bei Steffi hätte übernachten wollen, immer zu ihr gekommen wäre zum duschen oder Wäsche waschen, dann könnte ich das nachvollziehen. Aber so war es doch nie. Also ich bin zufrieden und ich dachte ich hätte das gezeigt.“ „Trotzdem bist du von der Norm abgewichen und deswegen machen sich die Menschen die uns Lieben Sorgen. Vor allem wenn es sie selber ankotzt in der Norm zu bleiben. Vermutlich denken sie im Unterbewusstsein, dass wir es nicht geschafft haben und deswegen was anderes machen.“

Frieda windet sich aus Ole Arm „Aber Moment mal. Die Weltreise ist nicht auf dem Sonnendeck der Aida, sondern im Camper, das Haus ist keine voll sanierte Jugendstilvilla oder ein durchgeplanter Neubau sondern ein sehr altes Stadthaus, wo noch richtig viel zu tun ist und der Buchladen wird auch noch viel Arbeit erfordern.“

„Ja aber das wird jetzt gerade nicht so gesehen.“ Ole zieht Frieda wieder an sich und beide liegen auf dem Sofa, halten sich im Arm und unterhalten sich. Irgendwann wäscht Ole das Geschirr ab und Frieda trocknet ab und während sie Ole beobachtet, wie er den Tisch sauber wischt, drängt sich ihr der Gedanke auf, dass sie so viel Glück vielleicht gar nicht verdient hat und deswegen wird sich das irgendwann rächen. „Möglicherweise.“ sagt Ole lachend. „Aber was sollen wir dagegen machen. Uns selbst kasteien, damit wir schon mal an ein bißchen Unglück gewöhnt sind?“ er schlägt mit dem Wischtuch nach ihrem Hintern „Na gut, damit es dir nicht zu gut geht liegst du heute oben.“

lachend fallen sie sich in die Arme.

*

Frieda und Agnes sitzen seit langem mal wieder im Waschhaus. Beide löffeln die Tagessuppe und Agnes erzählt, dass sie jetzt öfters Stundenlang im Treppenhaus steht um mit Thomas zu reden. Lachend berichtet sie, wie er die Handy Bilder von der Mofa, dass er im Hinterhof gefunden hat, hergezeigt hat wie die Bilder von einem Erstgeborenem. Frieda schmunzelt. Ole musste ihn bremsen, damit Herr Töpfer nicht mitbekommt, dass da was wertvolles auf dem Hof steht. Er meinte zu Thomas, wenn das Teil ohne Komplikationen in seinen Besitz übergeht, mit dem restlichen Inventar, könnte es Thomas natürlich haben.

Agnes lässt sich alles über den Streit mit Steffi berichten und hat sogar ein bißchen Verständnis für sie. Allerdings bestätigt sie auch Oles Thesen. Über den Tisch hinweg nimmt sie beide Hände ihrer Freundin. „Mach dir keine Sorgen. Du hast das verdient was dir gerade passiert. Auch wenn du dich nicht arm und unglücklich gefühlt hast, du hast dich gefügt und hast aus deinem Leben das für dich maximale raus geholt. Und damit warst du auch ein ganz großartiges Beispiel. Und Ole und dich zu sehen, das kann schon nerven. Nicht nur wenn man Single ist, sondern auch wenn man eine Beziehung hat, die nicht so läuft wie man sich das wünschen würde.“ „Meinst du Steffi und Jakob haben Stress?“ Agnes lacht etwas höhnisch. „Das würde denen womöglich mal gut tun. Jakob ist der langweiligste Typ, den ich je gesehen habe. Der blüht nur immer ein bißchen auf, wenn coolere Typen um ihn rum sind. Ist dir das noch nie aufgefallen? Innerhalb einer halben Stunde, ahmt er Gesten, Gesichtsausdrücke und Sprüche von dem Coolsten auf dem Platz nach.“ „Ist mir noch nie aufgefallen.“ „Echt nicht? Auf deinem Geburtstag, da saß er erst genau so da wie Micha, hat die Bierflasche genau so gehalten und nach jedem Satz von Micha so hustend gelacht.“ Frieda ist irgendwie peinlich berührt.

Aber wenn man bedenkt, dass Frieda so viele Plätzchen gebacken hat, dass sie bis nach Afrika reichen, dass sie die Wohnung in die sie bald einziehen werden wirklich sehr schön findet und das Ole ihr die Macht über den Herd zugestanden hat, dann ist das ja wohl ein ziemlich guter Monat gewesen.

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November (1)

Frieda sitzt auf dem Flickenteppich vor ihrem Herd, der seine gemütliche Wärme im ganzen Wagen verteilt. Aus der Backröhre riecht es nach Koriander und Fenchel. Der Duft macht Appetit auf das frische Fladenbrot das gerade in der Röhre backt. Auf dem Tisch steht ein Blech mit Crackern, die mit Schwarzkümmel gewürzt perfekt zur indischen Linsensuppe passen werden die es heute Abend geben wird.

Frieda wickelt gerade die gebastelte Pinnwand in eine alte Straßenkarte von Dessau und verziert das Paket mit bunten Wollresten. Sie ist glücklich, aber auch etwas melancholisch. Am liebsten würde sie nun jede freie Minute im Wagen verbringen, sich ein letztes mal verbarrikadieren. Hier drin versinken im glutroten Schein des Herdes, zusammen mit ihren bunten Sachen und die Welt draußen lassen. Sie schüttet sich siedendes Wasser aus ihrem Kessel auf einen Teebeutel in ihre Tasse, von der sie bunte Eulen freundlich anblinzeln. Sie greift zu einem Schokloladenkeks der auf einem Teller mit bunten Matroschkas liegt. Sie schielt auf die Uhr und schiebt den Suppentopf mit dem Entenmotiv auf den Herd. In zwei Stunden wird Micha sie abholen, mit Brot Suppe und Cracker. Normalerweise wäre sie einfach schon am frühen Mittag zu ihren Freunden in die Wohnung gefahren und hätte da alles erledigt. Auf dem Elektroherd. Aber Frieda will jede Minute bewusst genießen. Draußen putzt Ole gerade ihre Gartengeräte um sie für den Winter zu verstauen. Fruchtmumien sind aus den Bäumen gepflückt worden, Blütenstände abgeschnitten und Beete umgegraben. Und Frieda ist sich auch voll im Klaren darüber, wie sehr viel mehr Spaß es gemacht hat, zu Zweit den Garten Winterfertig zu machen, ohne, dass man auf willige Freunde warten musste. In manchen Jahren war sie so erschöpft und zerkratzt, dass sie die Abende apathisch in ihrem Schaukelstuhl verbracht hat. Jetzt bekam sie kleine Kratzer gepustet und geküsst und hatte Abends genug Kraft um sich alle möglichen Leckereien auszudenken und auf ihrem Holzherd anzufertigen. Da, so bekocht, Oles Hosen am Bund immer enger wurden, stürzte er sich freiwillig in die Gartenarbeit, die ein willkommenes Workout war und bekam dafür von Frieda auch gerade ein schönes paar Socken gestrickt. Allerdings mit bunten Streifen weil sie es einfach zu langweilig findet Socken für so große Füße in nur einer Farbe her zu stellen.

Ächzend steht sie auf. Die Zwiebeln und der Knoblauch sind im Topf glasig gedünstet, jetzt werden die vorbereiteten Kartoffelstückchen und die Packung rote Linsen mit angebraten und das ganze dann mit Wasser und Kokosmilch abgelöscht. Während alles vor sich hinköchelt, nimmt sie das Brot aus dem Ofen und schiebt die Cracker rein. Hochzufrieden betrachtet sie das Ergebnis.

Ole poltert die Türe rein, zieht Jacke und Schuhe aus und lässt sich auf den Schaukelstuhl fallen. Er seufzt „Alles geschafft. Ich glaube das war es erst mal. Ich habe auch mal die Windspiele aus den Bäumen genommen und in die Hütte gehängt.“

Frieda bedankt sich mit einem Kuss und schmiert selbstgemachten Humus auf zwei Scheiben frisches, weiches Brot, stellt eine kleine Schale eingelegte Gurken dazu . Ole greift dankbar zum Teller ohne die Füße vom Ofen weg zu nehmen. „Ich bin so froh, dass die Wohnung über der Buchhandlung einen Berliner Ofen hat. So einen richtig großen mit Bank drum herum.“ „Wusste ich nicht.“ sagt Frieda erfreut. „Er hat den Ofen nicht mehr angehabt, seit die Zentralheizung eingebaut wurde. Im Keller liegen noch Kohlen und Holz, dass ist so alt, da könnten Splitter vom Kreuz dabei sein.“ Frieda runzelt sie Stirn „Die Heizung ist fast gleich nach der Wende rein gebaut worden, warum hat er den Ofen nicht benutzt?“ „Woher soll ich das wissen? Weils zu unmodern ist. Und er nicht zwei Schornsteine kehren lassen wollte, keine Ahnung. Da ist auch noch eine Menge dran zu tun. Also so schnell wird da kein Feuer mehr brennen. Der ist mit Altpapier voll gestopft, die Schamottsteine sind gerissen und der Schornstein seit 100 Jahren nicht gefegt. Aber Thomas mein er kriegt das hin. Und,“ Oles grinsen wird breit „Mit ein bißchen Glück kriegt Thomas auch den Herd in der Küche hin. Da steht einer wie der da, nur eben richtig alt. Ist gerade nicht angeschlossen.“ Frieda schnappt nach Luft. Mit nackten Füßen im Winter aufs Klo gehen und trotzdem ein Herdfeuer haben. Das ist eigentlich zu viel des Guten.

„Wolltest du nicht noch duschen? Bevor Micha uns abholt?“ Wie im Traum steht Frieda auf und verlässt den Wagen um rüber zu gehen. Als sie unter der Dusche steht und warmes Wasser in ihren Nacken prasseln lässt, steht sie immer noch neben sich. Kann das sein, dass alles so läuft. Sie hat ihr Leben wirklich immer für perfekt gehalten. Nie hat sie gedacht, dass sie etwas anderes genau so perfekt und richtig finden könnte. Hat sie sich vorher vielleicht nur eingeredet, dass es gut lief. Aber sie denkt an ihren gemütlichen Wagen, an ihr Kräuterbeet, an die Rosen, den Flieder und Lavendel, an die Abende am Feuerkorb, an die Windspiele und Flitteranhänger in den Bäumen. Das ist immer noch sehr perfekt. Sie muss mit Ole aber scheinbar eine neue Stufe Leben beschreiten, die für sie alleine gar nicht perfekt gewesen wäre. Zu Zweit sind eben andere Umstände. Sie cremt sich ein und tuscht sich die Wimpern. Lippenstift lässt sie in letzter Zeit lieber weg, weil es nie lange dauert und Ole hat ihn um den Mund geschmiert und das sieht mit seinem graumelierten Schwarzbart irgendwie gruselig aus. Als sie rüber geht, steht Michas Auto schon an am Tor und er sitzt mit Ole drinnen. Sie begrüßen sich mit einer innigen Umarmung und dann wird der Topf, Brot und Cracker eingeladen, das Geschenk hat Ole in einem selbstgenähten Beutel und schon geht es, ganz vorsichtig zu Micha und Holger in die Wohnung.

Im Aufzug geben sie bestimmt ein merkwürdiges Bild ab. Ole, der mit einem Topf auf dem Gänse watscheln in den Händen da steht und Micha und Frieda hinter ihm, mit je einem Brotkorb in der Hand. Es müsste so ein bißchen aussehen, als wenn sie irgend wem eine Opfergabe dar bringen wollten. Aus der Wohnung tönt Manowar, Frieda guckt seufzend zu Ole, der sieht aber ganz zufrieden aus. Alle drei stehen völlig perplex im Flur. Durch die Tür sieht man Luftschlangen und Ballons von den Lampen hängen. „Was ist hier passiert?“ fragt Micha streng, als Steffen mit einem Glas Sekt in der Hand aus dem Wohnzimmer springt. „Das war ich. Holger kann nichts dafür.“ „Steffen ist einer von Michas langjährigen Freunden. Er ist Bassist in einer Drag Queen Band und hat blonde Haare in einer Länge um die ihn jede Frau beneiden würde.

Agnes kommt mit Holger aus der Küche und nimmt Ole den Topf Suppe aus der Hand, damit der sich die Jacke ausziehen kann. Frieda hält Holger die Brotkörbe entgegen. Langsam trudeln andere Gäste an. Michas Schwester ist Frau Nummer drei im Bunde. Ansonsten kommen nur Männer durch die Wohnungstüre. Als Frieda in der Küche noch einmal die Suppe umrührt und das Buffet noch ein bißchen sortiert, steht plötzlich Ole hinter ihr. „Sind das alles Schwule?“ raunt er leise in ihr Ohr. Mit einem Blick registriert Frieda wer alles da ist. „Nö, Steffen natürlich und Frank. Der andere ist der Typ der unten drunter wohnt, der mit der Mütze ein Arbeitskollege von Holger und die anderen beiden sind mit Micha und mir in eine Klasse gegangen.“

Die Wohnung ist mit zusammen gewürfelten Möbeln eingerichtet. Allerdings hat keiner der beiden die Geduld aufgebracht zu warten, bis was passenden gefunden wird. Nein, beide hatten seit ihrer ersten Wohnung die gleiche Eigenschaft, Möbel von verstorbenen Verwanden weiter zu verwenden. Deswegen ist vieles Eiche rustikal furniert und sieht erbärmlich aus. Teilweise hatten sie sogar die gleichen prachtvollen Stücke. Beim zusammenziehen hatten tatsächlich gleich zwei Schreibsekretäre, ehemals von Neckermann ihren Platz ins Wohnzimmer gefunden. Kurzerhand wurden die klappbaren Schreibplatten raus gerissen um Boxen ein zu bauen, die jetzt auf Ohrhöhe Spektakel machten wenn beide auf einer Türe, die über zwei Sägeböcke gelegt wurde, an ihren Computern zockten, oder versuchten Musik zu mischen.

Der Abend wird nett. Und Nett ist eben nicht die kleine Schwester von Scheiße. Nett bedeutet nett. Nicht sehr aufregend oder spektakulär. Alle sitzen rum, lassen sich die Suppe und die Salate, Canapés und Tapas schmecken, erzählen, lachen. Kurz vor Mitternacht verschwindet Holger in der Küche und kommt mit einem Tablett voller Sektgläser wieder. Sie Stoßen an, gratulieren und überreichen Geschenke. Frieda findet das ein bißchen traurig für Holger. Der hat erst in zwei Wochen und bekommt zwar seine Geschenke vorher, aber direkt an seinem Geburtstag hat er nichts zum Auspacken. Als sie das laut ausspricht, nimmt Holger sie in den Arm und drückt sie an sich. „Mach dir mal keinen Kopf, ich werde bestimmt was zum auspacken kriegen.“ sagt er und zwinkert Micha zu, der ziemlich schmutzig lacht.

Gegen zwei Uhr Morgens steigen Ole und Frieda in ein Taxi. Es ist zu kalt um zu laufen und Straßenbahnen sind um diese Zeit nicht mehr so regelmäßig unterwegs wie man sie brauchen könnte. Ole hält Frieda die Türe auf und rutscht hinter sie auf die Rückbank. Er hält ihre Hand bis sie vor dem Gartentor stehen, bezahlt und hält ihr wieder die Türe auf. Sie gehen gleich durch, in seinen Garten. Das Gartenhaus hat einen enormen Magnetismus bei diesen Temperaturen. „Gute Nacht Bauwagen“ ruft Frieda ihrer Festung zu. „Schlaf schön, bis morgen.“ ruft Ole und zieht Frieda feste an sich, damit sie nicht friert, ausrutscht oder irgendwelche schrecklichen Sachen, auf dem Weg in die Wärme, geschehen.

*

Frieda betrachtet ihre Kräutervorräte. Was kommt mit auf die Reise? Dank einer Freundin mit Kleinkind von Steffi hat Frieda unzählige Pappdosen, wo mal Teegranulat drinnen war. Die sind perfekt für ihre Teemischungen, sie sind leicht, unzerbrechlich und sie klappern nicht in den Regalen herum wenn man fährt. Also füllt sie welche mit ihrer Hausteemischung, ihrem spezial Erkältungstee, oder einem Beruhigungstee aus Lavendel, Johanniskraut und Melisse oder Tee gegen Magenverstimmung der überwiegend aus Schafgarbe besteht. Hübsche Etiketten verzieren das ganze. Danach mischt sie Gewürze für ihre verschiedenen Brot Rezepte. Wird sie in Afrika dazu kommen Brot zu backen? Also wenn sie eines die Woche backt, dann sind das 12 Stück in der ganzen Zeit. Brauch man dazu Gläschen oder Döschen. Kurzerhand bastelt sich Frieda viele kleine Papiertütchen die sie mit einzelnen Portionen abfüllt. Suppengewürzpulver hat sie dieses Jahr besonders fantastisches. Sie hat fast alles, was beim Gemüse putzen übrig geblieben ist, in den Trockner gegeben. Da er nur mit Sonnenlicht läuft, hat sie fast alles getrocknet, was irgendwie einen erkennbaren Wasseranteil hatte. So ist aus getrockneten Karottenschalen, Seleriestücken, Paprika, Lauch und Zwiebeln ein buntes Granulat geworden, das mit Salz vermischt eine ziemlich fantastische Gemüsebrühe wird. Puddingpulver aus Stärke, Zucker, Kakao und Schokoladenstückchen werden in größere Tüten gepackt, Mischungen für Salat dürfen auch nicht fehlen. Nach Stunden konzentrierter Arbeit hat Frieda Zahllose Tütchen mit eigenen Fertigprodukten vor sich liegen. Stolz sortiert sie immer wieder die Tütchen. Mal nach Größe, mal nach Thema, mal nach Alphabet.

Ole drückt sich in den Wagen. Bemüht die Türe so wenig wie möglich zu öffnen. Bewundernd betrachtet er Friedas Tagewerk. „Das ist so krass Frieda. Ich finde das absolut toll.“ Frieda freut sich wirklich. Es hat sie wahnsinnig gemacht, wenn sie zum Beispiel ein Brot gebacken hat und dann von Freunden nur die blöde Bemerkung, dass man sich schneller eines kaufen könnte und das wäre sogar noch geschnitten, kassierte. Oder als sie anfing Zahnpuder selber zu mischen und manchen nur dazu einfiel, dass sie sich jetzt mit Dreck die Zähne putzen würde. Ole wusste das zu schätzen was sie tat. Und dafür war sie unendlich dankbar. „Aber Frieda jetzt mal im Ernst, auch wenn es solche Bücher schon zu genüge gibt, ich denke, du solltest wenigstens mal mit meinem Onkel reden. Ein Koch und Backbuch extra für Camper. Was man tun könnte um so gesund, autark und nachhaltig wie möglich unterwegs zu sein.“ Ole klingt überzeugt. „Mit Schnittmuster für Brötchenbeutel.“ „Was?“ ruft Frieda „Jetzt hör aber auf. Ein Schnittmuster für einen Brötchenbeutel. Wozu brauch man da ein Schnittmuster. Jeder kann ja wohl ein Geschirrtuch zusammen nähen, ohne dazu eine Anleitung zu brauchen.“ „Das sagst du so.“ schmunzelt Ole. „Ich wäre noch nicht mal auf die Idee gekommen ein Geschirrtuch zu nehmen.“ Jetzt schmunzelt auch Frieda. Ole macht eine ausladende Bewegung „So ein Arbeitsbuch, wie diese Bücher die früher zur Jahrhundertwende junge Bräute bekommen haben.“ Frieda lacht jetzt laut „Na dann muss ich aber auch ein paar Worte zur Ehehygiene schreiben.“ Ole lacht „Wollen wir gleich mal zusammen unter die Dusche.“ „Ja sicher, ich brauche noch Anwendungsbeispiele.“ lacht Frieda.

„Ok, ich geh rüber, heize ein, bereite was zu essen vor und wenn du hier fertig bist, dann kommst du einfach rüber. Lass dir ruhig Zeit.“ Er küsst sie und drückt sich dann wieder zurück nach draußen, wobei er aufpassen muss, dass ihm der Wind nicht die Türe aus der Hand reißt.

Frieda legt alle Tüten in einen Karton. Sie will mit Ole beratschlagen, was alles mitgenommen wird.

Sie nimmt immer zu viel mit. Egal wohin sie geht. Ob an Klamotten oder Wolle zum stricken, oder Bücher. Ein Campingbus verleitet natürlich noch mal einen drauf zu setzten. Aber in Spanien gibt es bestimmt viel Obst. In Afrika erst recht. Sie wird wohl kaum Schokoladenpudding löffeln, wenn man da unten Orangen pflücken kann und weiß der Geier was alles da unten wächst. Drachenfrucht vielleicht? Oder Papayas? Sie hat ein Rezept für eine Papaya-Karotten Suppe. Das hat sie nie ausprobiert, weil hier Papayas zu teuer sind. Wachsen da unten dann überhaupt Karotten? Oder Mangold? Rosenkohl? Der braucht Frost. Da unten gibt es bestimmt keinen Rosenkohl. Allerdings sollte man, wenn man auf engstem Raum in einem Camper unterwegs ist vielleicht ohnehin Kohlgerichte vermeiden. Seufzens löscht Frieda das Licht, nimmt eine Tasche mit Kleidung und verschießt sorgfältig ihren Wagen.

Ole war richtig kreativ. Sonst gibt es Nudeln und heute hat er ein altes Fladenbrot mit Tomatensoße und einem Glas Pizzabelag verziert und einen Mandelkäse gezaubert um das ganze zu überbacken.

„Das sieht lecker aus.“ sagt Frieda. Ole guckt verschämt. „Du hast das Brot gebacken, die Tomatensoße und den Belag eingekocht. Eigentlich hast du gekocht.“ „Quatsch. Der Mandelkäse ist fantastisch.“ sagt Frieda bestimmt. „Ist aus deinem Kochbuch.“ Frieda schmiegt sich von hinten an ihn. Umschlingt seinen Oberkörper „Das wird nicht zur Gewohnheit mein Lieber. Ich bin für konventionelle Rollenverteilung. Was bedeutet, ich habe die Hoheit über Herd und Topf.“ „Ich trete in Demut zurück.“ sagt Ole und macht einen Schritt zurück, mit gesenktem Blick. Dann stellt er sich hinter Frieda, schiebt sie an den Herd und lässt die Hände unter ihrem Shirt verschwinden. „Prima, jetzt ist alles am richtigen Platz.“ murmelt er in Friedas Haare. Frieda kichert „Agnes würde mir den Kopf abreißen, wenn sie mitkriegen würde ich mir hier anhöre ohne dir den Kopf ab zu reißen.“ Schwungvoll schleudert Ole Frieda rum und nimmt sie hoch. Sie liegt in seinen Armen. „Na dafür trag ich dich doch auf Händen.“ sagt er und trägt sie zum Sofa um sie dort in die Kissen gleiten zu lassen. Danach nimmt er die Pizza aus dem Ofen, achtelt sie und stellt einen Teller vor Frieda. Anschließend holt er noch ein Glas Rotwein herbei. Und Frieda denkt, dass sie es sehr beruhigen würde, wenn ein Meteorit auf sie stürzen würde, damit sie es endlich hinter sich hat. Aber vermutlich ist es so. dass wenn man sich wirklich immer nur das nimmt, was einem zu steht, dass man dann irgendwann mehr geschenkt bekommt, als man erwartet. Und Frieda ist bereit das Geschenk an zu nehmen.

*

Frieda ist aufgeregt. Weil Ole gleich kommt und zusammen wollen sie sich ihre Wohnung anschauen. Frieda kann nicht von ihrer Wohnung reden ohne mit den Fingern Anführungszeichen anzudeuten. Sie prüft gerade den Wareneingang. Postkarten mit der Marktkirche drauf und Kühlschrankmagneten mit Händel. Sehr einfallsreich. Aber in den anderen Kartons werden die ganzen neuen Weihnachtssachen stecken. Über den Buchregalen hängen schon falsche Tannengirlanden mit Weihnachtsbaumschmuck, den Herr Töpfers Tochter vor 30 Jahren gebastelt hat, behängt. Frieda kann es kaum erwarten die Dekorationen des Ladens selbst in die Hand zu nehmen. Als erstes werden die lustlos ausgeschnittenen Sterne aus Goldpapier entsorgt. Und die angemalten Kiefernzapfen die mit Watte und roten Filzdreiecken beklebt wohl Wichtelmänner darstellen sollen. Frieda wird Lichterketten aufhängen, Keksförmchen mit rotweißer Schnur und Fröbelsterne aus Packpapier .

Mit den Gedanken im nächsten Jahr, hängt sie versonnen Minibücher an einen Ständer. Ein kleiner Fetzen ihres Hirns versucht sie immer noch von den Gedanken ab zu bringen. Um sie zu schützen. Was ist wenn das alles nicht so wird. Was ist wenn du nächstes Jahr dann doch im Bauwagen sitzt. Alleine und ohne Arbeit, weil das mit dem Buchladen voll daneben geht. Frieda hat Ole von diesen Gedanken erzählt. Und zusammen haben sie die schlimmstmöglichen Alternativen durchgesponnen. Selbst wenn der Buchladen nicht gleich die erwünschten Erfolge verspricht, schaffen sie mit Erspartem eine ziemlich lange Durststrecke und würden danach auch einen Kredit bekommen. Und natürlich wird der Ofen repariert. Und natürlich wird sie die Möbel bekommen die sie braucht und wenn sie ihren rosa Küchenschrank lieber in der Wohnung haben möchte, dann wird er auch da rein gestellt. Alles kein Problem.

Die Tochter vom Chef kommt aus dem Büro. Marianne greift lachend nach Friedas Arm. „Ich bin so gespannt, was ihr draus macht.“ sagt sie. „Ich hoffe ich komme nächstes Jahr hier rein und sehe eine wirklich gute Weihnachtsdeko.“ „Soll ich dir die Sterne einpacken? Ich meine ist ja eine Erinnerung.“ bietet Frieda an. Aber Marianne blickt nur einmal mit den Augen Richtung Decke und dann zu Frieda. „Klar. Meine Mutter hat auch schon gesagt, dass du mir bestimmt einen Stern zur Erinnerung geben würdest. Aber ich könnte bestimmt nicht alles kriegen, weil du ja auch noch Deko Sachen brauchst.“ „Das glaubt sie wirklich.“ Marianne nickt. „Ich fürchte ja. Du wirst auch noch allerhand gute Tipps bekommen was die Kunden so alles gut finden und am liebsten kaufen. Und wie man zu den verschiedenen Jahreszeiten schön dekoriert.“ Frieda seufzt. Marianne gibt ihr einen Tipp. „Ich rate dir da gleich Tacheles zu reden. Sonst kann es dir passieren, dass sie immer dann, im Laden steht und ihre Hilfe anbietet, wenn sie denkt, dass es Zeit wird zum umdekorieren. Und dann wirst du sie nicht los.“ Frieda nickt. „Ok das mach ich.“

Marianne blickt sich um. „Ok, dann kommt dein Mann heute mit Anwalt und dann wird alles in trockene Tücher gepackt und dann geht der Ausverkauf los.“

„Ja, den Buchbestand wollte Ole nicht mit kaufen. Deswegen versucht dein Vater alles los zu kriegen und den Rest gibt es dann so dazu.“

„Ab wann sind dann die Handwerker im Haus?“

„Februar.“ sagt Frieda. „Das ist ein Freund von Ole, der wird sich ab Februar um alles kümmern, damit wir im März wenigstens schon mal ein Bett rein stellen können und uns einen Kaffee machen. Der Laden wird im Mai eröffnet.“

„Sportlich.“ staunt Marianne.

Und dann übernimmt sie, weil Ole in der Türe steht. Zusammen gehen sie durch Töpfers Büro, eine Treppe hoch in die Wohnung. Hier war sie erst wenige male. Im Treppenhaus ist auch die eigentliche Haustüre, durch die ist sie noch nie durch gegangen. Jetzt geht sie mit einem ganz anderen Augen durch als das letzte mal wo Herr Töpfer sie zu seinem Geburtstag auf ein Stück Kuchen in sein privates Wohnzimmer gebeten hat und seine Frau in der Küchentüre stand und sie genau im Visier hatte, so das sie sich nicht umsehen konnte. Im Treppenhaus verschwinden vor ihrem inneren Auge die gerahmten Spitzweg Kalenderblätter und Blumen blühen an den Wänden.

Die braune Wohnungstüre wird weiß lasiert. Der dunkle Flur, der ihr damals eng und drückend erschien, wird licht und hell, wenn erst mal die ganzen Garderobenschränke raus sind. Sie biegt gleich rechts ab in die Küche. Auch hier ist alles voll gestellt. Es ist Platz für ein Sofa und ein alter Küchenschrank steht da auch. Ähnlich ihrem im Wagen. Allerdings auch dunkelbraun gestrichen. Ansonsten Reihen weißer Hängeschränke. Unter einer Tischdecke ist der Küchenherd versteckt, und der Elektroherd sieht aus wie neu. Aber das, was wirklich fantastisch ist, ist eine Balkontüre, die auf eine Terasse führt. Auf dieser ist Platz für Blumen, dem Grill, Wäscheständer und Möbeln zum draußen sitzen. Gras wächst zwischen den Fliesen durch und sehr viele Balkonkästen hängen ungepflegt und vertrocknet am Geländer. Ole kommt dazu und legt den Arm um sie. „Hier kommt mein Strandkorb hin.“ sagt er mit einer ausholenden Geste. „Der steht seit Jahren bei meinen Eltern im Garten. Ich hatte nie Platz dafür.“ Ein Strandkorb. Frieda hat das Gefühl knapp überm Boden zu schweben. Als sie wieder rein gehen ist da noch eine Türe. Erfreut öffnet Frieda den Vorratsraum. Der Gedanke im Winter nicht mehr in den Erdkeller runter steigen zu müssen um ein Glas Tomatensoße zu holen gefällt ihr sehr gut. Im Wohnzimmer steht der grün gekachelte Berliner Ofen, mit Holzbank. Eine geradezu abartige Anbauwand, natürlich in kackbraun furniert, verdeckt zwei komplette Wände. Aber dazwischen stehen auch immer wieder Schätze. Ein Nierentisch hier oder ein Ohrensessel da. Alles ist bedeckt mit Schonbezügen und auf jeder waagerechten Stelle stehen Trockengestecke. Frieda wird mit Freuden und voller Inbrunst, alles aus dem Fenster schmeißen. Sie dreht sich zu Ole „Und er will alles hier lassen?“ „Ja, aber ich habe ihm schon erklärt, dass ich ihm das nicht extra abkaufe, sondern für ihn entsorgen werde. Ich fürchte dein Chef überschätzt den Wert von seinem Mobiliar ein bißchen.“ Das Badezimmer ist hellblau gefliest aber die Armaturen und alles aus Porzellan stammen aus diesem Jahrhundert, deswegen ist hier nicht so viel zu machen. Die Badewanne ist recht klein. Frieda registriert, dass es zu zweit recht eng wird. Dann gibt es noch ein kleines Schlafzimmer, in das sie nur kurz schauen, weil Zwei riesen Kleiderschränke jeder Vorstellungsvermögen kastrieren. Aber das Fenster ist groß und geht zum Hinterhof, Boden und Wände sind gerade, alles passt. Die Wohnung oben besteht nur aus einer kleinen Küche und einem Zimmer von dem eine Türe abgeht, direkt zur Toilette. Ein Waschbecken ist angebracht, das scheint es gewesen zu sein. Zum vermieten wohl ehe nicht geeignet. Frieda und Ole steigen wieder runter. Ole sieht Frieda fragend an. „Und, gefällt es dir ein bißchen? Meinst du, du wirst es hier mit mir aushalten?“ Sie drückt sich fest an ihren Lieblingsmenschen. Atmet Sandelholz ein, spürt den weichen Pullover an ihrer Wange und seinen Atem auf ihrem Scheitel. „Ich denke es wird gehen.“ grinst sie.

„Moin.“ Thomas steht in der Türe und Herr Töpfer mit einem sehr geschäftlich aussehendem Mann. „Guten Tag.“ begrüßen die beiden älteren Herren die Anwesenden. Jetzt soll es also zur Sache gehen. Kaufvertrag. Danach ist es amtlich. Frieda gibt Ole einen Kuss. Der Anwalt ist von Oles Vater, sie braucht also nicht dabei bleiben um Seelisch oder Moralische Unterstützung zu leisten.

Sie geht mit Thomas runter und betritt das Lager.

„Ach du Scheiße.“ sind seine Worte. „Hier werdet ihr einen Container brauchen. Alles rein und auf den Müll. Wird das beste sein.“ Frieda kann ihm nur recht geben. Sie gehen durch die Türe in einen kleinen Innenhof. Halb verrottete Paletten und Reste von verschiedenen Fahrrädern stehen dort rum, teilweise mit löcheriger Plane abgedeckt. Zwischen den roten Backsteinen und dem Geröll wächst Farn und Löwenzahn. Frieda ist ganz aufgeregt. „Aus den Paletten kann man Prima Sofas zimmern und in so einem schattigen Hinterhof wächst bestimmt auch ganz gut Clematis.“ Thomas lacht. „Na das du das hier schnuckelig machst, daran habe ich keinen Zweifel.“ und dann wird er blass. Plötzlich knallrot und gleich darauf wieder blass. Wie im Traum geht er über den kleinen Hof und hebt eine alte Plane hoch. Darunter liegt Schrott. Frieda versucht zu erkennen was Thomas so sprachlos macht. „Eine Schwalbe.“ keucht er „eine alte Simson Schwalbe.“ Frieda ist davon gänzlich unbeeindruckt, kann aber nachvollziehen, dass es für Jungs was ganz besonderes sein muss. „Ich muss sofort mit Ole reden, ich will die.“ sagt Thomas und flitzt wieder vom Hof. Frieda genießt noch eine Weile das Bild vom Innenhof in ihrem Kopf und geht dann auch wieder rein. Marianne möchte sicher auch nicht den ganzen Tag im Laden stehen. Vor allem weil sie das ja eh tun muss, wenn Frieda mit Ole auf Reisen geht.

Ein Glück ging das so einfach, dass sich Marianne frei stellen lassen kann, um das letzte mal mit ihren Eltern im Buchladen zu stehen.

„Und gefällt dir die Bruchbude?“ lacht Marianne sie an, als sie wieder in den Ladenraum kommt.

Frieda kann nur sehr zufrieden nicken.

Oktober (2)

Ole hält ihr die Türe auf, denn er hat gewartet, bis das Tor knarrt und Frieda ankündigt.

Er steht da, mit einem Handtuch, dass er ihr beim reinkommen schon über den Kopf wirft um ihre Haare ab zu trocknen. Auf dem Wohnzimmertisch steht ein Teller mit Nudeln und Spinatsoße. „Ich habe schon gegessen, hatte so einen Hunger.“ entschuldigt sich Ole. Ein Feuerchen brennt im Ofen und eine Teelicht brennt in einem bunten Glas auf dem Tisch.

„Mein Wagen tut mir so leid.“ sagt Frieda zu Ole. Ole lacht nicht, erklärt sie nicht für doof und muss auch nicht fragen, wie sie das meint. Er guckt Ernst. „Wir können auch rüber gehen.“ und er meint es ernst. Aber Frieda reicht es über ihr Gefühl zu reden. Sie liebt diesen Wagen. Aber sie wird es dem Menschen ihres Herzens nicht zumuten die Nacht im schlecht isolierten Bauwagen zu verbringen und Nachts durch Wind und Regen auf eine Komposttoilette zu gehen, nur damit der Bauwagen sich besser fühlt. Das erklärt sie Ole zu und er zieht sie liebevoll an sich. „Ich danke dir.“ „Aber wie soll das dann mal werden?“ fragt Frieda. Ich dachte, dass es eher ein Spaß ist das Haus und den Wagen zusammen zu stellen. Aber jetzt seh ich gar keine andere Möglichkeit.“

Ole atmet ein, als wenn er was sagen wollte, stutzt dann und sagt nur „da gibt es vielleicht noch eine andere Lösung oder noch eine zusätzliche Option. Aber da reden wir später mal drüber. Ich muss da noch ein bißchen drauf rum denken und ich muss noch jemanden mit Ahnung herbei holen. Ich will keine Pferde scheu machen und hinterher stellt sich alles nur als großer Gehirnschiß raus.“

Frieda lacht „Ok, Thema Wechsel. Wie war denn dein Tag?“ Und dann reden sie und hören sich zu. Und zwar nicht nur so lange bis der andere eine Pause macht, damit man endlich selbst was sagen kann, sondern so lange wie der andere was zu erzählen hat. Und das klappt so gut, weil sie sich wirklich füreinander interessieren. Und solche Begegnungen passieren wenn man sich das nimmt was man verdient und nicht faule Kompromisse eingeht, nur um nicht mehr alleine zu sein. Und wenn man jetzt im dunklen Garten stehen würde, könnte man durch das hell erleuchtete Fenster sehen. Und man würde zwei Leutchen sehen. Die eine mit einer am Hinterkopf zerdrückten Frisur die schon viel zu viele graue Strähnen hat und ein bißchen in die breite gelaufenen Eyliner. Der andere mit einer graumelierten Unfrisur, ein bißchen Bauchansatz unterm engen Shirt und fusseligen Socken. Zwei Menschen die sich ansehen, als wäre das Gegenüber das schönste auf der Welt.

Als Frieda Nachts kurz wach wird, liegt sie mit Ole Rücken an Rücken, die Beine verhakt. Der Regen prasselt gedämft aufs Dach und der Wind versucht durch die Thermofenster zu pfeifen, weil ers ja so gewohnt ist, Frieda zu nerven. Aber er hat keine Chance zu ihr ins Haus zu kommen und Frieda gefällt der Gedanke, dass er durch die Fenster in den Wagen rein pfeifen kann, damit dieser nicht mehr so alleine ist. Mit dem Bild von einer Windhexe in ihrem Schaukelstuhl, die sich vom Stundenlangen rasen ausruht, schläft sie wieder ein.

*

„Das macht nicht wahnsinnig! Aber ich will auch nicht, dass er denkt ich wäre neugierig.“

„Aber du bist neugierig.“ sagt Ute und reicht ihr neuen Kalender an. „Der hier ist schön mit den Küchenkräutern.“

Frieda steht am Ständer für Kalender und versucht sie thematisch zu ordnen, Frauen halbnackt, Autos, Trucks und Landschaften auf eine Seite, Männer halbnackt, Blumen, Rezepte, Katzen, Hunde und Pferde auf die andere. Und dazwischen die Kalender mit mehreren Spalten für die ganze Familie. „Aber ich kann das auch verstehen, dass er es lieber mal alleine durchdenkt.“ mault Frieda weiter. „Aber was ist wenn er dabei irgendwann eine falsche Richtung einschlägt. Dann wäre es doch besser, wenn wir uns gleich zusammen Gedanken machen.“

Und dann klingelt die Ladentüre und Ole kommt mit festen Schritten in den Laden, hinterdrein Thomas. Beide grüßen freundlich und klopfen an Töpfers Bürotüre, werden gleich rein gerufen und sind auch schon wieder weg. Utes Mundwinkel ziehen sich breit auseinander. „War er das?“ „Der erste, der am besten aussieht.“ „Und du weißt nicht was die da jetzt machen?“ „Nein.“ motzt Frieda.

Ute geht irgendwann, nicht ohne Frieda das Versprechen abgenommen zu haben, sie auf dem Laufenden zu halten und Frieda lädt sie gleich zum Abgrillen fürs Wochenende ein. Aber bitte ohne Halloween Kostüme. Micha musste sie erst ans traditionelle Abgrillen erinnern. Sie hätte es fast vergessen. Und eigentlich macht sie es auch nur, weil es die letzte Chance ist Agnes und Thomas mal zusammen zu bringen.

Sie steht gerade bei einem Kunden der sich für ein Bildband mit Oldtimer interessiert. Als Ole und Thomas wieder raus kommen. Was hatten die da zu besprechen? Alle sehen zufrieden aus und Ole verabschiedet sich mit einem flüchtigen Kuss von Frieda. „Ole.“ ruft sie ihn, bevor er durch die Türe verschwindet, „Ich möchte es heute Abend wissen.“ Ole grinst und Thomas lacht sogar laut auf. „Das glaub ich dir.“ ruft er zurück. Weg ist er.

Atemlos kommt Frieda zuhause an. Im Wagen brennt Licht und der Ofen ist angeheizt. Eine Gemüsesuppe brodelt auf dem Herd und Ole sitzt lächelnd am Tisch. „Schlafen tun wir aber bitte drüben. Ich wollte dir aber alles hier erzählen, ich dachte du fühlst dich sicherer auf deinem Territorium. Nicht so überrumpelt.“

Frieda setzt sich hin und will nicht erst essen. Erlaubt es aber, dass ihr Ole ein Glas Wein einschenkt. „Ich werde das ganze Haus kaufen.“ sagt Ole schnell, wie als wenn man ein Pflaster abreißt. „Thomas war mit um sich das an zu gucken, der hat da richtig Ahnung von. Die Heizung muss neu gemacht werden und sämtliche Elektrik. Deswegen konnten wir den Preis noch ein bißchen drücken.“ „Was willst du denn mit einem ganzen Haus?“ fragt Frieda verwundert. Ole schaut auf „Unten den Laden, oben drin wohnen.“ „Und dein Haus?“ „Verkaufe ich an Christian und Jenny wenn sie es noch haben wollen. Frieda brennen Tränen in den Augen. Sie dachte irgendwie, dass es immer so weiter gehen könnte. Dass sie irgendwann den Zaun zwischen ihren Gärten abreißen würden und dann den Wagen als Sommerhaus nehmen könnten, oder wenn sie mal Platz brauchen. Ole wedelt aufgeregt mit den Händen „Und höre mir erst zu bevor du nein sagst. Aber ich möchte, dass du ein bißchen mit dem Kopf entscheidest. Ich weiß der Platz hier ist deine Festung und Zuflucht und ich weiß, was er dir bedeutet.“ Ole geht zu Frieda rüber und zieht sie an sich. „Ich möchte im Sommer gerne mit dir hier Urlaub machen oder am Wochenende hier schlafen. Aber ich möchte auch, dass wir über den Laden ziehen. Mit deinen bunten Tellern und Töpfen und Kisten und Kästchen. Die Wohnung ist groß genug, aber auch nicht so groß wie gedacht, weil eine ziemlich große Terrasse dazu gehört, die mich ziemlich überrascht hat.“

Frieda ist sprachlos, weiß nicht was sie sagen soll. Sie kommt sich blöd vor, weil sie nichts dazu beitragen kann. Sie hat kein Geld und das sagt sie auch so. Ole sieht ihr in die Augen „Frieda ohne dich schaffe ich das nicht. Und ich will das gar nicht ohne dich machen. Ich will nichts ohne dich machen. Nicht einschlafen und nicht aufstehen und schon gar nicht Frühstücken. Ich bin doch dein Frühstücksmann, schon vergessen.“ Er nimmt sie fest in den Arm „Und wenn es nicht klappt, dann kannst du wieder zurück in deinen Wagen. Und Christian ist ja nun nicht mehr das schlimmste was passieren kann als Gartennachbar. Ich habe ihm schon Bescheid gesagt wegen Grillen am Wochenende. Dann kann ich ihm gleich das Haus versuchen an zu drehen. Hoffe er hat genug Geld.“

Frieda muss kurz raus, eine Runde um den Block und Ole wartet.

Sie geht durch die Straßen, es ist kalt und windig. Sie geht durch die ganze dunkle, leere Gartenanlage. Ihr Herz schlägt. Sie weiß doch was sie will. Genau das. Woher kommt der Widerwille? Angst vor dem Stress wenn es doch nicht klappt? Wird sie sich danach nicht mehr so frei fühlen wie jetzt? So als Hausbesitzer muss man ja Schnee schippen und Gehweg sauber halten und aufpassen, dass keine Rieseneiszapfen von Dach runter fallen und Passanten aufspießen.

Aber die denkt auch an einen Teppich, an ein Laminat, im Winter mit nackten Füssen zum Klo gehen und im Schlafanzug frühstücken. An warmes Wasser aus dem Wasserhahn, an eine Badewanne mit Schaum und Kerzen auf einem Fensterbrett. Und als sie wieder in den Wagen kommt und Ole sie fragend ansieht wirft sie sich in seine Arme. „Alles ok.“ sagt sie „Ich mach da mit, wenn du denkst ich wäre eine Bereicherung in deinem Leben, dann lasse ich es gerne drauf ankommen.“ Warm schaut er sie an. „Ich weiß was es für dich bedeutet. Ich danke dir.“ Und Frieda fühlt sich glücklich.

*

Agnes kommt mir einer dicken Jacke zum Wagen rein. „Ziemlich spät für grillen. Aber besser spät als nie. Draußen stehen dick eingepackt, weil das Wetter wirklich nicht mehr schön ist, Ute, Inge und Bernd, Jenny und Christian, Holger und Micha, Steffi, Jakob hat abgesagt und Ole der am Grill rum bastelt. Nur Thomas fehlt noch, was Frieda gerade richtig abnervt. Obwohl Ole gesagt hat, das er die verkuppel Nummer daneben findet, weil Thomas eine Zumutung für alle Frauen wäre. Frieda war deswegen ganz froh, dass Steffi ohne Jakob gekommen ist, dann sieht es nicht so aus als wären nur Pärchen da. Wenn Thomas das mitkriegen würde, wäre er schneller wieder weg als man gucken könnte. Aber dazu müsste er erst mal kommen. Bernd meinte er wäre beim Training bei diesem Streetcombat Verein. „Wir warten noch auf einen Freund.“ sagt Frieda verheißungsvoll zu Agnes. „Der ist gerade beim Boxtraining bei Streetcombat.“ „Ah,“ sagt Agnes unbeeindruckt. „Der Schuppen in der Glauchaer Straße. Da trainiert der Vollhorst aus meinem Haus auch.“ „Hätte ich den vielleicht einladen sollen?“ fragt Frieda lachend. Sie weiß nicht viel über diesen Typen. Nur das Agnes und er sich gegenseitig bei der Hausverwaltung anschwärzen. Sie weil er ein blöder Proll ist, der die Musik zu laut macht und sein Motorrad im Hof parkt. Er sie, weil sie angeblich stinkend kocht, dass man es im ganzen Treppenhaus riecht und ihr Fahrrad im Treppenhaus abschließt.

„Ich hab jetzt hunger und die anderen auch. Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss essen was übrig bleibt.“ sagt Agnes, nimmt die Schüssel mit den Saitanwürstchen und eingelegten Sojasteaks und trägt sie raus. „Dauert noch ein bißchen bis die Kohlen durchgeglüht sind.“ sagt Ole der ihr auf der Treppe begegnet. Dann steht er hinter Frieda, die versucht ihre selbstgebackene Brötchen nett im Brotkorb an zu ordnen, ohne das die Hälfte raus fällt, und umschließt sie mit seinen Armen. Das Kinn auf ihre Schulter gelegt sagt er gefasst. „Ok, nur noch mal, damit ich das noch mal höre. Du stimmst im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte zu, im Dezember mit mir zusammen bis März weg zu fahren und wenn wir uns nach drei Monaten in einem engen Camper immer noch so mögen wie jetzt, dann ziehen wir zusammen in das Haus am Eselbrunnen und ich darf sagen, dass es unser Haus ist, ohne das du mich jedes mal daran erinnerst, dass es nur mein Haus wäre. Und du fühlst dich immer noch frei genug um das länger aus zu halten. Du kommst dir nicht irgendwann wie Besitz vor und wenn doch, dann sagst du es sofort, damit wir das ausdiskutieren können. Und das können wir auch so unseren Leuten sagen.“ Frieda nicht lächelnd und zuversichtlich. „Und wenn ich dann sage, dass wir zusammen ziehen krähst du nicht dazwischen, dass du dir hier den Wagen behältst, für alle Fälle.“ Frieda dreht sich zu Ole, legt ihm die Arme um den Nacken „Nein.“ sagt sie und küsst ihn zwischen die Augenbrauen. „Ich steh dahinter.“ Dann nehmen sie den Brotkorb, küssen sich und bekommen fast die Türe vor den Kopf, weil Agnes rein stürmt. „Das ist nicht tatsächlich dein Ernst. Ich dachte du machst Spaß vorhin.“ Frieda schaut verwirrt „Was? Was meinst du?“ Agnes zeigt auf Thomas, der gerade mit einem Sixpack Bier vor dem Wagen steht. „Du hast doch wirklich den kleinen Pisser eingeladen?“ „Hi Thomas.“ ruft Ole, „Das war ich.“ sagt er zu Agnes. „Ich darf meine Kumpels einladen. Frieda hats erlaubt.“ Frieda sieht Agnes entschuldigend an und zuckt mit den Schultern „Ist Oles Freund, ich mag ihn.“ wutschnaubend geht Agnes aus dem Wagen und Thomas geht ihr hinterher und Frieda und Ole können gerade noch hören wie Thomas „Na auf dich blöde Fuchtel hab ich mich ja den ganzen Abend gefreut.“ zu Agnes zischt.

Lachend guckt Ole zu Frieda. „Jetzt habe ich dich in der Hand Frieda Flieder. Wenn du mal durchdrehst, erzähle ich denen wozu dieser Abend eigentlich dienen sollte.“ Lachend legt er einen Arm um Friedas Schulter „Es kann nicht immer alles so laufen wie man sich das mit rosa Buntstift ausgemalt hat.“ Dann gehen beide raus um ihren Freunden von ihren Plänen zu erzählen.

Agnes, Holger und Ute haben Kreisch und Hüpfanfälle bekommen. Inge ist in Tränen der Rührung ausgebrochen, Micha ist Frieda um den Hals gefallen und Bernd und Thomas haben nur Oles Schulter abgeklopft. Steffi findet die ganze Sache immer noch zu überstürzt und Jenny und Christian haben sich nur still mit gefreut, bis Ole sie gefragt hat, ob er das Haus abkaufen möchte. Daraufhin ist Jenny auch kreischend auf und ab gehüpft und Christian hat Oles Schulter  abgeklopft. Nachdem alles Grillgut verzerrt war ist Christian mit Jenny rüber zu Ole geganngen um sich das ganze mal genauer an zu gucken, Thomas ist mit, um Agnes aus dem Weg zu gehen und Holger und Micha sind auch mit rüber gegangen, weil sie meinten es wäre zu schwul, wenn sie jetzt bei den Weibern sitzen bleiben würden. Inge und Bernd waren zu durchgefrohren um länger bleiben zu wollen

Ute, Agnes und Frieda saßen noch am Feuerkorb. Steffi zog unruhig ihre Kreise um die Flammen. „Find ich nicht gut. Ihr seid erst ein paar Wochen zusammen, schon so was zusammen zu machen. Was ist, wenn ihr es da unten nicht mehr miteinander aushaltet. Dann sitzt du fest und dann?“ Agnes rollt die Augen „Es gibt nie eine Garantie. Auch nach Jahren nicht. Und vielleicht ist das der einzige Zeitpunkt so was zusammen zu machen, weil man sich noch nicht so an den gemeinsamen Alltag gewöhnt hat.“ Ute möchte auch was dazu sagen „Ich glaube das passt. Das wird ganz toll, das wette ich.“ Frieda drückt ihre neue Freundin und Lieblingskundin kurz an sich. „Und Außerdem,“ sagt sie in Richtung ihrer Schwester „bin ich alt genug und wenn ich was überstürzt machen würde, dann würde ich schon längst mit irgend einem Typen in einer schönen Dreiraumwohnung mit Balkon sitzen, Wandtatoos mit Sonnenblumenmotiv im Flur haben und schöne Scheibengardinen vor den Fenstern.“ sie steht auf. „Ich habe lange genug gewartet und denke mir schon selber alles kaputt. Dafür brauche ich keine Hilfe. Aber wenn du mir helfen würdest das Bier ins Haus zu schleppen, dann wäre ich sehr froh. Kommt so lange die Bude noch Ole gehört.“ Und sie gehen rüber. Wo Jenny verzückt auf dem Sofa sitzt. „Das wäre schön. Wenn das klappen würde.“ „Das klappt.“ sagen Ole und Christian wie aus einem Mund.

Erst gehen Steffi und Ute, dann möchte Agnes nach Hause und fragt zum erstaunen aller, ob Thomas mit ihr fahren möchte. Thomas bejaht und zwar so, als wenn er ihr ein Gefallen tun würde und beide verabschieden sich. „Lasst unterwegs die Finger voneinander.“ ruft Ole hinterher und das letzte was sie hören ist ein zweistimmiges, sehr verächtliches Grunzen.

Zum Schluß gehen Christian und Jenny. Im Dezember wird Ole den wenigen Kram den er hat, zu Frieda in den Wagen stellen und das Sofa, von dem er sich nicht trennen möchte, kann schon im Buchladen ins Lager und dann können Jenny und Christian schon hier rein.

Wer hätte das gedacht.

Nach der Verabschiedung räumt Ole Gläser und Flaschen zusammen und Frieda wäscht alles ab. Das fühlt sich so herrlich normal an. Während Frieda sich im Bad fertig macht, legt Ole noch mal im Ofen nach und als sie raus kommt, liegt er schon unter der Decke und hält sie auf ihrer Seit hoch. Schnell rutscht Frieda Flieder auf ihren Platz neben ihrem Frühstücksmann.

Und wenn man bedenkt, dass sich alle Freunde für sie gefreut haben, dass sich Möglichkeiten aufgetan haben, an die sie vor einem Jahr noch nicht mal im Traum dran gedacht hätte, dass sie die Auberginen gegrillt und in Öl eingelegt hat und das sehr, sehr lecker geworden ist, dann ist das ja wohl ein ziemlich guter Monat gewesen.

Oktober (1)

Der Oktober zeigt sich sehr deutlich als Herbst. Es regnet und die Temperaturen rutschen in den einstelligen Bereich. Frieda feuert zum ersten mal ihren Ofen schon tagsüber an. Nicht um zu kochen, sondern um den Wagen warm zu halten.

Sie sitzt auf dem Boden, hat den Schaukelstuhl ganz an den Rand geschoben, damit das gefärbte Bettlaken ausgebreitet werden kann. Vorgestern hat sie es fest zusammen geknittert und dann in einer Schüssel mit türkiser Stofffarbe unregelmäßig gefärbt. Zwischendurch entknittert und immer wieder eingetaucht und jetzt liegt ein Stück Stoff vor ihr das nach wilden Wellen und schaumigem Meer aussieht. Mit Schneiderkreide umzeichnet Frieda den abgegriffenen Schnittbogen ihres Schürzenkleides. Dieses bekommt eine Tasche, wo man zu beiden Seiten rein greifen kann. Auf die Tasche wird sie dann ein Fisch aus Frottee applizieren. Oles Mutter hatte Wäsche von seiner Oma vorbei gebracht. Sie wollte nichts davon hören, dass er nicht so viele Handtücher braucht und kein Mensch zehn paar Bettwäsche benötigt. Deswegen nahm Ole dankend an und kaum hatte seine Mutter dem Garten den Rücken gekehrt, machte er sich auf den Weg zum Altkleidercontainer. Frieda warf sich ihm in den Weg und konnte ihm ein paar Stücke entreißen. Vor allem Bettlaken aus Damast und ein Küchenhandtuch mit bunten Fischen drauf. Eine ganz niedlich geblümte Tischdecke war auch dabei, aus der Frieda Beutel für den Markt nähen wird. Erleichtert beobachtete Ole wie sie den Stoff in kleine Ecken schnitt.

Inzwischen hat Ole bemerkt, dass er von den Laken und der Tischdecke nichts mehr zu befürchten hat und das er keine Angst mehr haben braucht, irgendwann in sein Haus zu kommen und ein geblümtes Unding bedeckt seinen Tisch. Deswegen sitzt er jetzt auch ganz entspannt an Friedas Küchentisch und hackt wie immer auf seinen Laptop ein.

Zur absoluten Gemütlichkeit würde jetzt noch ein Katzenschnurren fehlen. Aber so wie die beiden Tiere irgendwann vor Friedas Wagentüre standen und sich aufführten, als wenn sie hier wie selbstverständlich hin gehören, so sind sie jetzt weg. Sie hatten sich den ganzen Sommer über schon rar gemacht und nun waren sie seit Tagen nicht mehr da. Ole hatte Frieda angeboten bei der Suche zu helfen und sie mussten mit ansehen, wie sie durch das Fenster eines Nachbarhauses sehr arrogant taxiert wurden. Von Miezbert und Leisemiep. Beide hatten scheinbar genug vom Wagen und vom Garten und haben sich ein neues Zuhause gesucht. Frieda schaute eine Weile zu ihnen hoch, wie sie sich auf der Fensterbank lümmelten, zuckte dann mit den Schultern und ging wieder nach Hause. Ein Teil von ihr war ein bißchen traurig über diese undankbaren Tiere, aber sie sah das auch als Zeichen, dass sie beruhigt den Wagen verlassen kann um in wärmeren Gefilden zu überwintern.

Aber jetzt wo sie hier auf dem Boden sitzt, Ole in reichweite, der Kessel summt, es riecht nach Kuchen und Kürbissuppe brodelt auf dem Herd, da möchte sie gar nicht daran denken hier weg zu gehen, wo alles ist was sie braucht. Bald ist Bauernmarkt, da freut sie sich drauf. Sie wollte sich irgendwann mal eine Rückenkiepe kaufen und dort ist immer ein Korbflechter, vielleicht hätte sie sich dieses Jahr dazu überwunden, den durchaus berechtigten, Preis zu zahlen. Töpfermarkt ist auch am Ende des Monats. Als sie diesen bei Ole erwähnte, meinte er nur trocken, dass sie wohl genug Schüsseln und Schälchen hätte und deswegen musste sie ihm lang und breit erklären, dass es, nicht oft, aber manchmal so ist, dass sich ein besonderes Muster zum Beispiel und ihr Herz, wie magisch anziehen. Sie geht also nur auf diesem Markt um sich das zu holen, was ihr eh schon irgendwie gehört.

„Hast du überhaupt eine Nähmaschine?“ fragt Ole „Oder wolltest du das alles mit der Hand zusammen nähen?“

Frieda blickt kurz auf. „Ich geh ins Nähcafé, hier in der Reilstraße. Da kann man die Stundenweise mieten und die haben da vernünftiges Zeug stehen. Richtige Profiteile, die könnte ich mir gar nicht leisten und ich habe auch kein Platz dafür.“

„Praktisch.“ murmelt Ole „Aber meine Mutter meinte du könntest die Nähmaschine von Oma haben. Das wird aber kein Profiteil sein.“

„Gerne.“ freut sich Frieda. „Für Beutel und Kleinigkeiten wird sie schon zu gebrauchen sein. Ich muss nur einen Platz dafür finden.“

Ole guckt sich um „Kann ja erst mal bei mir stehen. Wozu brauchst du eigentlich so viele Beutel?“

„Luftige Stoffbeutel sind der beste Aufbewahrungsort für mein getrocknetes Obst und Gemüse. Seit mir mal ein ganzer Bohnenvorrat vergammelt ist, pass ich da besser auf. Dann verschenke ich ja oft Sachen aus dem Garten und den pack ich am liebsten in Stoffbeutel oder wenn wir zum Markt gehen, ist dir bestimmt schon aufgefallen, dass ich noch nie eine Plastiktüte genommen habe, sondern alles in meine bunten Stoffbeutel packe.“

„Stimmt.“ sagt Ole. „Das ist eine wirklich gute Sache und sieht auch viel besser aus. Macht das jeder mit?“

„Na auf dem Markt gab es schon mal schräge Blicke, wenn man Obst hin reicht zum abwiegen und es ist nicht eingepackt. Aber man sagt dann einfach, dass man keine Tüte nehmen möchte, oder nimmt das Zeug wieder raus und schüttet es in seinen Beutel. Bei Kirschen oder Erdbeeren wäre das vermutlich etwas unpraktisch, aber so was kaufe ich ja fast nie.“

„Aber du hast ja auch Sachen, die nicht im Garten wachsen.“ interessiert sich Ole

„Na weißt du wie viele Obstbäume hier rum stehen? Wo das Obst runter fällt und vergammelt? Ich habe Kiloweise Mirabellen und Brombeeren rund um den Hufeisensee gepflückt“

Ole guckt interessiert und ein bißchen Bewunderung liegt in seinem Blick.

„Dann gibt es da noch eine Internetseite, wo man raus kriegt, wo Bäume stehen wo jeder ran kann.“

Ole greift zum Kessel und schüttet sich Wasser in seine Tasse auf einen von Frieda selbst befüllten Teebeutel und setzt sich neben sie auf den Boden. „Ich finde das so richtig krass. Du machst alles selber und dann noch auf einem Holzherd mit so wenig Platz. Ich weiß gar nicht, wie viele Leute ich kenne, die haben sich einen Kredit aufgenommen um sich eine super Einbauküche mit Thermomix, Mikrowelle und selbstreinigendem Backofen zu kaufen und dann wird ein Kuchen aus einer Backmischung und eine Mahlzeit aus zwei Dosen und einer Tüte zusammengerührt. Vielleicht solltest du auch ein Buch schreiben?“

Frieda lacht. „Gibt es doch alles schon. Woher glaubst du weiß ich das alles. Das ist nicht bei uns in der Familie von Mutter zu Tochter weitergegeben worden. Youtubevideos mein Herz. Da findest du alles.“ Ole grinst „Jetzt hast du das entromantisiert. Ich habe dich gerade als kleines Mädchen vor mir gesehen, wie du im Schürzchen deiner Mutter beim Brot backen zuguckst.“

„He, ich bin in den 80ern aufgewachsen. Mich hat nichts interessiert wenns nicht im Westfernsehen gezeigt wurde. Und meine Mutter hat in Leuna gearbeitet. Die hat kein Brot gebacken. Vielleicht mal nen Kuchen zum Geburtstag oder zum ersten Mai. Das hier hat sich so mit der Zeit entwickelt. Und ohne Internet wäre auch vieles gar nicht möglich geworden. Ich hätte nie die Ideen und Tricks gefunden und der ganze Kram mit Tauschbörsen oder Kleinanzeigenmärkte, Termine für Märkte und den ganzen Kram. Also einfaches Leben ja, aber nicht ohne W-lan.“

Frieda, die gerade ihren Schürzenstoff hoch hält um ihr Werk zu überprüfen, bekommt es sanft aus der Hand genommen. Starke Arme umschlingen sie und ziehen sie hoch. „Na, dann können wir ja beruhigt durch die Gegend reisen wenn du aus Wurzeln und Blättern Kaffee und Kuchen kochen kannst und mir aus Schilfgras einen Schlüpfer klöppelst.“

Frieda wird aufs Bett geworfen und Ole legt sich dazu. Sie knutschen rum wie die Wilden. Der Kessel summt, die Kürbissuppe blubbert immer noch. Frieda löst sich von Ole um den Topf vom Herd zu schieben. Er reißt sie wieder an sich. „Du denkst an alles.“ Dann rollen sie sich im Bett rum und als sie Hunger bekommen und sich an den Tisch zum essen setzen, ist die Suppe schon fast zu kalt und Frieda muss schon wieder ein extra Kissen unterlegen.

*

Mit ungeduldigem Blick steht Frieda hinter dem Tresen. Am Tisch für Kinder liegen ein paar PopArt Bücher für Halloween. Monster, Gespenster oder Schlösser bauen sich beim auseinanderklappen der Seiten auf, überall sind Türchen auch Papier zu öffnen, Rädchen zu drehen oder Laschen zu ziehen. Zwei mal ist es schon vorgekommen, dass ganze Bücher unbrauchbar gemacht wurden, weil Eltern, die in den Buchregalen stöbern, ihre Kinder unbeaufsichtigt lassen. Das Zweijährige von diesen bunten, dicken Bilderbüchern magisch angezogen werden ist vollkommen normal. Das man es aber zulässt ein Buch, das Aufgrund der Handhabung auch gar nicht für das Alter geeignet ist, zu nehmen und kaputt zu machen, geht über Friedas Verständnis und Toleranzgrenze. Und hier steht sie wieder. Die Mutti in Jack Wolfskin Jacke und Schuhen aus dem Waschbärversand. Während sie unbekümmert zwischen Ratgebern von Schüsslersalzen rum fingert, kniet ihr Kind auf dem Boden und guckt fasziniert ein Buch mit Monstern an. Das er auf dem unteren viertel des Buches kniet merkt er gar nicht und das jedes mal beim blättern die Seiten ein wenig einreißen auch nicht. Seine Mutter sollte es schon bemerkt haben, denn ab und an guckt sie ob er nicht vielleicht in Lebensgefahr schwebt. Vor dem kleinen begeisterten Gesicht bauen sich auf jeder neuen Seite witzige Gruselmonster auf. Deswegen hat er auch auf jeder Seite schon deutlich sichtbare Spuren der Zerstörung hinterlassen. Hier ein ausgedrehtes Auge, eine eingedrückte Nase, ein abgerissener Zahn. Er zieh fest an einer Lasche, die Mäuse unter einem Schrank hervorkommen lässt, hat plötzlich die Lasche in der Hand und zeigt sie erstaunt seiner Mutter. Sie nimmt ihm die Lasche aus der Hand, steckt sie ins Buch, klappt es zusammen und will es mit den Worten „Komm Schatz, leg das mal zurück, dass ist nichts für dich.“ wieder auf das Regal zurück legen, wo sie es vorher runter genommen hat.

Frieda lächelt sehr freundlich, als sich ihre Blicke treffen. Verlegen hält die Mutter das Buch hoch „Er ist noch zu jung dafür, vielleicht später mal.“ Frieda bleibt sehr freundlich. „Natürlich ist er zu jung dafür. Es ist ja auch ein Buch aus dem Regal für Leseanfänger.“ Die Mutter lacht. „Ja, das ist erst in vier Jahren.“ Friedas Augen werden schmal und die Stimme etwas fester. „Na, vielleicht ist ja ein Kind im Bekanntenkreis das sich darüber freut, oder sie heben es so lange auf. Frisst ja kein Brot.“                              „Ich will das nicht kaufen.“                                                                                                          „Das glaube ich gerne. Das will keiner mehr kaufen. Das will noch nicht mal mehr jemand angucken, weil alles was das Buch ausgemacht hat kaputt ist.“ Die Frau nimmt ihren Jungen hoch, trägt ihn zum Buggy und zurrt ihn dort fest. Frieda trägt ihr das Buch hinterher hält es ihr lässig hin „Das macht 14,95€.“ Wütend zerrt die Frau einen Schein aus ihrer Börse. „Das ich hier nochmal her komme, das glauben sie ja wohl nicht.“ zickt sie Frieda an. „Das glaube ich nicht nur nicht, das hoffe ich auch. Sie kommen zwar mindestens einmal die Woche hier her, aber ich kann mich nicht daran erinnern, schon mal erlebt zu haben, dass sie ein Buch gekauft hätten.“ Frieda ist wütend. Sie hat es schon ein paar mal erlebt, dass genau diese Person, ganze Kochbücher oder Bastel- und Strickanleitungen mit ihrem Smartphone abfotografiert während ihr Kind den Laden auf den Kopf stellt.

Sie muss sich über sich selber wundern. Ihr verhalten war gerade etwas kopflos. Wenn sich das rum spricht. Frieda zuckt mit den Schultern, wenn es ihr eigener Buchladen wäre, hätte sie die Frau schon beim ersten mal hochkant raus geworfen, als sie beim abfotografieren erwischt wurde. Aber Herr Töpfer sieht das nicht so streng. Gerade als Frieda emotional wieder runter fährt klingelt die Landeglocke erneut und Ole steht zwischen den Regalen. In seinem Fahrwasser kommen aber noch ein paar andere Kunden, die sich gleich wie Statisten im Laden verteilen, deswegen vermeidet sie den Sprung um den Hals und den Griff in seinen Schritt. „Herr Sperling, sie hier?“ „Ja, Frau Flieder ich suche ein Geschenk für meine Frau. Wo steht den die Kiste mit den Sonderangeboten? „Hier drüben Herr Sperling.“ „Wunderbar Frau Flieder. Hier, ein Buch mit Tipps wie man Halstücher auf verschiedene Arten bindet. Ich glaube das würde ihr gefallen.“ sagt Ole und hält ein Buch hoch, das nicht ein einziges mal verkauft wurde. Frieda geht zu einem Regal und ruft „Ich glaube ihrer Frau würde das hier besser gefallen.“ dabei zieht sie das Kamasutra hervor und wedelt provozierend vor Ole damit rum. Als sie merkt, wie flach der Witz ist, stellt sie es schnell wieder zurück ins Regal.

„Wann kommst du nach Hause, was glaubst du wie lange dein Gespräch geht?“ fragt Ole.

„Kann ich nicht sagen.“ Frieda hat ihre Kummergespräche auf den Feierabend gelegt. Das ist zwar anstrengend, aber sie will nicht mehr die einzigen freien Tage dazu verwenden um erschöpfend anderer Leute Probleme zu wälzen. Auch wenn sie es nur ein mal die Woche macht und es gut bezahlt wird. Und heute Abend wird sie sich jemandem im Evergreen treffen.

Herr Töpfer schlurft aus seinem Büro und begrüßt Ole freundlich. Der schüttelt ihm die Hand. „Zu ihnen wollte ich Herr Töpfer, haben sie etwas Zeit, oder sollte ich wann anders kommen.“ Aber die Bürotüre wird mit einer einladenden Geste bereits aufgehalten. Ole verschwindet mit Friedas Chef und zurück bleibt eine sehr neugierige Frieda. Aber die wird schnell aus ihren Überlegungen gerissen, den ein fündig gewordene Kunden möchten zahlen, oder brauchen noch etwas Entscheidungshilfe. Frieda glaubt nicht daran, dass Herr Töpfer doch noch vermietet. An dem Haus ist so viel zu tun und er könnte es bestimmt nicht ertragen, wenn er noch oben drüber wohnen würde und hier würde alles auf den Kopf gestellt werden. Allein die schäbigen Dekosachen, die seine Frau im Lager verstaut hat und die er hütet wie seinen Augapfel, weil er sie tatsächlich noch für brauchbar hält. Im wäre es zuzutrauen, dass er den Raum voll Geraffel als Wertsteigerung anrechnet. Nein, das würde nicht funktionieren. Aber am Ende wäre es dann Oles Entscheidung.

Fröhlich schwatzend kommen die beiden Männer aus dem Büro. Ole küsst die überraschte Frieda vor einer Kundin, die mit zwei Arztromanen an der Kasse steht. „Bis heute Abend.“ sagt er und ist schon durch die offenen Ladentüre verschwunden während Herr Töpfer ihm lächelnd hinterher Blickt „Einen sehr feinen Menschen haben sie sich da geangelt Frau Flieder.“ sagt er und geht nickend wieder in sein Büro.

Den feinen Menschen trägt sie im Kopf und im Herzen als sie die Ludwig Wucherer Straße hoch fährt um ihren Kummer Menschen zu treffen. Als sie das Evergreen betritt, sitzt genau an dem Tisch, wo sie zum Gespräch bestellt hat ein Typ. Vielleicht zwanzig Jahre alt. Frieda blickt sich verwundert um. Aber der junge Mann, knetet seine Hände und guckt auch nicht so, als wenn er mit Kumpels zum trinken verabredet wäre. Er nicht vorsichtig in Friedas Richtung als wollte er ganz unverbindlich Grüßen. Vorsichtig kommt sie näher. „Hatten wir eine Verabredung?“ er überlegt kurz und nickt dann. Er windet sich vor Verlegenheit. „Mein Onkel hat den Termin für mich gemacht. Der hat auch schon mal mit ihnen geredet.“ dann bestellt er sich ein Bier und fragt Frieda ob sie auch eins will. Eigentlich nicht, aber eins wird gehen, auch nur damit er sich besser fühlt.

Das Bier kommt, sie stoßen an, er trinkt das Glas mit einem Zug halb leer, gibt dem Kellner ein Zeichen und erzählt.

Konrads Geschichte

Also ich werde nächstes Jahr mit meinem Abitur fertig und das wird richtig schlecht. Aber mein Dad hat gesagt hauptsache das Abi in der Tasche. Das ist erst mal das wichtigste. Ich wollte gar kein Abi machen. Also ich glaube nicht, dass man zu dem was ich machen will überhaupt ein Abi braucht oder was man studieren sollte. Aber ich weiß auch gar nicht, was ich überhaupt studieren soll. Aber mein Dad sagt, erst mal was studieren, am besten BWL. Ich glaube er weiß gar nicht so richtig was das sein soll. Er ist Hausmeister. Aber er ahnt, dass man bei BWL Geld machen kann. Aber ich glaube nicht, dass ich, wenn ich mit dem Abi überhaupt ein Studienplatz kriege, dass ich ein guter BWLer werde. Also ich habe gar keine Lust auf so was. Ich habe mich auch gar nicht groß erkundigt. Das schlimme ist, ich weiß gar nicht was ich machen soll. Ich habe auf so vieles Bock. Aber auf nichts richtig genug, das ich mir vorstellen kann, den Rest von meinem Leben eine Sache zu machen. Ich habe keinen Plan. Aber ich will nicht irgendwas studieren. Ich dachte daran erst mal durch die Welt reisen. Zumindest durch Europa. Ich habe es nicht geschafft so viel zu sparen. Aber ich könnte ja für Kost und Logis arbeiten. Aber ich kann ja nichts. Also wenn ich das so recht überlege. Ich habe keine Ahnung irgendwas zu bauen, zu verlegen oder zu graben. Das habe ich alles noch nie gemacht. Wenn ich meinem Vater mal so zugucke, der verlegt hier Fliesen, zieht Kabel durch die Wohnung und baut eine Steckdose ein. Stückelt was zusammen, wenn es irgendwo nicht passt. Der kann alles. Und will von mir, dass ich irgendwas mit Computer mache, weil man nichts verdient wenn man Sachen kann die wichtig sind. Also das habe ich jetzt gesagt. Aber sag doch mal selber, meine Eltern schaffen zusammen alles, die könnten ein Haus bauen und einen Garten davor anlegen. Die können alles einfach so. Und ich kann gar nichts. Zocken vielleicht. Ich würde so gerne mehr können aber dafür ist es bestimmt zu spät.

Ach ja, denkt Frieda. Konrad erzählt noch ein bißchen was seine Eltern einfach so können und überlegt sich eine Strategie. Kann man hier mit der „Was ist dein Problem“ Frage kommen? Er weiß genau was sein Problem ist. Er kann nichts. Und das ist ja tatsächlich ein Problem. Und er weiß nicht, was er machen soll. Er muss also raus finden wo seine Talente außerhalb eines PCs liegen.

Und dann fällt Frieda ein, dass da im Sommer eine junge Frau durch ihren Garten gebummelt ist. Freiwilliges Soziales Jahr. Das ist vielleicht die Lösung. Aber kann sie ihm die so präsentieren und ihm dann 100€ aus der Tasche ziehen? Obwohl, bezahlt ja der Onkel.

„Konrad, du bist ja der Ansicht, dass du nichts kannst. Überlege bitte was du tun müsstest um die ganzen Fertigkeiten zu lernen.“

„Na, ne Lehre als Tischler, Maurer, Maler, Elektriker und alles.“ sagt Konrad voller Überzeugung.

„Ok, deine Eltern haben wie viele Ausbildungen?“

Konrad überlegt „Eine, er ist Elektriker und meine Mutter Kindergärtnerin.“

„Ok, und warum glaubst du, können deine Eltern alles?“

Konrad guckt verwirrt. „Na, keine Ahnung. Haben ihren Eltern geholfen oder so was.“

„Also Konrad ich fasse es noch mal zusammen. Dein Problem ist, dass du der Ansicht bist, dass du nicht die Fähigkeiten besitzt, die du gerne hättest, wobei du Menschen um dich hast, denen du jederzeit über die Schulter schauen könntest um diese Fähigkeiten zu erlernen.“

Und so geht es weiter. Konrad muss lernen, dass alles seine Zeit braucht. Mag sein, dass man beim Zocken, an einem Tag die Fähigkeiten drauf hat, die man braucht. Aber bevor man ein Zimmer so tapeziert, dass es richtig gut aus sieht, muss man damit fertig werden, dass es vorher mindestens ein Zimmer gibt, was nicht so geküsst aussieht. Aber dann legt man die ersten Bahnen da, wo mal ein Schrank steht. Nichts klappt gleich. Alles braucht Übung. Und solche Fertigkeiten lernt man auch nicht, indem man ausschließlich darüber liest. Man muss es in die Hand nehmen. Allerdings gehört Konrad zu einer Generation, der man am liebsten jedes Versagen aus dem Weg räumt. Keine Sieger an denen man sich orientieren kann. Kein wirklicher Wettbewerb, den Preise haben auch die Verlierer bekommen. Kein angebrannter Pudding, kein selbst zusammengebautes Regal, das krachend in sich zusammen gefallen ist, keinen Hammerschlag auf den Daumen, der einen darauf vorbereiten konnte, dass nicht immer alles klappt.

Und Frieda denkt an die Zeit, die sie verschwendet hat um Zeit zu sparen. Und am Ende sitzt sie trotz Aus und Weiterbildungen in einem Bauwagen und noch nicht mal das scheint das Ende zu sein. Aber sie glaubt sich zu erinnern, dass sie in dem Alter auch gedacht hat, dass es das jetzt war. Also das alles in einer geraden Bahn läuft. Und mit zwanzig ist sie sich schon erwachsener vorgekommen als jetzt, wo sie doppelt so alt ist. Die erste eigene Wohnung mit dem ersten richtigen Freund, den den man auch auf Geburtstage der Eltern mit nimmt, das fühlt sich schon verdammt erwachsen an. Und man kann sich dann nicht richtig vorstellen, dass sich daran irgendwann mal was gravierendes ändert.

Und wie viele Sachen kaputt gehen und eingesaut werden, weil man sich auf einmal daran gewöhnen muss, dass ist jetzt nicht mehr basteln, das ist richtig was machen und es kostet Geld wenn du es versaust und du kannst auch nicht bis in alle Ewigkeiten damit warten. Aber Eltern nehmen manchmal ihren Kindern zu lange alles aus der Hand. Meist selbst aus Zeit und Geldgründen.

„Schon mal was von einem FSJ gehört?“ fragt Frieda

Konrad winkt ab. „Na ich weiß nicht.“

Frieda versuch sich zu erinnern, was ihr Lucy im Sommer alles darüber gesagt hat. Das man das auch im Ausland machen kann und sich verschiedene Projekte aussuchen könnte. Zwar hört Konrad interessiert zu, guckt aber dann doch missmutig drein. „Ja ich weiß ja nicht was das bringen soll, wenn ich noch ein Jahr rumhänge.“ Frieda ist etwas genervt. „Wenn du eh nicht weißt was du machen sollst, dann kannst du auch so was machen, um vielleicht neuen Input zu bekommen. Du lernst dann bestimmt Sachen kennen, wo du jetzt noch nicht mal daran denken würdest, dass sie dir Spaß machen könnten. Du hast dann einen ganz anderen Horizont.“ und deine Mama kann dir nicht mehr den Arsch hinterher tragen, denkt Frieda noch.

Sie bemerkt, dass Konrad jetzt regelmäßig auf die Uhr guckt. „Keine Angst, ich knöpfe dir nicht mehr Geld ab wenn wir eine halbe Stunde länger brauchen.“ Darum geht’s nicht“ sagt Konrad verlegen. „Ich bin gleich mit Kumpels im Diebels verabredet.“

Ach so, denkt Frieda. Na man muss halt Prioritäten setzen. „Dann lass uns noch mal zusammen fassen. Was hat dir das Gespräch jetzt gebracht?“ „Ich weiß nicht, dass ich ein FSJ machen soll und so.“ Friedas Hals schwillt an. Der Junge sitzt mit dem Kopf schon bei seinen Freunden in der Kneipe. Und sein Onkel hat es vermutlich gut gemeint und ihm die 100€ wahrscheinlich sogar spendiert. In der Hoffnung, dass er danach einen Plan hat. Er hat schon Pläne. Die sollten nur am besten ohne Komplikationen und sehr effektiv um zu setzen sein. Und natürlich Zeitnah. Nun, ihr soll es recht sein. Zu Hause wartet ein fantastischer Mensch auf sie.

„Ok, Konrad. Wenn du jetzt weg musst.“ Sie hält sie Hand auf und Konrad legt zwei 50€ Scheine rein. „Tu dir nur einen Gefallen und verschwende keine Zeit damit Zeit zu sparen.“ Er guckt verwirrt, ist aber schon weg, noch bevor sie die Jacke wieder anziehen kann. Draußen ist es schon sehr Dämmrig geworden und ein leichter Nieselregen lässt die Straßen glänzen. Beschwingt fährt sie durch die Kälte, über die Berliner Brücke zum Garten. Als sie das Hoftor schließt, zieht es ihr Herz zusammen. Oles Haus ist hell beleuchtet, aber ihr Wagen, ihre Festung und ihr Zufluchtsort steht dort leer, dunkel und kalt. Sie geht kurz hin, streichelt mit der rechten Hand über die Wände, legt kurz die Stirn an das bunte, regenfeuchte Holz und leistet kurz Abbitte. Sie weiß, dass das albern ist und das der Wagen sie nicht für eine Verräterin hält. Aber so fühlt sie sich. Gute Nacht mein Heim. Du wirst immer mein Lieblingswagen bleiben, denkt sie noch und ist auch schon unterwegs in den Nachbargarten.

September (2)

Ole ist nicht da. Sie öffnet den Dehydrator, den Ole ihr letzte Woche aus einem alten Schrank, ein paar Leisten, Teichfolie und einer Glasscheibe gebastelt hat. Alle Beeren die sie heute morgen eingefüllt hat, sind trocken und verschrumpelt. Sie holt saubere Blechdosen aus dem Wagen und füllt vorsichtig die Beerenmischung ein. Sieht recht hübsch aus und wird sich auch gut im Müsli machen. Ihre Kräuter trocknet Frieda nach wie vor lieber im Wagen, von der Decke hängend, da man bei Oles Konstruktion nicht die Temperatur regeln kann. Es trocknet einfach nur mit heißer Luft aus. Frieda erntet ihren Mangold ab. Entfernt sie Blattrispen und verteilt die grünen Blätter auf den Einschüben des Trockners. Wenn morgen die ganze Zeit die Sonne auf die Teichfolie unter der Glasplatte scheint, dann könnte der Mangold so trocken werden, dass man ihn zu Pulver zerreiben kann und damit lassen sich bestimmt leckere Sachen anstellen. Und wenn sie nur Kartoffelbrei eine interessante Note gibt.

Frieda werkelt konzentriert. Sie steigt in ihren Erdkeller und bewundert ihre Vorräte um anschließend einen kleinen Hokaido Kürbis zu ernten und ein paar Kartoffeln aus zu graben.

Es kühlt sich merklich ab und Frieda beschließt heute zum ersten mal seit langer Zeit den Ofen an zu werfen. Sie nimmt Papier und Holzspäne und kurz drauf prasselt ein Feuerchen im Küchenherd. Ja, in Oles Ofen wäre das alles schneller gegangen, aber sie hat Zeit und enorme Lust auf ein bißchen Gemütlichkeit. Den Ole ist nicht da und langsam fängt sie an sich zu wundern. Ist er bei Bernd oder Thomas? Sie putzt das Gemüse, schneidet Kartoffelecken und Kürbisspalten, bepinselt alles mit Kräuteröl und füllt es in ihre Auflaufform. Aus ihrem Muschelbeet pflückt sie einen Zweig Rosmarin, den sie über das Gemüse legt und schiebt dann alles in den Ofen, der zwar noch nicht die richtige Temperatur hat, aber auf dem besten Weg ist. Dann setzt sie den Kessel auf. Tee hatte sie schon lange nicht mehr gehabt. Sie nimmt einen Zweig frische Pfefferminze. Aus ihren getrockneten Kräutern wird sie sich wieder eigene Mischungen machen. Am Anfang hat sie immer im Reformhaus die Zutatenlisten von den Sonnentor Tees abfotografiert und nach gemischt. Inzwischen hat sie aber selber ein paar gute Mischungen für Erkältungs-, Entspannungs- und einfach nur leckere Haustees kreiert. Von den Haustees bekommen dann alle Freunde schön bemalte Tüten aus Packpapier zum Nikolaus. Zusammen mit einer Schachtel Plätzchen. Frieda erschrickt. Ist sie diesen Dezember dann noch da? Also wenn sie überhaupt mit fährt, was ja noch gar nicht fest steht. Jetzt wo sie vor ihrem prasselnden Herd sitzt und der Kräuterduft ihres Abendessens durch den wagen zieht, findet sie den Gedanken weg zu gehen, auch nur einen Tag ihre Festung zu verlassen vollkommen absurd. Aber wo ist Ole jetzt gerade. Sie schaut auf ihr Telefon. Soll sie nachfragen? Wirkt das Neugierig? Als würde sie ihn kontrollieren wollen? Sie fasst sich ein Herz und tippt „Alles in Ordnung bei dir?“ Es soll locker aber ein wenig besorgt rüber kommen. Und es kommt auch gleich eine Antwort. „Sorry, nein. Nichts ist in Ordnung. Melde mich später.“

Die Konzentration auf alle Vorhaben ist hin. Frieda kann nicht stricken, oder lesen. Ihr Kürbis Kartoffel Essen bleibt ihr im Hals stecken. Zum Ende stellt sie es zur Seite, öffnet eine Flasche Rotwein, überlegt noch wie dumm das ist, sich mit Alkohol ruhig zu stellen und schenkt sich dann ein Glas ein. Sie versucht wütend auf Ole zu sein, sie mit so einer blöden, nichtssagenden Aussage ab zu fertigen. Wo doch jedem klar ist, dass man sich nach so einer Nachricht voll sorgen macht. Liegt er im Krankenhaus weil er einen Unfall hatte oder ist einfach nur das Projekt geplatzt. Aber sie schafft es nicht wütend zu werden. Sie macht sich nur Sorgen, schließt sie Augen und schickt ihr Herz zu Ole, wo immer er auch ist.

Ihr Schlaf ist leicht und unruhig. Und sie erkennt Oles Auto am Brummen als er an der Straße parkt.Plötzlich ist sie hellwach. Aber er kommt nicht zu ihr. Sie springt aus dem Bett. Sie hat ja wohl ein Recht drauf zu erfahren was los ist. Sie gehören doch zusammen, oder? Sonst würde er sie wohl kaum mitnehmen wollen auf seine Reise, oder? Dann kann er doch jetzt nicht so machen, als wenn es sie nichts angeht, wenn es ihm nicht gut geht. Mit nackten Füssen und im Schlafanzug huscht Frieda rüber. Als sie durch Oles Garten läuft stößt sie fast mit ihm zusammen. Er steht im Dunkeln und man sieht nur die Glut seiner Zigarette leuchten. Er fängt sie ab, drückt sie fest an sich und küsst ihren Scheitel. „Ich bin nicht so gut drauf.“ seine Stimme ist ganz belegt. „Vielleicht bist du heute im Bauwagen besser aufgehoben.“ „Wenn du das willst meinetwegen. Aber wenn es dir nicht gut geht, dann ist mein Platz wohl bei dir, oder?“ Er drückt und küsst sie wieder. „Das musst du aber nicht.“ murmelt er in ihr Haar. „Ich will das aber.“ sagt sie und er drückt seine Zigarette aus und schiebt sie, mit einer Hand an ihrem Rücken ins Haus.

Frieda zerreißt es das Herz als sie Ole bei Licht sieht. Rotgeränderte Augen verraten, dass er geweint haben muss. Schwer setzt er sich aufs Sofa und Frieda schlingt sie Arme um seinen Hals, drückt seinen Kopf an ihre Brust und küsst ihn jetzt ihrerseits auf den Scheitel. „Was ist den nur los?“ „Ach.“ er schiebt sie ein Stück von sich und versucht verlegen zu grinsen. „Meine Oma ist gestorben.“ „Frau Sperling?“ fragt Frieda entsetzt? Ole nickt, zieht die Nase hoch und seufzt schwer. Friedas Augen werden feucht. Sie hätte die alte Dame gerne noch mal gesehen. Nicht ein mal hat sie sie besucht. Frieda schweigt betroffen. Ole winkt ab. „Sie war jetzt 95 Jahre, ist bis vor einem Jahr im Garten rumgewuselt. Als sie das nicht mehr konnte ist es einfach bergab gegangen. Und alle standen da, haben genickt und gesagt, dass 95 ein schönes Alter wäre. Und dann ist sie einfach eingeschlafen.“ Frieda lässt die Finger durch Oles Haare gleiten. „Einfach einschlafen hört sich gut an. Ich hätte sie mir nicht vorstellen können, wenn sie gewaschen und gefüttert werden muss. Ehe wie sie im Altenheim den Schwestern zur Hand geht.“ Ole nickt lachend. „Ja, alles in allem ist es wohl gut so.“ Er schluckt schwer. „Was mich wirklich fertig macht ist aber was ganz anderes. Du kennst meine Oma. Sie hat Schürzen und Kleider getragen, die kannte ich alle noch von meiner Kindheit. Sie hat immer im Garten gestanden, immer ein Bonbon in der Tasche gehabt. Kein Urlaub, kein Zeitungsabo, keine frischen Brötchen, immer nur das Brot vom Vortag in der Bäckerei gekauft. Ich glaube ihre einzige Leidenschaft war guter Bohnenkaffee und immer mal ein neues Knäuel Wolle zum stricken. Und für wen hat sie gestrickt für Ansgar und mich.“ Ole schüttelt den Kopf. „Das haben wir nie so mitgekriegt. Sie sah immer so zufrieden aus, als hätte sie alles.“ Frieda, die nicht aufgehört hat Oles Kopf zu streicheln erwidert „Sie sah nicht nur so aus. Sie war das einfach. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“ Überzeugt von dem was sie gesagt hat ruft Frieda das Bild von Frau Sperling in ihrem Kopf auf. Glückliche Knopfaugen und Apfelbäckchen. Sie hat so gelebt wie sie es wollt. Denkt Frieda und spricht es laut aus.

Ole blickt ihr fest in die Augen.

„Frieda.“ er versucht seine Stimme ruhig klingen zu lassen. „Sie hat über 40 Jahre lang, jeden verdammten Pfennig für meinen Bruder und mich gespart. Wir haben die Sparbücher gefunden.“

Er guckt unglücklich „Und jetzt weiß ich gar nicht ob ich mich überhaupt freuen darf. Ich komme mir so reudig vor. Wie so ein kaltherziger, berechnender Banker.“ er seufzt „Das klappt mit der Buchhandlung, aber so was von. Ich muss noch nicht mal einen Kredit aufnehmen. Wenn wir zurück kommen, dann kann ich los legen. Und es bleibt sogar noch was übrig.“

Dann sagt Ole einen Betrag, der ein weißes Rauschen bei Frieda erzeugt. Zu hoch um für ihr Hirn fassbar zu sein. Aber eine kleine Faser ihres Gehirns meint diesen Betrag in ähnlicher Höhe schon mal gehört zu haben. Allerdings als Kaufpreis.

*

Frieda sitzt draußen am Tisch und sägt konzentriert Weinkorken in Scheiben. Vor ein paar Tagen hatte sie von einem Sperrmüllhaufen einen Bilderrahmen mitgenommen. Ganz einfach, aber aus Holz. Der liegt jetzt auf dem Tisch. Schwarz angemalt mir einem weißen Muster, dass aussieht, als wäre eine Filmrolle um den Rahmen gespannt. Wenn sie jetzt die Korkscheiben mit der Heißklebepistole noch rein geklebt hat, ist das eine praktische, hübsche Pinnwand. Auf die wird dann ein Umschlag mit einer DVD, die es manchmal kostenfrei in Zeitungen gibt, gepinnt. Dazu noch eine Tüte Popcornmais und zwei Tüten Brause. Für einen Kinoabend zu Hause.

Das Tor quitscht und ein vorsichtiges „Frieda, bist du da?“ kündigt Agnes an. Nach einer Umarmung rutscht sie neben ihre Freundin um ihr Machwerk zu begutachten. „Ist das für Micha und Holger zum Geburtstag?“ Frieda nickt. „Ist zwar erst im November, aber ich hatte heute mal die Muse rum zu basteln.“ Agnes guckt sich um „Ole ist gar nicht da?“ „Er hilft gerade seinen Eltern. Mit Papierkram und so. Seine Oma ist gestorben.“ Agnes guckt betroffen „Frau Sperling? Och das ist schade. Die war gut drauf.“

Frieda geht in den Wagen und macht erst mal Kaffee. Holt Kuchen aus der Kuchenbox und baut alles vor Agnes auf. „Wie geht’s dir so? Was gibt es neues?“ fragt sie ihre Freundin.

Die guckt etwas mürrisch. „Ja, wir haben uns nicht so oft gesehen, in letzter Zeit. Jetzt wo du mit Ole zusammen bist.“ „Na du meldest dich auch nicht so oft.“ gibt Frieda zurück. Agnes versucht freundlicher zu gucken „Ja, die Pärchenscheiße geht mir auf den Kranz.“ „Das kann ich verstehen, das weißt du, ich habe bis vor kurzem im gleichen Boot gesessen. Aber was soll ich denn nun machen? Ich habe auch keine Lust so zu tun als würde es Ole nicht geben. Ich versuche ja schon nicht darüber zu reden. Aber wir machen halt recht viel zusammen.“ Agnes schnaubt verächtlich „Ja, ihr hängt nur noch aufeinander rum.“ Friedas Augen werden schmal „Wir sind ein Paar. Ich glaube da bringt es das mit sich, dass man viel gemeinsam macht. Also von zusammen aufwachen, zusammen essen und zusammen einschlafen mal abgesehen. Und wenn ich dir erzähle, das Ole und ich Holz gestapelt haben und dir es schon zu viel wird, dass ich seinen Namen erwähne und ich lieber so tun soll, als hätte ich das alleine geschafft, dann weiß ich gerade nicht, wie ich damit umgehen soll. Es ist ok, wenn du dich nicht für mich freuen kannst. Aber es ist nun gerade so wie es ist und da wird sich, wenn es nach mir geht auch erst mal nichts dran ändern. Im Gegenteil.“ Agnes horcht auf. „Wollt ihr zusammen ziehen oder was?“ Frieda winkt ab und erzählt von ihren Reiseplänen. „Verrückt.“ sagt Agnes. „Aber cool verrückt. Bringst du mir was mit?“ Frieda umarmt ihre Freundin „Na klar. Kümmerst du dich um den Wagen?“ „Na klar.“ sagt Agnes. Und alles ist eigentlich wie vorher. Und Frieda will unbedingt mit Ole sprechen, wegen Thomas. Kuppeln ist zwar peinlich und eigentlich eine Unverschämtheit. Aber sie sollten sich wenigstens mal kennen lernen. Am besten beim Abgrillen nächsten Monat.

*

Eine Beerdigung ist eine wirklich blöde Gelegenheit die Familie seines Freundes kennen zu lernen. Die Stimmung ist gedämpft, aber auszuhalten. Man ist traurig, aber auch froh, dass es Victoria Sperling auf die andere Seite geschafft hat, ohne lange in einem Bett zu liegen und auf Pflege angewiesen zu sein.

Ole hat es schlichtweg für idiotisch befunden, als Frieda ein schwarzes Kleid kaufen wollte. Aber da sie nichts in dunklen Farben hatte, stand sie nun auf dem Gertraudenfriedhof, in Jeans und einem schwarzen Hemd von Ole. „Das hätte sie nicht gewollt.“ hat ihr Ole gesagt „Das du Geld für Sachen ausgibst, die du danach nie wieder an ziehst. Sie hat deine bunten Sachen immer am besten gefunden.“ „Echt?“ wundert sich Frieda. „Ja echt.“ sagt Ole. „sie hat immer von ihrer Gartennachbarin erzählt, die so bunt ist wie ein Papagei und immer fröhlich aussieht. Sie hat gesagt, wenn sie mal schlechte Laune hat, bräuchte sie einfach nur rüber in deinen Garten gucken und dann wäre sie wieder gut gelaunt.“

Das glaubt Frieda zwar nicht, freut sich aber trotzdem über das Kompliment.

Etwas verlegen schüttelt sie Oles Eltern und seinem Bruder die Hände. Ein „schön sie kennen zu lernen“ ist irgendwie unangebracht auf einer Beerdigung. Alle bringen die Zeremonie gefasst hinter sich und fahren dann essen.

Mit jedem bissen Kuchen wird die Traurigkeit runter geschluckt und alle erinnern sich an irgend welche Eigenarten von Frau Sperling und sogar Frieda kann ein paar Geschichte beisteuern. Wie Frau Sperling ihr gezeigt hat Strümpfe mit ordentlicher Spitze zu stricken, worauf Oles Mutter sagt „Na Ole da hast du doch dann jemanden, der dir Strümpfe strickt.“ als Frieda dann sagte „Der hat aber so große Füße.“ wurde gelacht und als dann noch die Geschichte kam, wie Frau Sperling die Männertagsfeier bei Kirschners Christian vor 5 Jahren sprengte um anschließend noch Frau Kirschner die Meinung zu geigen, war die Stimmung am Tisch geradezu ausgelassen.

Der Abschied war herzlich und Ole fuhr mit Frieda Richtung Garten und hielt immer ihre Hand wenn er nicht gerade schalten musste.

*

Ole liegt im Bett als Frieda aus dem Bad kommt. In grauweiß gestreiften Pyjamahosen und einem weißen Tshirt. Er sieht so verdammt gut aus, dass Frieda einen richtigen Kloß im Hals hat, als sie ihn sieht. Sie selber trägt ein Nachthemd in blau mit rosa Sternchen. Als Ole Frieda sieht, legt er sein Buch weg und streckt den Arm aus, so kann sich Frieda in die perfekte Armkuhle kuscheln. Er zieht die Decke noch mal richtig über ihre Schultern und küsst ihren Scheitel.

„Wann lerne ich eigentlich deine Eltern kennen, oder darf ich nicht?“ Frieda lächelt „Natürlich darfst du. Wenn sie mal wieder nach Deutschland kommen. Allerdings wird das erst an Weihnachten sein. Sie verbringen ihre Rente in Spanien.“ Ole ist erstaunt. „Und da besuchst du sie nicht mal?“ „Nö, wir haben uns ein bißchen auseinandergelebt, weil mein Leben etwas anders aussieht, als sie sich das für mich gewünscht hat. Wir telefonieren sporadisch, sehen uns an Weihnachten bei Steffi und da gehen sie mir schon gewaltig an die Nerven.“ Ole streichelt ihre Schultern „Das tut mir leid.“ Frieda drückt sich fester an ihn „Nö, das geht schon in Ordnung. Sie können sich halt nicht vorstellen, dass es mir gut geht und versuchen mich ständig zu retten. Ich bin froh, dass sie in Spanien leben. Jetzt kann keiner mehr mit irgendwelchen Stellenangeboten aus dem Wochenblatt vor der Türe stehen.“

„Aber wir können bei ihnen vorbei fahren wenn du magst.“ Ole versucht Blickkontakt zu bekommen, denn er auch kriegt. Er erklärt gleich weiter „Wir fahren hier los, runter nach Spanien, setzen da über nach Afrika. Wir lassen uns Zeit, fahren jeden Tag nur 500 km und gucken uns auch was von der Gegend an. Wird im Dezember und Januar nicht so prall sein, aber egal.“

„Mit dem Auto nach Afrika?“ fragt Frieda verwirrt. „Nein, mit einem Campingbus. Wir fahren durch Europa, bis zu Bucht von Gibraltar, wo es hoffentlich ein Fluch der Karibik Museum gibt und ich rasiere mich auch jetzt nicht mehr und die Haare lass ich auch lang wachsen. Und für die Schifffahrt kaufe ich mir einen Dreispitz. Dann werden wir in Marokko rumgurken, arbeiten und Ende Februar, Anfang März, kommen Bernd und Inge, übernehmen den Bus, wir fliegen heim und die fahren die Gurke wieder hoch.“

„Das hört sich gut an.“ muss Frieda gestehen. „Ist das nicht alles zu teuer?“ „Die Spesen übernimmt die Organisation für die ich da unten die Kontrollfahrt mache. Der Verlag der sich für die Plantagengeschichte interessiert, übernimmt die Kosten für das Wohnmobil.“ Ole guckt plötzlich ganz beschämt. „Na eigentlich ist es mein Onkel der mir seinen alten Camper überlässt und auch noch zufällig Verleger ist. Also ich bin nicht so fame. Alles Vitamin B fürchte ich.“

Frieda streicht liebevoll über Oles Wangen „Ach du, wenn dein Onkel Geschäftsmann ist, würde er das bestimmt nicht finanzieren, wenn er sich nicht davon versprechen würde sein Geld wieder raus zu bekommen.“

Ole zieht Frieda fester an sich um sie besser küssen zu können. „Da hast du auch wieder recht.“

„Ja und deine Bilder sind ziemlich schön und bunt.“

„Ich steh auf schön und bunt.“ sagt Ole. „Und wenn wir wieder zurück sind und uns noch leiden können, dann musst du deinen Wagen dichter an mein Haus stellen. Damit du nicht mehr so weit weg bist.“

„Wir können auch eine Wand weg reißen und ein Loch in den Wagen schneiden, dann ist das wie ein großes Haus, wenn man es ganz dicht zusammen stellt.“ lacht Frieda.

Ole murmelt müde „Und alles mit einer schönen Silikonwurst abdichten, könnte klappen.“ Und dann ist er auch schon eingeschlafen und Frieda, die vom sanften auf und ab seiner Brust geschaukelt wird, ist nur ein paar Sekunden später in tiefen Schlaf versunken.

Aber wenn man bedenkt, dass Frieda überhaupt noch schlafen kann, obwohl so viel Neues und Ungewisses nur halb angeplant vor ihr liegt und noch unzählige Fragen offen sind, dann ist das ja wohl ein ziemlich guter Monat gewesen.

September (1)

Es wird schon wieder kälter und die Tage kürzer. Schon seit einer ganzen Weile, aber jetzt wird es Frieda richtig bewusst. Mit nasskalten Fingern steht sie da und will die Türe der Buchhandlung aufschließen. Herbst ist aber auch schön. Die Gartenbücher sind schon von Einmachbüchern abgelöst worden und Bildbänden über Tiere im Wald. Anstatt Pflanzenschildchen gibt es jetzt niedliche Klebeetiketten für Marmeladengläser. Frieda liebt das ganze Beiwerk, dass es inzwischen in der Buchhandlung zu kaufen gibt. Aber der Laden läuft nicht so, wie sie es zufrieden machen würde. Herr Töpfer ist inzwischen damit einverstanden auch diese Kleinigkeiten, die im Prinzip nichts mit Büchern zu tun haben, mit zu verkaufen. Aber die großen Buchhandlungen in der Stadt hat mehr zu bieten. Herr Töpfer hat sich auf alte DDR Literatur spezialisiert. Aber davon, dass einmal in der Woche ein alter Opa rein kommt und seinem absolut uninteressiertem Enkel „Oh guck mal, Timur und sein Trupp, hab ich früher gelesen.“ sagt, kann das Geschäft nicht laufen. Und Comics von den Abrafaxen werden inzwischen auf Messen gekauft und nicht in alten Buchhandlungen wo sie schon durch 100 Hände gegangen sind.

Manchmal denkt Frieda daran, was sie aus dieser Buchhandlung machen würde, wenn man sie machen ließe. Und manchmal ärgert sie sich auch über ihren Chef, der gelegentlich den Anschein macht, als wolle er den Karren richtig in den Dreck fahren. Sie würde als erstes dieses bekloppte Lager aus räumen und alles viel besser verteilen und Lesungen veranstalten. Man könnte sich auf ein Sofa setzen und vielleicht einen Kaffee trinken. Vielleicht Poetry Slams, oder Workshops. Und als erstes würde sie Oles Buch ins Schaufenster stellen. Obwohl er wohl die meisten Bücher online verkauft, hat er sich doch ziemlich gefreut, dass sich Frieda so für den Verkauf seines Bildbandes einsetzt. Später fiel ihr in einem kleinen Nebensatz auf, dass er etwas ganz kleines von einem „nächsten Buch“ gesagt hat. Und Friedas Herz ist kurz stehen geblieben. Sie hat sich bis jetzt nicht getraut zu fragen was es mit dem nächsten Buch auf sich hat. Oder mit seinem Projekt. Als sie ihn fragte, ob er gerade dabei ist, sein nächstes Werk zu vollenden, lächelte er nur nachsichtig und meinte er müsse erst mal organisieren, dass er ein neues schreiben und fotografieren könnte. Und Frieda ahnt irgend was. Sie kann aber nicht fragen, weil sie nicht hören will, dass er wieder durch die Welt reißt. Aber er wird auch kein Bildband über Halle an der Saale machen. Dieser Illusion wird sie nicht n hin geben. Aber alle anderen Gedanken sind so schrecklich, dass sie es nicht laut aussprechen wird.

Herr Töpfer schlurft durch die Türe. „Na Frau Flieder, wie sieht es aus.“ fragt er ohne eine Antwort zu erwarten. „Hier ist alles schick.“ antwortet Frieda trotzdem „Wie sieht es denn bei ihnen aus? Wie geht es ihrer Frau?“ Herr Töpfer ist geknickt und sehr erschöpft. „Ach, nicht davon.“ winkt er ab. „Die Kinder sinds Frau Flieder. Ich soll den Buchladen verkaufen. Wir kommen gegen die großen Buchhandlungen nicht an. Meine Tochter sagt zu mir ich würde mir einen einspinnen, wenn ich denken würde, dass sie hier Bücher verkauft.“ Frieda ist erstaunt „Ist sie nicht richtig Buchhändlerin? Ich dachte ja schon, dass sie den Laden hier mal übernimmt.“ Herr Töpfer guckt ärgerlich. „Die feine Dame fährt auf Messen und Lesungen und übernachtet in Hotels und geht fein essen.“ „Und verdient vermutlich etwas mehr als sie hier raus bekommen würde?“ fragt Frieda. „Aber was eigenes, das hat doch Wert. Ich wollte ihr doch immer was geben. Und jetzt sagt sie rotzfrech ich soll das Haus verkaufen und mir von dem Geld ein schönes Leben machen. Die feine Dame hat eine Eigentumswohnung in Leipzig. Jugendstil. Da braucht man kein Stadthaus mit Laden in Halle.“ Herr Töpfers Stimme wird hoch und nasal, als wenn er eine feine Dame nachäfft.

Dann wird er wieder ernst. „Was solls. Nächstes Jahr Ende Februar, wird eine Versicherung ausgezahlt und dann werden die Frau und ich ein kleines Häuschen in Kröllwitz beziehen und das ganze Gedöns hier verkaufen. Überlegen sie es sich Frau Flieder. Ihnen mache ich einen guten Preis. Dann weiß ich wenigstens, dass hier kein Handyshop rein kommt.“ Frieda lacht. „Na dann muss ich noch ein paar Stunden extra gehen und außerdem einen höheren Stundenlohn aushandeln. So 250€ die Stunde und dann habe ich bis Februar so viel gespart, dass ich was anzahlen kann.“ Lachend verschwindet Herr Töpfer im Büro. Frieda bleibt zwischen den Büchern zurück. Als gerade kein Kunde im Laden ist, drückt sie die Stirn gegen die alten Holzregale. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Oder natürlich kann das war sein. Das ist die Strafe für den Versuch zu den Sternen zu greifen. Die paar Wochen mit Ole, die sich so richtig und gut angefühlt haben. Die mussten nur sein, damit sie weiß wie es sich anfühlt komplett zu sein. Sie hat sich zu gut arrangiert. Ihr Leben hat sich so glücklich und Übervoll angefühlt. Deswegen musste sie mal vom Universum auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Und damit es wirkt, kann sie auch gleich mal einen neuen Job suchen. Einen richtigen. Mistjob. Wie ihn die meisten Menschen haben. Wenn man etwas tut, was einem Spaß macht hat man es nicht verdient dafür bezahlt zu werden. Man bezahlt um Spaß zu haben. So wird ein Schuh daraus. Und wenn sie Geld braucht, dann hat sie dass dann im Schweiße ihres Angesichts und mit Widerwillen zu verdienen. Geh in die Knie Frieda Flieder. Und Frieda hängt am Abgrund. Sie krallt sich mit den Fingerspitzen fest und kurz bevor die Fingernägel ab brechen und sie, blutige Kratzspuren hinterlassend, in das schwarze Nichts fällt, klingelt die Ladentüre und Ute steht mit einer Papiertüte vor dem Tresen. Der Kuchenduft holt Frieda zurück ins hier und jetzt. „Du siehst voll Scheiße aus.“ ist das einzige was Ute über die Lippen kommt. Und die Wortwahl ist dem Schreck geschuldet, der Friedas Anblick verursacht. Ute, der dunkle Engel, der seinen Feenstaubblick durch die Welt schickt um Frieda vor der absoluten Krise zu retten. „Ole will wieder in die Welt raus ziehen und die Buchhandlung macht dicht.“ schluchzt Frieda. Und Ute reagiert angemessen betroffen. Sie drückt sich hinter den Tresen, wo Frieda steht und nimmt sie in den Arm. Frieda schüttet ihr Herz aus, verteilt ihr Unglück mit der großen Schippe im ganzen Laden. Ute hört zu. Eine ganze Zeit lang, dann verlischt der freundliche Blick abrupt. „Moment mal, was hat Ole genau gesagt?“ und Frieda will wieder von vorne anfangen, wird aber unterbrochen „Frieda, natürlich kann man sich ein paar Gedanken machen. Aber kläre vorher die Eckpunkte. Und wenn er denn tatsächlich um die Welt reisen sollte, dann ist es wohl ein Zeichen vom Universum, dass du dann keinen Job mehr hast, weil du vielleicht mit reisen sollst.“ Friedas Hirn macht ein Salto und kommt auf einem sehr knappen Treppenabsatz zu stehen. Mehrere Teile ihres Körpers projizieren Bilder vor ihr inneres Auge. Ihr Verstand ist der einzige, der das Bild vom mittellosen Single im eiskalten Bauwagen schickt. Ihr Bauch schickt ihr nur ein Bild von sich und Ole, sie registriert, dass beide kurze Hosen tragen. Ihr Herz schickt ihr ein Bild von Ole und ihr, auf einem Elefanten reitend eine indische Hochzeit abhalten. Da sie nicht so weltbewandert ist, hört sie natürlich deutsche Hochzeitsglocken im Hintergrund läuten und eine Faser ihres Herzens fragt gerade ihren Verstand ob Hochzeits-Zimbeln angebrachter wären. Frieda atmet tief durch und verspricht sich selber einfach ab zu warten was das Universum für sie bereit stellt.

Nach einem Stück selbstgebackenem Kuchen kann sie auch wieder geradeaus denken. Und als Ute geht, kann sie ihren Arbeitstag noch entspannt verbringen.

*

„Der Laden wird verkauft.“ sagt Frieda „Die Buchhandlung macht dicht und mein schöner, bequemer Job hat sich dann vor dem Frühjahr erledigt.“

Ole brummt nur und stapelt weiter Holzscheite unter den Wagen. „Das ist dann ja praktisch.“ erzählt Frieda weiter „Dann kann ich mich im Frühling noch besser um den Garten kümmern.“

Ole blickt kurz auf. „Das trifft sich wirklich. Weil mein Garten kommt ja auch noch dazu.“ Dann schiebt er wieder seine Schubkarre zu dem Holzhaufen, der direkt vors Tor geschüttet wurde und packt sie mit Holz voll. „Und was machst du?“ fragt Frieda vorsichtig. „Ich kümmere mich um mein Projekt und darum Geld heran zu schaffen.“ sagt Ole unbekümmert.

Friedas Stimme wird vorsichtig und leise. „Musst du dazu lange weg?“ „Ein paar Monate schon. Aber das wird das letzte mal. Und du kannst dann auch so lange ganz in meine Hütte ziehen.“ er stellt die Schubkarre ab, geht zu Frieda und drückt sie an sich. „Hm? Das ist doch ok? Oder? Badezimmer im Haus.“

Aber Frieda ist das Badezimmer jetzt gerade völlig egal. Irgendwas steckt in ihrem Hals und wird immer dicker und das atmen fällt ihr immer schwerer. Was ist das hier? Wieso plant er so etwas ohne das mit ihr zu bereden? Wann stellt er sie vor vollendete Tatsachen. Frieda sagt nichts. Sie stapelt Holz unter ihren Wagen. Natürlich zieht sie nicht allein in irgend ein Haus. Der Wagen hier, war, ist und bleibt ihre Festung. Mit allem was drin ist. Und sie wird wieder Strümpfe stricken und lesen und im Schaukelstuhl sitzen und die Katzen werden auf dem Bett liegen. Ja, sie wird sich auch wieder den Po abfrieren und sie wird es hassen morgens aufs Klo zu gehen, aber egal. Sie stapelt konzentriert und versucht sich Besonderheiten einzelner Holzscheite ein zu prägen, damit sie sie wieder erkennt, wenn sie in ein paar Monaten den Wagen heizen.

Ole versucht ein paar mal ihren Blick ein zu fangen und betrachtet sie abschätzend. Aber sie kümmert sich um das einzige, was sie diesen Winter warm halten wird. Nach ein paar Stunden sind vom Haufen nur noch Holzkrümel übrig, die Frieda weg kehrt. „Danke fürs Helfen.“ sagt sie und blickt Ole nicht in die Augen. Sie kehrt mit gesenktem Kopf den Platz.

Sie spürt plötzlich seine Hände auf ihren Hüften liegen. Unerbittlich aber sanft dreht er sie zu sich um, legt die Hand unter ihr Kind und zwingt sie so, ihn an zu schauen. Stahlblaue Augen durchbohren sie und Frieda windet sich. Ole drückt sich an sie. „Ich weiß zwar gerade nicht, was du in deinem Kopf wieder ausbrütest Frau Flieder, aber es scheint unheilvoll zu sein.“ Gegen ihren Willen muss Frieda schmunzeln. Sie ist sich noch nicht sicher, ob sie es gut findet, dass Ole in ihren Kopf gucken kann. Vor allem wenn sich raus stellen wird, dass da wirklich zu viele dumme Sorgen drin sind. „Ich gehe heute zu dem Mexikaner am Reileck.“ sagt Ole betont deutlich. „Ich würde es überaus zu schätzen wissen, wenn ich dich mitnehmen dürfte um dich zum essen ein zu laden. Aber nur wenn das deine emanzipierte Existenz nicht in Frage stellt.“ „Häh?“ Frieda schaut Ole an, nun mit gerunzelter Stirn „Was soll das den jetzt?“

„Na kann ja sein, dass du jetzt keinen hunger hast und dich genötigt fühlst zu essen, oder dass du denkst ich würde dich für arm halten und dich deswegen einladen möchte, oder du fühlst sich fremdbestimmt weil mich ich über deinen Kopf hinweg für mexikanisches Essen entschieden habe.“

„Pfff!“ sagt Frieda „Du bist echt ein Spinner. In einer halben Stunde bin ich fertig.“

„Ich auch.“ lacht Ole und geht zu sich rüber.

Der September ist noch recht warm und deswegen nutzt Frieda auch ihre Außendusche. Ole hat zwar lachend den Kopf geschüttelt und irgendwas von „Stures Weib“ gesagt, aber sie wird das ignorieren. Sie hat jetzt jahrelang hier sehr gerne und gut geduscht, gekocht und gelebt. Sie kann doch nicht beim ersten Anzeichen von Komfort mit fliegenden Fahnen aus ihrem Zuhause stürzen, als hätte sie nur darauf gewartet, dass sie gerettet wird und sich so lange alles schön redet. Also geduscht hat sie hier nie wirklich gerne. Das hat sie nie behauptet. Und im Winter die Katzenwäsche am Spülbecken war jetzt auch nicht so der Bringer. Aber das Ziel war sauber zu werden und das hatte sie erreicht und dazu auch nur so wenig Zeit verwendet, dass es jetzt nicht unerträglich war. Entspanntes Baden hatte sie dann mit Agnes im Stadtbad und das war immer ausreichend. Ihre Dusche erfüllt jetzt an diesem warmen September Nachmittag ihren Zweck und Frieda steht rosig und frisch in ihren geblümten Ballerina-Schuhen geblümten Strumpfhosen und geblümten Schürzenkleid und überlegt kurz, ob die vielen Blumen nicht doch zu viel des guten sind. Aber bevor sie sich noch mal umziehen kann, steht Ole vor ihr. Betrachtet die Sonnenblumen auf ihren Strumpfhosen, die Stiefmütterchen auf ihren Schuhen und die Gerberas auf ihrem Kleid. „Egal wer kommt, ich werde dir keine Rosen kaufen.“ sagt er überzeugt. Frieda ist verwirrt. „Warum nicht? Also ich will gar keine. Ich finde das wirklich bescheuert so Rosen gekauft zu kriegen. Aber warum krieg ich keine?“ Ole verdreht die Augen „Das war ein Scherz, weil du schon so blumig bist. Und ich hab auch geahnt, dass du keine Freundin davon bist abgeschnittene Rosen den ganzen Abend in der Hand halten zu müssen.“ Frieda ist erschrocken „Zu viel Blumen?“ Ole grinst sie an „Ich finde es sehr schön, obwohl eine einfarbige Strumpfhose das Bild etwas entwirren würde.“ „Ich hatte nicht drauf geachtet, aber ich finde das auch. Ich geh noch mal rein und zieh was anderes an.“ Frieda geht in ihren Wagen „Aber nicht weil du es gesagt hast, sondern weil ich es selber gemerkt habe.“ ruft sie noch mal heraus und Ole bricht in schallendes Gelächter aus.

Sie steigen an der Haltestelle Reileck aus. Frieda fährt nicht oft Straßenbahn. Aber Ole hat heute keine Lust Rad zu fahren. Ihm tun angeblich die Oberschenkel weh, wegen dem Holz stapeln. „Ich habe mich heute 1000 mal  hin gehockt und bin wieder aufgestanden. Das waren quasi 1000 Kniebeugen. Ich fahre heute kein Rad. Ich habe eine Viererkarte.“ Und Frieda war es Recht. Sie fühlt sich zwar noch gut, weiß aber, dass sie morgen oder spätestens übermorgen von einem schrecklichen Muskelkater heimgesucht werden wird.

Sie ordern Tacos, Tortillas und gebackenes Gemüse mit Chillisoße. Als der Kellner mit der Bestellung verschwindet und kurz drauf zwei großen Biere vor Frieda und Ole auf den Tisch stellt, prosten sie sich zu. Und Ole beobachtet Frieda sehr genau und sie fühlt sich immer zappeliger unter seinen Stahlblauen Blicken.

„Hat deine Einladung eigentlich einen besonderen Anlass?“ fragt Frieda unsicher. Ole grinst breit. „Ein bißchen schon, ja.“ er nimmt einen Schluck Bier. „Aber keine Angst, es wird kein Heiratsantrag.“ Frieda lächelt „Davor habe ich keine Angst.“ Oles grinst weiter. „Weil du keine Angst vorm Heiraten hast, oder nicht erwartest, dass ich dich fragen würde.“ Frieda wird rot und antwortet nicht. Und sie muss sich eingestehen, dass sie tatsächlich keine Angst hätte zu heiraten. Wäre bestimmt auch mal was anderes. Mit einem Schlenker wirft sie den Gedanken aus ihrem Kopf.

„Es geht um mein neues Projekt. Also um einen Job, mit dem ich so viel Geld verdiene, dass ich mich vielleicht wieder so lange auf die faule Haut legen kann, wie diesen Sommer. Und ich habe auch tierisch Bock auf ein letztes Abenteuer. Ich fahre noch mal nach Afrika. Von Dezember bis März.“

Frieda sitzt da, als hätte man ihr kaltes Wasser über das Gesicht geschüttet. Kein Weihnachten, kein Silvester mit Ole. Wieder alleine als 5. Rad am Wagen und dann nach den Feiertagen eiskalt im Wagen. Obwohl sie es jahrelang gut und bequem, gemütlich und nett gefunden hatte, ist der Gedanke an einen erneuten Winter alleine im Bauwagen plötzlich unerträglich.

„Ich werde mit einem Campingbus durch die Gegend fahren und verschiedene Zulieferer prüfen wie sich an Vereinbarungen gehalten wird. Gehen sie Kinder der Arbeiter zur Schule, oder Arbeiten am Ende doch, wie wird gedüngt, wie sind die Arbeitsbedingungen, und so weiter. Nebenher arbeite ich an einem neuen Buch über Plantagen und die Lebensbedingungen dort, die sich dem fairen Handel verschrieben haben.“

„Hört sich doch gut an.“ sagt Frieda, klingt aber wie betäubt. Weiß auch gar nicht wo sie hin gucken soll.

Plötzlich greift Ole ihre Hand „Ich weiß du bist mit dieser Stadt und deinem Garten fest verwurzelt und du hast immer zu tun und willst nicht weg. Aber ich würde es gut finden wenn du mit kommst.“ spricht das unglaubliche aus und lehnt sich dann wieder im Stuhl zurück, damit der Kellner das Essen auf dem Tisch abstellen kann.

Friedas Hirn explodiert und sie hat 1000 Fragen. „Wir wären dann wieder zur Gartensaison da, oder?“ Ole lächelt mild. „Aber natürlich. Wir sollten uns aber trotzdem Gedanken machen wie es dann weiter geht.“ „Wie weiter geht?“ fragt Frieda verwirrt. „Das ist vielleicht alles noch zu früh, sich darüber Gedanken zu machen, aber ich möchte danach ein Geschäft aufmachen. Ich habe da so eine wirklich gute Idee, wie ich finde.“ „Und die wäre?“ will es Frieda jetzt wissen „Buchhandlung.“ Frieda lacht. „Na was für ein Zufall. Willst du mich auf den Arm nehmen oder was?“ „Nein.“ sagt Ole entrüstet „Das wollte ich schon lange. Eine Reisebuchhandlung wo man auch Zubehör kaufen kann und natürlich online bestellen.“ Ole wedelt aufgeregt mit den Armen um etwas großes zu Beschreiben „So Romane übers Reisen, Reisetagebücher, Kartenmaterial, Wanderstöcke und eben alles.“

Frieda freundet sich beim Essen mit der Idee an. Gemeinsam überlegen sie, wo man am besten ein Ladengeschäft mieten könnte. „Töpfer will verkaufen, nicht vermieten.“ beendet Frieda Oles Überlegungen bezüglich Friedas alten Arbeitsplatzes. „Das ganze Stadthaus, also ich glaube die Wohnungen oben drüber dann auch. Aber die sind auch nicht vermietet. In einer wohnt er und in der oben drüber hat seine Tochter gewohnt.“

Ole schiebt die Unterlippe vor. „Schade, na dann musst du dich an einen neuen Arbeitsweg gewöhnen müssen.“ Und Frieda weiß, sie kann sich an alles gewöhnen, so lange Ole dabei ist.

*

Frieda staubt die Buchregale ab. Sie versucht sich vor zu stellen sie würde bereits in der Reisebuchhandlung stehen. Ob es vielleicht einen kleinen Garten und Kochbereich geben könnte? Oder wenigstens so eine kleines Regal für autarkes, nachhaltiges Leben. Aussteigen aus der Tretmühle, kochen über offenem Feuer, Garten für Selbstversorger. Irgendwie fühlt sich das passend an. Sie sieht sich im Laden um. Er wäre ideal. Wenn man dieses sinnlose Lager ausräumen würde. Durch das Lager durch, gibt es auch noch einen kleinen Innenhof, wo früher die Mülltonnen standen. Nun liegt da Sperrmüll und rottet langsam vor sich hin.

Aber Herr Töpfer hat deutlich zu verstehen gegeben, dass er nichts vermieten möchte. Er braucht das Geld um sich einen schönen Lebensabend zu machen und ein Haus in Kröllwitz ist nicht günstig. Frieda hat den Kaufpreis gleich wieder vergessen. Auch wenn Herr Töpfer sagt, dass es ein Spezialpreis wäre, ist er für Frieda nie auf zu bringen. Also braucht sie noch nicht mal davon zu träumen. Sie überlegt ob sie überhaupt jemanden kennt, der so eine Summe aufbringen könnte. Oder überhaupt so kreditwürdig ist, dass ihm eine Bank das Geld geben würde. Agnes hat immer ein Extrakonto wo 2000 Euro drauf liegen für Notfälle oder Urlaub. Jakob, der Freund ihrer Schwester macht irgendwas mit Aktien und Papieren, was Frieda bestimmt verstehen würde, wenn sie sich nur einen Hauch dafür interessieren würde.

Na vorerst steht ja wohl eine große Reise an. Aber das ist irgendwie noch nicht in ihrem Kopf angelangt. Natürlich würde sie mit kommen. Aber soll sie sich drei Monate vom Ole aushalten lassen? Sie hat keine Geldreserve. Aber das weiß er doch eigentlich. Ihr Erspartes braucht sie am Ende des Jahres für die Pacht, Wasser, Strom und andere Kleinigkeiten. Abwesend bedient sie Kunden, wickelt Bücher in Geschenkpapier, empfiehlt Bücher, oder rät auch mal davon ab. Ein Fetzen Gehirn überlegt und überdenkt pausenlos ihre Situation und wird im Wechsel von Verstand, Bauch und Herz, und ab und an sogar von dieser Trotzdrüse gesteuert.

Als Herr Töpfer den Laden schließt, verabschiedet sie sich seufzend, steigt aufs Rad und fährt nachdenklich nach Hause.