Februar (2)

Frieda bummelt nach Hause, schließt ihr Tor auf und betrachtet ihre Bäume. Das kann jetzt auch warten. Bis morgen oder nächste Woche.

Der Ofen ist ausgegangen und ihr Wagen hat eine ungemütliche Temperatur.

Mit trockenen Zweigen, Tannen- und Kiefernzapfen wird schnell ein Feuer gemacht, dass dem Ofen eine warme Aura verleiht die sich nun ganz langsam ausdehnt.

Währenddessen bringt Frieda die Asche zur Aschentonne neben dem Komposter und geht eine Runde durch ihren nebelgrauen Garten um ein bißchen positive Energie auf zu laden.

Nach solchen Gesprächen braucht die etwas Zeit um alles gedanklich auf zu arbeiten und Wind der das Grau wieder aus ihrem Kopf pustet.

Obwohl es heute doch recht entspannend war. Manchmal kommen Menschen, die schon eine Lösung haben und sie nur noch mal bestätigt haben wollen. Weil sie wissen, dass es eine Menge Wirbel geben wird, wenn sie es so tun und obendrein befürchten, dass ihnen Freunde den Rücken kehren oder die, die sich die einfachste Lösung raus picken und erwarten, sie könnten nach dem Termin zu ihrem Mann gehen „Frieda meint auch ich sollte mir eine Auszeit gönnen, schließlich habe ich auch mal das Recht drauf die Sau raus zu lassen. Deswegen zieh ich aus und fick mich durch die Discos.“

Aber Frieda gibt nur Hilfestellung. Sie hat das Messer, womit der Trauerkloß sein Problem Schicht für Schicht abschälen kann um dann zum Kern zu kommen. Worum es eigentlich geht. Soziale Isolation oder überhaupt die Angst davor scheint die Wurzel allen Übels zu sein. Deswegen wird gelogen und gekauft, geweint und gehasst. Wer hat irgendwann mal gesagt, dass man jeden mögen muss? Man muss nicht jeden mögen. Und jemanden nicht zu mögen ist ja auch menschllich. Das kann einfach so passieren. Weil jemand zur falschen Zeit das falsche gesagt, Spuckefäden im Mundwinkel, Popel in der Nase oder eine nervige Angewohnheit hat. Und dann ist da jemand, den mag man nicht, vielleicht weil er immer zu enge Hosen trägt oder man ihm nicht ins Gesicht gucken möchte, weil überall Metall-Murmeln raus gucken, aber man muss ihn mögen, wegen der Korrektheit. Und dann fängt man an seine Abneigung zu rechtfertigen. Erst vor sich, dann vor anderen und dann befindet man sich in einer Abwärtsspirale.

Es sollte wohl ein Schulfach geben. Stilvolles streiten. Kritik geben, annehmen, aushalten und verarbeiten.

Die Abwesenheit genau dieser Fähigkeiten macht einsam. Man isoliert und verbarrikadiert sich.

An zweiter Stelle auf der Liste der Unglücklichmachern stehen die falschen Wünsche.

Wenn der Wunsch größer als der Ehrgeiz ist, dann war er noch nicht groß genug. Letztes Jahr saß sie mit einer jungen Frau im Stadtpark, die bei Deutschland sucht den Superstar, vorgesungen hat. Nicht nur, dass sie schon beim ersten mal nicht weiter gekommen ist, sie haben noch nicht mal ihr Scheitern im Fernsehen gezeigt. Und sie hat gar nicht vor der richtigen Jury singen dürfen. Sondern nur vor irgend welchen Typen, die sie gleich wieder raus gewunken haben. Und obwohl sie den Traum von einer Karriere als Sangeswunder hatte, war sie vorher noch nie da, konnte weder ein Instrument spielen noch Noten lesen, hatte nicht mal versucht mit jemandem zusammen Musik zu machen, war auf noch keiner Jam Saisson und sang in keinem Chor. Es war ihr sogar peinlich in eine Karaokebar zu gehen. Und unter Schmerzen schälten sie heraus, dass sie einfach berühmt werden wollte. Könnte auch Schauspielerei sein. Und berühmt werden wollte sie um erstens beachtet und bewundert zu werden und zweitens um sich Dinge leisten zu können, die sie noch nicht mal benennen konnte. Kunst, Parfüm, Klamotten und Autos. Und auch hier konnte sie keinen Künstler nennen, dessen Kunst sie gerne besessen hätte, hatte sich nie eine Probe von dem Parfüm das sie gerne wollte, geben lasse, kannte keinen Designer dessen Kleidung sie tragen wollte und hatte noch nicht mal einen Führerschein.

Alles drehte sich meist um Einsamkeit, Gier, Langeweile und Bequemlichkeit. Das Maximale bekommen für den Minimalen Aufwand.

Und weil man das, was man bereits darstellt, nichts erstrebenswertes zu sein scheint, diskreditiert man seine eigene Person immer wieder, indem man vorgibt und anstrebt jemand anderes sein zu wollen. Und dann vergeudet man vielleicht sein Talent, weiße Striche auf der Straße zu ziehen die besonders gerade sind, oder einen Kamin besonders gründlich zu kehren und ist vielleicht ein Chef ohne jede Führungskompetenz, nur weil Führungskräfte gesellschaftlich höher angesiedelt sind als Kaminkehrer oder Reinigungskräfte.

Frieda denkt an ihren ersten Berufswunsch. Sie hätte in der Grundschule ihre sämtlichen Posiealbumbilder, selbst die mit Glitzer drauf, hergegeben um auf einem Auto der Müllabfuhr hinten drauf stehen zu dürfen. Sie fand diese großen, breitschultrigen Männer mit ihren tätowierten Armen so verwegen, wie sie auf den fahrenden Müllwagen aufsprangen, sich nur mit einer Hand festhielten und so durch die Gegend fuhren.

Und da das wichtigste zu sein scheint, wie man an sein Geld kommt, versäumte man auch nicht Frieda, kaum konnte sie „Oma mag Mimi“ schreiben, nach ihrem Berufswunsch zu fragen. Und noch nicht mal mit der Aussicht, dass sich ihre Meinung in den nächsten Jahren vermutlich noch ändern wird, konnte man Friedas Berufswunsch Halles erste Müllfrau zu werden akzeptieren. Auch wenn sie die fröhlichste Müllfrau geworden wäre, die morgens pfeifend zur Arbeit geht, den Kindern von ihrem Stehplatz aus zuwinkt und tolle Sachen im Müll findet. Eine Müllfrau mit Freunden und Hobbys, die gerne Bücher liest und Musik hört, die nette Kollegen und witzige Geschichten von ihren Fahrten zu erzählen gehabt hätte. Nein, man redete auf Frieda ein bis sie sich sicher war Kinderkrankenschwester werden zu wollen. Aber als sie zu tote betrübt in ihrem Großraumbüro Zahlen von einer Tabelle in die nächste schob, an manchen Tagen mit Bauchweh zur Arbeit ging und vollkommen erschöpft und desillusioniert nach Hause kam, da verlor keiner ein Wort.

Und immer wenn Frieda an diese Zeit zurück denkt, wird sie von warmen Glückswellen überrollt, wenn sie sich in ihrem Reich umschaut.

Im Wagen ist es inzwischen warm, ihr Telefon zeigt an, dass der Rosenmontagumzug mäßig interessant war und Micha heute Abend vorbei kommt.

Sie knetet einen geschmeidigen Nudelteig und färbt ihn mit Kurkuma sonnengelb. Mit Hilfe ihrer Nudelmaschine entstehen schnell Bandnudeln, die sie auf der Wäscheleine zum trocknen aufhängt.

Während sie noch schnell aus dem Erdkeller ein Glas Tomatensoße holt, hört sie das Tor klappern und Micha stapft sie Stufen hoch.

Er wärmt sich gerade die Hände über dem Ofen als sie dazu kommt. Auf dem Tisch liegt ein Berg voller Süßigkeiten. „Sind alle ohne Gelatine oder Milchzucker oder so was. Auf dem einen steht sogar Glutenfrei.“

„Danke. Magst du ein paar Nudeln zu den Bonbons?“

Micha nickt, setzt sich auf einen Küchenstuhl und beobachtet wie Frieda einen großen Topf Wasser aufsetzt. Sie legt noch ein paar Holzspäne nach und rückt ihn zurecht, dass er die maximale Hitze abbekommt. Der Topf ist weiß mit blauen Tupfen und weißen Gänsen, die blaue Schleifen um den Hals tragen. In einen orangenen Topf mit gelben Dreiecken, füllt sie die Tomatensoße und stellt sie an den Rand des Ofens.

Verwundet guckt Micha auf die grüne Plastikflasche die neben der Türe steht.

„Deko für die Bäume.“ sagt Frieda schnell. „Du machst tatsächlich aus jedem Müll irgend ein Dekokram. Ich warte auf die Weihnachtsfeier wo Tampons und Teebeutel an den Bäumen hängen.“ „Keine schlechte Idee, wenn man alles vorher in Glitzer tunkt.“

Sie nimmt die Flasche, löst das Etikett und noch bevor das Nudelwasser richtig kocht, hat sie mit einem Teppichmesser den Flaschenboden gelöst und schneidet nun vorsichtig einen Ein Zentimeter dicken Streifen schräg rund um die Flasche bis fast hoch zum Flaschenhals. Dort zieht sie eine Schnur durch und hängt die Flasche an einen Garderobenhaken. Vorsichtig zieht sie an der Plastikspirale. „Das hängt sich noch ein bißchen aus, wenn mal die Sonne drauf scheint.“ „Hübsch.“ nickt Micha anerkennend und nimmt die Nudeln von der Wäscheleine um sie in den Topf zu werfen. Er öffnet den Küchenschrank und nimmt zwei Teller die er auf den Tisch stellt. „Frieda ich weiß nicht ob ich dich das schon mal gefragt habe,“ sagt er stirnrunzelnd und betrachtet die Teller „Aber ich weiß du hattest mal ein richtiges Service. Wo alles zusammengepasst hat. Ganz normale weiße Teller. Was ist aus denen geworden?“ Auf dem Tisch steht ein rosa karierter Teller auf dem sich viele kleine Geishas tummeln und ein hellblauer mit weißen Wölkchen und ein paar dicken Spatzen. „Hab ich verschenkt. Hat mir nie richtig gefallen, ich wollte was buntes. Und da kann ich mich nicht entscheiden was ich am liebsten mag. Deswegen kaufe ich mir immer nur ein Teil, wenn mir was ganz besonders gefällt.“

Was Micha nicht weiß, in den tiefen ihrer Kleidertruhe ist tatsächlich etwas was zusammen passt. In einem Anfall geistiger Umnachtung gekauft. Im Karstadt, viel zu teuer, das war ihr von Anfang an klar. Sie ist fast ein Jahr an dem Tisch vorbei geschlichen und jedes mal hatte sie sich vorstellen müssen, wie jemand ganz tolles mit ihr zusammen am Gartentisch sitzt und frühstückt. Wie Croissants auf diesen Tellern liegen und Kaffee in diesen Tassen dampft. Und irgendwann, an einem Tag wo jemand ohne zu zögern, nachdem er ein zwei Stunden Gespräch hatte, 200€ auf den Tisch legte und ihr sagte, sie solle das nehmen weil es verdient wäre, ging sie mit dem Geld in der Hand in die Stadt und als dann noch ein rotes Schild mit 20% Aufschrift auf dem Ausstellungstisch stand, da nahm es Frieda als Zeichen von oben und entschied sich für zwei Kuchenteller, Tassen mit Untertassen, zwei Müslischüsseln und einem Kännchen. Das Geschirr war weiß, bauchig, hatte einen blauen Rand und viele Blumen. Aber klein und zart. Nicht grellbunt und wild. Die Verkäuferin an der Kasse, packte jeden Teller einzeln in einen dazugehörigen Karton. „Ich habe heute morgen an sie gedacht. Als wir das Set reduzieren sollten haben meine Kolleginnen und ich noch gescherzt ob sie es nun endlich nehmen.“ Augenzwinkernd rollte sie noch zwei Sektkelche in Seidenpapier, „Die gibt es heute gratis dazu.“ legte alles in eine edel aussehende, feste Papiertüte mit dem gleichen Muster wie auf dem Geschirr und Henkeln aus blauem Kordel.

Zu Hause packte sie das Geschirr auf den Tisch, betrachtete es eine Weile und legte es ganz unten in die unterste Schublade. Dort sollte es so lange bleiben, bis der Frühstücksmann kam. Und dort lag es seit fast fünf Jahren. Und keiner blieb zum Frühstück. Es kam noch nicht mal jemand zum Abendbrot vorbei, der bis zum Frühstück hätte bleiben können. Vielleicht wenn sie sich mehr Mühe gegeben hätte. Aber die Zeiten der One Night Stands sind lange vorbei. Nicht nur, dass die Chancen mit dem älter werden ab nehmen, sie will das nicht. Sie will noch einmal richtig verliebt sein und dann alles mit Herz machen. Keine Kompromisse eingehen, nur weil man nicht mehr alleine bleiben möchte. Irgendwann kommt der Frühstücksmann und dann wird Frieda wissen, dass es der richtige ist. Vermutlich leuchtet dann ihr Geschirrset in der Schublade rosa auf oder so was.

„Nudeln sind fertig.“ ruft Micha. Der vielleicht irgendwann mal der Frühstücksmann hätte sein können, dann aber, auch aus anderen Gründen, ein bester Freund geworden ist und diesen Job macht er wie es kein Anderer könnte.

Frieda Flieder hängt 3D Lesezeichen an den Ständer auf dem Tresen. Die mit den bunten Fischen gefallen ihr am besten. Trotz kostenloser Werbelesezeichen, die jedem gekauften Buch mit bei gelegt werden, stehen Kunden auf richtige Lesezeichen. Frieda selbst hat einige, wenn sie aber eins braucht, nimmt sie meistens alte Einkaufszettel oder einen Fetzen Zeitungspapier. Weil nie eins zur Hand ist, wenn man eins braucht. Und irgendwie lagen irgendwann die meisten auf der Ablage im Klohäuschen und dann hatte sie Frieda mit ein paar bunten Reißzwecken an die Wand gepinnt und das sah richtig gut aus. Jetzt kann man auf ihrem Klo Lesezeichen lesen anstatt in ihren Comics rum zu blättern, was im Winter eh nicht passiert.

Die Buchhandlung ist voller Menschen, die ruhig murmelnd auf der Suche sind. Manchmal bedauert Frieda den Umstand, dass die meisten wissen was sie wollen und gezielt gucken. Den Ratlosen stellt sie ein paar Fragen und lässt sie dann die richtigen Bücher lesen. Und diese Kunden kamen immer wieder. Auch zu Zeiten des ebooks. Sie selbst hatte ja auch so eines. Krimis, Liebesgeschichten und kleine Romane die man an einem Sommerwochenende im Garten oder an einem Regenwochenende im Bett lesen konnte, oder in einem Wartezimmer, die konnte man gut in digitaler Form haben. Kochbücher oder andere kreative Zauberbücher, sowie Bücher in die man sich Notizen machen musste, kamen nur in Papierform in Frage. Oder richtige Nachdenkbücher, oder Bücher die einen anstachelten irgend etwas zu tun. Frieda liebte Bücher, die man zuklappte und danach die Welt aus den Angeln heben wollte.

Aber heute wollte keiner die Welt aus den Angeln heben.

Es gab einen bestimmten Schlag Menschen, die mit Frieda verbunden waren. Als sie auf dem Weg in die Buchhandlung die ersten Krokusse sah, wusste sie, dass diese Menschen bald in den Buchläden auftauchen würden. Also machte sie einen besonders schönen Aufsteller frei um alle Gartenbücher zu präsentieren. „Es ist Ende Februar, ist das nicht ein bißchen früh?“ fragte ihr Chef und im selben Moment stürzte eine gemütlich korpulente Dame in einer Altrosa wattierten Jacke und Blumenschal auf das Regal zu „Ahhh, genau das habe ich gesucht.“ rief sie und Herr Töpfer ging milde lächelnd zurück in sein Büro um Frieda mit der Kundin allein zu lassen. Am Ende verließ sie den Laden mit zwei Büchern die voll waren mit Basteltipps, wie man den Garten umgestalten konnte und Vorlagen zum anmalen von Blumentöpfen. Es gab sie überall. Man erkannte sie an den Ständern mit Samentütchen oder an den Wühlkisten mit bunten Schaufeln und Blechblumentöpfchen. Menschen die vom Winter genug hatten. Nicht weil sie wieder in kurzen Hosen und Flip Flops durch die Stadt laufen wollten, sondern weil sie mit dem Frühling wieder neu zu leben anfingen. Mit jedem Samenkorn was in Erde gesteckt wurde. Ob es nun Pflanzschalen auf dem Fensterbrett oder Blumenkästen auf den Balkons waren. Mit jedem Samenkorn wurde Leben verteilt, gute Wünsche und frohe Erwartungen.

Die ersten Krokusse gaben den Startschuss für die ganz Rastlosen und sobald die Forsythien blühten gab es kein halten mehr.

Als sie am Abend in ihrem Wagen sitzt, die beiden Katzen auf ihrem Bett liegen, der Ofen alle warm hält und sie sich ein Marmeladenbrot schmecken lässt, kann sie den Frühling durch den Regen riechen.

Natürlich dominiert immer noch das Bouquet nasse Katzen und Großstadt, aber ganz leise und vorsichtig blinzelt ein Neuanfang durch.

Und wenn dann noch deutlich mehr Sonnenstunden als im Januar zu verzeichnen sind, sie keinen einzigen Clown gesehen hat, Solarlichter im Obi extrem reduziert waren, ein Brot beim backen eine besonders schöne Kruste bekommen hat und Micha ihr leckere Bonbons beim Karneval gefangen hat, dann ist das ja wohl ein ziemlich guter Monat gewesen.

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Februar (1)

Der Kuckuck röchelt zehn mal und kriecht dann erschöpft in sein grellbunt bedrucktes Häuschen.

Draußen prasseln Regenschauer an den Wagen und drinnen ziehen Schwaden von Sandelholz Räucherwerk unter den Nasen von Frieda Flieder und ihrem besten Freund Micha entlang.

„Jetzt gib dir einen Ruck und komm mit.“
„Auf keinen Fall, nimm dir einen Keks und noch eine Tasse Tee.“

„Die Stadt ist in Narrenhänden.“ sagt Micha und winkt mit einer Tageszeitung, die diesen Sinnreichen Satz als Schlagzeile hat.

„Das ist sie immer.“ sagt Frieda bestimmt und schüttelt einen Pinsel in einem Glas Wasser aus, das sofort eine lila Farbe annimmt. „Und das hab ich schon gewusst, bevor sie Deutschlands größte LED Werbewände an die Volkmannstraße bauen wollten.“

„Sie werfen mit Bonbons.“

Frieda zögert kurz. Beim letzten mal waren echt gute Brausebonbons dabei. Aber davon hatte sie nur drei erwischt und dafür einen schmerzhaften Schlag mit einem Schirm kassiert.

Sie geht an ihren Küchenschrank, holt ein Bonbonglas hervor und legt eine Handvoll vor Micha auf den Tisch. „Sind das die aus Erdnussbutter und Kokosmilch?“ kritisch riecht er an einem Cellophanstreifchen wickelt ein hellbraunes Bonbon aus und steckt es seufzend in seinen Mund. „Sie sind diesmal nicht so hart geworden, sei mal besser vorsichtig mit deinen Blomben.“ „Sag doch beim nächsten mal Bescheid wenn du wieder Bonbons kochst, ich wollte dir mal über die Schulter gucken. Aber ich muss auch gleich los, bin mit Holger verabredet. Der wollte sich den Rosenmontagsumzug unbedingt angucken.“ Micha nimmt vorsichtig einen Stein, den Frieda gerade bemalt hat in die Hand und ließt schmunzeln die Aufschrift. „Es war so klar, kaum regnet es mal einen Tag nicht und die Sonne scheint mal für eine viertel Stunde, da scharrst du schon mit den Hufen.“ aufmerksam betrachtet er die großen Kieselsteine auf dem Küchentisch. Ein paar hatte Frieda bei ihren Spaziergängen mitgenommen, im Hufeisensee oder am Kanal gefunden. Nun hatte Frieda weiße Kreise drauf gemalt und in lila Schönschrift Petersilie, Salbei, Rosmarin und Thymian drauf geschrieben. Sobald das getrocknet ist, werden in grün ein paar passende Kräuter gemalt.

„Es ist Februar, ein Schneeglöckchen ist nicht das Zeichen, dass es nicht mehr friert. Ich komm morgen noch mal vorbei. Da will ich nicht sehen wie du deinen Acker umgräbst. Diesen Monat ist noch Ruhe.“ Micha steht auf, zieht sich seine Jacke über und seine Mütze auf, beugt sich zu Frieda runter um ihr einen Kuss auf die Stirn zu hauchen. „Bis dann.“ sagt er und Frieda hört seine Schritte auf den Holzstufen runter poltern.

Sie betrachtet die Steine die vor ihr liegen. Petersilie, Salbei, Rosmarin und Thymian. Parsley, Sage, Rosmary and Thyme. Ihr Lieblingsliebeslied. Scarborough Fair. Zwar sind die Forderungen die da an den Geliebten gestellt werden ein bißchen unverschämt und man könnte anzweifeln ob überhaupt eine Beziehung gewollt wird, aber da Frieda an die große Liebe glaubt und auch hoffnungslos romantisch ist, pflanzt sie jedes Jahr Petersilie, Salbei, Rosmarin und Thymian für die Liebe. Damals in der Wohnung gab es bunte Blechkästen, einen Suppentopf oder eine kleine Obstkiste, jetzt steht neben der Treppe eine alte Sandmuschel vom Sperrmüll, die halb in den Boden eingegraben, recht adrett aussieht. Frieda Flieder ist auch eine große Steinsammlerin und ihre Schürzentaschen sind immer ausgebeult, weil sie selbst auf geschotterten Parkplätzen irgend was schönes, rundes und glattes entdeckt, was dann wie von selbst den Weg in die bunten Höhlen ihrer Taschen findet und dann, von ihren Fingern warm gestreichelt, mit einem guten Wunsch und einem Luftkuss zu seinen Steinfreunden gelegt wird.

Die vier glattesten und größten hat sie jetzt als Schilder gut gebrauchen können und wenn es in ein paar Wochen wieder wärmer wird, werden sie entzückend aussehen.

Frieda betrachtet zufrieden ihr Werk. So lange es jetzt trocknet, wird sie spazieren gehen. Natürlich nicht in die Innenstadt. Noch nicht mal zum Bahnhof. Die Straßen sind voller Faschingsfreunden und Frieda ist zwar eine Freundin der wilden Muster und bunten Farben, bekommt aber immer leichtes Sodbrennen bei einem Clown, der älter ist als neun. Es sei denn es wäre Oleg Popow. Und da aus den umliegenden Dörfern viele Menschen nach Halle rein fahren um sich dort das Rosenmontag Spektakel an zu schauen, ist die Wahrscheinlichkeit einen Clown am Bahnhof zu treffen sehr hoch. Vor drei Jahren, sie wollte nur kurz zu Karstadt rein um sich neue Batterien in ihre Armbanduhr machen zu lassen, die am Sonntag vor Rosenmontag einfach stehen geblieben ist, kamen zwei als lila Kühe verkleidete Frauen freundlich auf sie zu und boten ihr zwei Zopfspangen an, damit sie ihr „Pipi Langstrumpf“ Kostüm komplettieren könnte. Nein, das spart sie sich.

Sie legt noch ein Stück Kohle in den Ofen, zieht sich ihre Jacke an und verlässt den Wagen und ihr Reich um durch die Straßen zu bummeln, an den Kleingärten und an den Tennisplätzen vorbei bis hinter zum Fußballplatz und dann alles wieder zurück.Ein paar Hundebesitzer werden freundlich gegrüßt und sie grüßen zurück. Wenn sie an grauen und trüben Tagen spazieren geht, hat sie es sich zur Angewohnheit gemacht, erst zurück zu gehen, wenn sie drei Dinge gesehen hat, die sie froh machen. Da Frieda Flieder sich über so ziemlich alles freuen kann, geht das oft ziemlich schnell. Selbst in einer Stadt wie Halle. Über den Acker neben den Tennisplätzen läuft eine Hasenfamilie, auf dem Weg findet sie einen roten Plastik Schlüsselanhänger mit Ring und in einem der Kleingärten sieht sie einen älteren Herren, der die Bäume beschneidet. Das bedeutet, dass sie theoretisch auch schon ein bißchen los legen kann, sie ist nicht schon wieder die erste. Auf dem Weg nach Hause findet sie eine achtlos weggeworfene Plastikflasche, die nicht wie die meisten farblos ist, diese ist hellgrün. Das gibt ein prima Baumschmuck und Frieda sieht es als Zeichen sich heute um ihre Bäume zu kümmern.

Als sie ihr auf ihr Tor zusteuert, steht eine graue Frau davor. Das Gesicht ein wenig aufgedunsen, das Make Up zwar routiniert aber ungeschickt gewählt und aufgetragen. Die Absätze der Stiefel mit den Fransen sind schief runtergetreten, die Hose mit einem glitzernden D&G Emblem über den Po, eine wattierte, rosa Jacke mit Kunstfellkragen. Die Finger sind beklebt mit falschen Nägeln von der günstigen Sorte und sehen deswegen aus wie dicke Krallen. Durch die Strass-Steinchen wirken sie nicht schöner. In einer Hand hält sie ein Smartphone und die andere Hand hält eine Zigarette. Wild wischt die Zigarettenhand über das Smartphone. Auf den ersten Blick eine bunte Erscheinung. Aber auf Frieda wirkt sie so staubgrau, als wenn diese Frau, die vielleicht erst Anfang 30 ist, nur bunt wirkt, weil die Farben, die sie aus ihrer Umgebung absaugt, noch kurz aufblitzen, bevor sie verdaut werden.

Frieda blickt durch das Tor zu ihren Bäumen. Sie werden wohl auf ihre neue Frisur noch eine Weile verzichten müssen.

„Wollen sie vielleicht zu mir?“

Verwirrt taxiert die graue Frau Frieda. Ihr Blick verrät Zweifel.

„Ich wollte hier zur Lebensberatung.“

„Ja zu mir, hatten wir einen Termin ausgemacht? Ich mach das nämlich nicht in meinen Privaträumen.“ Friedas Stimme verrät Souveränität.

„Nein, jemand aus dem Garten hat davon erzählt und ich bin spontan mal vorbei gekommen.“

Frieda denkt, nein, so spontan war das nicht, du spielst seit Wochen mit dem Gedanken vorbei zu kommen, aber hast dich nicht getraut. Aber heute wo alle Fasching feiern und fröhlich sind, hast du es nicht mehr ausgehalten und bist hier her gekommen. Du willst reden, aber eigentlich auch nicht. Und wenn ich dich jetzt weg schicke, dann kommst du nie wieder.

Laut sagt sie „Ich habe Zeit. Ich bringe nur schnell meine Sachen rein und dann können wir los gehen.“

„Wohin?“

„Spazieren war ich schon und es regnet ständig, ich würde sagen wir gehen ins Bowling Center. Trinken da Kaffee oder so was.“

Überrascht nickt die graue Frau und bleibt befangen so lange am Tor stehen bis Frieda wieder zurück ist.

Das Bowlingcenter ist nicht weit weg. Für Frieda noch nicht mal ein richtiger Spaziergang. Doch die graue Frau atmet schon nach der Hälfte des Weges schwer. Sie hätte lieber die Straßenbahn genommen. Aber da es erstens nur eine Station gewesen wäre und man zweitens knapp zehn Minuten warten müsste, ordnet Frieda einen Fußmarsch an. Der im übrigen auch nur knapp zehn Minuten dauert. Im Center sind um diese Uhrzeit kaum Bahnen besetzt, es ist noch recht ruhig. Hat auch eben erst aufgemacht. Frieda holt zwei Kaffee und sucht sich mit der grauen Frau einen etwas abgelegten Tisch.

„Verrätst du mir noch deinen Namen?“

„Tschuldigung, Bianca,“

„Ok Bianca, was hat dich hier her getrieben?“

„Dazu müsste ich ein bißchen ausholen.“

„Wir nehmen uns die Zeit die wir brauchen.“

„Ich weiß gar nicht wo ich Anfangen soll.“

„Beschreibe doch einfach mal den Tag vor dem Tag als du dich entschieden hast mit jemand anderem zu reden.“

Biancas Geschichte

Laut klappern die Schlüssel an den Briefkasten, als ich das Tor zur Hölle aufmache. Tatsächlich ist wieder ein Umschlag drin. Ich rufe mich sofort zur Ordnung. Keine Hoffnung machen. Trotzdem schlägt mein Herz ein bißchen schneller. Nur die Ruhe. Erst mal hoch gehen, dann rein kommen, Kaffee machen und in Ruhe an den Tisch setzen und dann den Brief in aller Ruhe aufmachen. Ich mach den Umschlag aber schon auf dem Weg ins Treppenhaus auf. Aber eigentlich nur um die kleinen Lichtblitze im dunkeln zu sehen, die für einen Wimpernschlag erscheinen, wenn man die Umschläge auf macht und dabei die Gummierung auseinander zieht. An meiner Wohnungstüre im dritten Stock angekommen, ärgere ich mich über die Fußmatte. Ich hatte mir eine richtig schöne gekauft. Eine Pinke, mit Krone und Prinzessin Aufschrift. Die im fünften Stock hatten eine Party, danach war die Matte weg. Jetzt liegt da wieder die Graue.

Ich steh in meinem viel zu engen Flur und als ich die Jacke in den Flurschrank hängen will reißt der Haken aus der furnierten Spanplatte und alles kommt mir entgegen. Der Flurschrank ist alt, wie die meisten meiner Möbel. Ich stehe in der Küche und kann es nicht mehr aushalten. Ich nehme den Brief aus dem Umschlag. Lege ihn aber wieder hin. Doch erst Kaffee machen. Ich könnte den Brief gleich so weg werfen. Dann könnte ich mir einreden, dass es meine Entscheidung war diesen Job nicht an zu nehmen. Dann wäre es meine Entscheidung dem arroganten Miststück am Empfang nie wieder begegnen zu müssen. Und während die ganzen Idioten dann morgens mit einem scheiß Latte Maciado in ihrem stickigen Meeting-Raum sitzen, dreh ich mich noch mal um im Bett.

Der Kaffee tröpfelt durch die Rohre der Kaffeemaschiene und ich sitze mit dem Brief in der Hand am Küchentisch.

Wenn es aber doch geklappt hätte. Warum würde das Arbeitsamt Umschulungen zum Medien Designer finanzieren, wenn es nicht genügend Jobs geben würde. Aber warum finanziert mir das Arbeitsamt eine Umschulung, wenn ich mich ein paar Wochen drauf bei einem Vorstellungsgespräch in einem Callcenter melden soll. Die hatten doch gesagt, dass ich gute Chancen hätte, weil sie die ganzen Typen, die so was studiert haben nach irgend einem Tarif bezahlen müssen und deswegen gerne auf Leute zurück greifen, die fast das gleiche können, aber nur ein normales Gehalt bekommen.

Ich schenke mir einen Kaffee ein. Drücke noch zwei Zückli in die Tasse und stelle diese auf meine neuen Platzdeckchen, die ich bei Xenos günstig erstanden habe. Bambus und Steine. Passend zu den Wandtatoos.

Ich träume davon in einem Jacket, mit einem Cofe to go Becher und einer Tüte mit einem frischen Buttercroissant in der Hand zur Straßenbahn zu flitzen. Auf High Heels. Und jeder kann sehen, die Frau ist unterwegs zu ihrem Job und sie hat Spaß dran. Ich würde mit einem freundlichen guten Morgen durchs Foyer fliegen und in meinem Büro den Kaffee und die Bäckertüte auf den Schreibtisch stellen, meinen Computer hoch fahren und meine Mails checken. Meine Kollegen würden mich fragen wie mein Tag war und wir würden uns vielleicht verabreden. After Work Disco. Oder ins Kino, einfach mal so. Und danach was im Millers essen gehen. Einfach so. Ich würde mir bei Douglas ein Parfüm von Jil Sander kaufen. Ich würde mir neue Möbel kaufen und einen großen 3D Fernseher. Ich würde aufhören zu rauchen, ich würde aufhören alleine in der Wohnung zu trinken, ich könnte früher aufstehen und ich würde dann auch öfter spazieren gehen.

Und dann schaue ich den Brief an. Und jemand klappt meine Schädeldecke weg und schüttet mir kaltes Wasser auf mein Hirn, dass direkt am Rückgrat entlang nach unten läuft. Mein Jochbein kribbelt und mein Herz schlägt langsamer. Mein Körper hat es schneller gemerkt als mein Hirn. Sie wollen mich nicht. Ich versuche tiefer zu atmen. Den in meinem Körper entsteht ein Vakuum. Ich bestehe nur aus dieser Hülle. Außen billig, innen verbrannte Kruste. Sie wollen mich nicht haben. Ich muss den Kloß in meinem Hals schnell runter schlucken, weil sonst mein Kehlkopf zerdrückt wird. Sie wollen mich nicht haben. Ich bin unterqualifiziert? Was soll das heißen? Ich habe ein verdammtes Zertifikat. Ich passe nicht? Was soll das heißen? Ich kann mich anpassen. Ich muss doch aber erst mal gucken wem und wie. Sie wollen mich nicht haben.

Statt dessen sitze ich zwei Stunden später in einem Konferenzraum. Mit anderen Langzeitarbeitslosen. Die sich alle in diesem Callcenter bewerben sollen. Es stinkt nach ungewaschenen Menschen, nach Alkohol und sogar nach Pisse. Der Personaler des Callcenters guckt angewidert in die Runde. Ich gehöre nicht zu denen. Bitte seh, dass ich nicht zu denen gehöre. Der Vollassi neben mir hat sein Zeug in eine Plastiktüte gesteckt. Dosen klappern. Er riecht nach Zigaretten. Ich könnte kotzen. Die wollen nur einen Schein, dass sie da waren, damit sie keine Bezüge gesperrt kriegen. Ich gehöre nicht zu denen. Sieht das denn keiner? Der Personaler leiert seinen Text über die Firma runter und über die Arbeit, die uns erwarten würde. Nichts verkaufen. Inbound. Also man wird angerufen und nimmt z.B. Bestellungen entgegen. Und dann dürfen wir den Raum verlassen, haben eine Pause und wer wirklich Interesse hat, der soll nach der Pause wieder kommen, die anderen können sich ihren Schein abholen. Ich stehe vor dem Gebäude und rauche, die anderen stellen sich einfach dazu. Wir werden schräg angeguckt. Ich gehöre nicht zu denen. Alle wissen es besser. Natürlich muss man was verkaufen und die Arbeit ist voll schlimm und man hat Quoten Druck und in Schichten Arbeiten geht ja schon mal überhaupt nicht und schon gar nicht am Wochenende. Wann soll man denn leben? Und den Mindestlohn können sie sich an den Hut stecken. Dann holen alle ihren Schein und keiner geht in den Konferenzraum. Alleine möchte ich aber nicht bleiben. Ich nehme meinen Schein und gehe wieder. Die Frau am Empfang, die mir den Schein gibt, guckt freundlich. Lächelt sogar. Behauptet es wäre schade. Sie hat einen Cofe to go Becher auf ihrem Schreibtisch stehen. Und einen Bilderrahmen mit einem schönen Mann und einem schönen Kind. Ich gehe ohne mich um zu drehen. Ich gehöre nicht zu denen.

Frieda Flieder bekommt ein schweres Herz. Sie glaubt zu wissen, wo das Problem liegt. Darf es aber nicht sagen. Das Problem muss vom Besitzer erarbeitet werden. Es gibt nichts geschenkt. Jeder Lösung ist individuell und verlangt nach vielen Gedanken und sogar Tränen, weil man sich manchmal von falschen Vorstellungen verabschieden muss.

Und Frieda erlebt so was oft. Wenn man lange Arbeitslos ist, scheint man sich zu isolieren, weil man sich selber nicht mehr wert schätzt und seine Sinnlosigkeit nicht öffentlich zur Schau stellen will, vergräbt man sich. Sitzt vor dem Bildschirm und guckt Werbung und denkt zwangsläufig irgendwann, dass alles, was man in Intervallen präsentiert bekommt ein Muss ist. Das es ganz normal ist alles zu besitzen. Das man weniger Wert ist ohne irgend ein Produkt, das die Haut weicher und die Raumluft frischer macht. Und egal wie viel von dem bißchen Geld, das eh schon vorne und hinten nicht reicht, man ins KIK oder zu H&M trägt, man ist keine Ally Mc Beal, man ist keine Carry und keine Samantha. Aber nur das scheint erstrebenswert. Entweder man ist das, oder wie einer aus dem viel beschimpften, trotzdem oft gegucktem Assi TV. Etwas normales dazwischen, scheint es nicht geben zu können. Entweder ist man jemand der ohne nachzudenken Konsumieren kann, oder jemand der mit sehr Bescheidenen Mitteln es zumindest so aussehen lassen möchte oder halt ein „Assi“.

„Ok, was genau ist dein Problem?“

„Na ich bin Arbeitslos.“

„Ok, warum ist das ein Problem?“

„Na weil ich kein Geld habe, Das bißchen Harz 4 reicht doch nicht.“

„Also ist dein Problem, dass du zu wenig Geld hast? Weil ich kenne eine Menge Menschen die ihre 40 Stunden arbeiten und trotzdem zu wenig Geld haben. Was ist also dein Problem?“

„Ich habe zu wenig Geld.“

„Ok, du hast zu wenig Geld. Warum ist das ein Problem.“

„Na,“ Bianca runzelt die Stirn „Ich kann mir nichts kaufen. Ich kann mir keinen Wunsch erfüllen.“

„Ok, du hast schon Geld, kannst dir aber keine Wünsche erfüllen. Wenn du jetzt den Job für das Geld hättest, was würdest du tun?“

„Na, ich würde mal schick ausgehen. Mal essen gehen.“

„Also ist dein Problem, dass du nicht essen gehen kannst? Warum?“

Bianca scheint jetzt vollends verwirrt.

„Also so richtig ist das kein Problem, ich kann ja auch zu Hause essen. Es wäre halt nur mal schön.“

Und so prasseln fast unbarmherzig Fragen auf Bianca ein. Und sie redet sich um Kopf und Kragen. Und Frieda tut es leid, weil sie es verstehen kann. Wie oft war sie in Leipzig, ist durch kleinen Läden gestolpert. Butlers, der Laden für alles was schön ist. Und die anderen Läden mit Kissenbezügen, Toastern, Schrankknäufen, Teesieben in U-Boot Form und Salatbesteck in Gitarrenform und Notizblöckchen in Wurstform und Tabletts die groß genug für ein Glas und Schüsselchen die klein genug für eine halbe Kiwi sind und Buchstaben zum hinstellen und Deckchen zum hinlegen. Und Frieda hatte Geld. Aber auch nie genug. Und dann kauft man noch eine bunte Zeitschrift, wo die Redakteure erzählen was sie dieses Jahr zu Weihnachten verschenken und da gibt es für die kleine Schwester einen Helm von Luis Vitton für 800€ und für die Nachbarin ein Thermalwasser-Spray für 50€ und für den besten Freund ein Probetraining für Timpersports für 150€ und man fragt sich ob man im falschen Film ist.

Und Frieda durchströmt ein warmes Glücksgefühl. Hier am klebrigen Tisch an der Bowlingbahn. Sie hat ihren Weg gefunden. Und wenn es ihre Art wäre, dann würde sie runter gucken. Runter auf SUV Fahrer, runter auf Cofe to go Trinker – wie schlecht kann ein Zeitmanagement sein, wenn man nicht mal Zeit hat einen Kaffee im sitzen zu trinken? – runter auf Menschen die ohne Rücksicht auf anderes Leben konsumieren. Wie kann ich Genschenke vom Universum erwarten, wenn ich ohne Bedenken Dinge konsumiere, für die andere unwürdig ausgebeutet werden. Aber die Anderen…. die haben ihr schlechtes Karma halt im nächsten Leben ab zu arbeiten. Und Frieda glaubt fest daran, dass alle Menschen die sich zum Beispiel Perrier oder Vittel Wasser in den Rachen kippen im nächsten Leben mit einem wunden Schnabel, in einem ausgetrockneten afrikanischen Wasserloch nach jedem Tropfen Flüssigkeit einzeln picken dürfen. Es ist natürlich, immer nach Höherem zu streben. Aber wer hat irgendwann angefangen zu denken, es wäre was Besseres oder Höheres alleine auf 80m² Altbau zu wohnen. Was ist daran erstrebenswert sich Raum erkaufen zu können in dem man dann alleine sitzt

Aber sind diese Gedankengänge die richtigen für Bianca. Was sie tatsächlich braucht sind Kollegen und Freunde. Aber keine mit Anzug in einem Meeting und Coktails, sondern solche mit Gläschen Sekt und Tüte Chips beim DVD Abend. Nach zwei Stunden hatte man nämlich inzwischen ausgearbeitet, dass diese Isolation und Einsamkeit den Grauschleier über ihr Leben gelegt haben. Mit vielen Menschen von früher redet sie nicht mehr, weil sie sich schämt und mit den anderen möchte sie nicht reden, weil sie nicht dazu gehören will. Wenn sie anfangen würde mit Stefan rum zu hängen, würde es zwei Wochen dauern und da würde sie am Büdchen stehen. Morgens zum Frühstück. Sich dagegen zu wehren, die Selbstdisziplin hat sie nicht. Einmal drinnen in der Mühle, würde sie unweigerlich zerrieben werden, bis nur noch graue Asche übrig wäre.

Aber irgendwann kommt auch der Punkt, da fällt es nicht mehr so leicht mit anderen zu reden, mit zu machen. Freundschaften zu schließen.

Und Frieda nimmt Bianca das Versprechen ab, sich diese Woche noch in dem Callcenter zu bewerben. Nicht vom Amt hingeschickt werden, sondern selber die Bewerberhotline anrufen.

Richtig ernsthaft ran gehen.

Nein, Callcenter ist kein Traumjob, aber auch kein Albtraumjob. Frieda kennt Leute die dort arbeiten und eben ganz normal arbeiten. Mal was zum ärgern haben, mal was zum lachen, viel zum lästern und viel zum tratschen. Im Callcenter arbeiten dicke, dünne, schlaue, dumme, alte, junge, schöne, häßliche, witzige und langweilige. Und bei so vielen Leuten, finden sich bestimmt ein paar, mit denen man auf eine After Work Party gehen kann, oder wenigstens in der Pause eine zusammen rauchen kann.

Und nach zwei Stunden, sitzt Bianca da. Erschöpft wie nach einem Marathon. Ihr Problem ist noch lange nicht gelöst. Sie braucht jetzt ein bißchen Mut. Aber sie sieht ein zuversichtlicher aus und ihre Gesichtszüge haben sich entspannt. Ihre roten Augen verraten die Anstrengung sich gegen das offensichtliche zu wehren. Aber die anderen, warum haben die und nicht ich. Unfair. Ich will aber. Aber da sie genauso viel Talente und zündende Ideen wie Ehrgeiz hat, wird sie wohl einen Gang zurück schrauben müssen.

„Und ich weiß nicht ob dir French Manikür so wirklich stehen würde. Ich glaube du bist ehe der Typ für lang und mit Strass-Steinchen.“

„Findest du das auch gut?“ zufrieden betrachtet Bianca ihre Fingernägel.

„Nein. Ich finde es recht strange. Aber da drauf kommt es nicht an.“

Bianca guckt beleidigt.

„Aber Bianca, soll ich dir den Schnitt für ein Schürzenkleid geben? Bestimmt beneidest du mich um das gestreifte hier?“

Bianca bricht in Lachen aus. „Ne Kittelschürze? Ich frage mich schon die ganze Zeit was das soll. Ne danke. Nicht mein Fall.“

Frieda versucht nun auch beleidigt zu gucken. Bianca versteht und schiebt ihr lächelnd einen 100€ Schein über den Tisch.

Frieda überlegt kurz, zahlt damit den Kaffee, steckt sich fünfzig Euro ein und schiebt Bianca den Rest zurück. Ist ok, sagt ihr Blick, ein stummes aber leuchtendes Danke kommt zurück und Beide gehen nach Draußen.

„Alles Gute.“ wünscht Frieda von ganzem Herzen.

„Danke. Machs gut.“ sagt Bianca und beide gehen wieder getrennte Wege.

Januar (2)

Während Götz Alsmann durch die Box mitteilt, dass man am besten ganz leicht küssen sollte, hat der Hefeteig in der weißen Emailschüssel mit blauem Rand, schon ein beachtliches Ausmaß angenommen. In der Backröhre röstet gerade ein neues Nussmüsli aromatisch vor sich hin und auf dem Herd steht ein Topf, auf dem die Kartoffeln und Möhren vor sich hin dämpfen. Frieda schüttet gerade eine Portion Sojabohnen zum einweichen in eine Schüssel, als es an der Türe klopft.

„Es ist offen!“

Agnes kommt rein, sie trägt einen grauen Hosenanzug und eine schwarze Softshel Jacke, die sie nun auszieht und an die Garderobe hängt. Ihr Stiefel lässt sie in dem kleinen Vorraum stehen um dort in ausgelatschte Gästepantoffeln zu steigen. Schweigend kommt sie rein, umarmt kurz ihre Freundin und lässt sich seufzend in den Schaukelstuhl fallen.

„Sag nicht, dass du schon wieder im Stress bist, dass Jahr hat erst angefangen und du siehst schon wieder aus, als wenn du fällig für den nächsten Urlaub wärst.“

„Und du siehst aus, als wenn du gerade aus dem Urlaub kommen würdest.“

„Komm ich ja auch. Ich war bis gestern bei meiner Schwester und davor bei den üblichen Verdächtigen. Den ganzen Tag im warmen sitzen, essen und spazieren gehen ist nicht wirklich anstrengend.“

„Ach komm.“

„Ja, vielleicht war ich der zehnten Runde Uno mit Connys Jungs nicht mehr ganz so entspannt, aber an und für sich, alles schick.“

„Du lässt dich eben nicht stressen, weil du nur machst was dir in den Kram passt.“

Frieda nimmt eine Tasse mit bunten Eulen aus dem kleinen Küchenschrank, hängt einen Beutel Kräutertee rein und kippt heißes Wasser aus dem Kessel drauf.

Schmunzeln reicht sie ihrer Freundin die Tasse und setzt sich auf die Holztruhe neben dem Schaukelstuhl.

„Das klingt ja recht rücksichtslos. Willst du mich nicht mal ein bißchen stressen, damit es wieder ausgeglichen ist?“

Grinsend blitzt Agnes zu Frieda. „Du fährst morgen zu meinen Eltern und ich setze mich hier in den Schaukelstuhl und lese ein bißchen und trinke Tee und höre Musik und glotze aus dem Fenster.“

Frieda nimmt das Blech Nussmüsli aus der Röhre und schüttet es über ein Tablett zum abkühlen aus.

Agnes schaukelt, blickt aus dem Fenster und redet mit Frieda und sich selbst. „Ich war vor Weihnachten da, zum ersten Weihnachtsfeiertag war ich da, am zweiten waren sie bei mir, vor Silvester war ich mit ihr einkaufen, am Neujahrstag war ich da und Vorgestern war ich zum Essen eingeladen, weil es ein Feiertag war, dabei ist sie noch nicht mal katholisch, warum will sie auf einmal heilige drei Könige feiern und nach dem Essen sagt sie, dass sie mich am Samstag Abend bekochen will und ich soll schon am Mittag kommen und ihr in der Küche helfen. Mein Vater vorm Fernseher und ich stehe mit Mama in der Küche und schäle Kartoffeln und sie zählt mir die Zipperlein von ihren Freundinnen auf.“

Frieda bepinselt den Brotteig mit einem Gemisch aus Zuckerrübensirup und Bier, prüft die Temperatur, schiebt ein paar Holzstücke in die Feuerluke und das Brot in die Backröhre.

„Sie ist doch noch nicht alt. Meine Güte sie ist mitte 60 und kerngesund, ich dachte ja am Anfang, dass sie vielleicht nicht mehr lange macht und deswegen so anhänglich geworden ist. Seit Papa in Rente ist, ist das richtig nervig geworden. Ich hatte seit Weihnachten keinen einzigen Tag für mich. Ich habe zu Weihnachten einen Stapel Nordseekrimis geschenkt bekommen und noch in keinen rein geguckt.“ wütend nippt Agnes an ihrer Tasse.

Frieda nimmt ihr Gemüse vom Herd und gibt einen kleinen Löffel Kreuzkümmel in den Mörser.

„Ihre Freundinnen bekommen doch auch nicht ständig Besuch von ihren Kindern, die Hälfte ihrer Freundinnen hat überhaupt keine.“

Schweigend und bedächtig zerreibt Frieda das aromatische Gewürz und atmet den ausströmenden Duft ein.

„Ich ruf sie einfach an und sage, dass ich nicht komme. Ich brauche dieses Wochenende für mich. Sie kann nicht einfach so meine Zeit beschlagnahmen.“ schimpft Agnes die Eulen auf ihrer Tasse.

„Na Moment mal,“ meldet sich Frieda jetzt doch zu Wort. „Vielleicht hat sie auch nur das Gefühl, dass sie das tun muss. Du sagst ja immer sofort zu. Das lässt es ja so aussehen, als wenn du darauf wartest, weil du sonst nichts besseres zu tun hast. Vielleicht denkt sie ja, dass du deswegen ganz scharf drauf bist und fühlt sich verpflichtet, weil sie deine Mutter ist.“

Verlegen blickt Agnes zu ihrer Freundin. „Na das wär´s ja.“

Frieda grinst Agnes an, die trinkt ihre Tasse aus, stellt sie ab und steht auf.

„Voila.“ ruft sie und zeigt an sich runter „Tasse Tee im Bauwagen und, tata, entstresst und entschleunigt.“

„Aber immer doch.“ lacht Frieda, schüttet ein paar Löffel frisches Müsli in ein Cellophantütchen, bindet ein Stück bunte Schnur darum und reicht es rüber.

„Danke.“ sagt Agnes, zieht ihre Winterjacke an, steckt das Tütchen ein und drückt ihre Freundin zum Abschied fest an sich.

„Bis bald. Und du weißt, wenn es hier zu kalt ist, dann kannst du jederzeit kommen.“

„Das weiß ich.“ lächelt Frieda und winkt ihrer Freundin zum Abschied, als diese durch die Türe verschwindet.

Durch das Fenster über dem Sofa sieht Frieda wie Agnes bereits das Telefon an ihr Ohr drückt und dabei auf den Ausgang zu läuft, wo ihr Auto am Straßenrand geparkt steht.

Nach einem gewaltigen Streit mit dem Vermieter ihrer früheren Wohnung, in dem es um einen schimmeligen Einbauschrank ging, den Frieda angeblich zu dicht vor die Wand gestellt und deswegen keine Luftzirkulation ermöglicht hatte, kündigte sie in einem Trotzanfall die Wohnung in der August-Bebel Straße und zahlte auch nur noch die Nebenkosten, weil sie sich im Klaren war, dass sie die Kaution in ihrem ganzen Leben nie zurück bekommen würde. Sie bekam Besuch von einem Hausmeister, der ganz schüchtern und später dann vom Hausverwalter selber, der drohend darauf aufmerksam machte, dass man das so nicht machen könnte. Sehr viel später bekam sie eine Rechnung von ihrer Hausverwaltung über die drei Monatsmieten und über die Renovierungskosten, da die Kaution diese nicht abdeckten.

Zwei Wochen später kam ein Schreiben von einem Anwalt. Dieser bekam dann Fotos von der schimmeligen Wand, Friedas verdorbener Schrankwand und eine kurze Übersicht des Mailverkehrs, zusammen mit einem Einspruch und fortan meldete sich niemand mehr.

Zeitgleich mit ihrer Krise, stürzte ihr Arbeitgeber in eine noch viel Größere und an dem Tag, als sie die Wohnung kündigte, bot ihr Chef eine Abfindung von drei Monatsgehältern, wenn sie sich freiwillig und ohne viel Tamtam dem Sparmaßnahmen beugen würde. Nach erfolgreichem feilschen bekam sie nicht nur die Abfindung, sondern durfte auch sofort gehen und wurde für den Rest des Monats frei gestellt. Sie ging zurück an ihren Schreibtisch, fuhr ihren Computer herunter, räumte ihren Schreibtisch und sagte ihren Kollegen Lebewohl. Sie verließ das Gebäude erhobenen Hauptes um anschließend zwei Tage bei Micha auf dem Sofa zu sitzen und sich die Augen aus dem Kopf zu heulen.

Bei einem gemeinsamen Spaziergang, als sie sich mal wieder durch die Stadt treiben lies und nach Stunden in einem etwas runtergekommenem Viertel landete, entdeckte sie ein Stück brach liegende Fläche, zwischen einem Kleingartenverein und einer Autowaschanlage. Das blaue Gartentor war mit Brombeerranken zugewuchert und das Schloss vollkommen verrostet. Eben noch war sie stehen geblieben um einen erneuten Heulkrampf zu erleiden und sich von, dem mittlerweile recht verzweifeltem, Micha ein neues Taschentuch reichen zu lassen. Im nächsten Moment wurde sie von dem Tor magisch angezogen.

Sie rüttelten an der Kette, die in den Schmutz fiel, zerrten an dem Tor bis sich beide durch quetschen konnten und standen plötzlich auf einem zugewachsenem, sehr schlecht betonierten Platz, auf dem ein alter Bauwagen stand. Rechts ging die Wand der Waschanlage hoch und links stand ein ziemlich runter getretener Maschendrahtzaun, der eine unbenutzte Parzelle der Kleingartenanlage abtrennte. Am nächsten Tag war Frieda Pächterin von zwei Grundstücken. Die Vereinsmitglieder des Kleingartenvereins überließen für 80€ Jährlich den Garten, den seit Jahren niemand haben wollte und der zu einem regelrechten Schandfleck verwachsen ist und ein glücklicher Autowaschanlagen Besitzer verpachtete für 300€ Jahresbeitrag den kleinen Streifen, für den er keine Baugenehmigung bekommen sollte und der somit nie Gewinn oder einen Nutzen einbrachte. Den Bauwagen gab es gratis dazu und man beteiligte sich sogar an den Kosten für einen Container, der bei der Räumung des Grundstückes gefüllt wurde.

Während ihre Kolleginnen nun ihre Arbeit mit machen durften, schuftete sich Frieda, unterstützt von Freunden, die Finger blutig. Ihr Vermieter wartete mit wütenden Briefen vor ihrer Wohnung und sie lag mit einer Weißweinschorle in einer Hängematte.

In der Zeit die ihr Vater mit dem Bauwagen abdämmen verbrachte und einen alten Küchenofen, der bei einer Tante in der Waschküche stand, einbaute, legte Frieda Beete an. Schnitt die Hecken und restaurierte eine Bierzeltgarnitur, die achtlos neben einem Thermokomposter lag. Sie fühlte sich zum ersten mal wie die richtige Frau, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und egal ob sie ihren Verstand, den Bauch oder ihr Herz fragte. Es gab von niemandem Einwände oder Bedenken.

Der Bauwagen bekam hinten ein Bett mit Bücherregalen rein gebaut und ihr Vater hatte einen Heidenspaß, sich immer wieder neue Kleinigkeiten aus zu denken. Am Ende hatte sie eine Liegefläche von 1,40×2,00 Meter, konnte während sie im Bett lag auf Regale am Kopf und Fußende zugreifen und von vorne konnte man auch ein tiefes Regal befüllen, dass ihr Vater passend für vier Weidenkörbe gebaut hatte. Neben dem Bett war Raum für ihre Kleidertruhe, unter dem Bett war auch reichlich Platz mit Schubladen, dann kam eine kleine Küchenzeile, ein Spülbecken, Kühlschrank, der Küchenherd, dem gegenüber ein alter Küchenschrank aus dem Keller ihrer Großmutter, den sie Rosa gestrichen hatte, daneben stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Dann kam ihr Sofa und dann der Tag, an dem ihre Familie realisierte, dass es nicht nur ein Gartenhaus werden würde, wo man mal im Sommer und am Wochenende übernachten könnte.

„Ich hab schon so was geahnt, als du deine Matratze hier rein getragen hast. Du hast dir doch kein neues Bett gekauft, davon hättest du doch mal was erzählt.“

Hatte sie erwartet, dass jetzt Tipps und Einwände von ihrer Familie kommen würde, kam nur ein einvernehmliches nicken und von nun an packten alle noch mehr mit an.

Die meisten Sachen, wie Bücher, Schränke und Kommoden oder Kleinkram veräußerte sie auf dem Flohmarkt oder über ebay Kleinanzeigen.

Letzten Endes war ihre Wohnung am Tag der Übergabe leer und sie verließ mit einer Topfpflanze in der Hand das Haus, nachdem sie einem missmutigen Hausmeister die Schlüssel lächelnd überreicht hatte.

Sie schraubte einen Briefkasten an ihr Tor und zog in den Bauwagen.

Und seit dem hatte sie mit Glück und Gelassenheit eine WG.

Sie merkte es erst später, dass jeder Stress von ihr abfiel, sobald sie ihre Hände in die dunkle Erde steckte um irgend etwas raus zu ziehen oder rein zu stecken.

Der kleine Garten wurde im ersten Sommer eine kleine Sehenswürdigkeit.

Die Trockentoilette die Micha an einem Wochenende baute, zog die älteren Herren der Gartenkolonie an wie Licht die Motten. Sah man erst kritisch dem Ergebnis entgegen, verfiel man am Sonntag Abend in Jubel, als die Türe mit ausgesägtem Herzchen ins Schloss fiel und sie ihr Klo einweihen sollte.

Danach gruben Micha und Jakob den Erdkeller und die älteren Herren wollten beide zum Ehrenmitglied ihres Vereins ernennen, weil sie so angetan waren, dass diese alten Methoden zur Lagerung von Obst und Gemüse in Ehren gehalten wurden. Dankend lehnten sie ab. Mit einem freundlichen Verweis auf Pinterest.

Denn den Bau eines Erdkellers hatte keiner von seinem Ahnen gelernt, sondern aus Youtube Videos.

Ihren 35 Geburtstag feierte Frieda auf einer Baustelle und Freunde und Familie standen zunächst sprachlos vor dem unfertigen Paradies und bewunderten Frieda für ihre Unverdrossenheit. Aber ihr Herz war heiter und zunächst war es ihr unangenehm davon zu erzählen, aber sie konnte es nicht anders Beschreiben. Und als sie eine Gartennachbarin bat, deren schwangere Tochter in der Buchhandlung ihres Schwiegervaters zu vertreten, war das Glück perfekt und sie wusste, dass sie das bekommt, was ihr zusteht. Aus der Schwangerschaftsvertretung ist eine feste Teilzeitstelle geworden und auch wenn die Buchhandlung am Eselsbrunnen viel zu klein und zu speziell ist um mehr als den Mindestlohn bezahlen zu können, reicht es doch ganz gut hin.

Das war vor inzwischen neun Jahren. Das rostige Tor leuchtet inzwischen, nach einem blauen und einem Lila Anstrich, Cremeweiß. Rambler Rosen in einem zarten Rosa schmusen sich an den Metallstäben hoch und fallen in üppigen Kaskaden bis fast auf den Gehweg.Wer im Frühling einen Blick durch das Tor wirft, sieht eine Pyramide aus alten Autoreifen, die in mattem weiß oder strahlendem pink angemalt wurden und nun mit Lavendel, Rosmarin, Salbei und Oregano bepflanzt wurde. Auf den gesprungenen Betonplatten, die mit Zement und bunten Fliesenscherben teilweise geflickt wurden steht der Bauwagen, der nach dem letzten Anstrich himmelblau leuchtet und mit den Cremeweißen Fensterläden um einiges edler aussieht, als das pink orange gestreifte mit sonnengelb. „Du wirst älter.“ grinste Steffi als sich Frieda im Baumarkt für die ruhigen Töne entschied. Drei Stufen führen zur kleinen Miniveranda, die gerade so lang ist, dass links und rechts jeweils ein Blumenkasten hängen kann.

Geht man am Bauwagen und der Feuerstelle, die mit Flieder, Holunder und Apothekerrosen eingefasst ist vorbei kommt man in den Gartenteil, der zum Kleingarten gehört. Hier gibt es Strom und Wasser und den Erdkeller zwischen den Haselnusssträuchern. Ein Apfel, Birnen und Pflaumenbaum, sowie zwei Sauerkirschbäume und zahlreiche Beerensträucher waren schon da und trugen nach einem ordentlichen Schnitt auch wieder reichlich. An einer alten Wäschespinne vom Sperrmüll wachsen Bohnen mit Kamille die den Geschmack der Bohnen verbessern sollen und verschiedene Sorten Kartoffeln wachsen in sauber angehäufelten Reihen zusammen mit verschiedenen Pfefferminzsorten. Inmitten der Fülle steht eine alte Friesenbank mit kleinem Holztisch, an dem verschiedenste Farben abblättern und zwischen den Obstbäumen hängt eine bunte Hängematte. In einem kleinen Hüttchen, in der Göße ihres Klos, das nur noch vom Efeu zusammengehalten wird, befinden sich Gartengeräte, Samentütchen, Gießkannen und anderem Kram, zusammen mit ihrem Sombrero, den sie bei der Gartenarbeit trägt.

Ende März fängt es wieder an schön zu werden. Wenn Schneeglöckchen und Krokusse aus jeder Ritze und jedem Gefäß sprießen um später von Traubenhyazinthen, Tulpen, Narzissen und Ranunkeln abgelöst werden.

Jetzt freilich, im Januar, wirkt es trotz Farbtupfer recht trostlos. Aber Frieda Flieder mag auch diese Zeit. Ab April kommt sie kaum dazu einen längeren Roman an zu fangen oder mal einen Tag einfach nur ab zu hängen.

Der Januar war der Monat um die letzten Kraftreserven aufzuladen weil sie im Februar, beim kleinsten Sonnenstrahl schon wieder mit Gartenschere und Schnur unterwegs ist um mit Agnes, Steffi oder Micha bei jedem Schneeglöckchen mit einem Glas Sekt an zu stoßen. Zwar war jeder Gang zum Klo eine Tortour und gerade wenn sie Nachts raus musste, zweifelte sie an ihrer Lebensweise. Im ersten Winter tapezierte sie kurzerhand die ganzen Mahnungen und Drohungen ihres Vermieters an die Wände ihres stillen Örtchens und lies sich dann von aufsteigender Wut den Hintern wärmen. Michas Vorschlag alles mit Noppenfolie ein zu wickeln wurde hingegen abgelehnt.

Frieda schabt mit ihrem Küchenmesser langsam eine Vanilleschote aus. Langsam und tief atmet sie dabei durch die Nase und vorsichtig gibt sie die schwarzen Krümel in den Teig. Einige Safranfäden lösen sich gerade in einem Esslöffel Mandelmilch auf und Frieda verliert sich in den sonngelben Strudeln, die sich in der kleinen Schüssel auf dem Herd verteilen, je wärmer die Flüssigkeit wird. Der Teig riecht intensiv nach wärme. Einer Eingebung folgend, greift Frieda zur Blumenblechdose auf dem Küchenschrank. Dort bewahrt sie ihre letzten Sommerblumen Blütenblätter. Blaue Kornblumen, gelbe Ringelblumen, pinker Steinklee und Rosenblüten. Kurzerhand hebt sie eine Handvoll in den Kuchenteig der jetzt aussieht wie ein Sommergarten. Schwer kleckst der Teig in das Muffinblech. Das Brot ist gerade rechtzeitig fertig, kühlt auf einem Gitter ab und verströmt seinen Duft durch den Wagen. In einer halben Stunde ist auch der Kuchen fertig. Sie nimmt die Kartoffeln und Möhren vom Ofen, gibt einen Löffel Zwiebelchutney dazu und setzt sich zufrieden an ihren Küchentisch.

Ihre Vorräte sind für die kommend Woche wieder gesichert. Müsli, Brot und Kuchen.

Alles zum waschen und putzen ist erst mal noch da, dass eilt also nicht. Nur Zahnputzpulver ist alle.

Nachdem sie Brot und Kuchen in dem großen Blechkasten verstaut und alles abgewaschen hat ist das fast ihr letzter Arbeitseinsatz. Sie füllt einen Esslöffel Natron in ihren Mörser und drei Blätter trockene Pfefferminze, setzt sich in ihren Schaukelstuhl und mörsert die Zutaten mit viel Geduld zu staubfeinem Pulver. Zusammen mit zwei Esslöffel Heilerde wird das ganze in ein kleines Glas gefüllt und kommt in ihr Badezimmer. Eine Schublade im Küchenschrank. Sie füllt die Holzkiste neben dem Ofen auf mit Holz und Kohlen auf und den Eimer neben ihrer Trockentoilette mit Sägespänen. Für heute steht also nur noch ihr Schaukelstuhl, ihre Bücher und vielleicht noch ein neues paar Strümpfe auf dem Programm.

So krümelt der Januar vor sich hin. Während draußen noch alles grau ist und die dunkle Luft, sogar dem himmelblauen Bauwagen sein Leuchten nimmt, wird im Bauwagen bei Kerzenschein vor sich hin gelebt und gewerkelt. Frieda Flieder ist glücklich wenn sie ein mal in der Woche im Stadtbad ihre Runden schwimmt. Bis ihre zwei Zehnerkarten verbraucht sind, kann sie auch schon wieder die Außendusche benutzen. Frieda Flieder ist Glücklich, wenn sie in der Buchhandlung mit Kunden über Neuerscheinungen diskutieren kann, oder Kunden, die Bücher kaufen die sie vorschlägt und hinterher begeistert sind. Und Frieda Flieder ist glücklich wenn sie wieder zu Hause ist, das Herdfeuer seine Wärme durch den Wagen schickt, der Kessel leise singt und die beiden Katzen sich mal wieder blicken lassen und dann auf ihrem Schoß schnurren oder auf leisen Pfoten durch den Bauwagen tigern.

Und manchmal, wenn sie Nachts, umrahmt von ihren Büchern und Dingen für die sie von Herzen dankbar ist, in ihrem Bett liegt, der Herdofen noch ein bißchen pollert und die Straßenlaterne mit ihrem schmutzig gelben Licht, die Regentropfen auf den Bullauge neben ihrem Bett glitzern lässt wie Diamanten und der Wind um ihr Reich pfeift, dann fühlt sie sich gesegnet und ihr Herz tut fast weh. Weil sie das Geheimnis kennt. Sie hat sich ohne viel Bescheidenheit genommen was ihr zusteht. Sie lebt in Luxus und Fülle, weil sie erkannt hat was es wirklich bedeutet.

Den Anfang hat eine Arbeitskollegin von Jakob gemacht. So müde und unglücklich wie sie war, so peinlich war es ihr auch zu einem Therapeuten zu gehen. Sie war nicht krank, sie war müde, ausgelaugt und nach einem Urlaub an irgend einer Costa war sie nach einer Woche auf Arbeit in dem gleichen Zustand wie vor ihrem Urlaub.

„Rede mal mit Frieda. Die hat Ahnung vom Glücklich sein.“ mit diesen Worten schickt Jakob seine Kollegin zum Bauwagen. Und Frieda schickte er eine Nachricht. „Stell keine Fragen, nimm 100€.“

Und bevor Frieda wusste wie ihr geschah, saß eine sehr gut aussehende, edel gekleidete und wohl frisierte Dame in ihrem Garten, aß ihren Kuchen und schuffelte sich mit ihren Stofftaschentüchern die Nase wund.

Inzwischen hatte Frieda Visitenkarten, bot „Beratung zum Leben“ nach Terminabsprache an, war bis auf weiteres ausgebucht und hatte sich eine Box mit Papiertaschentüchern zugelegt. Zwar redete sie nur mit Menschen zu denen ihr Bauch ein Ja gab, allerdings nur einmal pro Woche und schon gar nicht mehr in ihrem Bauwagen.

Nachdem ihre erste Klientin nach einem zwei Stunden Gespräch eine Kur beantragt hatte und nach dieser nur noch vier Tage die Woche arbeiten ging, standen ständig und unangemeldet flennende Menschen am Tor. Manche Geschichten machten Frieda traurig, aber meistens hatte sie danach schlechte Laune und hackte wütend auf ihren Kartoffelacker ein. „Kann ich zaubern oder was? Da brauchts mal eins hinter die Ohren!“

Wenn sie jetzt merkte, dass der kranke oder traurige Mensch keinerlei Selbstdisziplin mitbrachte und das einzige was er bereit war zu tun war, einen Termin bei Frieda telefonisch aus machen, dann erteilte sie kurzerhand eine Absage. Sie begründet die Sachlage kurz, erntete dafür gelegentlich eine Beschimpfung oder grobe Worte, war aber dafür sehr entspannt.

Wenn ein 100 Kilo Mensch vor ihr saß, steif und fest behauptete, dass er ja soviel gar nicht essen würde und dabei ohne es zu merken drei Stück Kuchen futterte, dann war Frieda machtlos.

Wenn ein kaputt-gearbeiter, gut situierter Mensch vor ihr saß und sein einziger Wermutstropfen war, dass andere mehr Dinge und Möglichkeiten besaßen, konnte sie nichts machen.

Der Wille, sein Leben zu verändern und das nicht von falschen Erwartungen abhängig zu machen, musste grundsätzlich vorhanden sein. Dann konnte Frieda so lange zu hören und die richtigen Fragen stellen, bis alles von alleine lief.

Im Winter verabredete sie sich mit ihren Klienten am Hufeisensee. Man lief eine Runde rund herum und zurück auf dem Parkplatz. Danach verschwanden Geldscheine in Friedas Jackentasche und meist motivierte Menschen in ihr Auto oder Richtung Straßenbahn.

Wenn sie danach zurück in ihren Wagen kam, und sich durch gefroren einen Tee aufbrühte, dann war sie doppelt froh und zufrieden.

Und wenn dann noch unerwartet die Temperaturen mal an einem Tag in den zweistelligen Bereich rutschen, sie auf dem Weg zur Arbeit eine Wäschemarke fürs Waschhaus findet und in einer achtlos neben dem Kleidercontainer geworfenen Plastiktüte, alte Tischdecken mit Blumenmotiven aus den 70ern auf sie warten, dann ist das ja wohl ein ziemlich guter Monat gewesen.

Januar (1)

Sie merkt nie, wie Morpheus sie sanft aus seinen Armen schiebt, in denen sie gerade noch watteweich gelegen hat. Ihr wird bewusst, dass sie wach sein muss, weil sie das ticken der Uhr hört und dann bemerkt sie ihre kalte Nasenspitze und ihr kaltes Gesicht. Langsam öffnet sie die Augen die als erstes nach ihrem Orientierungspunkt suchen. Das kleine Fenster ist durch die nahe Straßenlaterne hell erleuchtet und durch die gelb-orange gebatikte Vorhänge sieht es mit ein bißchen guten Willen aus wie warmer Sonnenschein. Aber das kleine Bullauge lässt gerade genug Licht herein um ihren Atem schön sichtbar vor ihren Augen gen Dach steigen zu lassen. Und wie jeden Morgen versucht sie ein paar Sekunden Atemkringel zu machen. Wie Rauchkringel, nur Kalt und fast geruchsneutral. Eine der Katzen liegt schwer auf ihrer Bettdecke, scheinbar nur um ihr das Aufstehen zu verleiden. Aber es hilft nichts. Frieda Flieder ist jetzt wach. Der Kuckuck über der Türe unterstützt sie mit einem geröcheltem „Kuckuck“, gleich sechs mal hintereinander. Sechs Uhr, eine gute Zeit um wach zu werden. Mit einem leisen Seufzer windet sich Frieda unter der Katze, zwei Wolldecken und ihrer Bettdecke hervor, greift zu ihrem gefütterten Morgenmantel und schlüpft hinein. Im Küchenherd ist noch Glut. Das Paket Kohlen, dass sie von ihrer Kollegin beim Weihnachts-Wichteln bekommen hat, muss von vorzüglicher Qualität sein. Sie betätigt den Hebel am Aschenkasten und die Glut leuchtet noch mal auf. Allein vom Anblick wird ihr warm und sie merkt wie ihre Nasenspitze auftaut. Rasch wirft sie ein paar trockene Rindenstücke und das passenden Holz in die Luke und beobachtet, wie schnell es Feuer fängt und bald ist ein regelrechtes Inferno in dem kleinen Ofen. In der kleinen Küchenecke befüllt sie ihren grünen emaillierten Wasserkessel mit kaltem Wasser und rückt ihn auf die Herd Platte. Das Feuer wirft seinen warmen unruhigen Schein durch die Ringe des Herdofens und es zeichnen sich glutrote Kringel an der Decke ab. Frieda wird bewusst, dass sich ihr ganzer Körper vor Kälte zusammengekrampft hat. Sie schaut auf ihr Thermometerhäuschen, dass neben der Türe hängt, das Schwarzwaldmädel mit den roten Bommeln am Hut steht lächelnd vor dem kleinen Haus und das Thermometer steht auf 8 Grad. Frieda blickt nochmals seufzend auf ihre Katze, die zusammengerollt auf ihrem Bett liegt und mit einem weiteren Seufzer zur anderen Katze, die zusammengerollt in ihrem Handarbeitskorb liegt, steigt in ihre Moonboots, zieht ihren warmen Morgenmantel aus, lässt ihre Schultern ein paar mal locker kreisen und öffnet ihre Türe.

Die Luft im Vorraum ist schneidend kalt und Frieda hält kurz den Atem an, als sie die Wagentüre auf klappt. Der Wind weht in Intervallen nasse Luft über den Platz. Die Straßenlaternen lassen Pfützen glitzern und Autoscheinwerfer leuchten immer wieder durch die kahle Hecke. Frieda geht vorsichtig die zwei nassen Stufen runter und schlägt ohne sich umzuschauen den Weg hinter ihren Wagen ein. Sie öffnet eine Holztüre, betritt den winzigen Raum und schließt die Türe schnell hinter sich. Bevor sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnen können, betätigt sie den Lichtschalter und augenblicklich verströmt der Kronleuchter ein warmes behagliches Licht. Schnell löst sie mit einer Hand das Band ihrer Jogginghose, während sie mit der anderen den Deckel hebt. Nur schweren Herzens lässt sie ihre Hosen runter und hält ihren immer kälter werdenden Po über die Trockentoilette. Warm läuft es aus ihr hinaus und trotz der Kälte von Außen, entspannt sich ihr Körper langsam. Und sie seufzt wieder, aber zum letzten mal an diesem Tag.

Beschwingt zieht sie ihre Hose wieder hoch, löscht das Licht und verlässt ihr Klohäuschen. Gut gelaunt geht sie schnell zurück in ihren Wagen, in dem es ihr jetzt mollih warm vorkommt. Sie schaltet die Stehlampe neben ihrem Schaukelstuhl an und mit einem Griff zum Wasserkessel prüft sie die Wahrscheinlichkeit auf eine Tasse Kaffee. Zufrieden stellt sie fest, dass die Wahrscheinlichkeit in fünfzehn Minuten bei 100% liegen sollte und nimmt ihre blau weiß gestreifte Kaffeetasse aus dem Spülbecken um einen Löffel Kaffeepulver direkt in die Tasse zu füllen. Während sie auf das Pfeifen des Kessels wartet blickt sie sich in ihrem Reich um. Alles wirklich Unangenehme, dass sie von diesem Tag erwarten kann, hat sie jetzt hinter sich gebracht. Sie geht zu ihrem Bett und drückt der Katze einen Kuss auf das weiche Fell, am blauen Wollfaden um den Hals erkennt sie Mietzbert. Das ihr Fell eine Nuance rötlicher getigert ist, erkennt man nur bei Tageslicht. Leisemiep liegt also mit einem rosa Wollfaden in ihrem Korb, zwischen den Wollknäueln. Auch sie bekommt einen Kuss aufgedrückt. Der Kessel fängt leise an zu singen. Frieda genießt kurz das feine pfeifen und bevor es schrill durch ihren Wagen kreischt, nimmt sie den Kessel vom Ofen und gießt das kochende Wasser in ihre Tasse. Sie setzt sich in ihren Schaukelstuhl, streift die Moonboots von den Füssen, legt diese dann auf die Stange am Küchenherd, lehnt sich zurück und pustet in ihren dampfenden Kaffee. Der Tag kann beginnen. Schön gemächlich und langsam. Versonnen betrachtet sie die Strümpfe an ihren Füssen. Welche aus ihren Anfangszeiten. Die Spitze sieht aus als wenn man ihre Fußspitzen einfach abgehackt hätte. Inzwischen bekommt sie das schön rund hin. Aber diese halten eben, trotz Abnahmefehler an der Spitze, seit fast fünf Jahren und erinnern sie an einen Sommer voller Erdbeerkuchen als Agnes, Steffi und sie einen Roten Kreuz Sack voller Wollreste neben einem Altkleidercontainer fanden und Auf Youtube und Pinterest nach einer leicht verständlichen, einfachen Anleitung für Socken gesucht haben. Letztendlich hatte Frau Sperling aus dem Garten direkt nebenan ein abgegriffenes Burdaheft aus den 80ern, mit der perfekten Anleitung, vorbei gebracht und als sie merkte, dass Frieda nach ihrem ersten paar Strümpfen immer noch Spaß am stricken hatte, verriet sie auch den Trick der runden Spitze und legte noch mal eine Tüte Wollreste oben drauf. Ihre Augen ließen ein Strümpfe stricken nicht mehr zu.

Frieda griff nach ihrem ebook und schaltete es an. Am Kaffee nippend und schaukelnd vertiefte sie sich in ein Buch von Khaled Hosseini und wartete auf den Sonnenaufgang.

Es wird nicht wirklich hell. Grau und trübe prasseln immer wieder Regenböen an das kleine Fenster über dem Spülbecken. Leisemiep und Mietzbert wollen trotzdem raus und sitzen mittlerweile vor der Türe. Sie werden wieder den ganzen Tag damit beschäftigt sein die Mäusepopulation in den umliegenden Gärten zu dezimieren. Frieda legt ihr ebook beiseite und steht auf um die Türe schnell zu öffnen. Die Katzen drängeln nach draußen, zögern kurz an der Türschwelle und huschen dann außer Sichtweite.

Frieda schüttet sich die letzten Müslireste in die Schale mit bunten Sternchen. Im Kühlschrank steht noch ein letzter Rest Mandelmilch den sie über ihre gebackenen Haferflocken gießt. Mit einem frischen Kaffee und ihrer Schale setzt sie sich an den kleinen Tisch und frühstückt jetzt richtig. Sie tut das immer erst nach der ersten Tasse Kaffee und nachdem die Katzen den Wagen verlassen haben. Die fordernden Blicke der beiden Samtpfoten wenn sie etwas aus einer Schale mit Milch löffelt ist nervtötend.

Die Feiertage, die sie größtenteils bei ihrer Schwester oder ihren Freundinnen verbracht hat, sind vorbei. Sie genießt jedes Jahr die Auszeit und sitzt dann auch gerne mal in Wohnungen mit Zentralheizung, lässt sich ein Bad ein und freut sich von ganzem Herzen über jedes bißchen Luxus, dass für andere zu einer alltäglichen Selbstverständlichkeit verkommen ist. Aber eigentlich ist diese Auszeit ein Schwung holen, für einen Neustart. Alles nochmal von vorne, nur noch besser. Und wenn Steffi nicht mit Engelszungen auf sie eingeredet hätte, wäre sie schon gleich am ersten Januar zurück in ihren Bauwagen gefahren um den Frühjahrsputz zu planen oder den Garten um zu graben. Aber ihre Schwester, der Bodenfrost und ihr Verstand bremsten ihren Tatendrang ein wenig aus. Also verbrachte sie brav die Ankunft der heiligen drei Könige in einer geräumigen Wohnung, konnte dort ohne Moonboots aufs Klo gehen und nahm dafür gerne die Gesellschaft ihrer Schwester und ihres Mannes in kauf.

Aber jetzt mussten vor dem Wochenende die Vorräte aufgefüllt und ihre Termine organisiert werden.

Zwei Tage vor dem heiligen Abend, feierte sie mit Freunden ein Weihnachtsfest wo das letzte mal der Grill angeworfen wurde und alle mit einem Glühwein in der Hand im Bauwagen saßen. Alle ihre Lieblingsmenschen, die sich im Sommer in ihrem Garten mit Erdbeerkuchen füttern lassen, kommen traditionell zur „Tschüss Bauwagen“ Party, helfen beim Abdichten, packen und dann wird Frieda bis zum neuen Jahr rumgereicht. Für sie der perfekte Urlaub. Sie übernachtet mal eine Nacht auf einem Sofa, oder in einem Kinderzimmer und ihre Schwester hat sogar ein Gästezimmer, in dem sonst die Bügelwäsche steht.

Während Frieda mit Koriander und Kreuzkümmel gewürzte Haferflockenbratlinge und mit Rosmarin bestreute Bohnenbratlinge in selbstgebackene Burgerbrötchen verteilte, legten ihre Gäste Geschenke in den Bauwagen, für die sie sich zwar schon bedankt und mit Freude betrachtet hat, sich aber noch keine Zeit nehmen konnte.

Im Gegenzug verteilte Frieda selbstgemachte Marmelade, selbstgebrauten Wein oder Kräuterschnaps, gestrickte Fäustlinge oder Schals.

Mit dem Mund voll Müsli inspiziert sie gewissenhaft zwei Knäuel bunte Strumpfwolle die in einem bunten Geschirrtuch eingewickelt sind. Ein Gutschein für einen online Buchhandel ist in einem Stofftaschentuch verpackt und in einem weiteren Geschirrtuch versteckt sich ein kleiner Karton mit Safranfäden, Zimtstangen und anderen Gewürzen. Erleichtert stellt Frieda fest, dass jemand an Waschsoda und Kernseife gedacht hat und das auch noch in einen richtigen Putzlappen gewickelt hat, der mit Holzwäscheklammern zusammengehalten wird.

Auf den Holzwäscheklammern hat Micha mit viel Geduld und einem Lötkolpen „Frieda Ihre“ eingebrannt.

Als Frieda vor ein paar Jahren beschloss alles anders zu machen, standen ihre Freunde zwar hinter ihr, aber außerdem auf dem Schlauch. Sie weigerte sich beharrlich in extra gekauftes Papier eingewickelte Unnötigkeiten an zu nehmen, da ihr Bauwagen nicht den Platz hatte um tausenderlei Nippes auf zu stellen und man fest stellen musste, Frieda hat, wie die meisten Menschen in ihrem Umkreis, Alles was sie braucht und obendrein davon noch zu viel. Aber erstens wollte man es sich nicht entgehen lassen von Frieda beschenkt zu werden und zum zweiten, musste man sich einfach mit freuen wenn sie sich freute und all ihre Lieblingsmenschen bekamen den besonderen Blick für Dinge die jemand wie Frieda Flieder brauchen könnte. Und anstatt Figuren, Vasen, Tassen mit Sprüchen oder Modeschmuck, waren es nun Samentütchen mit besonderen Gemüse oder Blumensorten, mal einen guten fairtrade Kaffee, eine handgeschöpfte Bitterschokolade mit Bergblüten oder eben Gewürze oder eine besonders schöne Schnur für den Garten, oder für was auch immer Frieda meterweise Schnur brauchte. Den ganzen Sommer über hatte sie immer zwei Knäuel in ihrer Schürze.

Und alles wurde jetzt in Geschirrtücher eingewickelt. Kein Geschenkpapier mehr. Das nahm langsam überhand und als es so viele waren, dass sie sich nicht mehr stapeln ließen, wickelte Frieda ihre Geschenke nicht mehr in bemaltes Zeitungspapier, sondern auch in Geschirrtücher. Und alle ihre Freunde wickelten alles in Geschirrtücher und so waren auch diesmal zwei dabei, ein kariertes mit kleinen Vögeln die Vielsprachig „guten Morgen“ zwitscherten und eins mit rosa Streublümchen und Herzchen, die sie schon ein paar mal bekommen hatte. Aus dem mit den Herzchen hatte sie zu ihrem Geburtstag im Juni eine Großpackung Brause und Papiertrinkhalme ausgepackt, im Oktober ein Glas Kürbis-Chutney eingewickelt um es an Agnes weiter zu geben und nun hatte sie es wieder auf dem Tisch stehen, fest um eine Tüte Vollkornmehl von Lindenhof gewickelt. Holz und Kohlen hatte sie tatsächlich so viel Geschenkt bekommen, dass sie bis in dem Mai anheizen konnte und der Einkaufszettel ist jetzt dafür sehr übersichtlich.

Frieda stellt ihre Tasse und die leere Müslischale in die Spüle und legt noch mal Holz nach. Dann schält sie sich aus ihrem himmelblauen Jogginganzug, der bei diesen Temperaturen als Schlafanzug herhalten muss, zieht sich die Mütze vom Kopf und betrachtet sich im Spiegel über dem Spülbecken.

Die Haare liegen fluffig, auch die Grauen, die über die Feiertage nicht weniger geworden sind. die Lachfalten haben sich nicht geglättet, dafür hat sie während der Feiertage viel zu viel gelacht und meine Güte, mit über 40 hat man ein Recht auf Falten, dafür gibt’s keine Pickel. An und für sich ist sie zufrieden, absolviert eine Katzenwäsche mit warmen Wasser aus dem Kessel.

Mit nackten Füssen die inzwischen schon wieder durchgefroren sind, steht sie auf dem bunten Flickenteppich, den sie im Sommer vor zwei Jahren aus alten T-Shirt Streifen gewebt hat und sucht in ihrer Kleidertruhe nach ihrer Thermounterwäsche. Wenn sie gleich mit dem Rad durch die Stadt braust, will sie gut eingepackt und nicht von der Kälte getrieben werden.

Es braucht doch ein bißchen Kraft die Jeans zu schließen wenn eine lange Unterhose ihren Umfang etwas vergrößert. Das Problem gab es vor ihrem Urlaub noch nicht. Steffis Fritteuse musste bis nächsten Winter verschwinden. Sie schlüpft in einen rot weiß gestreiften Sweater und zieht ein Mais-gelbes, kurzärmeliges Fleacekleid drüber. Schürzen- oder Hängekleider in allen Farben und Mustern sind, nach einer schmerzhaften Nierenbecken-Enentzündung zu ihrem Markenzeichen geworden. Ihre Oma hätte ihr „schön warmes Untenrum“ mit Wohlwollen betrachtet. Von dieser Nierenbecken-Entzündung wurde Frieda nämlich von ihr gewarnt, seit sie sich zum ersten mal auf die Steintreppe vor der Haustüre gesetzt hatte. Außerdem vor Unfruchtbarkeit und, was Frieda am schlimmsten fand, vor richtig krassen Hämorriden.

Sie blickt aus dem Fenster über dem Sofa, der Regen hat eine kurze Pause eingelegt. Sie nimmt eine pinke Skijacke und eine Taschenlampe vom Garderobenhaken. Mit der Leuchte zwischen den Zähne, zieht sie sich die Jacke an, während sie auf den nasskalten Gartenplatz schreitet. Schnell huscht sie hinter den Wagen, wo zwischen zwei Haselnusssträuchern ein kleiner Erdhügel, bedeckt mit einem Stück LKW Plane, aufgeschüttet liegt. Rasch schlägt Frieda die Plane zurück und schiebt ein altes Türblatt, das sich unter der Plane versteckt zur Seite. Darunter kommt eine 1,50m hohe Höhle zum Vorschein, auf dem Boden liegen Bretter alter Paletten und trotz Regen ist es recht trocken geblieben. Michas Erdkeller Konstruktion hält schon lange und hat sich bewährt. Sie geht die zwei Sprossen einer alten Hochbettleiter runter und leuchtet mit ihrer Taschenlampe in den drei Meter langen und 1,50 Meter breiten Gang hinein. Ihre Gemüsekisten sehen noch immer gut aus, Die Kartoffelstiege ist noch zu einem drittel gefüllt und der Inhalt sieht auch noch frisch aus, genau wie die Möhrenkiste und die beiden Apfelkisten. Kein fauler Apfel hat seine Kameraden zum mit faulenzen animiert, alle liegen brav und glänzend nebeneinander in ihren Kisten. Gebückt geht sie bis zum Ende durch, wo ein tiefes Regal ihren Vorrat an Gläsern mit Chutneys, Marmeladen, Soßen, Weinflaschen und vieles mehr beinhaltet. Wobei die Weinflaschen mittlerweile doch schon übersichtlich geworden sind. Mit klammen Fingern angelt sie nach zwei dicken Kartoffeln, zieht sich eine Möhre aus dem Sand, entscheidet sich für ein Glas Pflaumenmarmelade und verlässt eilig ihren Erdkeller.

Zurück im Wagen verrät ein leuchtender Display, dass jemand an sie gedacht hat. Sie greift nach ihrem Mobiltelefon und das Bild einer freundlich blickenden Frau, mit Brille und hellgrauer Bluse, sowie sorgsam frisierten dunkelbraunen Haaren, verrät ihr, dass Agnes angerufen hatte.

Frieda drückt auf Rückruf und wartet, bis nach drei Rufzeichen ihre Freundin ans Telefon geht.

„Frieda? Gehst du heute in die Stadt?“

„Ich brauche noch ein paar Sachen, ja.“

„Waschhaus?“

„Brauche ich nicht, habe schon alles bei Steffi gewaschen und getrocknet. Das ist erst mal erledigt.“

In der Stadt gab es zwar ein paar Waschsalons, aber Frieda fuhr gerne den längeren Weg ins Mühlwegviertel, weil es dort das Waschhaus gab. Hier hatten die Waschmaschinen und Trockner Namen und man konnte in der dazugehörigen Minikneipe eine Suppe oder ein Sandwich essen oder einen Kaffee trinken. Und dort traf sie sich dann meist mit Agnes, die im Völkerkunde Museum schräg gegenüber arbeitet.

„Och schade, kann ich heute mal vorbei kommen?“

„Ist was schlimmes?“

„Nein, ich brauche nur eine Tasse Tee und kurz Ruhe.“

„Gerne.“

Frieda lässt einen kritischen Blick durch ihr Reich schweifen, vervollständigt ihren Einkaufszettel, legt noch eine Kohle nach und verlässt nochmals den Wagen. Ihr Fahrrad ist am Zaun angeschlossen und wird auch von einer alten Zeltplane trocken gehalten. Sie zieht die Plane ab, lässt sie am Zaun hängen und schwingt sich auf ihr altes Damenrad um direkt ins Netto zu fahren. Hefe, Haferflocken, Zuckerrübensirup bekommt sie hier. Für Natron und Heilerde muss sie dann doch noch mal in den nächsten Drogeriemarkt fahren, aber der Regen pausiert immer noch und im Anbetracht ihres engen Jeansbundes der ihr auf den Bauch drückt, findet sie, dass es vollkommen ok ist.

Hier ensteht ein Roman.

Eigentlich ist er schon lange fertig. Geschrieben im Exil. Und da ich keine Lust mehr habe irgendwas bei Amazon zu veröffetnlichen verschenke ich mein Herzenswerk hier.

Zufällig hat dieser Roman 12 Kapitel, fängt im Januar an und endet im Dezember.

Jeden ersten und dritten Sonntag des Monats wird ein halbes Kapitel zum Frühstück veröffentlicht. Die Sonntage dazwischen werden angefüllt sein mit Rezepten und anderem Zeug. Gerne könnt ihr auch auf der passenden Facebookseite vorbei schauen.

Frieda Flieder

Ich hoffe ihr habt viel Spaß beim lesen.

Über Feedback würde ich mich auch freuen.

Am 7.1. gehts los.

Ich freue mich drauf.

Liebste Grüße

Tanja